25.02.2020

Artenverlust: „Die Roten Listen werden immer länger“

Spinnen bilden mit über 45.000 Arten eine der großen Tiergruppen auf unserem Planeten. Doch genauso wie andere Tiere geraten sie zunehmend unter Druck. Friedrich G. Barth, Neurobiologe, Zoologe und ÖAW-Mitglied, hat sich in seiner jahrzehntelangen Forschungslaufbahn intensiv mit Spinnen und ihrer sensorischen Ökologie auseinandergesetzt. Ein Symposium zu Barths 80. Geburtstag beleuchtet nun die wissenschaftlichen Grundlagen der Biodiversität und aktuelle Erkenntnisse ihrer Erforschung. Woher kommt sie, wie funktioniert sie und wohin geht sie?

© Unsplash.com/Nicolas Picard

Viele Menschen geraten beim Anblick von Spinnen in Panik. Dabei verdienen die Achtbeiner alleine schon wegen ihres Artenreichtums und ihrer zahlreichen Spezialisierungen unser Interesse. Der Zoologe und Neurobiologe Friedrich G. Barth erforscht Spinnen seit vielen Jahren und hat sich auf die sensorischen und neuronalen Grundlagen ihres natürlichen Verhaltens im artspezifischen Lebensraum spezialisiert. Warum die Achtbeiner eine Tiergruppe sind, die man genauer kennen und verstehen sollte, erzählt das Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) anlässlich der Tagung „Biodiversity: A scientific and societal challenge“ im Interview.

Herr Barth, entgegen gängiger Vorurteile sind Spinnen nicht nur artenreich und häufig, sondern auch gesellschaftlich relevant. Warum?

Friedrich G. Barth:  Erstaunlicherweise sind die Vorurteile gegen Spinnen bei genauerem Hinsehen weit weniger verbreitet als zumeist angenommen und sie sitzen zumeist auch nicht tief. In vielen anderen Kulturen ist die Abneigung gegen sie gänzlich unbekannt. Die Spinnen sind mit über 45.000 beschriebenen Arten eine sehr große Tiergruppe, verglichen etwa mit weniger als 9.000 Reptilien, circa 10.000 Vögeln und nur etwa 5.500 Säugetierarten. Zudem sind die Spinnen ökologisch höchst erfolgreich, haben sie sich doch so gut wie alle terrestrischen Lebensräume erobert. Die Zahl ihrer Individuen ist riesig.

Man findet pro Quadratmeter in Wald- und Wiesengebieten bisweilen mehr als 100 Spinnen und neuen Schätzungen zu Folge vertilgen Spinnen weltweit jährlich unvorstellbare 400 bis 800 Millionen metrische Tonnen Beutetiere, vorwiegend Insekten. Spinnen gibt es seit etwa 400 Millionen Jahren und dieses hohe Alter geht mit starker Diversifikation einher. Einer der Gründe für den bemerkenswerten Erfolg der Spinnen sind ihre auch in technischer Hinsicht hoch entwickelten Sinne und das von diesen zusammen mit ihrem zentralen Nervensystem gesteuerte hoch differenzierte Verhalten.

Schätzungen zu Folge vertilgen Spinnen weltweit jährlich unvorstellbare 400 bis 800 Millionen metrische Tonnen Beutetiere.

Spinnen sind also zweifellos interessant, ökologisch bedeutsam, reich an Spezialisierung und Anpassung und somit eine Tiergruppe, die man genauer kennen und verstehen sollte. Dieses Verständnis hat zunächst wie alle Grundlagenforschung für sich selbst betrachtet „gesellschaftliche Relevanz“, ist jedoch darüber hinaus im Kontext von Umwelt, Biodiversität, Artenschutz und auch Bionik bedeutsam.

Spinnen sind auch in technischer Hinsicht interessant. Inwiefern?

Barth: In jüngster Zeit kommen angewandte technische Aspekte hinzu, etwa bei der Entwicklung bio-inspirierter innovativer Sensoren, neuartiger Materialien oder hydraulischer Systeme für die Bewegung von Robotern. Nicht zu vergessen ist das spezielle Interesse der Technik an der Spinnseide mit ihren außergewöhnlichen Eigenschaften.

Ist die Artenvielfalt auf dem Gebiet der Arachnologie hinreichend untersucht?

Barth: Arachnologie umfasst sehr viel mehr als nur die Spinnen, darunter werden auch Skorpione, Milben, Geißelspinnen etc. gefasst. Fast 50.000 Arten weltweit sind inzwischen gut beschrieben und dokumentiert. Es gibt einen hervorragenden Katalog dazu. Allerdings sind Artenlisten und die bloße Benennung von Tierarten nur ein wichtiger Anfang, da sie über das betreffende Lebewesen und seinen von der Evolution geformten Lebensstil und die artspezifischen Anpassungen kaum etwas aussagen. Aus evolutionärer Sicht ist jede Art auch und besonders ein physiologisches Experiment. Dabei spielt der Gesamtorganismus als Ergebnis des Zusammenspiels seiner vielen aufeinander abgestimmten Teile und seiner Beziehung zu seiner artspezifischen Umwelt eine entscheidende Rolle. Aus dieser zoologischen Sicht der „Biodiversität“ sind die Spinnen wie viele andere Tiergruppen noch sehr mangelhaft untersucht.

Der Artenverlust, den wir derzeit erleben, ist in der Tat massiv. Die Roten Listen werden immer länger.

Laut Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES sind etwa eine Million von acht Millionen Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Wie gefährdet sind die heimischen Spinnenarten?

Barth: Der Artenverlust, den wir derzeit erleben, ist in der Tat massiv. Die Roten Listen werden immer länger und innerhalb nur weniger Jahrzehnte gingen insbesondere in der Agrarlandschaft bis zu 75 Prozent der Arten verloren. Das Artensterben ist aber auch in Schutzgebieten zu beobachten und betroffen sind nicht nur die Zahlen der Arten, sondern auch die der Individuen, was schwere Folgen für das Ökosystem hat. Jeder Wanderer kann dies mühelos erkennen, wenn er oder sie etwa nur zusieht, welche Insekten in wenigen Jahren aus einer blühenden Sommerwiese verschwunden sind oder die Ausschau nach einer Feldlerche hoch oben im Himmel vergeblich bleibt. 

Wodurch werden sie bedroht?

Barth: Sowohl die Ursachen als auch die Folgen dieses Phänomens sind komplex. Bei uns ist eine der wichtigen Ursachen der Verlust an vielfältig strukturierter Landschaft und damit der massive Verlust an Lebensraum für die biologische Vielfalt. Dies wird insbesondere durch großflächige Monokulturen, flächendeckende Schädlingsbekämpfung, Überdüngung und intensive Bebauung, d.h. durch den Rückgang unversiegelter Flächen verursacht. Die extreme Form der Nutzung nach nicht-nachhaltigen und nur wirtschaftlichen und gewinnorientierten Gesichtspunkten rächt sich. Ein zu wenig diskutiertes, da heikles Problem, das sich uns nicht nur auf Autobahnen, Skipisten, und an Stätten kultureller Sehenswürdigkeiten deutlich zeigt, ist der Bevölkerungszuwachs. Auch er ist eine der wesentlichen Ursachen, die verstärkt ins politische Blickfeld gehören.

Eine der wichtigen Ursachen ist der Verlust an vielfältig strukturierter Landschaft und damit der massive Verlust an Lebensraum für die biologische Vielfalt.

Wenn Sie auf Ihre Forschung zurückblicken, wie hat sich der Blick auf Biodiversität in den letzten Jahrzehnten verändert?

Barth: Ich selbst bin kein Spezialist für Biodiversitätsforschung. Allerdings ist Biodiversität als basales Konzept von Evolution und Anpassung immer mit im Spiel, wenn man natürliches Verhalten im natürlichen Lebensraum verstehen will. Biologische Vielfalt, das Verschieden-Sein und die unterschiedlichen Toleranzen der Arten sind nicht etwa eine unbedeutende Spielerei der Natur, sondern Grundlage für alles Leben und sein weiteres Bestehen in der Zukunft. Im Laufe meiner langen Jahre in der Forschung hat sich bezüglich der Biodiversität viel verändert. Zunächst ist ihre drastische und rasche Abnahme leider immer evidenter geworden. Zugleich aber sind auch der Wert, die Notwendigkeit und Gefährdung der biologischen Vielfalt immer mehr ins Bewusstsein der Gesellschaft eingedrungen. Endlich möchte man sagen, nachdem vieles schon so lange klar ist!

Biologische Vielfalt ist keine eine unbedeutende Spielerei der Natur, sondern Grundlage für alles Leben und sein weiteres Bestehen in der Zukunft. 

Was bedeutet das für die Forschung?

Barth: Wie in anderen Forschungsfeldern auch haben Genetik, Digitalisierung, computerunterstützte Modellbildung, effizientes Monitoring und viele interdisziplinäre Ansätze der heutigen Biodiversitätsforschung ein ganz neues, keinesfalls nur deskriptives Gesicht gegeben. Die Schmalheit des Grates, auf dem Leben existiert, ist inzwischen in das Bewusstsein vieler eingedrungen und auch, dass die Zukunft unseres Planeten von uns dringend eine umsichtige, mehr bio-zentrische anstatt der weit verbreiteten, unrealistischen und nicht selten arrogant anmutenden anthropo-zentrischen Haltung gegenüber der Natur einfordert.

 

AUF EINEN BLICK

Friedrich G. Barth ist Neurobiologe und Zoologe. Er war zunächst Professor für Zoologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und danach bis zu seiner Emeritierung an der Universität Wien. Er ist seit 1995 wirkliches Mitglied der ÖAW.

Anlässlich des 80. Geburtstags von Friedrich Barth lädt die Kommission für Interdisziplinäre Ökologische Studien der ÖAW am 28. Februar zum Kerner-von-Marilaun-Festsymposium „Biodiversity: A scientific and societal challenge“ ein.

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