Was ist zu hören?
Dieser Ausschnitt aus einer mehrstündigen Tonaufnahme – aufgenommen vom iranisch-österreichischen Forscher Bahram Gharedaghi, der die Aufnahme 2007 dem Phonogrammarchiv anvertraute – markiert den Beginn einer Zār-Veranstaltung. Derartige Zeremonien werden in der Golfregion zu Ehren bestimmter Zār-Geister durchgeführt.
Im Rahmen des sogenannten Zār-Kults wird von der Existenz unterschiedlicher Arten von Zār-Geistern ausgegangen. Jeder Mensch, so die Vorstellung, besitzt vier bis fünf Zār-Geister, die stets aufs Neue nach ihren jeweiligen Bedürfnissen und Wünschen befragt werden müssen – sie zu ignorieren könnte für die Betroffenen unangenehme Folgen haben. Ziel ist es, mit den jeweiligen Zār-Geistern zu kommunizieren, um mit ihnen im Einklang zu leben – nicht jedoch deren Vertreibung!
Was ist daran besonders interessant?
Während der Zār-Kult für Ägypten und Teile Ostafrikas wissenschaftlich relativ gut dokumentiert ist, können rezente themenbezogene Ethnographien für den süd- und ostarabischen Raum als Desiderat bezeichnet werden. Zār-Rituale werden in dieser Gegend – nahezu ausschließlich – von einer marginalisierten Bevölkerungsgruppe veranstaltet, die in den unmittelbaren Küstengebieten lebt und mit heftigen Ressentiments seitens der Mehrheitsbevölkerungen zu kämpfen hat. So werden die Anhänger*innen des Zār-Kults (Eigenbezeichnung: ahl zirān) im Iran bisweilen als „schwarze Araber“ bezeichnet, und es wird behauptet, dass sie die Nachfahren früherer Sklav*innen aus Afrika wären. Demgegenüber stehen Diskurse, wonach diese Menschen „immer schon“ in den jeweiligen Gebieten gelebt hätten.
Interessanterweise werden die Zār-Geister in den emischen Klassifikationen nicht nur mit personalen, sondern auch mit kollektiven bzw. „ethnischen“ Identitätskonstruktionen verknüpft. Dazu passt, dass diese Geistwesen ihrem Charakter nach als Doppelgänger des Menschen aufgefasst werden, die – auch – unterschiedlichen Weltregionen und einer (imaginierten) „ursprünglichen Heimat“ zuordenbar sind.
Wie beschäftige ich mich damit?
Im Rahmen meines Forschungsschwerpunkts zu Formen der gelebten Religion im Nahen Osten hatte ich im Herbst 2008 die Gelegenheit, in den iranischen Provinzen Khuzestan, Bushehr, Hormozgan und Fars ethnographische Pilot-Studies durchzuführen. Das forschungsleitende Interesse galt u.a. den konzeptionellen Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Dämonologie arabischsprachiger Gruppen.
Gebhard Fartacek ist Kultur- und Sozialanthropologe und als Kurator für die Nahostbestände des Phonogrammarchivs verantwortlich. Er forscht zu ethnisch-religiösen Grenzen, personalen und kollektiven Identitätskonstruktionen, lokalkulturellen Konfliktbewältigungsstrategien sowie zu Methoden der ethnographischen Datenerhebung im Großraum Syrien.
Link
Fartacek, Gebhard 2014: Besessenheit und Identität: Erkundungen zum Zār-Kult am Shatt al-Arab (SW-Iran). In: Anthropos 109.2014: 567-582.
Procházka Stephan & Bahram Gharedaghi-Kloucheh 2014: The zār Cult in the Shatt al-‛Arab/Arvand Region. In: Turath: configurations anthropologiques et pratiques culturelles, No. 9 (2014): 91-100.


