WAS IST ZU HÖREN?
Thomas Koschat, laut Protokoll zur Aufnahme „k.k. Hofcapellsänger u. Componist“, spricht über die Besonderheiten des Kärntnerliedes. Der am 8. August 1845 in Viktring/Klagenfurt Geborene begann nach der Matura ein technisches Studium – seine große Leidenschaft galt allerdings der Musik, und so verbrachte er mehr als vierzig Jahre als Sänger im Dienst der Wiener Hofoper. Er gründete auch mehrere Männerquintette, mit denen er im In- und Ausland erfolgreich war, und führte volksmusikalische Feldforschungen in Kärnten durch.
WAS IST DARAN BESONDERS INTERESSANT?
Koschat hat nicht nur Volkslieder in Kärnten gesammelt, sondern auch selbst komponiert und seinen eigenen „volkstümlichen“ Stil kreiert. Zeitgenossen kritisierten sein Schaffen heftig. Vor allem in der Zeitschrift Das deutsche Volkslied sah er sich durch Josef Pommer und andere einem regelrechten Shitstorm ausgesetzt. Koschats „Lieder im Volkston“ seien „weichlich, sentimental, unwahr und wertlos“. Derartige Werke (auch anderer Komponisten) seien zurückzuweisen, da sie nicht das „echte, wirkliche“ Volkslied repräsentierten. Auch der Volksliedforscher Franz Friedrich Kohl bezeichnete seine Werke abfällig als „Koschatiaden“.
Ungeachtet dessen waren Koschats Stücke beim Publikum äußerst beliebt. Sein Lied „Verlåssn, verlåssn“ und das „Jägerständchen“ (besser bekannt als „Schneewalzer“) wurden zu wahren Schlagern, die heute noch häufig aufgeführt werden und in unzähligen Bearbeitungen vorliegen.
WIE BESCHÄFTIGE ICH MICH DAMIT?
Mein Interesse an der Fachgeschichte der Volksmusikforschung resultiert aus der kuratorischen Arbeit mit unseren umfangreichen Beständen zu Musik aus Österreich. Die Frage nach Echtheit bzw. Authentizität beschäftigte die österreichische Volksmusikforschung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts intensiv. Auch bei den Volksliedersingen der RAVAG in den 1930er-Jahren ging es darum, nur „echte“ Volkslieder aufzunehmen und zu senden. Stücke wie solche aus der Feder Koschats wären bei diesen Veranstaltungen nicht akzeptiert worden – laut Georg Kotek, einem der Organisatoren, seien diese vom Volksliedstandpunkt aus „unbedingt abzulehnen“.
Im Laufe der letzten 100 Jahre hat sich freilich sowohl der wissenschaftliche als auch praktische Zugang zu Volksmusik und populärer Kultur grundlegend verändert: Die Volksmusikforschung hat ihre Themenfelder erweitert, indem sie u.a. Musik von Minderheiten sowie Popularmusik miteinbezieht, und genreübergreifendes Musizieren ist heute vielfach eine Selbstverständlichkeit.
Katharina Thenius-Wilscher ist Musikwissenschaftlerin am Phonogrammarchiv und Kuratorin für (Volks-)Musik in Österreich.
QUELLEN
Das deutsche Volkslied: v.a. die Jahrgänge 1/5 (1899), 2/8 (1900) und 36/8 (1934)
Franz Friedrich Kohl (Hg.). 1899. Echte Tiroler-Lieder: Vorwort


