Für die Drusen, eine ethnisch-religiöse Minderheit, deren Hauptsiedlungsgebiete im heutigen Syrien, Libanon sowie in Israel und Jordanien liegen, ist der Glaube an Wiedergeburt (taqammuṣ) fester Bestandteil ihrer Religion: Wenn ein Mensch stirbt, wandert seine Seele in die eines Neugeborenen, wobei Drusen stets als Drusen, Männer stets als Männer und Frauen stets als Frauen wiedergeboren werden – so die Vorstellung. In seltenen Fällen kann es vorkommen, dass sich einzelne Kinder an ihr vorangegangenes Leben zurückerinnern und ihre früheren Familien suchen und wiederfinden. Genau solche besonderen Fälle, die von Drusen gemeinhin als ʿAmalīyat an-nuṭq (wörtl.: „Operation des Entsinnens“) bezeichnet werden, bildeten den Ausgangspunkt für die vorliegende Buchpublikation, die sich im Wesentlichen auf die empirischen Ergebnisse eines kürzlich abgeschlossenen FWF-Projekts stützt.
Fälle einer „bewusst-gemachten“ Wiedergeburt können verwandtschaftlich-gedachte Brücken zwischen (drusischen) Familien, Ortschaften und Regionen konstituieren. Jenseits konkreter Einzelfälle werden durch den gemeinsamen Glauben an Wiedergeburt kollektive Konstruktionen einer gemeinsamen drusischen Gruppenidentität etabliert. Dabei ist den Drusen sehr wohl bewusst, dass sie sich mit ihrem Bekenntnis zur menschlichen Wiedergeburt sehr deutlich von den Jenseitsvorstellungen der drei großen Buchreligionen unterscheiden. Gerade für eine Minderheit, deren alltäglicher Interaktionsraum durch Frontverläufe, verminte Waffenstillstandslinien und NATO-Zäune territorial begrenzt ist, können Diskurse um Wiedergeburt die Gruppenkohärenz stärken und für die betroffenen Menschen überlebensdienlich sein.
In der Diskussionsrunde wird die Situation der Drusen in den unterschiedlichen Nationalstaaten beleuchtet und hypothetisch der Frage nachgegangen, was die drusischen Konzeptionen der Wiedergeburt mit den realpolitischen Verhältnissen im Nahen Osten zu tun haben (könnten).
Termin:
Montag, 4. Juli 2022, 16:00 Uhr
Ort:
Österreichische Akademie der Wissenschaften, Sitzungssaal
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2
1010 Wien
Kontakt:
Mag. Li Huang
T: +43 1 4277-29601
PROGRAMM (pdf)
