SOUNDS & SIGHTS OF SCIENCE #55
03.07.2026
WAS IST ZU HÖREN?
Als 1901 drei Exemplare des im Phonogrammarchiv neu konstruierten Archiv-Phonographen auf ihre Benutzerfreundlichkeit und Reisetauglichkeit getestet werden sollten, stattete das Phonogrammarchiv neben zwei philologischen „Probe-Unternehmungen“ auch eine botanische Expedition der Akademie der Wissenschaften nach Südbrasilien mit einem solchen Gerät aus. Ihr Hauptstützpunkt war São Paulo. Dort mussten am 7. Juli vor 125 Jahren auch die Tonaufnahmen gemacht werden, da aufgrund des hohen Gewichts des Apparats samt Wachsplatten und Zubehör „ein Transport desselben durch Maulthiere unmöglich“ war (Exner 1902: 15, 28).
Die zehn Phonogramme, aufgenommen von Fritz Kerner und Richard Wettstein, enthalten vor allem Wortlisten. Gesprochen wurden sie abwechselnd von Joaquim Bento und Samuel Américo dos Santos – zwei Vertretern der indigenen Guaraní, die man dazu „bewegen“ konnte, ihr Siedlungsgebiet im Raum von Conceição de Itanhaém zu verlassen (Wettstein 1901: 216). Die ersten beiden Aufnahmen beginnen mit Bezeichnungen für den Menschen, Verwandtschaftsbeziehungen und Körperteile:

Übersetzung:
Mann – Frau – Kind – Knabe – Mädchen – Eltern – Vater – Mutter – Bruder – Schwester – Sohn – Tochter – Kopf – Augen – Ohren – Nase – Mund
WAS IST DARAN BESONDERS INTERESSANT?
Diese Phonogramme gelten als die weltweit ältesten Tondokumente des Guaraní und sind vermutlich die ersten wissenschaftlichen Tonaufnahmen Brasiliens überhaupt. Während Wettstein (ibid.) noch von der „wenig bekannten und heute aussterbenden Guarani-Sprache“ berichtete, wird Guaraní heute von über sechs Millionen Menschen gesprochen. Es ist zudem – neben Spanisch – Amtssprache Paraguays; in Brasilien stellen die Guaraní die größte indigene Gruppe dar.
Bemerkenswert ist auch die auf dem Protokollblatt detailliert festgehaltene Aufnahmemethode:

Praktiken wie die Vermittlung über zweisprachige Personen bzw. Dolmetscher, die vorherige schriftliche Fixierung oder das Soufflieren wurden auch bei anderen phonographischen Feldforschungen angewandt, sind heutzutage jedoch nicht mehr üblich.
WIE BESCHÄFTIGE ICH MICH DAMIT?
Gerade bei Tonaufnahmen wie diesen, die bereits vor 27 Jahren in Serie 1 der CD-Edition veröffentlicht wurden, lohnt sich eine erneute Beschäftigung. Sie liefert zum einen durch zwei uns damals unbekannte Fotografien (s.u.) einen wertvollen Beitrag zur Kontextualisierung. Zum anderen erlaubt sie nun einen Nachtrag zur Rezirkulierung dieser Aufnahmen, wie dem Bericht zu einem Projekt zu entnehmen ist, an dem der Urenkel von Samuel Américo dos Santos, Cristiano Kiririndju, maßgeblich beteiligt war. Und schließlich sei auf den seinerzeit noch nicht erschlossenen Nachlass Wettstein (Archiv der Universität Wien) verwiesen, der Einblicke in die Vorbereitung der Forschungsreise bietet – vom Versand von Munition bis hin zur Versorgung mit Mattonis Mineralwasser.
Christian Liebl ist Kurator der Historischen Sammlungen des Phonogrammarchivs.
QUELLEN
Exner, Sigmund. 1902. „II. Bericht über den Stand der Arbeiten der Phonogramm-Archivs-Commission“. Anzeiger der mathem.-naturwiss. Klasse der kais. Akademie der Wissenschaften in Wien 39 (Beilage).
Wettstein, R. v. 1901. „Übersendung dreier Berichte über die Arbeiten der brasilianischen Expedition“. Anzeiger der mathem.-naturwiss. Klasse der kais. Akademie der Wissenschaften in Wien 38 (Nr. XIX): 216–220.


