
Das Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ist als ältestes Schallarchiv der Welt bekannt, das seit 1899 Stimmporträts berühmter Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Arthur Schnitzler oder Giacomo Puccini sowie einzigartige Tonaufnahmen von Sprachen und Musik, Umweltgeräuschen und Tierlauten aus der ganzen Welt bewahrt, die im Laufe von über 120 Jahren von österreichischen Forscherinnen und Forschern aufgenommen wurden.
Aber Jazz im Phonogrammarchiv?
Der Internationale Tag des Jazz
Am 30. April 2022 jährt sich wieder der Internationale Tag des Jazz (auch: Welttag des Jazz), den die UNESCO 2011 erstmals ausgerufen hat. Er wurde mit einer Veranstaltung im April 2012 in Paris zum ersten Mal begangen, an der u.a. Klaus Doldinger teilnahm, der für seine Titelmelodie in der Krimiserie „Tatort“ bekannt ist. Ziel des Gedenk- und Aktionstages ist die Erinnerung an die künstlerische Bedeutung des Jazz, seine Wurzeln und die weltweiten Auswirkungen auf die kulturelle Entwicklung. Aus diesem Anlass ist es angezeigt, einen genaueren Blick in einschlägige Bestände des Phonogrammarchivs zu werfen.
Jazz im Phonogrammarchiv
Die Recherche im Katalog auf der Webpage des Phonogrammarchivs zeigt, dass der Jazz – früher im Deutschen auch das Jazz – auch hier in verschiedenen Sammlungen und Einzelaufnahmen präsent ist. So findet man diverse Gruppen, wie die „Buswale Musaayi Muto Jazzband“ aus dem Südosten Ugandas in Aufnahmen von Clemens Gütl (1996) oder in der senegalesischen Hauptstadt Dakar entstandene Videoaufnahmen des bekannten Musikers Souleymane Faye (Aufnahme: Rupert Krieger, 2005), die den Genres Jazz, Mbalax und Afropop zugeordnet ist.
Zu den afrikanischen Wurzeln von Blues und Jazz
Der weltweit anerkannte Wiener Musikethnologe Gerhard Kubik (geb. 1934), der Zeit seines Lebens vor allem zu afrikanischer Musik in Afrika und der südamerikanischen Diaspora forscht, ist im Phonogrammarchiv mit zahlreichen Tonaufnahmen vertreten, die dem Jazz zugeordnet sind, z.B. aus Sambia („Maveve Jazzband“ und die Banjo-Gruppe „Kasazi Boys Jazz“; 1979) oder Malawi („Kachamba“-, „Goboza“- und „Fumbi-Jazzband“; 1983, 1987), um nur einige zu nennen. Kubik selbst war bereits 1946 im damaligen amerikanischen Sektor mit dem Jazz in Berührung gekommen und trat später in der von Walter Terharen (1933–2014) geleiteten "Wirklichen Jazzband" (den Namen soll H. C. Artmann angeregt haben) und seiner eigenen Band "Musici" auf, die 1959 beim jährlichen Jazzfestival in Wien den ersten Preis erhielt. Im selben Jahr reiste Kubik erstmals per Autostopp nach Afrika und begann mit einem jahrzehntelangen Studium afrikanischer Musikkulturen, bei dem er u.a. auch ihren Querverbindungen zum Blues (und damit) zum Jazz auf die Spur kam.

Dokumentation des Jazz in Österreich
Unterstützt vom Kulturamt der Gemeinde Wien hat das Phonogrammarchiv in der Vergangenheit auch eigene Projekte zur „Dokumentation des Jazzlebens in Wien“ durchgeführt. Deshalb finden sich im Katalog entsprechende Eintragungen etwa zur „Original Storyville Jazzband“ (1987) oder der „Barrelhouse Jazz Band“ (1988) bei Auftritten im bekannten Club „Jazzland“ am Schwedenplatz. Auf den Aufnahmen sind u.a. der US-amerikanische Jazz-Kornettist „Wild“ Bill Davison oder Oskar Klein (Trompete), Art Farmer (Flügelhorn) oder auch der Jazzgitarrist Karl Ratzer zu hören.
Weitere Einzelaufnahmen stammen aus dem Dokumentationsprojekt „Singen und Musizieren bei aktuellen Anlässen“, in dessen Rahmen Erich und Helga Thiel eine als „New Orleans-Band“ verzeichnete Gruppe aufnahmen, die im Fasching 1981 in Bad Aussee aufspielte, sowie aus dem Projekt „Der musizierende Mensch im ländlichen Raum“ (verschiedene Big Bands, 1987 und 1989).
Rettung von Jazzaufnahmen des „Hot Clube de Portugal“
Das Phonogrammarchiv wird immer wieder aufgrund seiner technischen Expertise von anderen Institutionen konsultiert und mit der fachgerechten Restaurierung und Digitalisierung von Schallträgern beauftragt. Zu diesem Zweck gelangte 2015 die Sammlung „Hot Clube de Portugal“ aus dem Besitz des Instituto de Etnomusicologia – Centro Universidade Nova de Lisboa bestehend aus Magnetbändern, 7 Videobändern und 6 Filmen ins Phonogrammarchiv. Diese Sammlung umfasst eine weitreichende Dokumentation der portugiesischen Jazz-Szene in den 1950er- bis 1970er Jahren und ist deshalb von besonderem kulturellem Wert und Interesse. Die Aufnahmen entstanden im ältesten noch bestehenden Jazzclub Europas, dem 1948 von Luís Villas-Boas nach dem Vorbild des „Hot Club de France“ (gegr. 1932) in der portugiesischen Hauptstadt gegründeten „Hot Clube de Portugal“.

Synkopen, Skalen, Riffs – Von Dixieland bis Free Jazz
Ein Stück Jazzgeschichte lässt sich also tatsächlich auch im Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften finden. Elemente und Charakteristika des Jazz, wie Improvisation, die Synkope (natürlich in der Bedeutung als rhythmische Betonung und nicht als „Kreislaufkollaps“) oder den Melodien zugrundeliegende Tonleitern sind in zahlreichen Ton- und manchen Videoaufnahmen verewigt, die Beispiele verschiedener Jazzstile von Dixieland bis Free Jazz repräsentieren. Die Aufnahmen dienen primär der wissenschaftlichen Forschung, der das Phonogrammarchiv der ÖAW mit seinen Kernaufgaben (Sammeln – Langfristig erhalten – Erschließen und (auf vielfältige Weise) Verfügbar machen) seit jeher verpflichtet ist.
Clemens Gütl
Links:
30. April: Internationaler Tag des Jazz (UNESCO International Jazz Day)

