Zurück

ACDH-Forscher:innen am Shanghai Conservatory of Music

Meike Wilfing-Albrecht und Alexander Wilfing hielten mehrere Vorträge am Shanghai Conservatory of Music, in denen sie Forschungsprojekte des ACDH präsentierten

26.05.2026

Auf Einladung von Prof. Hong Ding (2. Foto links) haben Meike Wilfing-Albrecht und Alexander Wilfing ihre aktuellen Forschungs- und Editionsprojekte am ACDH in mehreren Vorträgen am Shanghai Conservatory of Music präsentiert. An drei Terminen gaben sie Einblick in die Musikästhetik des 19. Jahrhunderts, die analytische Musikästhetik und in die Arbeit an (digitalen) Editionen zu Johannes Brahms und Eduard Hanslick.

Im ersten Vortrag „Which Vom Musikalisch-Schönen? Conception, Disorder, and Revision in Eduard Hanslick’s Aesthetics“ ging es um Eduard Hanslicks berühmten Ästhetik-Traktat Vom Musikalisch-Schönen. Im Zentrum von Alexander Wilfings Präsentation stand die These, dass diese Abhandlung nicht als statischer Text verstanden werden sollte, sondern als ein über Jahrzehnte revidiertes und intellektuell bewegliches Buch. Dadurch rückt weniger ein „fertiger“ Hanslick in den Vordergrund als vielmehr die Entstehung, Umordnung und fortlaufende Revision seiner ästhetischen Argumentation. Es wurde zudem gezeigt, wie die digitale Edition von Hanslicks Schriften zur empirischen Dekodierung der komplexen Textstruktur beiträgt.

Der zweite Beitrag „Between Critical Apparatus and TEI Markup: Editing Brahms and Hanslick at the Austrian Academy of Sciences“ – gemeinsam präsentiert von Meike Wilfing-Albrecht und Alexander Wilfing – gab Einblicke in aktuell laufende Editionsprojekte am ACDH: die historisch-kritische Brahms-Gesamtausgabe und die digitale Plattform Hanslick Online. Anhand dieser Beispiele wurde gezeigt, wie traditionelle editorische Arbeit und digitale Verfahren einander ergänzen können: von der Bewertung komplexer Quellenlagen bis zur TEI-Auszeichnung, automatisierten Kollationierung und webbasierten Präsentation. Der Beitrag machte deutlich, dass beide Editionen nicht nur Texte zugänglich machen, sondern neue Forschungsfragen überhaupt erst praktikabel werden lassen.

Der dritte Vortrag „Music and Emotion in Analytical Philosophy: A Cognitive Beginning and Its Aftermath“ widmete sich diversen Emotionstheorien der analytischen Musikästhetik des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Ausgangspunkt war die Frage, warum Musik und Emotion um 1980 in der englischsprachigen Musikphilosophie erneut zu einem zentralen Problem wurden. Die leitende These lautete, dass viele dieser Debatten aus der Kombination damals gerade aktueller psychologischer Emotionsmodelle, allgemeiner historischer Entwicklungen der analytischen Kunsttheorie und der ständigen Relevenz von Eduard Hanslicks Ästhetik entstanden. Die Argumente von Vom Musikalisch-Schönen wurden dabei nicht einfach unkritisch akzeptiert bzw. rundweg abgelehnt, sondern Strategien zur Umgehung und Entwicklung von Hanslicks kognitivistischem Emotionsmodell aufgestellt, die die anhaltende theoretische Wirkmacht seiner Abhandlung bei vollkommen andersartigen theoretischen Ergebnissen bestätigen.

Die Vorträge zeigten damit unterschiedliche, aber miteinander verbundene Perspektiven auf die gegenwärtige Musikforschung: historisch, ästhetisch, philologisch und digital. Der einwöchige Aufenthalt in Shanghai bot ausreichend Gelegenheit zu anregendem fachlichem Austausch mit Studenten und Fakultät. Zugleich unterstrich der Austausch die internationale Sichtbarkeit der musikwissenschaftlichen Forschungsprojekte am ACDH und die Relevanz der dort entwickelten Ansätze, Editionen und Infrastrukturen. Wir danken Prof. Hong, den Studentinnen und Studenten sowie dem Shanghai Conservatory of Music herzlich für die Einladung, Betreuung und Gastfreundschaft.