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WIRTSCHAFTSJOURNALISMUS ZWISCHEN FAKTEN UND INTERPRETATION

Erste Auswertungen der neuen Befragungsdaten der Worlds of Journalism-Studie zeigen dass sich Wirtschaftsjournalist*innen in ihrem Selbstverständnis in zwei Gruppen teilen: die eine Gruppe sieht sich in der Tradition des „Objektivitätsideals“, der anderen geht es um einem transparenten, interpretativen Journalismus

16.10.2024
N=46 journalists who assigned themselves to the economy section (out of 856

Einige der wichtigsten Ergebnisse aus Österreich (im Vergleich zu Deutschland und der Schweiz):

Der Wirtschaftsjournalismus ist mit durchschnittlich 49 Jahren älter und mit 60% männlicher (60%) als der Journalismus generell – und er wird zumindest in Deutschland und Österreich immer älter und nicht weiblicher. Der Akademisierungsgrad ist jedoch mit 70-80% hoch.

Wirtschaftsjournalist*innen sehen externe Einflüsse auf ihre Arbeit vor allem seitens Personen aus der Wirtschaft, der Interessensverbände und der Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen. All diese Einflüsse werden gegenwärtig stärker empfunden als vor 9 Jahren, aber:

Der Einfluss, den Zeitdruck, zu geringe Ressourcen, die redaktionelle Linie und vor allem in Deutschland auch die Quote nehmen, wird deutlich höher eingeschätzt – und ebenfalls zumeist höher als früher.

In Bezug auf die Frage nach den gesellschaftlichen Rollen von Wirtschaftsjournalist*innen ist auf Anhieb „Desinformation entgegenwirken“ in Österreich an zweiter Stelle genannt worden, in Deutschland an dritter, in der Schweiz noch etwas mehr abgeschlagen an vierter Stelle. Mit unter den TOP 3 sind in allen drei Ländern „Aktuelles Geschehen einordnen und analysieren“ und „Informationen vermitteln, die Menschen zur Meinungsbildung befähigen“. Dann folgen „Unparteiisch beobachten“ und „Zukünftige Auswirkungen aktueller Ereignisse aufzeigen“. Schwächer ausgeprägt sind die Kontrollfunktion und interventionistische Absichten. Kurzum: Es geht primär um Information und Analyse.

Dementsprechend zeigen sich auf der dahinter liegenden epistemologischen Ebene zwei Berufsbilder: (1.) das klassische „Objektivitätsideal („Es ist möglich, die objektive Realität in der Berichterstattung abzubilden“, „Journalisten sollten die Fakten für sich selbst sprechen lassen“), und (2.) ein interpretativer Journalismus („Um Fakten zu verstehen, ist Interpretation notwendig“, „Journalisten sollten ihren eigenen Standpunkt in ihrer Berichterstattung transparent machen“). Spannend ist, dass diese beiden Berufsbilder nicht korrelieren: Man neigt also entweder einem „objektiven“ oder einem interpretativen Journalismus zu – wobei die zweite Gruppe deutlich stärker als die erste dazu neigt, „das Publikum darauf aufmerksam zu machen, wenn eine Quelle Falsches behauptet“, also die Funktion eines Factcheckers mit übernimmt. Diese Kopplung von Interpretation und Transparenz deutet auf eine sich verändernde Erwartungshaltung des Publikums gegenüber dem Wirtschaftsjournalismus hin.

Die Worlds of Journalism-Studie ist eine internationale Befragung von Journalist*innen in rund 100 Ländern, die 2023 – nach acht Jahren – zum dritten Mal stattgefunden hat. Seit Ende August liegt der finale Datensatz vor. In Österreich wurde die Studie unter der Leitung von Dr. Josef Seethaler, ÖAW, in Kooperation mit Prof. Dr. Folker Hanusch, Universität Wien, durchgeführt. An den hier vorgestellten ersten Auswertungen har Raoul Mitterstainer, BA, mitgearbeitet.

Studie: https://worldsofjournalism.org/