WAS IST ZU HÖREN?
Im April 1958 entstand in Addis Abeba eine amharischsprachige Tonaufnahme, die später als „Stimmporträt Seiner Majestät Haile Selassie I., Kaiser von Äthiopien“ (Signatur B 5540) im Phonogrammarchiv archiviert wurde.
Der Neguse Negest („König der Könige“) verlas darin einen Text, der die uralte Geschichte Äthiopiens, seine Unabhängigkeit gegenüber Kolonialmächten und seine moderne internationale Vernetzung thematisierte. Seine Führungsrolle verstand er als göttlich legitimiert.

Ras (wörtlich „Kopf“, in der Bedeutung etwa „Fürst“) Tafari Makonnen (1892–1975) regierte von 1930 bis 1974 unter dem Thronnamen Haile Selassie I. („Macht der Dreifaltigkeit“) als letzter Kaiser Äthiopiens. Nach einem Putsch unter der Führung von Mengistu Haile Mariam übernahm der sogenannte Derg, ein marxistisch-leninistisches Militärregime, die Macht und verwandelte Äthiopien in eine sozialistische Diktatur.
WAS IST DARAN BESONDERS INTERESSANT?
Diese Stimmaufnahme eines Kaisers ist selten; neben ihr existiert im Phonogrammarchiv einzig jene von Kaiser Franz Joseph I. aus dem Jahr 1903. Interessanterweise wurde die Rede des Löwen von Juda, wie der äthiopische Kaiser auch genannt wurde, bislang weder neu transkribiert, noch übersetzt oder quellenkritisch ausgewertet. Zudem fehlt im Archiv eine Dokumentation der Textgenese, sodass die wissenschaftliche Rekonstruktion externe Recherchen erfordert.
Der Löwe von Juda ist ein biblisches Symbol für die königliche Macht des Stammes Juda, wie in der Genesis (49,9) beschrieben. Haile Selassie I., der traditionell als direkter Nachkomme der salomonischen Dynastie zugeschrieben wurde, steht für Afrikas spirituelle und politische Führung. Innerhalb der jamaikanischen Rastafari-Bewegung wird er als wiedergekehrter Messias verehrt, dessen Befreiungsideale unter anderem im posthum veröffentlichten Reggae-Song „Iron Lion Zion“ von Bob Marley Ausdruck fanden.
WIE BESCHÄFTIGE ICH MICH DAMIT?
Die Arbeit mit historischen Tonaufnahmen zählt zu meinen Forschungsschwerpunkten. Dabei bin ich im direkten Austausch mit Herbert Prasch, der die Aufnahme während der Österreichischen Transafrika-Expedition (1957–1959) anfertigte.
Prasch, damals 24 Jahre alt und später Tonmeister bei Filmen von Regisseuren wie Werner Herzog („Aguirre, der Zorn Gottes“, 1972) und Franz Antel („Der Bockerer II“, 1996), lieferte wertvolle Informationen zu Ort, Zweck und Rahmen der Aufnahme. Besonders eindrücklich schilderte er die Fütterung eines zahmen Löwen durch den Kaiser im Palastgarten, von der noch Fotografien existieren.
Ich danke ihm herzlich für informative Gespräche und die Genehmigung zur Nutzung von Quellen aus seinem Privatarchiv.
Clemens Gütl ist Afrikahistoriker und als Kurator für den Sammlungsschwerpunkt Afrika verantwortlich. Er forscht wissenschaftshistorisch zu Beständen des Phonogrammarchivs und zur Kolonial- und Missionsgeschichte Afrikas.
QUELLEN
„Erfolgreiche ‚Handlanger der Wissenschaft‘. Durchquerung der Nubischen Wüste – Fünf Mann auf Safari.“ Wiener Zeitung, 7. April 1959: 5.
Lersch, Max und Walter Eder. 1961. Auf den Pisten Afrikas. Erlebnisse der Österreichischen Transafrika-Expedition zwischen Tunis und Rhodesien. Leipzig: F.A. Brockhaus.
Prasch, Herbert. 2025. „Der Löwe von Juda.“ [unveröffentlichtes Typoskript].
LINKS
„Das abenteuerliche Leben des Tonmeisters Herbert Prasch“. Beitrag auf ORF-Radio Ö1 in der Reihe „Hörbilder“, ausgestrahlt am 10. August 2024. (Zugriff: 09.11.2025)
„Stimmporträt Seiner Majestät Haile Selassie I., Kaiser von Äthiopien“. Metadaten-Eintrag zur Tonaufnahme B 5540 im Online-Katalog des Phonogrammarchivs der ÖAW. (Zugriff: 24.11.2025)



