„In sich aufnehmen und wieder abstoßen“. Thomas Bernhard in künstlerischen Konstellationen
In den 1981 im ORF erstmals ausgestrahlten Monologen auf Mallorca lässt Thomas Bernhard wissen, er habe „nie ein Vorbild gehabt und auch nie eins wollen“. Er habe, beteuert er, „immer nur ich selber sein wollen“. Diesen Wunsch nach vorbildloser Autonomie verbindet er mit der Befürchtung, ein Idol könnte ihn gleichsam absorbieren: Er sei „in die Gefahr, von irgendso einem Vorbild aufgesaugt zu werden, gar nie gekommen“. Diesen apodiktischen Selbstaussagen steht Bernhards exzessives name dropping in Prosa, Dramen und Paratexten gegenüber, denkt man etwa an die zahlreichen Motti von Pascal, Novalis oder Schopenhauer, die den Autoren durchaus den Status von ‚Vorbildern‘ zu verleihen scheinen. Diese Ambivalenz hat die literaturwissenschaftliche Forschung dazu veranlasst, Bernhard einerseits als literaturgeschichtlichen Solitär zu sehen, der sich einer Einreihung in gängige historische Entwicklungslinien entzöge, andererseits akribisch nach Bezugnahmen auf Prätexte anderer Autor:innen zu suchen – ein Vorgehen, das Wendelin Schmidt-Dengler als jenes von „Parallelstellenjägern und Einflußhermeneutikern“ bezeichnet hat.
Beide Herangehensweisen gehen über weite Strecken Bernhards Werkpolitik auf den Leim und drohen dabei die ästhetischen Verfahren seiner Texte aus den Augen zu verlieren. Vielversprechender dürfte es sein, danach zu fragen, welche Formen der Bezugnahme es bei Bernhard jenseits von Gesten der Verweigerung und des demonstrativen Herbeizitierens großer Namen gibt. Denn sein Werk steht in einem bislang unterbeleuchteten „intertextuelle[n] Bezugssystem“ (Michael Billenkamp), das Schreibweisen, Gattungen, Motive und Formen verschiedener Provenienz sowie die mit ihnen assoziierten Akteur:innen umfasst.
Die Tagung der Forschungsstelle Thomas Bernhard wird dieses Bezugssystem in dreierlei Hinsicht vermessen. Erstens will sie danach fragen, wie sich das spezifische Verhältnis Bernhards zur literarischen ‚Tradition‘ gestaltet, der er angesichts des österreichischen Nation Buildings nach 1945 skeptisch gegenüberstand. Zweitens geht es darum, sein wechselhaftes Verhältnis zu seinen Zeitgenoss:innen als Konkurrent:innen im literarischen Feld herauszuarbeiten. Drittens soll die ‚Wirkung‘ Bernhards zur Diskussion stehen, die er selbst als „letztenendes etwas Furchtbares“ bezeichnet hat; doch gerade österreichische Autor:innen drängt es zur Stellungnahme zu Bernhard, wenn nicht gar zur aktiven Auseinandersetzung mit seinem Werk.
Ausgehend von der Annahme, dass Bernhards Werk eine eminent intertextuelle Dimension aufweist, die von der Forschung bislang noch nicht systematisch adressiert worden ist, und dass es in Österreich und darüber hinaus selbst vielfach zum Intertext geworden ist, lädt die Tagung dazu ein, den Spuren vielfältiger Bezugnahme in einzelnen Fallstudien nachzugehen.
Mit Vorträgen von Stefano Apostolo (Milano), Robin-M. Aust (Bielefeld), Uta Degner (Innsbruck), Bernhard Fetz (Wien), Harald Gschwandtner (Salzburg), Saskia Haag (Wien), Alexander Honold (Basel), Martin Huber (Wien), Daniel Milkovits (Wien), Natalie Moser (Potsdam), Fatima Naqvi (Yale), Kathrin Schuchmann (Köln), Juliane Vogel (Konstanz), Juliane Werner (Wien) und Norbert Christian Wolf (Wien).
Information
Datum
15.-17. Oktober 2026
Ort
15.-16. Oktober: Österreichische Akademie der Wissenschaften, Seminarräume 1 und 2, Bäckerstraße 13, 1010 Wien
17. Oktober: Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek, Johannesgasse 6, 1010 Wien
Konzeption und Organisation

