SOUNDS & SIGHTS OF SCIENCE #54
05.06.2026
Was ist zu hören (und zu sehen)?
Es werden zwei Direktschnittschallplatten aus der Frühzeit der Schallplattenentwicklung (ca. 1905–1915) vorgestellt, die im Zuge des SONIME-Projekts im Phonomuseum und in der Österreichischen Mediathek entdeckt wurden. Diese besonderen, kleinformatigen Platten, beide mit Wachsbeschichtung, sind in Tiefenschrift aufgenommen.
Zum einen handelt es sich um eine Metallplatte mit einseitiger Wachsbeschichtung der Firma Pathé (s. Abb. 2), zum anderen um eine wachsbeschichtete Kartonscheibe unbekannter Marke (s. Abb. 4). Die ungewöhnliche Größe des Innenlochs und die handbeschrifteten Laufzeitskalen der zweiten Platte deuten darauf hin, dass es für dieses Format ein eigenes Aufnahme- und Abspielgerät gegeben haben muss. Die Platten wurden im Rahmen des SONIME-Projekts von Jean-Hugues Chenot und Jean-Étienne Noiré vom Institut National de l’Audiovisuel (INA) mit dem INA-Saphir-System optisch abgetastet (Abb. 1).
Was ist daran besonders interessant?
Für mich war in beiden Fällen die Annäherung an die seltenen, in Wachs geschnittenen Schallplatten spannend. In der Art ihres Aufbaus sind sie einzigartig – beispielsweise das kunstvoll geprägte Metall der Pathé-Platte mit Randsteg, der das Phonographenwachs begrenzt, und die durch das Wachs lesbare handschriftliche Laufzeitskala der Kartonplatte.
Bei beiden Medien war zunächst unklar, wie gut die Signalqualität der Aufnahmen sein würde. Im Zuge der Bearbeitung kam schließlich heraus, dass die Kartonplatte (Abb. 5) keine hörbare Aufnahme enthält (s. Scan, Abb. 6). Die ursprünglich vorhandene Tonspur ist zu Teilen geschliffen, auch der ungeschliffene Teil enthält nur Rauschen. Von der 16-sekündigen Sequenz auf der Pathé-Platte können wir für einige Sekunden eine weibliche Stimme hören, den Inhalt des Gesagten jedoch nur erahnen. Die Ergebnisse der optischen Abtastung können im Player angehört werden.
Wie beschäftige ich mich damit?
Im Projekt SONIME wurden die Materialzusammensetzungen der Platten ermittelt. Dabei konnten wir herausfinden, dass das Wachs der Pathé-Platte identisch ist mit Phonographenwachs, das zur damaligen Zeit auch für Phonographenwalzen genutzt worden ist. Konkret konnten langkettige Carboxylate nachgewiesen werden, die als Metallseifen interpretiert werden können (s. Sounds & Sights of Science #43).
Die Diktierplatte hingegen ist mit reinem Paraffinwachs beschichtet. Im Vorhinein der Abtastung wurde die Wachsschicht der Diktierplatte mit einem Kunstfaservlies und demineralisiertem Wasser behutsam gereinigt.
Ein ganz herzlicher Dank gilt dem Team des INA, insbesondere Jean-Hugues Chenot, der die zeitaufwendige Feinarbeit an den Daten geleistet hat!
Weitere Ergebnisse des Projektes SONIME werden in Kürze mit dem Launch der Datenbank veröffentlicht.
Katrin Abromeit ist Konservatorin/Restauratorin am Phonogrammarchiv und Projektleiterin des mit April abgeschlossenen Forschungsprojekts „Sonic Memories – Audio Letters in Times of Migration and Mobility“.
Links
Sonic Memories – Audio Letters in Times of Migration and Mobility
INA Saphir des Institut National de l’Audiovisuel (INA)







