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SOUNDS & SIGHTS OF SCIENCE #56

Das Echo des Forschers: Akustische Grenzüberschreitungen in der Sprache Noon – vorgestellt von Clemens Gütl

07.08.2026
Mehrere historische Magnettonband-Spulen in Pappkartons, die nebeneinander in einem Archivregal stehen
Archivbänder mit Sprachaufnahmen von Walter Pichl aus dem Senegal, Phonogrammarchiv, 20. März 2025 (© C. Gütl)

WAS IST ZU HÖREN?

Der Ausschnitt aus einer Fabel vom Hasen und der Schildkröte auf Noon, einer potenziell gefährdeten Sprache im Senegal. Die Tonaufnahme (B 22814) machte der österreichische Afrikanist Walter Pichl im April 1974 in Thiès. Der Text wird vom damals 23-jährigen Louis Thomas Faye wiedergegeben. Nach einer wahrnehmbaren Unterbrechung setzt jedoch überraschenderweise Pichl selbst fort, was bei der Archivierung im Phonogrammarchiv (PHA) als „Schluß von Prof. dazugelesen“ im entsprechenden Protokoll vermerkt wurde.

 

Dass ein österreichischer Wissenschaftler Texte in einer afrikanischen Sprache liest, stellt in den Beständen des PHA einen nahezu beispiellosen Fall dar. Dieses Tondokument sollte nicht nur aus diesem Grund als konzertiertes Wissen aus einer asymmetrischen Aufnahmesituation und nicht als spontanes Sprachereignis analysiert werden.

WAS IST DARAN BESONDERS INTERESSANT?

Die Aufnahme belegt Pichls aktive Rolle bei der Wissenskonstruktion. Unter dem Begriff der „wissenschaftlichen Kontrolle“ beanspruchte er Deutungshoheit und agierte als normierende Instanz statt neutral zu dokumentieren. Beispielsweise ließ er Erzählungen älterer Dorfbewohner von seinem Mitarbeiter Dominique Mbengue einlesen, da er deren Aussprache misstraute (vgl. Protokoll zu B 22614). Solche Praktiken verschleiern die ursprüngliche Urheberschaft und die Träger:innen des Wissens – jedenfalls in den Quellen am PHA. Diese Befunde machen eine kritische Reflexion damaliger Datenerhebungspraktiken unumgänglich.

WIE BESCHÄFTIGE ICH MICH DAMIT?

Als Kurator am Phonogrammarchiv unterstütze ich derzeit ein österreichisch-senegalesisches Kooperationsprojekt, das Gabriele Slezak und Jennifer Brunner (s. Foto) initiiert haben und das sich auch der Identifizierung von Walter Pichls Aufnahmepartnern widmet. Dabei verbinde ich meine Bestandsverantwortung mit meinem Interesse an Biografien, der Sammlungsgeschichte und Praktiken der Feldforschung. Unser gemeinsames Ziel ist die Re-Zirkulierung dieses akustischen Erbes.

 

Während im April in Dakar bereits Digitalkopien übergeben wurden (für Details vgl. Gütl 2026), steht die Rückgabe an Louis Thomas Faye noch aus. Der heute 75-Jährige war 1974 Pichls zentrale Stütze bei der Dokumentation der Noon-Sprache. In diesem Sommer wird ihm Augustin Ndione (Centre de Linguistique Appliquée de Dakar) seine Aufnahmen persönlich überreichen – für Faye nach über fünf Jahrzehnten die erste Begegnung mit seinen eigenen Stimmaufzeichnungen, über die Pichl notierte, Faye sei für die Sprache Noon sein „einziger Informant“ gewesen (Pichl o.J., 13).


Clemens Gütl ist Afrikawissenschaftler am Phonogrammarchiv und als Kurator für den Sammlungsschwerpunkt Afrika südlich der Sahara zuständig. Er forscht zur Wissenschaftsgeschichte der Afrikanistik in Österreich sowie zur Kolonial- und Missionsgeschichte.

QUELLEN UND LITERATUR

Gütl, Clemens. 2026. „Zurück nach Dakar. Tonaufnahmen nach Jahrzehnten wieder im Senegal.“ News-Beitrag.

Pichl, Walter. o.J. „Sprachforschungen in West-Afrika“. Unveröffentlichtes Typoskript.