Ephesos - die Hanghäuser

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften unterstützt die Arbeiten in Ephesos seit 1954, wobei die Freilegung der Hanghäuser in enger Kooperation mit dem ÖAI in den Jahren 1960 bis 1985 durchgeführt wurde (Abb. 1). Zu den zur Bearbeitung übernommenen Befunden zählen neben der Architektur, den Wand- und Bodenausstattungen auch große Teile der materiellen Kultur (Skulpturen aus Stein, Elfenbein, Terrakotta und Bronze; Gebrauchs- und Tafelgeschirr aus Keramik, Glas und Metall; Alltagsgegenstände; etc.), Inschriften (Steininschriften, Kleininschriften und Graffiti, die uns u. a. Bewohner und Besucher nennen) sowie archäozoologische und archäobotanische Überreste (als Hinweise auf das Konsumationsverhalten der Bewohner). Mit der wissenschaftlichen Analyse dieser Evidenzen werden die Wohn- und Lebenswelten der städtischen Eliten des griechischen Ostens über einen Zeitraum von ca. 300 Jahren detailreich erschlossen.

Bei den Hanghäusern handelt es sich um zwei große Wohnkomplexe (H 1 und H 2), die man  am Nordabhang des Bülbül Dağ, einem der beiden Stadtberge errichtet hatte (Abb. 1 und 2). Durch die  Kuretenstrasse im Norden und die Hanghausstrasse im Süden bestand eine gute Anbindung zu wichtigen öffentlichen Plätzen und Gebäuden (Tetragonos Agora, Obere Agora, Domitiansplatz, Theater etc.). Baustrukturen und Funde auf den Arealen der beiden Hanghäuser reichen bis ins 3. Jh. v. Chr. zurück, wobei eine Wohnbebauung in Form von Peristylhäusern ab dem 1. Jh. v. Chr. nachzuweisen ist. Jeweils eines dieser Peristylhäuser lag auf der südlichen Terrasse des Hanghauses 1 und des Hanghauses 2. Unmittelbar nachdem diese Häuser in der frühen Kaiserzeit zerstört und aufgegeben worden waren (als Ursache ist das unter Tiberius dokumentierte Erdbeben 23 n. Chr. anzunehmen), wurden auf der gesamten Fläche des H 1 und des H 2 Peristylhäuser errichtet. Von den Stiegengassen (STG) 1, 2 und 3, die zwischen den Hanghäusern verlaufen, sind die Wohneinheiten (WE) zugänglich. Lediglich die WE 6 im H 2 und wahrscheinlich auch die Domus im H 1 waren direkt von der Kuretenstrasse zu betreten.

Abb. 1: H 1 und das 1999 überdachte H 2
Abb. 2: Stadtplan von Ephesos, H 1 (Nr. 50), H 2 (Nr. 51)

Während die jüngste Wohnperiode der Hanghäuser lange Zeit als spätantik angesehen wurde, hat sich mittlerweile ein neuer chronologischer Ansatz durchgesetzt. Dieser geht davon aus, dass die Hanghäuser bei einer Erdbebenserie im 3. Viertel des 3. Jhs. n. Chr. massiv zerstört wurden. Während im H 1 zwar einzelne Bereiche der sog. Domus weiterhin für Wohnzwecke genutzt und mit neuen Wandmalereien ausgeschmückt wurden, ist dies für das H 2 nicht festzustellen. Reparaturarbeiten in einzelnen Wohneinheiten des H 2, die bei der endgültigen Zerstörung zum Teil noch nicht abgeschlossen waren (wie z. B. im Marmorsaal 31, wo man erst mit dem Versetzten der marmornen Wandverkleidung aus Bauphase II begonnen hatte), verweisen darauf, dass es sich um eine Zerstörungsserie gehandelt hat.

Ein ultimatives Erdbeben muss dann aber so stark gewesen sein, dass sich die Bewohner des H 2 dazu entschlossen hatten, ihre Häuser nicht wieder zu errichten. Eine Wohnnutzung in der zuvor bestehenden Form fand ab diesem Zeitpunkt nicht mehr statt. Zu beobachten ist aber eine wirtschaftliche Nutzung wie die Errichtung von Mühlen und einer Steinsäge, die man in den westlichen Arealen des H 2 vom 4. bis ins 6. Jh. n. Chr. erbaut hatte (Abb. 3). Die Datierung der Zerstörung ins 3. Viertel des 3. Jhs. n. Chr. gründet einerseits auf der zeitlichen Stellung der jüngsten Keramik- und Münzfunde aus den  Zerstörungsschichten, andererseits auf gut zu datierenden beweglichen  Funden, wie beispielsweise Porträts, von denen die jüngsten nicht älter  als das mittlere 3. Jh. n. Chr. sind. Im Jahr 1999 wurde über dem  gesamten H 2 ein moderner Schutzbau errichtet (Abb. 1), der seit  einigen Jahren nunmehr öffentlich zugänglich ist.

Wirtschaftliche Nutzung des H 2 (Mühlen, Steinsäge und div. Werkstätten) in byzantinischer Zeit