WAS IST ZU HÖREN?
Auf der Aufnahme spricht ein junger Medizinstudent über den Verlust seiner Südtiroler Heimat im Kontext der im Hitler-Mussolini-Abkommen ausgehandelten „Option“, ins Deutsche Reich zu emigrieren. Dieser Ausschnitt unterscheidet sich auffällig von anderen Südtiroler Sprachproben, die im Juli 1940 in Innsbruck gemacht wurden und die überwiegend örtliche Erzählungen und Legenden beinhalten. Stattdessen gibt er Einblick in die Wahrnehmung eines mutmaßlichen „Rücksiedlers“. So klagt der in Moos im Passeier Gebürtige schlussendlich: „Aber lieber tun wir das große Opfer bringen, als unser deutsches Blut zu verleugnen (…) das wäre ein himmelschreiendes Verbrechen“.
WAS IST DARAN BESONDERS INTERESSANT?
Nach dem „Anschluss“ stellte sich auch das Phonogrammarchiv (PhA) „in den Dienst nationalsozialistischer Erziehung“ (Ruth 1940, S. 90). Mit der Intention, die Dialekte von sog. Volksdeutschen konservierend zu bewahren, ist dieser Bestand Teil der Sprachaufnahmen, die während des Krieges einen Tätigkeitsschwerpunkt bildeten. So waren die Südtiroler Mundartaufnahmen von Walter Ruth, dem Leiter des PhA, initiiert und im Juli 1940 im Geologischen Institut der Universität Innsbruck durchgeführt worden. Dass hierzu überwiegend Studierende anstelle der „Lagerinsassen“ in den „Durchgangslagern“ herangezogen wurden, begründete Ruth mit logistischen Gründen und dem Umstand, dass sie „kraft Ihrer Intelligenz der gestellten Aufgabe […] besser gewachsen waren“ (Ruth 1940, S. 104). Ruth hatte sich bereits als „Illegaler“ „weltanschaulich voll qualifiziert“ (Feichtinger & Mazohl 2022, S. 18) gezeigt und war nach der Vertreibung seines jüdischen Vorgängers Leo Hajek mit der Leitungsposition betraut worden, in der er noch bis 1956 blieb.
WIE BESCHÄFTIGE ICH MICH DAMIT?
80 Jahre nach Kriegsende erfährt die nationalsozialistische Verstrickung des PhA erneut Beachtung: Im Sinne einer historischen Verantwortungsübernahme und auch vor dem Hintergrund der Übersiedlung des PhA an den neuen Standort soll ein aktuelles Forschungsprojekt zur Wissensbildung über die institutionellen Vorgänge ‚von innen heraus‘ beitragen. Auch stellen die Südtiroler Dialektaufnahmen Zeitdokumente dar, die es örtlich rückzubinden und deren politischen Kontext es zu erinnern gilt: Für einen Hör-Weg im Rahmen der Umsetzung des neuen Gedenkorts rund um das ehemalige Arbeitserziehungslager Innsbruck-Reichenau setzt sich die Künstlerin Ricarda Denzer (Angewandte) mit den Aufnahmen auseinander. Sie ist eine Kooperationspartnerin des PhA im Rahmen des ÆSR Lab.
Bio:
Jasemin Khaleli ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Phonogrammarchiv im Rahmen des ÆSR Lab. Im Oktober beginnt unter ihrer Leitung und unter der Mitarbeit von Dr. Jonas Löffler das von der Stadt Wien geförderte Forschungsprojekt „Raum Be-/Ergreifen: Das Phonogrammarchiv und der Standort Liebiggasse im Wien der NS-Zeit“.
Quellen:
Feichtinger, Johannes und Mazohl, Brigitte (Hrsg.) (2022). Die Österreichische Akademie der Wissenschaften 1947-2022. Eine neue Akademiegeschichte. Wien: VÖAW (Denkschriften der Gesamtakademie LXXXVIII, Band 2).
Ruth, Walter (1940). „Bericht über Südtiroler Mundartaufnahmen im Sommer 1940“. In: Anzeiger der phil.-hist. Klasse der ÖAW 77, 104-106.
Ruth, Walther (1940). „Das Phonogrammarchiv der Akademie der Wissenschaften in Wien und seine Aufgaben“, 72. Mitteilung der Phonogrammarchivs-Kommission, 87-98.
Links:
Die Aufnahmen sind unter „Schatz: Innsbruck 1940“ in der Datenbank aufzufinden. Der Mundartforscher Josef Schatz, ordentliches Mitglied der ÖAW, wurde mit der wissenschaftlichen Projektleitung in Innsbruck betraut.
Weiterführende Informationen zum neuen Gedenkort Reichenau und Links zur Broschüre finden sich hier auf deutsch und englisch.


