Wissenschaftsgeschichte der Wiener Kaukasus- und "Turkestan"-Forschungen zur NS-Zeit

Ausgangslage für das vorliegende Projekt ist ein Bestand im Phonogrammarchiv der ÖAW zum Thema Kaukasus und Turkestan-Forschungen Ende des Zweiten Weltkriegs. Es handelt sich hierbei um Aufnahmesitzungen, die in Wien – in der Liebiggasse 5 – unter der Leitung der beiden Nachwuchswissenschafter Stefan Wurm (Jg. 1922) und Johann Knobloch (Jg. 1919) im Zeitraum von Dezember 1943 bis August 1944 durchgeführt wurden. Insgesamt liegen etwa 170 Sprachaufnahmen von 40 Personen mit rund zwanzig verschiedenen Sprachen vor, wobei der Anteil des Usbekischen am größten ist. Die Phonographierten waren hauptsächlich Soldaten, die den Truppenkörpern der deutschen Wehrmacht, aber auch der SS, zugeordnet werden können. Das lässt den Schluss zu, dass es sich um keine Kriegsgefangenen, sondern um Überläufer der sowjetischen Armee zu deutschen Kampfverbänden handelte.

Ziel der Untersuchung ist die Klärung, wie es zu diesen Aufnahmen in Wien überhaupt kam und welche Rolle die Probanden im Kriegsgeschehen einnahmen. Eine erste Arbeitshypothese stellt die Aufnahmen in den Kontext des NS- Geheimdienstes, der damals eng mit der Wiener Orientalistik kooperierte. Methodisch werden für die Rekonstruktion des historischen Rahmens öffentliche und private Archivalien aus Österreich und Deutschland herangezogen. Eine wichtige Ergänzung zu den schriftlichen Quellen bildet die mündliche Überlieferung, die über Experteninterviews erschlossen wird. Organisatorisch ist eine Kooperation des ISA mit dem Institut für Iranistik und dem Phonogrammarchiv der ÖAW vorgesehen.