Die römischeIdentität ist wegen ihres Variantenreichtums und ihrer Mehrdeutigkeit ein faszinierender Testfall für die Erforschung von sozialen Identitäten im Allgemeinen: sie konnte Bürgerrecht umfassen, aber ebenso politisch, rechtlich, kulturell, territorial, religiös und auch ethnisch aufgefasst werden. Selbezeichnungen und Fremdwahrnehmungen unterschieden sich oftmals gravierend. Nachdem das Weströmische Reich sich aufgelöst hatte und damit die zentristische Vorstellung einer ‚Romanitas‘ ihre Vorherrschaft eingebüßt hatte, vergrößerte sich die Variabilität des Römisch-seins und der Möglichkeiten der Identifikation noch weiter: als Römer verstanden sich beispielsweise sowohl Griechisch-sprachige Untertanen des byzantinischen Reichs, als auch die Bewohner der Stadt Rom oder Bürger, die nach dem Römischen Recht lebten. Ebenso auch Lateinisch-sprachige unter der Herrschaft barbarischer Könige im Westen oder Vertreter der römischen Kirche. Die Bezeichnung ‚Römer‘ änderte in vielerlei Hinsicht ihre Bedeutung. In der westlichen Tradition wurde Rom als Beispiel einer nicht-ethnischen Nation gedeutet, welche durch den rechtlichen Status ihrer Bürger und nicht durch Blutsverwandtschaft bestimmt worden sei; in der zeitgenössischen Lateinischen Terminologie war folgerichtig von einem populus die Rede und nicht von einer gens. Doch nun konnten in immer größerem Ausmaß auch Römer als eine gens unter vielen gesehen werden. Während also die machtvollen Formen der Repräsentation und die politische Sprache, die vom römischen Staat erschaffen worden waren, weiterhin großen Einfluss auf alle nachfolgenden europäischen Herrschaftssysteme ausübten, wurde die Mehrheit der ‚Römer‘ (von anderen auch als Walchen, Vlachen oder Waliser bezeichnet) in vielen Teilen Europas als Gruppe von niedrigem Status oder Abhängige betrachtet.
Diese Frage war vor dem Projekt wenig untersucht worden, sodass in dieser Hinsicht substanzielle Fortschritte erreicht werden konnten:
Walter Pohl (Projektleiter)
Cinzia Grifoni (Projektmitglied)
Clemens Gantner (Projektmitglied)
Ingrid Hartl (Projektmitglied)
Marianne Pollheimer (Projektmitglied)
