
Tsamda County, Ngari Prefecture, Tibet Autonomous Region, China (Guge Tsering Gyalpo, 2013).
Dieses Forschungsprojekt widmet sich einem bedeutenden Corpus visueller und textlicher Dokumente in Khartse, einer abgelegenen Region in Ngari im historischen Königreich Guge im Westen Tibets. Khartse steht sowohl biografisch als auch durch die Gründung klösterlicher Stiftungen in enger Verbindung mit dem „Großen Übersetzer“ (lo chen) Rinchen Zangpo (958–1055); er war eine Schlüsselfigur der buddhistischen Renaissance in Westtibet und der folgenden Entwicklung des Buddhismus in ganz Tibet. Das Ziel der Studie ist es, die religiöse Kultur und die künstlerischen Ausdrucksformen der Region zu erforschen und dabei neue Perspektiven auf die westtibetischen Traditionen zu eröffnen. Ein zentrales Anliegen ist, dieses einzigartige Material, das weitgehend unbekannt ist, erstmals zugänglich zu machen.
Das Projekt konzentriert sich auf etwa 25 buddhistische Stätten in Khartse (Tsamda, Präfektur Ngari, Autonome Region Tibet, China) und untersucht eine unschätzbare, aber bisher wenig erforschte Sammlung von Dokumentationen, die der angesehene Historiker Prof. Guge Tsering Gyalpo zwischen 2002 und 2015 erstellt hat. Diese Tempelkomplexe und Artefakte (Höhlentempel, Sakralräume mit Wandmalereien und Skulpturen, Chörten, Thangkas, Metallstatuen, rituelle Objekte, Handschriften, Inschriften, Dokumente) zeichnen sich durch ihre außergewöhnliche künstlerische Qualität und epochenübergreifende historische Bedeutung aus. Sie bilden eines der umfassendsten und am besten erhaltenen Ensembles in West-Tibet in ihrem originalen historischen Kontext.
Dieses Corpus bietet eine einzigartige Möglichkeit, das Verständnis der westtibetischen buddhistischen Kultur, künstlerischen Ausdrucksformen und deren Einfluss über den Himalaya hinaus zu vertiefen und kritische Forschungslücken zu schließen.
Die zentralen Fragestellungen des Projekts beziehen sich auf Prozesse gesellschaftlicher sowie religiös-künstlerischer Transformationen und die sich wandelnden Interaktionsmuster zwischen Künstlern, Ideen und Objekten der materiellen Kultur. Diese werden im Kontext von Veränderungen im Stiftertum und dem Aufstieg religiöser Schulen in der Region untersucht. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der visuellen und textlichen Darstellung von Stifterpersönlichkeiten und Devotion, mit einem besonderen Fokus auf die bislang wenig erforschte Agency von Frauen in rituellen Praktiken und narrativen Traditionen sowie auf ihr Verhältnis zu weiblichen Gottheiten über verschiedene historische Epochen hinweg.
Die Studie verfolgt einen transdisziplinären Ansatz und integriert Methoden der Kunstgeschichte, materielle Kultur, Anthropologie, Epigraphik, Textanalyse und Religionsgeschichte. Durch dieses vielschichtige Forschungsdesign werden transkulturelle sowie transmediale Perspektiven eröffnet.
Die Ergebnisse dieser Forschung sollen ein ganzheitliches Verständnis der westtibetischen Kultur und ihrer künstlerischen Ausdrucksformen ermöglichen. Durch die Veröffentlichung der Ergebnisse in wissenschaftlichen Publikationen und die Zugänglichmachung der Materialien im Himalaya Archiv der Universität Wien wird das Projekt ein beispielloses Forschungstool für Wissenschaftler:innen schaffen und einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung der westtibetischen Kunst und Religionsgeschichte leisten sowie weitere wissenschaftliche Arbeiten in diesem Bereich anregen.
Projektleitung:
Christiane Kalantari
Projektmitarbeiter:
Lobsang Yongdan (ÖAW), Kurt Tropper (ÖAW), John Harrison (University of Liverpool)
Kooperationen:
Bernadette Broeskamp (Freie Universität Berlin), Gudrun Melzer (Universität München), Zhang Changhong (Harvard-Yenching Institute)
Projektdauer:
01.10.2025 - 30.09.2029
Finanzierung:
FWF Einzelprojekt
