Zurück
Presseaussendung

Grazer Weltraumforscher:innen entdecken turbulenten Dynamo in der Magnetosphäre der Erde

Ein internationales Team unter der Leitung des Instituts für Weltraumforschung (IWF) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hat erstmals nachgewiesen, dass es in der Weltraumumgebung der Erde einen natürlichen "Dynamo" gibt – also einen Prozess, der von selbst elektrische Ströme und damit auch Magnetfelder erzeugt. Bisher gab es dafür nur theoretische Vorhersagen. Den ersten experimentellen Nachweis dafür lieferten nun Daten der NASA-Mission MMS. Die Ergebnisse wurden kürzlich in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht.

30.03.2026
Wenn Sonnenwindteilchen auf die Magnetosphäre (in Blau dargestellt) der Erde strömen, bilden sie eine stark turbulente Grenzschicht, die als Magnetosheath (in Gelb dargestellt) bezeichnet wird. Die NASA-Mission MMS untersucht diesen turbulenten Bereich, um uns zu helfen, mehr über unsere dynamische Weltraumumgebung zu erfahren. © NASA Goddard Space Flight Center/Mary Pat Hrybyk-Keith

Energieumwandlung auf der Erde und im Universum

Energieumwandlungen sind fundamentaler Bestandteil unseres Alltags. Flüsse treiben Turbinen zur Stromerzeugung an, Windparks wandeln die kinetische Energie der Luftbewegung in Elektrizität um, Kernkraftwerke verwandeln Wärme in elektrische Energie und fossile Brennstoffe setzen gespeicherte chemische Energie für Heizung, Transport und Industrie frei. Unsere gesamte technologische Welt hängt von der Umwandlung einer Energieform in eine andere ab.
 

Weit über die menschliche Technik hinaus funktioniert auch das Universum auf der Grundlage von Energieumwandlungen. Die Energie der Sonne erwärmt die Atmosphäre und Oberfläche der Erde und schafft so die Bedingungen, die unseren Planeten bewohnbar machen. In Sternen bewegt sich extrem heißes, elektrisch geladenes Gas – sogenanntes Plasma – heftig und chaotisch. Dadurch werden elektrische Ströme erzeugt, aus denen wiederum Magnetfelder entstehen. Diese steuern einen großen Teil der Aktivität der Sonne und anderer Sterne, etwa Ausbrüche, Flecken oder Strahlungsschwankungen. Und selbst im riesigen Maßstab ganzer Galaxien verstärken gewaltige kosmische Bewegungen Magnetfelder, die sich über Tausende von Lichtjahren erstrecken und die Entwicklung dieser Sternsysteme prägen.

Kosmischer Dynamo

Einer der grundlegendsten Mechanismen dieser kosmischen Energieumwandlungen ist der Dynamo: ein Prozess, bei dem die Bewegung einer elektrisch leitfähigen Materie (Plasma) Magnetfelder erzeugt oder verstärkt. Man weiß, dass Dynamos im Erdkern, in der Sonne, in fernen Sternen und im gesamten Kosmos wirken. Trotz ihrer Bedeutung gab es bislang nur äußerst wenige direkte experimentelle Hinweise darauf, wie Dynamos in natürlichen Weltraumplasmen tatsächlich funktionieren.

Die aktuelle Studie, die vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) unterstützt wurde, liefert nun den bislang eindeutigsten Beweis für einen turbulenten kleinskaligen Dynamoin der sogenannten "Magnetosheath" der Erde. Diese Grenzschicht, die sich zwischen der Bugstoßwelle (Bow Shock) und der Magnetopause der Erde befindet, zählt zu den turbulentesten Bereichen im erdnahen Weltraum.

Messungen bestätigen theoretische Vorhersagen

"Diese Merkmale wurden noch nie zuvor so deutlich im Weltraum beobachtet", so Vörös.

Mithilfe der NASA‑Mission Magnetospheric MultiScale (MMS) – vier Raumsonden, die in einer pyramidenartigen Formation fliegen und dadurch gleichzeitig an vier Punkten messen können – beobachtete das Forschungsteam typische „Stretch‑and‑Fold“-Muster in den Magnetfeldern. Genau solche Muster sagt die Dynamotheorie voraus. Nun konnten die Forscher:innen jedoch erstmals direkt beobachten, wie sich Magnetfelder durch chaotische Bewegung von Plasma selbst verstärken. "Wir entdeckten Regionen, in denen Magnetfelder durch Plasmaflüsse verstärkt werden, und andere, in denen die Felder schwächer und zurückgefaltet werden", schildert IWF-Plasmaphysiker Zoltan Vörös, Erstautor der Studie. "Diese Merkmale stimmen mit langjährigen theoretischen Vorhersagen und numerischen Simulationen überein, wurden jedoch noch nie zuvor so deutlich im Weltraum beobachtet", setzt Vörös fort.

Die Studie stellt einen wichtigen Schritt dar, um Theorie, Laborexperimente und numerische Simulationen von Plasmaprozessen durch direkte Beobachtung im Weltraum zu ergänzen und hilft uns bei der Erklärung eines der grundlegendsten Energieumwandlungsprozesse des Universums.

Why space research matters - Magnetospheric MultiScale (MMS)

Die NASA-Mission MMS hat zum Ziel, die Vorgänge bei der magnetischen Rekonnexion zu untersuchen, einem fundamentalen Prozess, bei dem sich Magnetfeldlinien verbinden und wieder trennen. Dabei wird magnetische Energie explosionsartig in Wärme und kinetische Energie umgewandelt. Vier identische Satelliten, die in einer engen, pyramidenförmigen Formation fliegen, ermöglichen es den Wissenschaftler:innen, dreidimensionale Daten über die magnetische Rekonnexion zu sammeln. Die Instrumente an Bord messen Teilchen und Felder im Magnetfeld der Erde in höchster Auflösung und bis zu 100-mal schneller als alle bisherigen Missionen. Das IWF Graz ist der größte nicht-amerikanische Partner dieser Mission und hat entscheidendes technologisches Know-how beigesteuert.

Die neuen Erkenntnisse verbessern nicht nur unser Verständnis des Weltraumwetters, das Navigation, Kommunikation und Stromnetze beeinflussen kann. Sie liefern auch wichtige Einsichten in die chaotischen, turbulenten und instabilen Bewegungen von Plasma – Prozesse, die im Weltraum ebenso auftreten wie in Fusionsreaktoren. Dieses Wissen kann dabei helfen, Plasmainstabilitäten in künftigen Fusionsanlagen besser vorherzusagen und zu kontrollieren und damit den Weg zu sauberer, sicherer Fusionsenergie zu ebnen.

 

Auf einen Blick

Publikation

Z. Vörös, et al.: Turbulent dynamo in the terrestrial magnetosheath, Nature Communications, doi.org/10.1038/s41467-026-69469-y, 2026

Kontakt

Dr. Zoltan Vörös
T +43 (316) 4120-593
zoltan.voeroes(at)oeaw.ac.at