Die römischeIdentität ist wegen ihres Variantenreichtums und ihrer Mehrdeutigkeit ein faszinierender Testfall für die Erforschung von sozialen Identitäten im Allgemeinen: sie konnte Bürgerrecht umfassen, aber ebenso politisch, rechtlich, kulturell, territorial, religiös und auch ethnisch aufgefasst werden. Selbezeichnungen und Fremdwahrnehmungen unterschieden sich oftmals gravierend. Nachdem das Weströmische Reich sich aufgelöst hatte und damit die zentristische Vorstellung einer ‚Romanitas‘ ihre Vorherrschaft eingebüßt hatte, vergrößerte sich die Variabilität des Römisch-seins und der Möglichkeiten der Identifikation noch weiter: als Römer verstanden sich beispielsweise sowohl Griechisch-sprachige Untertanen des byzantinischen Reichs, als auch die Bewohner der Stadt Rom oder Bürger, die nach dem Römischen Recht lebten. Ebenso auch Lateinisch-sprachige unter der Herrschaft barbarischer Könige im Westen oder Vertreter der römischen Kirche. Die Bezeichnung ‚Römer‘ änderte in vielerlei Hinsicht ihre Bedeutung. In der westlichen Tradition wurde Rom als Beispiel einer nicht-ethnischen Nation gedeutet, welche durch den rechtlichen Status ihrer Bürger und nicht durch Blutsverwandtschaft bestimmt worden sei; in der zeitgenössischen Lateinischen Terminologie war folgerichtig von einem populus die Rede und nicht von einer gens. Doch nun konnten in immer größerem Ausmaß auch Römer als eine gens unter vielen gesehen werden. Während also die machtvollen Formen der Repräsentation und die politische Sprache, die vom römischen Staat erschaffen worden waren, weiterhin großen Einfluss auf alle nachfolgenden europäischen Herrschaftssysteme ausübten, wurde die Mehrheit der ‚Römer‘ (von anderen auch als Walchen, Vlachen oder Waliser bezeichnet) in vielen Teilen Europas als Gruppe von niedrigem Status oder Abhängige betrachtet.

Diese Frage war vor dem Projekt wenig untersucht worden, sodass in dieser Hinsicht substanzielle Fortschritte erreicht werden konnten:

  • Erste Ergebnisse wurden bereits in der unter demTitel ‘Being Roman after Rome’, in einer Themen-Ausgabe der Zeitschrift Early Medieval Europe’ 22, 4 (2014), in Zusammenarbeit mit Rosamond McKitterick, University of Cambridge, publiziert.
  • Der Sammelband ‘Walchen, Romani und Latini. Variationen einer nachrömischen Gruppenbezeichnung zwischen Britannien und dem Balkan’ (Wien 2017) beschäftigt sich mit Namen, die regionalen oder lokalen Gruppen von Römern oder Romanen gegeben wurde, sowie der Entwicklung dieser Bezeichnungen im Mittelalter. Vlachen oder Waliser, Wallonen oder Włoski, Rumänen, Romansch, Aromunianer oder Ladiner sind immer noch bekannte Namen im modernen Europa. Sie stammen großteils vom frühmittelalterlichen germanischen Wort *walhoz ab, das ursprünglich die westlichen (keltischen) und südlichen (Latinischen) Nachbarn der Germanen bezeichnete. Dieses Buch ist die erste Publikation, die einen Vergleich dieser Termini bietet.
  • Der Sammelband Transformations of Romanness (im Druck) untersucht dann die vielen verschiedenen Völker oder Gruppen, die entweder als Römer/Romanen bezeichnet wurden oder sich selbst so nannten. Er bietet einen breiten geographischen und thematischen Überblick zum sich immer verändernden Konzept des Römisch-seins, für Westeuropa und rund um das Mittelmeer im Mittelalter. Ein damit verbundener weiterer Sammelband wird zudem die schwierige archäologische Frage der Zuordnung von Fundstücken zu Römern/Romanen beleuchten. 

Participants


Universität Wien

Selected publications


  • Walter Pohl, Romanness – a multiple identity and its changes, in Early Medieval Europe  22, 4 (2014) 406–418.
  • Walter Pohl, Walchen, Römer und ‚Romanen‘: Einleitung, in: Walchen, Romani und Latini. Variationen einer nachrömischen Gruppenbezeichnung zwischen Britannien und dem Balkan, ed. Walter Pohl/Wolfgang Haubrichs/Ingrid Hartl (Wien 2017).
  • Walter Pohl, Introduction: Early Medieval Romanness – a Multiple Identity, in: Transformations of Romanness in the Early Middle Ages: Regions and Identities, ed. Clemens Gantner, Cinzia Grifoni, Walter Pohl and Marianne Pollheimer (Berlin/New York, forthcoming).

Contact

Walter Pohl (Projektleiter)

Cinzia Grifoni (Projektmitglied)

Clemens Gantner (Projektmitglied)

Ingrid Hartl (Projektmitglied)

Marianne Pollheimer (Projektmitglied)

 

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