
Sprachlaute werden nie in Isolation wahrgenommen, sondern immer im Kontext angrenzender Laute sowie allgemeiner Charakteristika des Sprachsignals. So wurde bereits mehrfach gezeigt, dass das wahrgenommene Geschlecht des Sprechers bzw. der Sprecherin bei der Interpretation von Lauten eine Rolle spielt. Zum Beispiel werden im Englischen akustisch ambige Laute zwischen /s/ und /θ/ (auch bekannt als „th“) häufiger als /θ/ wahrgenommen, wenn die Stimme als männlich wahrgenommen wird, als wenn sie als weiblich wahrgenommen wird.
Die kürzlich erschienene Studie untersuchte, ob auch Personen, die Englisch als Fremdsprache gelernt haben, eine ähnliche Präferenz zeigen. Hierzu wurden 55 Personen mit Englisch, 55 Personen mit Deutsch und 50 Personen mit Polnisch als Muttersprache für eine Hörstudie eingeladen. Das präsentierte Sprachmaterial war auf Englisch. Laute entlang eines künstlich erzeugten Kontinuums zwischen /s/ und /θ/ wurden in englischen Wortpaaren präsentiert, zum Beispiel sink–think oder face–faith. Die Aufgabe der Hörer:innen war zu entscheiden, welches der beiden Wörter sie hören. Während das Lautkontinuum in allen Hörbeispielen identisch war, wurden die restlichen Teile der Wörter entweder von einem Mann oder einer Frau gesprochen.
Es zeigte sich, dass alle drei Gruppen von Studienteilnehmer:innen – unabhängig von ihrer Muttersprache – die Lautkontinua je nach Stimme unterschiedlich kategorisierten. Alle Gruppen zeigten ähnliche Unterschiede, obwohl weder das Deutsche noch das Polnische den Laut /θ/ aufweist.
Die Ergebnisse zeigen, dass soziale Informationen aus der Stimme von Sprecher:innen in der Sprachwahrnehmung berücksichtigt werden und dass dieser Prozess so automatisch und effizient abläuft, dass er auch in Fremdsprachen und für darin neu gelernte Sprachlaute (hier /θ/) angewendet wird.
Lesen Sie den vollständigen Artikel im Journal of the Association of Laboratory Phonology.