
Das NS-Regime verpflichtete auf dem Gebiet des heutigen Österreich folgende Menschen zur Zwangsarbeit: österreichische Jüd:innen (1938 bis zu deren europaweiter Ermordung); Roma/Romnija sowie Sinti/Sintezza; Justizhäftlinge; zivile Ausländer:innen; KZ-Häftlinge; Kriegsgefangene; sowie ab Mitte 1944 ungarische Jüd:innen. Ende 1941 gab es im Deutschen Reich 3,5 Millionen ausländische Arbeiter:innen. Fast drei Mal so viele waren es im September 1944, nach dem Scheitern der Blitzkriegsstrategie gegen die Sowjetunion: 9,4 Millionen oder 26 Prozent aller Arbeitskräfte arbeiteten unfreiwillig in NS-Deutschland. Dennoch hat diese enorme erzwungene Arbeitsleistung keinen Platz im österreichischen Gedächtnis.
Ausgehend von einem geschichtspolitischen Ansatz will dieses Projekt die Konjunkturen des Erinnerns bzw. Verschweigens des NS-Verbrechens Zwangsarbeit von 1945 bis heute nachzeichnen. Relevant ist die Frage nach dem Feld der Praktiken und symbolischen Handlungen, welche sich politisch bewusst auf die Vergangenheit einer Gemeinschaft beziehen. Dieses Feld wird permanent neu ausverhandelt: Gerade die Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen ist ein Beispiel für die politisch motivierte Verschiebung der „Grenzen des Sagbaren und Zeigbaren“. Kurz nach Kriegsende waren Gleichgültigkeit vor allem gegenüber den jüdischen Opfern nahezu universell. Vergessen war eine aus finanziellen, geo- und innenpolitischen Gründen eingesetzte „kulturelle Strategie“. Dies wurde von einer jüngeren, biografisch weniger stark belasteten Generation in Österreich – stark verkürzt – nach Waldheim herausgefordert (wenngleich man die Täter:innen seltener abhandelte).
Aber auch danach stellten die Millionen Zwangsarbeiter:innen und deren finanzielle Entschädigung – zumindest aus österreichischer Sicht – ein Problem dar, aus unterschiedlichen Gründen. Die Auseinandersetzung mit Zwangsarbeit bezieht sich 1) auf die vielen „kleinen“ Profiteur:innen, verweist der Zwangsarbeiter:inneneinsatz doch auf die alltägliche Präsenz des NS-Regimes. Zudem hätte man noch 2) in den 1980ern aufgrund der schieren Anzahl der Zwangsarbeiter:innen eine enorme Summe Geld in die Hand nehmen müssen. Ebenso lebte der Großteil von ihnen 3) jenseits des „Eisernen Vorhangs“ – „westliches“ Kapital in den „Ostblock“ zu schicken war in der Logik des Kalten Kriegs denkunmöglich. Erst der Fall des Eisernen Vorhangs öffnete – für viele Betroffenen zu spät – ein „window of opportunity“, um zumindest eine symbolische „Entschädigung“ für ihr erlittenes Leid zu erhalten. Dies hängt auch mit realsozialistischen Geschichtspolitiken zusammen: V.a. in der Sowjetunion wurde Zwangsarbeit mit Kollaboration gleichgestellt. Nicht zuletzt verweist das Thema 4) auf die Langlebigkeit von antislawischen Vorurteilen, die sich schon in der k.u.k. Monarchie ausbildeten, in der NS-Zeit auf die Spitze getrieben wurden, aber nach 1945 weiterlebten.
Projektleiterin: Ina Markova
Finanzierung: ÖAW
Dauer: 15.5.2026 – 14.5.2028
