Zurück

Musikwissenschaft meets Textwissenschaft: Ein neues Projekt um „Hanslick Online“

Eduard Hanslicks Abhandlung „Vom Musikalisch-Schönen,“ vom Autor in zehn bearbeiteten Auflagen veröffentlicht, ist bis heute ein Fixpunkt ästhetischer Debatten. Dies triff vor allem auf die analytische Musikästhetik zu, wo Hanslicks Positionen kontrovers diskutiert und unterschiedlich interpretiert werden. Durch eine genaue Analyse des Aufbaus und der Argument-Struktur von Hanslicks Traktat will das Projekt Licht ins Dunkel der Hanslick-Lesarten bringen.

16.05.2025
Titelseite der zehnten und letzten Auflage von „Vom Musikalisch-Schönen“ (Leipzig: Johann Ambrosius Barth, 1902)

Die seit 2014 weitgehend ungebrochene Reihe von Hanslick-Projekten an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften – zunächst am Institut für kunst- und musikhistorische Forschungen (2014–2019) und seit 2020 am Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage – ist um einen Eintrag reicher: Wenn auf das dreiteilige Großprojekt zu Hanslicks Abhandlung Vom Musikalisch Schönen aus dem Jahr 1854 („Hanslick im Kontext“), zunächst weitere Projekte zu Hanslicks Tätigkeit als Wissenschaftler und Musikkritiker folgten, kehren Alexander Wilfing und Christoph Landerer (Paris Lodron Universität Salzburg) im neuen Projekt „Vom Musikalisch-Schönen: Eine analytische Rekonstruktion von Hanslicks Ästhetik“ neuerlich zur bedeutendsten theoretischen Leistung des Wiener Kritikers zurück.

Im Zentrum des dreijährigen FWF-Projekts steht die genaue Analyse der komplexen, nicht-linear konzipierten Argumentation des Ästhetik-Traktats. Entgegen der publizierten Reihenfolge der sieben Kapitel wissen wir heute, dass Hanslick zuerst die späten Kapitel (6, 4 und 5) schrieb, bevor die ersten und das siebente Kapitel vorlagen. Zwischen der gedanklichen Entwicklung und dem öffentlichen Textverlauf besteht folglich eine signifikante Diskrepanz.

Das Team um Alexander Wilfing, Christoph Landerer und Fernando Sanz-Lázaro wird sich um die Aufdeckung der Mikrostruktur (der Wechselbeziehung von und den Abhängigkeiten zwischen einzelnen Konzepten) und der Makrostruktur (der größeren logischen Abfolge von Gedanken über Kapitel hinweg) dieses Textes bemühen. Mit der Dekodierung dieser latenten inneren Logik wollen sie primär neue Erkenntnisse über Hanslicks irrtümlich ausgelegte Positionen gewinnen.

Ein Schlüssel-Element des Projekts liegt in der Nutzung und stetigen Entwicklung digitaler Methoden. Das Team wird die bereits bestehende digitale Edition sämtlicher Auflagen von Hanslicks Ästhetik-Traktat um vielfältige Aspekte erweitern, darunter kontextbasierte Suchfunktionen, kuratierte thematische Zugangspunkte, Visualisierungen von Textänderungen über einzelne Ausgaben hinweg sowie einen umfassenden Textkommentar, der strukturelle und kontextuelle Anmerkungen mit Blick auf zentrale Konzepte und textliche Änderungen umfasst.

Im Mittelpunkt des Vorgehens steht somit eine synergetische Kombination aus traditioneller philologischer Analyse und digitalen Methoden zur Kartierung und Erfassung der gedanklichen Architektonik eines der einflussreichsten musikästhetischen Texte des neunzehnten Jahrhunderts (und darüber hinaus). Entgegen verbreiteter Methoden sollen dabei nicht isolierte Konzepte erörtert, sondern eine holistische Perspektive auf die Abhandlung gewonnen werden, die die Entwicklung, Beziehung und Spannung zwischen Hanslicks Konzepten über Kapitel und Editionen hinweg verständlich macht. Das Projekt erschließt damit nicht nur Hanslicks komplexe Ästhetik, sondern schafft zugleich ein Modell für die analytische Erschließung vielschichtiger theoretischer Texte mit digitalen Methoden.