Epidauros. Ein Bauprogramm für Asklepios 


FWF -Projekt M 1856-G25
(Lise Meitner-Programm)
Januar 2016 bis Dezember 2017

Fragment der Bauabrechung des Kultbildes von Epidauros (IG IV² 118 = Prignitz, Bauurkunden Nr. 3 fr. a) Photo: W. Peek

Die Erforschung griechischer Bauprogramme und ihrer Finanzierung und Organisation ist von zentraler Bedeutung für das Verständnis antiker Ökonomie und der Gesellschafts-, Rechts- und Architekturgeschichte. Mit dem Bau öffentlicher Gebäude konnte eine antike Stadt ihren Reichtum, ihren Einfluss und ihre Macht oder ihre „kulturelle Überlegenheit“ sinnbildlich vor Augen führen.  Hinter jedem Bauprogramm steht eine entsprechende Verwaltung, die Gelder bereitzustellen und geeignete Arbeitskräfte, Ingenieure und, im Fall entsprechend ausgestatteter Tempel, Künstler anzuwerben hatte. Anhand dieser Vorgänge kann ein Bauprogramm per se besser gefasst werden: Veränderungen im Laufe der Zeit, ökonomische Aspekte wie Möglichkeiten und Schwierigkeiten der Finanzierung, Material- und Personalbeschaffung, Beziehungen der Poleis untereinander. 

Bauurkunde der Tholos von Epidauros (IG IV² 103 = Prignitz, Bauurkunden Nr. 2), Photo eines Teilabklatsches (Photo: S. Prignitz)

Die Forschung ist dabei in besonderer Weise auf Inschriften angewiesen, die als offizielle und zeitgenössische Dokumente besonders verlässlich sind. Sie stehen in direktem Bezug zu bestimmten Tempeln und öffentlichen Gebäuden.Mein Projekt ist eine Fallstudie aus dem spätklassischen Griechenland. Die Bauurkunden aus Epidauros (insgesamt 32 Steine) setzen vergleichsweise früh ein (ca. 400 v.Chr.) und weisen deutliche Bezüge nach Athen auf. Zudem verzeichnete die Baukommission neben Einnahmen und Ausgaben auch Einkünfte aus Konventionalstrafen, die man den Unternehmern wegen Schlechterfüllung oder Verzögerung auferlegt hatte. Dieser letzte Punkt ist für die Rechtsgeschichte von großem Interesse. Der erste Band meiner Neuedition ist vor kurzem erschienen. [1]

Mein Projekt in Wien ist die Publikation des zweiten Bandes mit einer neuen, verlässlichen Edition der späteren Abrechnungen zwischen ca. 350 und 270 v.Chr., einer Übersetzung aller Texte, einem ausführlichen archäologischen Kommentar sowie zusammenfassenden Kapiteln zu architektonischen, rechts- und wirtschaftsgeschichtlichen Fragen und zum epidaurischen Bauprogramm im Ganzen. 

Die vollständige, verlässliche Neuedition der alten und neuen Texte und ihre Interpretation wird einen ganz neuen Blick auf das epidaurische Heiligtum ermöglichen. Damit wird zugleich der Weg für ein besseres Verständnis spätklassischer Baupolitik und spätklassischen Handwerks bereitet.

Asklepiosheiligtum von Epidauros,
Blick auf das Fundament des Asklepiostempels und die Tholos (Photo: S. Prignitz)

1) Bauurkunden und Bauprogramm von Epidauros (400-350), Vestigia 67, München (C.H.Beck) 2014. Rez.: G. E. van der Ploeg, Bryn Mawr Classical Review 2015.01.02. - G. Thür, ZSav 132, 2015, 408-420.