Über uns

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IMAFO-Direktor Walter Pohl. © Daniel Hinterramskogler/ÖAW

Aufgaben


Das Institut für Mittelalterforschung (IMAFO) verbindet zwei Forschungsstrategien:

Erstens dient eine Vielzahl von Projekten der Erschließung und Aufbereitung des mittelalterlichen Erbes in Byzanz und Europa. Zu diesem Zweck werden Originalquellen im Druck oder elektronisch zugänglich gemacht und durch Lexika, Handbücher und Inhaltsangaben erschlossen. Historisch-philologische Quellenforschung bildet die Grundlage für themenorientierte Fragestellungen, zunehmend unter Einsatz von digitalen Methoden.

Die zweite Forschungsstrategie ist die Behandlung aktueller Probleme der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Frage nach der Entwicklung ethnischer, politischer und religiöser Identitäten im mittelalterlichen Europa aus globaler Perspektive.

Wozu Mittelalterforschung?

Gerade das Mittelalter ist eine Zeit, über die wir bei weitem noch nicht alles wissen, was zu wissen ist. Manches wird sich wohl nie aus den lückenhaften Quellen der Zeit vor etlichen hundert Jahren herauslesen lassen. Doch viele Quellen sind noch nie bearbeitet worden, andere nur mit sehr eingeschränkten Fragestellungen. Die zahlreichen Varianten mittelalterlicher Handschriften, die vielen tausend unbenutzten Urkunden des Spätmittelalters oder die unbeachtet zerbröckelnden alten Inschriften gehören dazu. Zuweilen lässt sich daraus selbst über die gut erforschten großen Ereignisse der Geschichte noch Neues herausfinden. Diese Texte und Überreste enthalten reiches Material über viele Aspekte menschlichen Lebens der Vergangenheit. Die Vergangenheit kann uns auch helfen, die Gegenwart besser zu verstehen. Wir wissen noch immer viel zu wenig darüber, was soziale Gemeinschaften zusammenhält und wie sie sich verändern.

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Im Mittelalter lassen sich gesellschaftliche Veränderungen aus der Distanz und über lange Dauer in ihren Zusammenhängen beobachten. Unsere Quellen sind reichhaltig genug, um die wesentlichen Entwicklungen erkennen zu lassen, aber nicht so unüberblickbar wie jene aus neuerer Zeit. Das Mittelalter erlaubt daher, Modelle und Hypothesen über gesellschaftliche Zusammenhänge an den Quellen zu bewähren. Erst im „fernen Spiegel“ des Mittelalters werden viele Züge der heutigen Zeit deutlich, oft zeichnen sich auch überraschende Parallelen ab. Aufgabe historischer Forschung ist es, der Komplexität vergangener Gesellschaften durch die Komplexität ihrer Darstellung möglichst gerecht zu werden. Dazu ist ein breiter Überblick über die Quellen und ein vertieftes Verständnis ihrer Anlage nötig. Mit den Entstehungs- und Überlieferungszusammenhängen unserer Quellen erfassen wir zugleich Produktion und Weitergabe von Wissen, und damit einen wesentlichen Bereich gesellschaftlicher Integration.

,Dunkles‘ Mittelalter?

Mittelalterliche Grundlagen der modernen Welt

In der Öffentlichkeit gilt das Mittelalter oft als Gegenbild zur aufgeklärten Moderne: dunkle Jahrhunderte, in denen Armut, Unwissen, Aberglauben, Blutrache, Folter und Hexenverfolgung herrschten. Zum Teil wird das Mittelalter auch als Epoche der Genügsamkeit verklärt, in der jeder in einer überschaubaren Gesellschaft seinen Platz hatte und mit deren Helden man sich gerne identifiziert. Mittelalter-Fantasien von König Artus bis zu den Nibelungen, von den Geheimnissen der Templer bis zum Herrn der Ringe finden ein begeistertes Publikum. Alle diese Mittelalter-Bilder basieren mehr auf Vorurteilen als auf Wissen. Doch zugleich zeigen sie, was den Reiz am Mittelalter ausmacht: Es ist eine Zeit, die uns seltsam vertraut und zugleich fremd ist. Mittelalterliche Kirchen, Burgen, Stadtviertel prägen noch heute vielerorts die Landschaft. Andererseits wirken Kampf- und Wirtschaftsweise, Standesprivilegien und Sozialordnung, religiöser Fanatismus und bewaffnete Selbsthilfe altertümlich.

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Der mindestens ebenso fremdartigen klassischen Antike, mit ihrem griechischen und lateinischen Schrifttum, fühlen wir uns, seit Renaissance und Humanismus, ungleich mehr verbunden. Besonders die Übergangszeit von der Antike zum Mittelalter gilt als dunkel: Völkerwanderung und Fall Roms, Verfall der Bildung und Aufstieg der Kirchenherrschaft werden als archaisch und fremdartig betrachtet. Der Beginn der Entwicklung von Staaten und Nationen, rationalem Denken und Individualität, Bildung und Wissenschaft wird erst in der Neuzeit gesucht, während man die frühmodernen Hexenverfolgungen oder die erst im 20. Jahrhundert perfektionierte Unterdrückung abweichender Meinungen ins Mittelalter verlegen möchte.

Wenig bedacht wird dabei, wieviele Elemente des modernen Lebens aus dem Mittelalter stammen. Vieles daran betrifft das Alltagsleben: Knöpfe, Brillen, Gabeln, Steigbügel, Taschen- und Turmuhren, das Schachspiel, arabische Zahlen, Buchführung und Bankwesen, Universitäten, Papier, Buchdruck und Schießpulver verbreiteten sich im Mittelalter.

Ein viel größeres Forschungsproblem stellen aber die Grundstrukturen des modernen Europa dar. In der Spätantike und im Frühmittelalter wurde fast ganz Europa christianisiert. Das war das in der Weltgeschichte bis dahin vielleicht ehrgeizigste Experiment, alle Lebensbereiche nach einer höheren Wahrheit zu organisieren, um deren exakte Formulierung das ganze Mittelalter lang mit geistiger Schärfe gerungen wurde. Die Durchsetzung dieser christlichen Wahrheit rief zugleich intellektuelle und pragmatische Widerstände hervor, die ebenso zum europäischen Erbe gehören. Christlich geprägt war auch die neue politische und ethnische Organisation des Kontinents in Königreiche, die nach Völkern benannt wurden. So wurde die Grundlage der modernen europäischen Nationalstaaten gelegt. Lange Zeit hat die Forschung Probleme gehabt, diese bis heute grundlegenden Veränderungen nicht als Verwirklichung oder Zerstörung einer natürlichen Ordnung anzusehen, sondern als historische Prozesse zu untersuchen. Umso wichtiger ist es, die Welt des Mittelalters quellennahe und umsichtig darzustellen.