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SOUNDS & SIGHTS OF SCIENCE #35

Stimmporträt Olga Wisinger-Florian (1906) – vorgestellt von Christian Liebl

01.11.2024
Olga Wisinger-Florian, ca. 1897; Quelle: Wikimedia Commons
Olga Wisinger-Florian, ca. 1897; Quelle: Wikimedia Commons

Was ist zu hören?

Zu uns spricht die Malerin Olga Wisinger-Florian, die am 1. November 1844, also vor 180 Jahren, in Wien geboren wurde und schließlich zu einer der prominentesten Künstlerinnen des Fin de Siècle avancieren sollte; auch in der Frauen- und Friedensbewegung maßgeblich engagiert, verstarb sie hochgeehrt am 27. Februar 1926 in Grafenegg (NÖ).

Dieses Stimmporträt entstand knapp 20 Jahre zuvor, am 3. Juli 1906, als das Phonogrammarchiv, wie im Tagebucheintrag – „[…] ins phisiologische Museum, meine Stimme aufgenommen ins Archiv […]“ – angedeutet, noch im Physiologischen Institut der Universität Wien (IX., Währinger Straße 13) untergebracht war, dessen Ordinarius Sigmund Exner zugleich als Gründungsobmann der damaligen Phonogramm-Archivs-Kommission fungierte. Dank der Expertise von Johannes Spitzbart ist das Phonogramm Ph 240 nun erstmals seit seiner Veröffentlichung auf CD (Stimmporträts, 1999) in einer optimierten Fassung zu hören.

„Um in der Kunst etwas zu erreichen, gehört vor allem Fleiß dazu, denn Talent ohne Fleiß bringt es absolut zu nichts. Ich habe im späten Alter zu malen begonnen; ich war sechsunddreißig Jahre alt, wie ich zu studieren anfing, und habe es doch schließlich zu etwas gebracht, aber mit dem größten Aufwand an Fleiß und Energie.“

Was ist daran besonders interessant?

Die vermutlich wohlüberlegte Aussage von Olga Wisinger-Florian verdient in zweierlei Hinsicht Beachtung: Zum einen beginnt für sie ihr Studium der Malerei offensichtlich erst 1880, also als Schülerin von Emil Jakob Schindler, obwohl sie bereits ab 1874 Malunterricht genommen hatte. Zum anderen relativiert sie die Rolle des Genies, indem sie als Spätberufene dem künstlerischen Talent die überragende Bedeutung von Fleiß entgegensetzt, der sich – zusammen mit ihrer überschäumenden, fast rastlosen Energie – auch in ihren Tagebüchern offenbart.

Das Protokollblatt zur Aufnahme ist ebenfalls interessant, denn im Falle der Stimmporträts wurden die Angaben zu den „Phonographirten“ von den aufgenommenen Personen oft eigenhändig hinzugefügt, womit Wisinger-Florian dem Phonogrammarchiv auch zugleich ein Autograph hinterlassen hat.

Und schließlich war sie eine von nur acht Frauen, deren Tonaufnahmen in die Sammlung der Stimmporträts Eingang gefunden haben, was ihren außergewöhnlichen Rang als auch in gesellschaftlicher Hinsicht arrivierte Künstlerin noch unterstreicht.

Wie beschäftige ich mich damit?

Schon seit langem arbeite ich daran, die bereits vor 25 Jahren erschienenen Stimmporträts des Phonogrammarchivs durch kontextualisierende Forschungen um neue Aspekte zu ergänzen – und so kann hier nun beispielsweise erstmals eine Abbildung des entsprechenden Tagebucheintrags präsentiert werden. Außerdem ist es mir ein Anliegen, unsere Stimmporträts im Rahmen von Vorträgen oder Online-Publikationen bekannter zu machen und sie als wertvolle Bereicherung von Ausstellungen zu positionieren. Im konkreten Fall etwa erlaubt das Tondokument als akustisches Selbstzeugnis ohne Zweifel einen einzigartigen, unmittelbaren Einblick in die künstlerische Persönlichkeit.
 

Christian Liebl ist Kurator der Historischen Sammlungen des Phonogrammarchivs.

LINKS

Näheres zur bemerkenswerten Biographie von Olga Wisinger-Florian ist z.B. folgenden Online-Quellen zu entnehmen: ÖBL, Wien Geschichte Wiki, Frauen in Bewegung 1848–1938. Stellvertretend für ihre Malerei, die stilistisch vom „Poetischen Realismus“ bzw. „Stimmungsrealismus“ bis zum (frühen) „Farbexpressionismus“ reicht, seien zudem zwei Bilder aus dem Jahr der Tonaufnahme (1906) angeführt: „Gartenweg des Riviera Palace Hotels bei Monte Carlo“ und „Ulmenallee in Euxinograd“.

Kunsthandel Giese & Schweiger
 

LITERATUR

Giese, Alexander Koloman. 2018. Olga Wisinger-Florian. Leben und Werk. Vom Poetischen Realismus zum Farbexpressionismus. Dissertation, Universität Wien.

Holaus, Bärbel. 2004. „Olga Wisinger-Florian – Weibliches Talent mit ,… riesiger männlicher Energie‘“. In: Gerbert Frodl & Verena Traeger (Hg.). 2004. Stimmungsimpressionismus. Wien: Österreichische Galerie Belvedere, 289–304.