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Welttag des audiovisuellen Erbes

Von Krisen und Katastrophen

28.10.2024

Seit 2005 ist der 27. Oktober Welttag des audiovisuellen Erbes. Von der UNESCO initiiert, ist dieses Datum jährlich zu einem wichtigen Anlass geworden, um Bewusstsein für die kulturelle, wissenschaftliche und politische Bedeutung von Dokumenten in Ton und Bild zu schaffen und auf die Wichtigkeit – und Komplexität – ihres Erhalts und ihrer Zugänglichkeit hinzuweisen. Zentral ist dieser Tag aber auch, um an die dunkle Seite, die vielfältigen Formen der Gefährdung audiovisuellen Kulturguts zu erinnern. Und ein Blick auf aktuelle und kürzlich abgehaltene Fachveranstaltungen macht deutlich, dass der Fokus dieses Jahr auf genau dieser dunklen Seite liegt: auf den Risiken, denen audiovisuelle Sammlungen in allen Teilen der Welt durch Krisen und Katastrophen ausgesetzt sind.

Risiken im Fokus der Fachgesellschaften

So bietet die heute begonnene Internationale Konferenz des Memory of the World-Programms der UNESCO in Paris neben Panels zu Themen wie „The impact of man-made and natural disasters on documentary heritage“ auch praxisorientierte Sessions zum Katastrophenmanagement, und vergangene Woche veranstaltete die Association of Moving Image Archivists (AMIA) ein ganzes Symposium mit dem Titel „Lessons Learned: Disaster Planning & Recovery”.

Andere Konferenzen der vergangenen Wochen boten erschreckende Einblicke in die Folgen der jüngsten Unwetter für Archive in den USA wie auch bewegende Berichte von verzweifelten, bislang aber glücklicherweise erfolgreichen Versuchen, audiovisuelle Sammlungen in der Ukraine vor kriegsbedingter Zerstörung zu schützen. Nach derzeitigen Schätzungen der UNESCO ist ca. 80% des audiovisuellen Kulturguts weltweit in seinem Bestand gefährdet.

Gefahren für analoge wie digitale Sammlungen

Viele Gefahren wie Wasser und Feuer betreffen physische Sammlungen; Kriege und Klimakatastrophen sind hier das zentrale Risiko. 2024 ist aber auch das traurige 15-jährige Jubiläum des Einsturzes des Kölner Stadtarchivs, dessen Ursache Planungsfehler beim U-Bahn-Bau waren.

Der Welttag des audiovisuellen Erbes fällt zudem fast zusammen mit dem Jahrestag eines Ereignisses, das im vergangenen Oktober Bibliotheken und Archive weltweit schockierte: die Cyber-Attacke auf die British Library, die auch ihre audiovisuellen Sammlungen, den Bereich Sound & Vision, bis heute beeinträchtigt. Die Attacke führte zum einen die Gefährdung digitaler Sammlungen vor Augen, zum anderen den Wert des Erhalts physischer Bestände auch nach abgeschlossener Digitalisierung.

Es entbehrt nicht einer gewissen traurigen Ironie, dass nur einige Monate später, im Januar 2024, das britische Justizministerium verkündete, etwa 100 Millionen Originaltestamente auf Papier nach Digitalisierung vernichten zu wollen – ein Plan, der Entsetzen unter prominenten Historiker:innen hervorrief und unter anderem als „schierer Vandalismus“ bezeichnet wurde.

Die politsche Ebene

Dies führt zu einem weiteren Punkt der Krisen und Katastrophen: die Gefährdung von audiovisuellem Dokumentenerbe durch sich wandelnde politische Regimes. Autoritäre Regierungen und Diktaturen sind sich des Werts historischer Dokumente und der Gefahr von Archiven schon immer bewusst gewesen, können sie doch Informationen enthalten, die offizielle Historiographien und Ideologien in Frage stellen und damit politische Sprengkraft entwickeln können. Aus diesen Gründen werden Archivalien direkt vernichtet, in die Privatarchive der Herrschenden verbracht, oder Archive werden durch komplexe Nutzungsregelungen quasi unzugänglich gemacht. Große Teile des staatlichen Filmarchivs Afghanistans haben den Einmarsch der Taliban in Kabul 1996 zum Beispiel nur deshalb überstanden, weil Angestellte unter Einsatz ihres Lebens Sammlungen hinter einer falschen Wand versteckten; der Rest wurde verbrannt.

Nicht zuletzt dieses Ereignis hat dazu geführt, dass in Kooperationsprojekten zur Digitalisierung und Katalogisierung audiovisueller Archive weltweit in der Regel mindestens eine Sicherheitskopie außerhalb des jeweiligen Landes gelagert wird. Für rein physische Bestände gibt es diese Option nicht. Auch aus diesem Grund sind internationale Anstrengungen zur kooperativen Sicherung trägerbasierter Sammlungen wichtiger denn je – ein Arbeitsbereich, in dem sich das Phonogrammarchiv mit seiner speziellen Expertise im Feld historischer Tonträger schon lange engagiert.

Sicherheitsplanung für den neuen Standort

Die Anlässe dafür sind traurig und besorgniserregend, doch für das Phonogrammarchiv kommt der aktuelle Fokus auf Krisen und Katastrophen in der Fachgemeinschaft zur richtigen Zeit: Der schon lange überfällige und im kommenden Jahr endlich Realität werdende Umzug des Archivs nach fast 100 Jahren am jetzigen Standort verleiht Fragen von Risiken und Gefahren, Sicherheit und Zugang eine sehr praktische Dimension. Gilt es doch, die neue Liegenschaft so krisen- und katastrophensicher wie möglich zu gestalten, gleichzeitig aber auch im Verbund mit verwandten Institutionen und der Feuerwehr verlässliche Notfallpläne zu entwerfen und das richtige Verhalten im Katastrophenfall zu trainieren.

Ziel kann nur sein, die physische Unversehrtheit der einzigartigen Sammlungen des Phonogrammarchivs wie auch ihre digitale Sicherheit zu gewährleisten. Als ältestes Schallarchiv der Welt ist sich das Phonogrammarchiv hier seiner besonderen Verantwortung bewusst. Schließlich geht um nichts weniger als den Erhalt und die Verfügbarmachung österreichischen Wissenschaftserbes der letzten 125 Jahre in Bild und Ton, das zu großen Teilen zugleich unikales Kulturgut globaler Provenienz an der Schnittstelle materiell/immateriell darstellt.

 

Kerstin Klenke