HELDEN, FÜRSTEN UND ARMEEN – ODER WIE IN DER FRÜHBRONZEZEIT AUS KRIEGERN SOLDATEN WURDEN
24.02.2016
Vortrag von Harald Meller
In den Bestattungen der endneolithischen Becherkulturen sind zahlreiche Männer durch Waffenbeigaben und teilweise sogar durch Steinstelen als Krieger charakterisiert, wobei sich die soziale Differenzierung u. a. in Überausstattungen oder goldenem Haarschmuck äußert. Offenbar herrschte in dieser Zeit eine Ideologie des heroischen Einzelkämpfers vor.
In der darauffolgenden Frühbronzezeit wandelt sich das Bild drastisch. Anhand des Grabbaus und der Beigabenausstattung der mitteldeutschen Aunjetitzer Kultur lässt sich eine deutliche Stratifizierung in 5–6 Schichten ablesen. An der Spitze standen die „Fürsten“, die in Grabhügeln mit reichen Beigaben (v. a. Goldornat, Waffen, Schmiedegerät) bestattet wurden, worauf „Häuptlinge“ (goldene Schläfenringe und z. T. Waffen), wenige Waffenträger sowie eine breite „Durchschnittsbevölkerung“ (z. T. Bronze- oder Keramikbeigaben) folgten. Zu diskutieren ist, ob der jüngst ergrabene außerordentlich große Grabhügel „Bornhöck“ und der lange bekannte Goldfund von Dieskau, beide Saalekreis, möglicherweise eine noch über den „Fürsten“ stehende Spitze der sozialen Pyramide repräsentieren.
Die fast ausschließlich unbefestigten Siedlungen der Aunjetitzer Kultur, die sich an Wasserläufen aufreihten, sprechen für eine geregelte Art der Konfliktlösung oder sogar ein Gewaltmonopol, das durch entsprechende Mittel abgesichert wurde. Dementsprechend könnten die großen frühbronzezeitlichen Beilhorte Mitteldeutschlands auf eine militärische Organisation hinweisen. Zum einen erscheint das Verhältnis von Beilen zu Stabdolchen (etwa 30 : 1), Dolchen (etwa 60 : 1) und Doppeläxten (etwa 120 : 1) nicht zufällig. Zum anderen zeigt sich, dass die Beilhorte mit größeren Stückzahlen (gerundet) wiederholt ähnliche Mengen aufweisen: 15, 30, 45, 60, 90, 120 und 300 Beile. Diese Zahlenverhältnisse könnten durchaus militärische Ordnungssysteme widerspiegeln, wie sie in der Militärgeschichte seit der Antike belegt sind. Die kleinste in den Horten fassbare Einheit bildeten 15 Beile bzw. Krieger. Damit hätte erst die nächst größere Einheit von 30 Kriegern einem Stabdolchträger und die wiederum nächst größere Einheit von 60 Kriegern einem Dolchträger unterstanden. Dem größten Kampfverband mit 120 Individuen hätte ein Doppelaxtträger vorgestanden. Lediglich die „Fürsten“, denen auch die Militärhoheit oblag, vereinten alle Waffentypen in ihrer Grabausstattung.
Im Unterschied zu den vorangegangenen Becherkulturen stellten sich in der Aunjetitzer Kultur also nur die „Fürsten“ und wenige andere ranghohe Männer durch Waffenbeigaben im Grab als Krieger und Helden dar, während dies dem einfachen Soldaten versagt blieb.
Erst mit dem Zusammenbruch des Aunjetitzer Gesellschaftssystems um 1600 v. Chr. veränderte sich dies: sowohl die „Fürsten“ als auch ihre Armeen verschwanden wieder von der Bildfläche.
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