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Interview

Neues ERC-Projekt: An den Schwellen der altägyptischen Stadt

Ein neues ERC Advanced Grant-Projekt erforscht das Innen und Außen in altägyptischen Städten. ÖAI-Projektleiterin Irene Forstner-Müller erklärt, warum dieses Thema für die Ägyptologie relevant ist und welche zentralen Fragen der Menschheit damit verknüpft sind.

23.06.2026
Administrativer Gebäudekomplex der Ersten Zwischenzeit mit Rundspeichern in Kom Ombo, Areal s/9 Süd (© ÖAW-ÖAI)

Herzlichen Glückwunsch zur Genehmigung des ERC Advanced Grant Projekts »BETWEEN – Liminality in Ancient Egyptian Towns«! Können Sie uns kurz erklären, worum es in diesem Projekt geht?

Irene Forstner-Müller:  Das ERC-Advanced-Grant-Projekt »BETWEEN – Liminality in Ancient Egyptian Towns« untersucht eine grundlegende Frage der Stadtforschung: Wie funktionieren Übergänge, Grenzen und »Zwischenräume« innerhalb altägyptischer Städte, und welche Rolle spielten sie für das gesellschaftliche Leben im Alten Ägypten?

Im Mittelpunkt steht das Konzept der Liminalität (»Betwixt and Between«), das ursprünglich aus der Anthropologie stammt. Gemeint sind Situationen, Orte oder Zeiträume, die weder ganz dem einen noch dem anderen Bereich angehören – etwa Stadttore, Hafenzonen, Grenzbereiche zwischen Wohn- und Kultvierteln, Übergänge zwischen Leben und Tod oder Phasen gesellschaftlicher Veränderung.

Das Projekt geht davon aus, dass solche liminalen Räume nicht nur Randerscheinungen waren, sondern eine zentrale Rolle für das Funktionieren altägyptischer Städte spielten.

 

Das Projekt untersucht, wie Menschen sich durch Räume bewegten, diese nutzten, kontrollierten und neu definierten, die sich »zwischen« etablierten räumlichen und sozialen Kategorien befanden.

Was macht dieses Projekt besonders innovativ?

Irene Forstner-Müller: BETWEEN verlagert die Erforschung altägyptischer Städte von einer traditionellen und statischen Analyse städtischer Merkmale hin zu einer dynamischen Untersuchung von Grenzräumen, Praktiken und sozialen Verhandlungen. Das Projekt untersucht, wie Menschen sich durch Räume bewegten, diese nutzten, kontrollierten und neu definierten, die sich »zwischen« etablierten räumlichen und sozialen Kategorien befanden (innen und außen, öffentlich und privat, sakral-funerären und häuslichen Bereichen sowie zwischen Gebrauch, und Aufgabe von Räumen).

Für die ägyptologische Forschung ist das besonders spannend, weil das Konzept der Liminalität bisher kaum systematisch auf altägyptische Städte angewendet wurde und daher völlig neue Interpretationsmöglichkeiten eröffnet.

 

 

Können Sie uns ein Beispiel für einen liminalen Raum nennen und warum dieser so wichtig ist?

Irene Forstner-Müller: Ein Beispiel für einen liminalen Raum ist der Hafen. Häfen sind klassische Übergangszonen: Sie liegen an der Schnittstelle zwischen Land und Wasser, zwischen Ankunft und Abreise. Menschen, Waren, Ideen und Technologien gelangen hier in die Stadt oder verlassen sie wieder.

Ein besonders interessantes Beispiel ist der Hafen von Tell el-Dab'a, dem antiken Avaris. Als bedeutender Knotenpunkt im östlichen Nildelta verband er Ägypten mit dem östlichen Mittelmeerraum und dem Vorderen Orient. Archäologische Funde zeigen, dass dort Menschen, Waren und kulturelle Einflüsse aus unterschiedlichen Regionen zusammenkamen. Der Hafen war damit nicht nur ein wirtschaftliches Zentrum, sondern auch ein Ort, an dem sich gesellschaftliche und kulturelle Grenzen ständig neu definierten.

 

Das Projekt scheint auch eine Relevanz für heute zu haben. Können Sie das näher erläutern?

Irene Forstner-Müller: Obwohl das Projekt in der Vergangenheit verankert ist, behandelt es Fragen, die auch heute von großer gesellschaftlicher Bedeutung sind. Ein zentraler Aspekt ist das Thema »Belonging«, also die Frage, wie Menschen Zugehörigkeit entwickeln und wie Gemeinschaften mit Personen oder Gruppen umgehen, die sich »dazwischen« befinden.

Diese Prozesse kennen wir auch aus der Gegenwart. Moderne Städte sind geprägt von Mobilität, Migration und kultureller Vielfalt. Die Frage, wer dazugehört, wie Zugehörigkeit entsteht und wie Gesellschaften mit Vielfalt umgehen, wird heute intensiv diskutiert. Das Projekt zeigt, dass solche Fragen keineswegs neu sind. Bereits vor Jahrtausenden mussten Städte Wege finden, Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zu integrieren und soziale Kohäsion zu schaffen.

 

 

Die Idee ist, einen neuen, theoretisch fundierten Ansatz zur Erforschung von Siedlungen zu entwickeln, bei dem diese nicht nur als architektonische Grundrisse, sondern als gelebte Räume betrachtet werden

Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit »BETWEEN«?

Irene Forstner-Müller: Das langfristige Ziel des Projekts besteht darin, die Sichtweise auf altägyptische Städte grundlegend zu verändern. Die Idee ist, einen neuen, theoretisch fundierten Ansatz zur Erforschung von Siedlungen zu entwickeln, bei dem diese nicht nur als architektonische Grundrisse, sondern als gelebte Räume betrachtet werden – um zu zeigen, dass Zwischenräume keine Randerscheinung waren, sondern eine zentrale Rolle dabei spielten, wie altägyptische Gemeinschaften ihr soziales Leben organisierten.

 

Zur Person

Irene Forstner-Müller studierte Ägyptologie und Fächerkombination an der Universität Wien und begann ihre wissenschaftliche Laufbahn als Forscherin im Rahmen des SCIEM-2000-Projekts von 1999 bis 2002. Innerhalb dieses Projekts war sie als Mitarbeiterin des Teilprojekts »Stratigraphié comparée« tätig. Parallel dazu übernahm sie von 2001 bis 2002 eine Karenzvertretung als Assistentin am Institut für Ägyptologie der Universität Wien. Seit 2002 ist Irene Forstner-Müller als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI) in der Außenstelle Kairo tätig. Im Jahr 2009 übernahm sie die Leitung der Außenstelle und leitet seitdem die archäologischen Grabungen in Tell el-Dab’a, einer bedeutenden Fundstätte des antiken Ägyptens.