EIN HÖRBRIEF AUS MEXIKO – PROJEKTSTART „SONIC MEMORIES“
23.12.2021
Solche Studios fanden seit den 1920er Jahren großen Anklang und waren keine Seltenheit. Zudem gab es mit dem entsprechenden Gerät die Möglichkeit, Direktschnittplatten zuhause selbst zu besprechen und per Post an die entfernte Familie oder Freunde zu versenden. Die hier abgebildete Tonica-Schallplatte wurde vermutlich aus dem Wiener Studio nach Mexiko mitgenommen, dort besprochen und wieder nach Wien als Weihnachtspost an die Eltern geschickt, um die Wartezeit auf das nächste Wiedersehen zu verkürzen.
Der nicht inventarisierte Audiobrief ist aus einem Sonderbestand des Phonogrammarchivs unbekannter Provenienz. Da er undatiert und unbeschriftet ist, gibt er wenig Hinweise über die Personen und den Entstehungszusammenhang. Allein das Label und die Audiobotschaft lassen ein Stück der Kulturpraxis des Audiobriefe-Sprechens, -Versendens und -Hörens erahnen.
Hörbeispiel: Weihnachtsgruß [Ausschnitt]
Transkript [Ausschnitt]:
„[…] Ich wünsche euch alles Schöne und für das neue Jahr viel, viel Glück und Freude. Und ich freue mich auf ein Wiedersehen im Sommer, wenn Frank und ich rüberkommen. Das ist fein, nicht?
Heute am 24. Dezember scheint der nächste Sommer zwar noch etwas weit, aber wenn ihr zu Weihnacht um den Christbaum sitzt und mich sprechen hört, dann ist die Zeit bis dahin schon bisserl kürzer.
Wenn wir dann kommen, werdet ihr uns bis Eichgraben entgegenfahren, oder gar bis St. Pölten?
Schließlich, heutzutage gibt es keine Entfernungen mehr. Das bitte immer zu bedenken und vor Augen zu halten, wenn ihr mal zufällig die Idee hättet, Mexiko City sei weit weg von Wien. Es ist gar nicht weit. Der Weg zieht sich nur ein bissl. […]“
Seit November 2021 beforschen Eva Hallama und Katrin Abromeit Audiobriefe und ihre Nutzung im interdisziplinären Forschungsprojekt „Sonic Memories. Audio Letters in Times of Migration and Mobility“. Das Projekt findet in Kooperation des Phonogrammarchivs mit der Österreichischen Mediathek statt und wird im Rahmen der Heritage Science Austria-Programms von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften als eines von neun Projekten gefördert.
