SOUNDS & SIGHTS OF SCIENCE #51
06.03.2026
WAS IST ZU SEHEN?
Am 1. Dezember 1944, während die Rote Armee Wien immer näher kam, erschien im Neuen Wiener Tagblatt ein kurzer Artikel mit dem Titel „Hüterin eines Wunders“ (S. 3). Der Text beschrieb die Arbeit der kommissarischen Leiterin des Phonogrammarchivs (PHA), Elfriede Ruth (1915–2008), geb. Kapeszky, später verh. Hermann – ohne ihren Namen zu nennen. Sie arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits fünf Jahre am Archiv und war bis zu ihrer vorzeitigen Pensionierung Ende 1968 aktiv.
WAS IST DARAN BESONDERS INTERESSANT?
Trotz ihrer langen und zeitweise leitenden Tätigkeit am PHA bleibt die Person und die Arbeit von Elfriede Kapeszky, insbesondere während der NS-Zeit, unterbelichtet. Die fehlende Nennung ihres Namens im Artikel scheint dafür symptomatisch. Kapeszky kam direkt nach ihrer Promotion zu einem zoologischen Thema 1939 auf Empfehlung Walter Ruths ans PHA. Das „illegale“ NSDAP-Mitglied Ruth hatte 1938 nach dem „Anschluss“ und der Zwangspensionierung und Emigration des vormaligen jüdischen Leiters des PHA, Leo Hajek, die Leitung des Archivs übernommen. Kapeszky heiratete Ruth 1943 kurz vor seiner Einberufung in die Wehrmacht und übernahm seine Funktionen bis zu seiner Wiedereinstellung 1948. Ihre ambivalenten und mehrfachen Rollen – als wissenschaftliche Leiterin, Technikerin und Laborantin, ihrem Gatten an der „Heimatfront“ und dem PHA-Betrieb in „tüchtiger Pflichterfüllung“ ergeben und doch auf eine Weise unsichtbar – werfen dabei ein Schlaglicht auf die Position von Frauen im NS-Wissenschaftsbetrieb.
WIE BESCHÄFTIGE ICH MICH DAMIT?
Im Rahmen eines Forschungsprojekts beschäftige ich mich mit der Geschichte des PHA während der NS-Zeit. Anlässlich der Übersiedlung des PHA im Herbst 2025 in die Kegelgasse liegt ein besonderer Schwerpunkt des Projekts auf den räumlichen Begebenheiten am ehemaligen Standort Liebiggasse und auf sozialgeschichtlichen Aspekten der PHA-Institutionsgeschichte. Es ist ein Ziel des Projekts, auch die bislang wenig beachtete Rolle von Elfriede Kapeszky im PHA greifbarer zu machen und kritisch zu hinterfragen.
Jonas Löffler ist Historiker und Musikwissenschaftler. Er arbeitet am Phonogrammarchiv gemeinsam mit Jasemin Khaleli als Postdoc im Rahmen des von der Stadt Wien (MA 7) geförderten Forschungsprojekts „Raum Be-/Ergreifen: Das Phonogrammarchiv und der Standort Liebiggasse im Wien der NS-Zeit“.
QUELLEN
w.f.m., „Hüterin eines Wunders“, Neues Wiener Tagblatt 321 (01.12.1944), S. 3.
Archiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften: Personalakt Elfriede Hermann
Feichtinger, Johannes und Mazohl, Brigitte (Hrsg.) (2022): Die Österreichische Akademie der Wissenschaften 1947–2022. Eine neue Akademiegeschichte (= Denkschriften der Gesamtakademie LXXXVIII, Band 2). Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Graf, Walter (1964): „Aus der Geschichte des Phonogrammarchivs der Österreichischen Akademie der Wissenschaften“, in: Bulletin phonographique 6, 9–39.

