
Angesichts des weltweiten Aufstiegs eines autoritären Populismus und der Allgegenwart von Lügen und Fake News im öffentlichen Raum hat sich der Konflikt zwischen Wahrheit und Politik zu einem der drängendsten Probleme unserer Zeit entwickelt. Überraschenderweise haben politische Philosophie und Theorie diesem Thema nur wenig Beachtung geschenkt. Stattdessen gibt es bis heute starke Vorbehalte, Wahrheit als politisch bedeutsamen Begriff zu behandeln – sei es aus liberaler, republikanischer, pragmatischer oder radikal-demokratischer Perspektive.
Das Projekt verfolgt einen neuen Ansatz, indem es Wahrheit als einen genuin politischen Begriff versteht, der sich nicht auf epistemische, moralische oder machttheoretische Fragen reduzieren lässt. Die zentrale These ist, dass soziale Krisen und Konflikte nicht nur den politischen Bereich betreffen, sondern auch das Wahrheitsregime einer Gesellschaft – verstanden als das Zusammenspiel von gouvernementalen Techniken, Subjektivierungspraktiken und Formen des Wahrsprechens –, sodass bislang selbstverständliche Normen, Praktiken und Institutionen problematisch werden. Vor diesem Hintergrund sind die Themen, die derzeit unter dem Schlagwort ‚postfaktisch‘ diskutiert werden – wie die Krise der Demokratie, der Aufstieg des Autoritarismus, die Fragmentierung der Öffentlichkeit oder Angriffe auf die Wissenschaft – weniger separate Phänomene als Symptome einer Krise des gegenwärtigen Wahrheitsregimes. Aus historischer Perspektive ist diese Entwicklung jedoch keineswegs neu; vielmehr lässt sie sich bis zur Krise des Liberalismus im frühen 20. Jahrhundert zurückverfolgen, auf die sozialistische, faschistische und neoliberale Bewegungen jeweils unterschiedlich geantwortet haben.
Das Projekt verfolgt drei Ziele:
1. die Analyse der komplexen Beziehung zwischen Wahrheit und Politik aus historischer und systematischer Perspektive;
2. die genealogische Rekonstruktion der Krise des gegenwärtigen Wahrheitsregimes;
3. die Entwicklung einer politischen Theorie der Wahrheit, die der konstitutiven Verschränkung von Wahrheit und Politik in der Gesellschaft Rechnung trägt, was auch historische Phänomene wie die Amerikanische und Französische Revolution, den Marxismus-Leninismus oder den Faschismus in neuem Licht erscheinen lässt.
Projektleiter: Gerald Posselt
Finanzierung: FWF Project PAT2777025
Projektdauer: 01.03.2026–28.02.2030
Kooperationen: Universität Hildesheim (Andreas Hetzel), Central European University (Maria Kronfeldner), Universität Wien (Oliver Marchart), Universität Hamburg (Judith Simon), Universität Innsbruck (Richard Weiskopf), Friedrich Schiller Universität Jena (Silke Van Dyk), Universität Freiburg (Frieder Vogelmann), University of Chicago (Linda M. G. Zerilli)
