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SOUNDS & SIGHTS OF SCIENCE #40

Wiederkehr in die verlorene Heimat? Yarkhichi Bolo und die Tragödie von Khait – vorgestellt von Weronika Zmiejewski

04.04.2025

Was ist zu sehen?

In diesem Ausschnitt eines Protokolls des Phonogrammarchivs, das 1944 im Zuge von Tonaufnahmen eines jungen Tadschiken erstellt wurde, ist der Geburtsort des Mannes vermerkt: „Gebiet: GARM, Bezirk: HAJIT, Dorf: JERHITSCHI-BALA“. Die Suche nach Yarkhichi Bolo (Ярхичи-Боло) in Khait, wie die Region und das Dorf gemäß tadschikischer Transliteration heißen, in Online-Karten und sowjetischen Atlanten weckt die Erinnerung an ein wenig bekanntes, aber äußerst tragisches Ereignis in der tadschikischen Geschichte.
 

 
Was ist daran besonders interessant?

Im Juli 1949 erschütterte ein gewaltiges Erdbeben die Region Khait im zentralen Tadschikistan. Die Erdstöße lösten massive Erd- und Felsrutsche aus, von denen der größte Erdrutsch – ein Block von 250 Millionen Kubikmetern – von der Spitze des Borgulchak-Felsens abbrach. Diese gigantische Felsmasse verwandelte sich in einen gewaltigen Strom aus Gestein und Erdmassen, der die Täler hinunterraste, das Yarkhich Flussbett erstickte und dabei das regionale Zentrum Khait und die umliegenden Dörfer in wenigen Augenblicken unter sich begrub (Sidorin 2020; Evans et al. 2009; Yablokov 2001).

Mit Unterstützung des Instituts für Iranistik (ÖAW) gelang es, das Dorf Yarkhichi Bolo, das heute wieder über 200 Einwohner zählt, in vorsowjetischen Atlanten und seismischen Karten aus postsowjetischer Zeit zu identifizieren. Demnach lag Yarkhichi Bolo, der Herkunftsort des jungen tadschikischen Sprechers, entweder im direkten Epizentrum des Erdbebens oder nur vier bis sieben Kilometer davon entfernt und war daher auch der Zerstörung ausgesetzt. Diese Naturkatastrophe, bei der schätzungsweise 7.200 bis 28.000 Menschen ums Leben kamen, ereignete sich nur fünf Jahre, nachdem der junge Mann im Phonogrammarchiv von Hochzeitsriten aus seiner Heimat berichtete. Doch wie können Aufnahmen unter den Nachfahren oder in der Herkunftsgemeinschaft (re-)zirkuliert werden, wenn die ursprüngliche Heimat des Sprechers nicht mehr existiert?

Wie beschäftige ich mich damit?

Im Zentrum meines vom FWF geförderten Forschungsprojekts steht die (Re-)Zirkulierung historischer Tonaufnahmen, die während des Zweiten Weltkriegs im Phonogrammarchiv von Personen aus Zentralasien gemacht wurden. Ein wesentlicher Schritt dieses Rekontextualisierungsprozesses besteht in der Identifizierung der Herkunftsorte der aufgenommenen Personen. Wie die Ortsrecherche nach Yarkhichi Bolo zeigt, öffnet der biografische Einblick in das Leben des jungen Tadschiken den Weg zur Auseinandersetzung mit einem tragischen Ereignis der sowjetischen Geschichte Tadschikistans. Die Hörbarwerdung dieser Tonaufnahmen im Kreis der Nachfahren oder dem heutigen Yarkhichi Bolo spielt eine zentrale Rolle in der Entscheidung über den zukünftigen Umgang mit Tonaufnahmen. Sie bietet auch die Möglichkeit, Erinnerungen und heutige lokalgeschichtliche Perspektiven dieser Gemeinschaften zu erforschen.


 

Weronika Zmiejewski ist Ethnologin mit regionalen Schwerpunkten Zentralasien und Kaukasus und arbeitet seit September 2024 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Phonogrammarchiv. Im Rahmen ihres vom FWF geförderten Projekts („Unbequeme Vorfahren – problematisches Gedenken: Zentralasien in den Wiener Aufnahmen des Phonogrammarchivs aus dem zweiten Weltkrieg“, ESP 575-G) beschäftigt sie sich mit der Aufarbeitung des Zentralasienbestandes des Phonogrammarchivs.

 

Literatur

Evans, S.G., Roberts, N.J., Ischuk, A., Delaney, K.B., Morozova, G.S., & Tutubalina, O.V. (2009). Landslides triggered by the 1949 Khait earthquake, Tajikistan, and associated loss of life. In: Engineering Geology, 109, 195–212.

Sidorin, A. Ya. (2020). On the 70th anniversary of the 1949 Khait Earthquake in Tajikistan. In: Seismic Instruments, 56, no. 4, 491–500.

Yablokov, A. (2001). The tragedy of Khait: A national disaster in Tajikistan. In: Mountain Research and Development 21, no. 1, 91–93.