GRABRECHT UND GRABSCHUTZ IM GRIECHISCH-RÖMISCHEN KLEINASIEN:LYKIEN UND PISIDIEN


Mit dem im Frühjahr 2014 gestarteten Anschlussprojekt zu Grabrecht und Grabschutz in den griechischen Inschriften Kleinasiens wandert der Fokus nunmehr zu den Texten Südwestkleinasiens und damit den Regionen Lykien und Pisidien. Dieser geographische Bereich bietet nicht nur die meisten und aussagekräftigsten, sondern auch die ältesten Inschriften zum Grabschutz. Die griechischen Texte beginnen hier mit dem Ende des 4. Jhs. v. Chr., während sie in Westkleinasien kaum vor dem 1. Jh. n. Chr. nachweisbar sind. Hinzu kommen die epichorischen lykischen Texte aus dem 5. und 4. Jh. v. Chr., von denen etwa ein Viertel Straf- und Fluchformeln enthält, die sich gegen jeden richten, der gegen die Grabvorschriften verstößt.

Wenn auch die Sanktionen durchaus unterschiedlich sind, ist doch die Ausgangssituation die gleiche: Der Grabinhaber wollte verhindern, dass das Grabmal entgegen seinen Vorschriften verwendet wurde. Für den Übergang zwischen den — noch immer nicht zur Gänze geklärten — Regelungen in lykischer Sprache und den hellenistischen Grabinschriften müssen vor allem die bilinguen Texte herangezogen werden, die Auskunft über die Traditionen des Grabschutzes erwarten lassen. Klar scheint, dass in Lykien wohl der Ursprung dieser speziellen Form des Grabschutzes zu sehen ist, der dann in weiterer Folge in den kaiserzeitlichen Grabinschriften Westkleinasiens und anderen Gebieten des römischen Reiches zu finden ist. Eines der übergeordneten Ziele dieser Projekte ist es daher, die Genese des Rechtsinstituts in vorrömischer Zeit zu erforschen und eine Entwicklung der Verbote und Sanktionen aufzuzeigen.

Etwa 1.500 Inschriften werden die Basis unserer Untersuchungen im laufenden Projekt bilden. Damit ist die Gesamtanzahl der juristisch relevanten Texte deutlich höher als im Vorprojekt. Während in Westkleinasien nur in Ausnahmefällen mehr als 20 % der erhaltenen Grabtexte Informationen für den Rechtshistoriker enthalten, sind es in Lykien und Pisidien in vielen Fällen über 50 %. Die in der Tabelle angeführten Zahlen verstehen sich als erste Übersicht, dennoch wird bereits deutlich, dass der Grabschutz durch Verbote im Süden Kleinasiens wesentlich stärker verbreitet war als im Norden und an der Westküste.

Es zeigt sich zudem, dass die Texte aus dem neuen Untersuchungsgebiet oft genauere Angaben zu den juristischen Fragen geben als die bisher untersuchten Inschriften. Nicht zuletzt stellt der archäologische Befund ein wichtiges Element der Studie dar: Die Nekropolen sind tendenziell besser erhalten, die Inschriften finden sich auf Felsgräbern und Sarkophagen häufig in situ und sind daher besser in ihrem Kontext zu verstehen.

Wie im Vorprojekt werden zunächst die relevanten Inschriften für die einzelnen Poleis und Landschaften ausgewertet, wobei dem Umstand Beachtung zu schenken ist, dass sich das Untersuchungsgebiet auf zwei unterschiedliche römische Provinzen (Lycia et Pamphylia und Galatia) aufteilt. In einem zweiten Schritt wird eine Synopse der rechtshistorischen Fragen vorgelegt.

Die Analyse der Grabinschriften


Zur Analyse herangezogen werden jene Texte, die Auskünfte zu zwei Rechtsbereichen geben: einerseits dem Erwerb von Gräbern und den Berechtigungen zur Bestattung, andererseits dem Schutz von Gräbern durch Verbote und Sanktionen. Nach dem Vorbild des Repertoriums der griechischen Rechtsinschriften (G. Thür und D. Behrend) wurde für das erste Projekt ein System von Kategorien und Klauseln erstellt, das Analysen und Vergleiche ermöglicht. Diese ursprünglichen Vorgaben wurden in weiterer Folge adaptiert und bilden die Grundlage für die Darstellung der Forschungsergebnisse des Vorprojektes. Sie können auch für Lykien und Pisidien als Muster dienen und werden — wenn notwendig — erweitert. In allen Untersuchungen stehen als Vergleichsmaterial die entsprechenden Daten des Vorprojektes zur Verfügung. 

Jede Inschrift wird nach folgenden Kategorien analysiert:

* Angaben zur Inschrift, dem Inschriftenträger, dem Bezugsort, dem archäologischen Befund und ähnlichen Parametern.

* Angaben zu den Graberrichtern und ihren Familien

* (A) Umstände der Graberrichtung: Erwerb, Errichtung, Berechtigung zur Beisetzung, aber auch: Registrierung im Archiv, textinterne Datierung; Bezeichnung und Beschreibung des Grabmals; Testamente und Stiftungen

* (B) Verbote

* (C) Geldbußen und ihre Empfänger

* (D) Anzeige und Eintreibung von Bußen, zusätzliche Strafverfolgung

* (E) Flüche

Die Auswertung der Texte erfolgt zunächst Stadt für Stadt; im Zusammenspiel mit der Betrachtung des archäologischen Kontextes ergeben sich so regionale Zwischenergebnisse, die schließlich zu einem umfassenden Gesamtbild beitragen.