
Im Projekt CIRCEUS wollen Wissenschaftler:innen und Akteur:innen aus der Praxis eine fundierte transdisziplinäre Grundlage für die Strategie der EU für kritische Rohmaterialien, welche aus Ländern des Globalen Südens importiert werden, schaffen. Wir haben Anna Pauls vom ITA über das neue Projekt und den bisherigen Aktivitäten befragt.
Welcher Impact ist von CIRCEUS zu erwarten?
Anna Pauls: „Wir gehen davon aus, dass die geplante Transition der EU tiefgreifende Auswirkungen auf die Möglichkeiten der sozioökonomischen Entwicklung rohstoffexportierender Länder im Globalen Süden haben wird. Partner aus Wissenschaft und Praxis forschen gemeinsam in Fallstudien, bei denen wir den Einfluss der Veränderungen von Lieferketten für kritische Rohstoffe auf gesellschaftliche Akteure untersuchen. Gemeinsam werden wir die Ergebnisse auch in wissenschaftlichen Publikationen und auf Konferenzen präsentieren.“
Wie arbeiten die Projektpartner zusammen?
Anna Pauls: „Wir arbeiten in allen Teilen des Projekts eng zusammen, aber haben unterschiedliche methodische und inhaltliche Schwerpunkte. Die ÖFSE koordiniert das Projektkonsortium, trägt die bisherige Forschung zusammen und führt Workshops mit Stakeholdern durch. Das Institut für soziale Ökologie der BOKU modelliert die globalen Materialflüsse für ausgewählte kritische Rohmaterialien. Das Institut für ökologische Ökonomie an der WU modelliert die dazugehörigen Wertschöpfungsketten in einem Input-Output Modell. Aus der Praxis arbeiten die Dreikönigsaktion und Global 2000 mit. Unsere Rolle am ITA ist übergreifend: wir entwickeln das transdisziplinäre Konzept in enger Zusammenarbeit mit allen Partnern, und ein Handbuch für die Stakeholderbeteiligung, die wir koordinieren und gemeinsam mit den Partnern entwickeln. Das Ziel ist es, die gemeinsam mit den Stakeholdern erarbeiteten Ergebnisse und Handlungsempfehlungen an die Politik zu vermitteln, damit die wissenschaftlich fundierte Entscheidungsbasis, die im Projekt geschaffen wird, auch möglichst gut genutzt werden kann.“
Du hattest bereits die Gelegenheit, das Projekt im Workshop „Frauen in der internationalen Wirtschaft 2026“ des Forschungsschwerpunkt Internationale Wirtschaft (FIW) zu präsentieren. Warum ist Gender relevant für die Strategie der EU für kritische Rohmaterialien?
Anna Pauls: „In vielen Regionen sind der Zugang zu natürlichen Ressourcen und die Entscheidungsgewalt darüber sehr ungleich verteilt. Es überrascht nicht, wenn die Benachteiligung gesellschaftlicher Gruppen im globalen Süden und eine Segregation von Geschlechtern in unterschiedlichen beruflichen Funktionen auch für Produktivität und Innovation negativ sein kann. Gleichzeitig ist die Betroffenheit von negativen Folgen unterschiedlich, sowohl in Bezug auf die Arbeitsplatzsicherheit und die Vulnerabilität für gesundheitliche Folgen durch Verschmutzung in der Umgebung der Abbaustätten, als auch in Bezug auf die Folgen durch Zwangsumsiedelungen und Enteignungen – was auch eine erhöhte Gefahr von genderbasierter Gewalt mit sich führen kann. Die ungleiche Machtverteilung und Betroffenheit in Bezug auf Gender interagieren stark mit anderen Dimensionen; zum Beispiel werden die Interessen indigener Bevölkerungsgruppen oft weniger berücksichtigt und indigene Menschen sind oft von Gewalt betroffen, etwa wenn versucht wird, sich ihre Gebiete anzueignen.“
Co-Creation soll bei eurer Arbeit im Vordergrund stehen. Wie soll der methodische Ansatz von CIRCEUS eine inklusive und gerechte Strategie für kritische Rohmaterialien ermöglichen und was genau bedeutet das für die Durchführung des Projekts?
Anna Pauls: „Damit auch wirklich alle relevanten Aspekte bei der Datenerhebung und Modellierung berücksichtigt werden, bilden wir in CIRCEUS von Anfang an einen Dialog zwischen Wissenschaft und Stakeholdern im Globalen Süden, und entwickeln die Fragestellungen des Projekts gemeinsam. Damit der Stakeholderprozess auch die Perspektiven unterschiedlicher Gruppen möglichst gut widerspiegelt, müssen wir also von Anfang an, bei der Auswahl der Stakeholder, auf eine ausgewogene Repräsentation achten und eine vertrauensvolle Atmosphäre für einen offenen Austausch schaffen. In Bezug auf Genderaspekte hoffen wir, dass die ausgewogene Zusammensetzung des Forschungsteams und ihrer Leitung in Bezug auf Gender uns dabei hilft, zusätzlich zum Wissensschatz, den die Forschung zu solchen Prozessen aufgebaut hat.“
Das Projekt ist gerade erst angelaufen, aber im Vorfeld, in der ersten Phase des Ansuchens an den Fördergeber FWF, gab es schon einen Workshop. Gibt es bereits erste Ergebnisse?
Anna Pauls: „Im Workshop haben Stakeholder aus Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Indonesien, Peru und Südafrika sowie Repräsentant:innen des BMF, des Umweltbundesamts, der EU-Kommission, des Europäischen Wirtschaftsraums, des EU Joint Research Centres, sowie der Deutschen Rohstoffagentur miteinander diskutiert, was CIRCEUS berücksichtigen muss, um zur Wissensbasis für eine gerechte Entwicklung in Bezug auf den Bedarf der EU an kritischen Rohmaterialien beizutragen und kamen zu folgenden Ergebnissen: Eine ‚gerechte und inklusive Transition‘, wie der EU Green Deal sie vorsieht, kann nur als erfolgreich betrachtet werden, wenn europäische Stakeholder und Stakeholder in den betroffenen Ländern berücksichtigt werden. Das bedeutet unter anderem, dass unterschiedliche Wahrnehmungen von Natur, also auch ihr spiritueller und kultureller Wert, berücksichtigt werden, und dass die Genderaspekte von Rohstoffabbau sowie die mangelnde Beteiligung indigener Bevölkerungsgruppen in Entscheidungsprozessen Beachtung finden."
