In Memoriam Josef Kohlbacher
07.09.2026
Mit großer Betroffenheit nehmen wir Abschied von MMag. DDr. Josef Kohlbacher, der am 12. August 2026, im Alter von 67 Jahren, völlig unerwartet verstorben ist. Mit ihm verlieren das Institut für Stadt- und Regionalforschung und die Österreichische Akademie der Wissenschaften einen Kollegen, der mit seinem Engagement, seiner Expertise und seiner Kollegialität die Entwicklung unseres Instituts maßgeblich geprägt hat.
Josef Kohlbacher wurde 1958 in Lilienfeld geboren. Er hat an der Universität Wien studiert, zwischen 1982 und 1986 das Lehramtsstudium für Geschichte und Germanistik, das Doktorat in Völkerkunde mit Ägyptologie sowie das Magisterium und das Doktorat in Soziologie abgeschlossen. Nebenbei hat der vielseitig Interessierte auch Zoologie studiert. Seine Neugierde auf die Welt war es auch, die ihn während dieser Studienjahre und danach auf Reisen in Länder gebracht hat, die heute zum Teil unerreichbar sind. Er reiste mit dem Fahrrad durch Ägypten, hat mehrmals Indien, Bangladesch, Pakistan und Nepal bereist, ebenso auch Afghanistan. Ab 1984 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums für Völkerkunde in Wien in den Regionalabteilungen Nordamerika und Südasien und unternahm ausgedehnte ethnologische Feldforschungen in Ägypten und auf dem indischen Subkontinent.
Die Breite der akademischen Ausbildung sowie die Erfahrungen und Eindrücke dieser Reisen haben sein Verständnis von Wissenschaft geprägt. Josef Kohlbacher war ein Generalist, der in seinen Forschungen immer den Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge und Wechselwirkungen gerichtet hat. Mit seiner breiten Ausbildung war er auch ein „disziplinärer Grenzgänger“, seine Forschungen orientierten sich konsequent an Themen- und Problemfeldern, die quer über Disziplinengrenzen hinweg angesiedelt und durch ein breites Methodenspektrum gekennzeichnet waren. Seine Arbeit war geprägt von einem tiefen Verständnis für die komplexen Zusammenhänge unserer Gesellschaft und einem unermüdlichen Streben nach Erkenntnis.
Seine wissenschaftliche Karriere führte ihn schließlich im Jahr 1988 an die ÖAW, wo er über Jahrzehnte hinweg einen bedeutenden Beitrag in der empirischen Migrationsforschung geleistet hat. Das umfangreiche wissenschaftliche Werk und die Chronologie mit den Schwerpunkten Xenophobie, Ost-West-Migration, Wohnungsmarktintegration von Migrant:innen, städtische Integrationspolitik, soziale und berufliche Mobilität von Zuwanderern, interethnische Beziehungen im urbanen Kontext sowie ethnische Wohnsegregation zeigen, wie eng die Forschungen von Josef Kohlbacher an den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen orientiert waren. Rasches Reagieren auf gesellschaftliche Veränderungen und Trends sind ein weiteres Kennzeichen seines Verständnisses von Forschung. Josef Kohlbacher hat in Zuge der Flüchtlingskrise 2015 seine Forschungen rasch auf das Thema Fluchtforschung ausgerichtet und sich an der Gründung des transdisziplinären Forschungsnetzwerkes ROR-n, dem „Refugee Outreach & Research Network“, beteiligt.
Josef Kohlbacher war nicht nur ein brillanter Wissenschaftler, sondern auch ein Mensch, der stets den Dialog suchte. Seine Forschung war nie akademischer Selbstzweck, sondern immer darauf ausgerichtet, auch in die Gesellschaft hinein zu wirken. Mediale Öffentlichkeit war Josef Kohlbacher nie ein Anliegen, zugleich war er ein umtriebiger Netzwerker in der wissenschaftlichen Community, er engagierte sich in einer Vielzahl von nationalen und internationalen Projekten und Initiativen. Sein Interesse an interdisziplinärer Zusammenarbeit und internationalen Kooperationen brachte ihm an der Akademie, in Österreich und weit über die Grenzen hinaus Anerkennung. Seine Publikationen und Vorträge inspirierten nicht nur Fachkolleg:innen, sondern auch Entscheidungsträger:innen und die breite Öffentlichkeit.
Josef Kohlbacher hat durch seine jahrelange Funktion als stellvertretender Direktor des ISR die Geschicke des Instituts maßgeblich beeinflusst, auf seine fachliche Expertise und seine Hilfsbereitschaft konnte sich sein Kolleg:innen immer verlassen. Er war ein geschätzter Mentor für junge Wissenschaftler:innen, denen er stets mit seiner Expertise zur Seite stand. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit war Josef Kohlbacher ein Mensch, der sich durch seine Bescheidenheit, seinen Humor und seine Herzlichkeit auszeichnete. Seine Kolleg:innen am ISR schätzten ihn nicht nur für seine fachliche Brillanz, sondern auch für seine Menschlichkeit. Brauchte man Rat und Tat, stand die Türe von Josef Kohlbacher immer weit offen. Nun hat sie sich für immer geschlossen.
Mit dem Tod von Josef Kohlbacher verliert die Österreichische Akademie der Wissenschaften nicht nur einen herausragenden Forscher, sondern auch einen geschätzten Kollegen und Freund. Sein Wirken wird in den zahlreichen Projekten, die er initiiert und begleitet hat, weiterleben. Seine Ideen und sein Engagement werden uns auch in Zukunft inspirieren.
Für die Mitarbeiter:innen des ISR
Ursula Reeger, Robert Musil
