In ihrem Vortrag „Im Körper und wider das Recht: Diskursorte der Nostalgikerinnen“ widmet sich Frau Dr. Oikonomou-Meurer dem Thema Nostalgie, die seit der Frühmoderne ein eminentes Beispiel für das Übergreifen der Fremdheitserfahrung in die Sphäre des Somatischen bildet. Während der Wunsch des Migranten oder Exilierten nach Heimkehr bereits die Homerische Odyssee und damit den Gründungsmoment westlicher Literaturen bestimmt, bleibt er in der Antike und Vormoderne doch stets Seelenbewegung und geistige Richtungnahme, die sich bestenfalls im metaphorischen Organ eines »sehnenden Herzens« abzeichnet.
Erst die Neuzeit schafft durch ihre Differenzierung und Szientifizierung der Humanwissenschaften die Grundlage für das Heimweh als Krankheit, der ein standardisierter körperlicher Symptomkomplex beigeordnet ist. Die Erfindung der Nostalgie durch den Schweizer Physiologen Johannes Hofer (Dissertatio medica De Nostalgia, Oder Heimwehe, 1688) überführt das Heimweh in den Bereich des Pathologischen, eine Positionierung, die noch 1909 in Karl Jaspers’ Heimweh und Verbrechen als Kriminalisierung des abnormen Heimwehs ihren Widerhall findet. Mit Blick auf die Nostalgie widmet sich der Vortrag sowohl den wissenschaftlichen Diskursen, die seit dem 17. Jahrhundert das Heimweh als eine physische Erkrankung zu ›erzählen‹ suchen, als auch dem Reflex dieser außerliterarischen Diskurse in der neugriechischen Lyrik und Prosa.
Datum: 28. November 2017, 18 Uhr
Ort: ÖAI Zweigstelle Athen (Leoforos Alexandras 26, 10683 Athen)
Zur Person
Maria Oikonomou hat Neogräzistik, Komparatistik, Italienische Philologie und Theaterwissenschaft an den Universitäten von Ioannina, Thessaloniki und München studiert. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München (2001-2007), Universitätsassistentin am Institut für Byzantinistik und Neogräzistik der Universität Wien (2008-2013) und Research Fellow an der Universität Princeton (2011/2014). Ab März 2016 ist sie Elise Richter Stelleninhaberin am Institut für Byzantinistik und Neogräzistik in Wien. Die Literaturwissenschaftlerin erhielt ihr Stipendium am ÖAI für ihr FWF-Forschungsprojekt „Grenzüberschreibungen. Elemente einer Literatur der Migration" (V 474 Richter-Programm).
Athen Stipendium
Mit dem Stipendium am ÖAI in Athen fördert die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) Doktorand/innen und Senior Researcher aus den Fachbereichen Prähistorische und Klassische Archäologie, Alte Geschichte, Epigraphik, Numismatik, Philologie, antike Baugeschichte, Byzantinistik und Neogräzistik. Das Stipendium, das in kompetitiven Ausschreibungen vergeben wird, ermöglicht Doktorand/innen oder Senior Researchers, sich einem konkreten Forschungsvorhaben zu widmen, zu dessen Durchführung ein Aufenthalt in Athen notwendig ist.

