



























Deutlicher Nachholbedarf – besonders in Österreich
Die DIACOMET-Studienergebnisse zeichnen ein durchwachsenes Bild: Hinweise auf dialogische Kommunikation bleiben in Ethikkodizes weitgehend randständig, eine inklusive Kommunikationsethik spielt in der Praxis kaum eine Rolle. Viele Mediennutzende fühlen sich aus gesellschaftlichen Diskursen ausgeschlossen und wünschen sich mehr Mitsprache. Medienfachleute betonen zwar das Potenzial dialogischer Kommunikation, fordern aber deutlich mehr niedrigschwellige Formate. Projektleiter Tobias Eberwein betonte in seinem einführenden Vortrag, dass für Österreich erheblicher Nachholbedarf besteht – strukturell wie kulturell.
Unabhängigkeit wahren, Dialog ermöglichen
In der anschließenden Paneldiskussion rückten die konkreten Herausforderungen dialogischer Kommunikation in den Fokus. Unter der Moderation von Krisztina Rozgonyi (Österreichische Akademie der Wissenschaften) diskutierten die Teilnehmer:innen entlang zentraler Fragestellungen, unter welchen Bedingungen Journalismus überhaupt dialogfähig sein kann – und wo dabei seine Grenzen verlaufen.
Konrad Mitschka (ORF) betonte, dass redaktionelle Unabhängigkeit nicht verhandelbar sei, plädierte aber dafür, bestehende Spielräume konsequenter zu nutzen – auch um marginalisierte Gruppen einzubeziehen. Luis Paulitsch (Datum Stiftung) sieht vor allem im Lokaljournalismus die Zukunft des Dialogs. Das Vertrauen in Medien ist seit der Pandemie stark gesunken, neue zivilgesellschaftliche Formate wie „Journalismus erklärt sich“ versuchen gegenzusteuern. Paulitsch betont: „Der hierarchische Journalismus hört sich in der digitalisierten Welt einfach auf. Im unmittelbaren Umfeld ist Dialog aber ganz wichtig, und hier hat Journalismus momentan sicher seine größte Zukunft.“
Nina Schnider (Faktor D) plädierte für einen lösungsorientierten Zugang: Expertise einbeziehen, Lebensrealitäten anerkennen, unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen. „Es ist wichtig, durch eine Lösungsperspektive auf die Probleme dieser Welt zu schauen. Über das Zusammenbringen von ganz vielen unterschiedlichen Perspektiven können wir überhaupt erst den Dialograum eröffnen.“
Jens Seiffert-Brockmann (PR-Ethik-Rat) ortete ein strukturelles Dilemma: Das österreichische Mediensystem sei ökonomisch getrieben und konkurrenzorientiert – beides widerspreche echtem Dialog. Analoge Begegnungsräume seien daher unersetzlich: „Das grundlegende Problem ist, dass wir in einem Mediensystem leben, in welchem die Ökonomie schlagend ist. Ökonomie ist immer konkurrenzgetrieben – und Dialog ist das Gegenteil von Konkurrenz.“
Ulli Weish (Radio Orange) stellte das Modell der Community-Medien vor, bei dem die Trennung von Publikum und Produktion aufgehoben ist: Macher:innen hören sich gegenseitig zu, diskutieren gemeinsam über Qualität und lernen aus Fehlern. Mit 220 Sendungen in 20 Sprachen lebe Radio Orange den Dialog, den andere Medien erst anstreben: „Wir falten nicht Publikum und Produktion auseinander. Wir diskutieren darüber, was sich gut anhört, was womöglich schwierig ist – und versuchen, Gruppen zusammenzubringen.“
KI, Plattformmacht und europäische Souveränität
In der weiteren Diskussion rückte die Frage nach Verantwortung im digitalen Raum ins Zentrum. Hier herrschte Einigkeit: Auf den großen Plattformen ist dialogische Kommunikation gescheitert. Konrad Mitschka warnte vor den geopolitischen Interessen hinter den maßgeblichen KI-Systemen und plädierte für europäische Alternativen: „Noch haben wir ein wenig Zeit. Ich würde sie nutzen, um europäische Medien zu entwickeln – souveräne KI, Serverlandschaft, Clouds und auch Soziale Medien. Die öffentlich-rechtlichen Medien werden nicht darum herumkommen, hier mitzuentwickeln.“
Aus dem Publikum kamen zusätzliche Impulse: Redaktionen seien zu wenig divers, Arbeitsbedingungen hätten sich massiv verschlechtert. Jens Seiffert-Brockmann betonte, dass guter Journalismus teuer sei – und durch KI zunehmend unter Druck gerate. Luis Paulitsch forderte strukturelle Reformen: Vertrauen müsse durch Selbstkontrolle und die Abkehr von der Inseratenkultur erst wieder aufgebaut werden. Nina Schnider und Ulli Weish stimmten überein: Eine diverse Medienlandschaft, die Zugehörigkeit ermöglicht und Kritikfähigkeit fördert, sei der einzig tragfähige Weg.
Die Diskussion zeigte insgesamt, dass dialogischer Journalismus kein fertiges Modell, sondern ein langfristiger Prozess ist. Vertrauen entsteht nicht allein durch Information, sondern vor allem durch Beteiligung, Transparenz und ernst gemeinten Austausch. Das Forschungsprojekt DIACOMET sowie die Veranstaltung machen deutlich, dass Medien künftig stärker zuhören, vermitteln und unterschiedliche gesellschaftliche Perspektiven zusammenbringen müssen, wenn sie ihre demokratische Rolle nachhaltig erfüllen wollen.
Das Abschlussevent „Zwischen Schlagzeile und Lebenswelt: Journalismus im Dialog“ fand am 19. Mai 2026 im Presseclub Concordia statt. Eine Aufzeichnung ist unter folgendem Link verfügbar: https://youtu.be/tvfMIe2EXZw
Das österreichische DIACOMET-Projektteam des Instituts für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung: Dr. Tobias Eberwein, Dr. Krisztina Rozgonyi, Christina Krakovsky, Sandra Förster, Marie Rathmann, Marina Lindmeyr.
Am Podium: Konrad Mitschka (ORF), Luis Paulitsch (Datum Stiftung), Nina Schnider (Faktor D), Jens Seiffert-Brockmann (PR-Ethik-Rat), Ulli Weish (Radio Orange)
Link: Weitere aktuelle Informationen zum DIACOMET-Projekt: https://diacomet.eu.
Foto Credits: Katharina Schiffl