SOUNDS & SIGHTS OF SCIENCE #50
06.02.2026
WAS IST ZU HÖREN?
Wir hören den Beginn einer „Jagd-Episode“ in Dialogform, vorgetragen von einem 22-jährigen Oberösterreicher im mittelbairischen Dialekt seines Geburtsortes, Unterach am Attersee (Salzkammergut). Als Student der Medizin an der Universität Wien belegte er auch Vorlesungen bei Sigmund Exner, seines Zeichens nicht nur Gründervater des Phonogrammarchivs, sondern vor allem Ordinarius am Institut für Physiologie; Exners Todestag jährte sich am 5. Februar übrigens zum 100. Mal.
Am Physiologischen Institut in der Währinger Straße 13 (Wien IX.) war damals auch das „Laboratorium“ der „Phonogramm-Archivs-Commission“ untergebracht, in dem der Assistent Fritz Hauser mit seinem Archiv-Phonographen am 19. Februar 1901 die Stimme des Studenten für die Nachwelt aufzeichnete:
WAS IST DARAN BESONDERS INTERESSANT?
Zum einen handelt es sich bei dem vor 125 Jahren entstandenen Phonogramm (Dauer: ca. 1½ Minuten) wohl um die älteste – für wissenschaftliche Zwecke angefertigte – Aufnahme eines in Österreich gesprochenen deutschen Dialekts (vgl. dazu die CD-Publikation von Wilfried Schabus, die neben Transkription und oben zitierter Transliteration auch linguistische Anmerkungen und Erläuterungen zum jägersprachlichen Fachvokabular enthält).
Zum anderen wurde dieses Tondokument am 2. August 1903 auch Kaiser Franz Joseph vorgespielt – ein in zweifacher Hinsicht passendes Beispiel: Der Kaiser war bekanntlich passionierter Jäger, und sein bei der Audienz in Ischl entstandenes Stimmporträt erwähnt zudem das Vorhaben, „sämtliche Sprachen und Dialekte“ der Monarchie „phonographisch zu fixieren“ – was 1903 dann mit Feldforschungen von Primus Lessiak und Josef Schatz auch begann (s. Online-Katalog).
WIE BESCHÄFTIGE ICH MICH DAMIT?
Ist das Protokollblatt – wie hier – der einzige Beleg, muss ich mich für eine umfassende Kontextualisierung auf die Suche nach externen Quellen begeben. So erfahren wir einerseits erst aus Zeitungsberichten (u.a. im Neuen Wiener Journal) von der Präsentation dieser „oberösterreichische[n] Dialectprobe“ in der Kaiservilla zu Ischl. Andererseits lassen Recherchen im Archiv der Universität Wien, im Taufbuch der Pfarre Unterach am Attersee bzw. im dortigen Gemeindeamt sowie wiederum in Zeitungsartikeln vermuten, dass der Name des Phonographierten („Paul Angelis“) eine Verschreibung für Karl Angelis (22.10.1878 – 27.3.1957) sein dürfte, der nach der Promotion 1907 seinem gleichnamigen Vater als Gemeindearzt nachfolgte (s. Tages-Post); ein „Paul“ ist hingegen weder im Taufbuch noch als Medizinstudent nachgewiesen, und mit einem „Karl“ beginnt ja immerhin auch der Dialog ...
Christian Liebl ist Kurator der Historischen Sammlungen des Phonogrammarchivs.

