Partizipation bedeutet in der sozialwissenschaftlichen Forschung die partnerschaftliche Teilhabe gesellschaftlicher Akteur:innen am Forschungsprozess – mit dem Ziel, wissenschaftliche Erkenntnis und gesellschaftliche Praxis miteinander zu verbinden. Im Projekt „Vielsprachiges Gedächtnis der Migration“ setzten sich die teilnehmenden Schüler:innen und Studierenden mit ihrem Verständnis von Migration auseinander, entwickelten zunächst gemeinsam und dann in Hinblick auf einzelne Personen Interviewfragen und begaben sich schließlich in die offene Situation lebensgeschichtlicher Interviews. Sie hatten die Möglichkeit, Migration im Übergang vom gesellschaftlich und politisch Gesteuerten zum individuell Erfahrenen zu reflektieren.
Wenn Schüler:innen und Studierende, die sich selbst migrantischen Communities zugehörig fühlen oder in einem migrantisch diversen Bildungsumfeld aufwuchsen, Interviews mit älteren Migrant:innen führen, erzeugt dies kommunikative Wechselwirkungen. Schüler:innen und Studierende laden Interviewte allein schon durch ihre soziale Position zu bestimmten Erzählungen ein und treten in einen Dialog, der auf gemeinsamen Erfahrungshintergründen sowie geteilten Sprachen oder Sprachvarianten beruht. Auf diese Weise wirkt sich das partizipative Setting der Oral-History-Forschung direkt auf die Forschungsergebnisse aus.
„Sie haben den Finger auf die Wunde gelegt.“
Ghaid Gattas, die als Kind 2014 mit ihrer Familie aus dem von Krieg und politischer Gewalt zerrissenen Syrien floh, interviewte in dem Projekt Samiha Oyoun Alnabulsi und deren Mann Mohamad Jouma Almoussly, die ebenfalls mit ihren Töchtern aus Syrien geflohen waren. In beiden Familien begaben sich zuerst die Väter auf den ungewissen und strapaziösen Fluchtweg und konnten nach einer Phase der Trennung ihre Familien nachholen. Zum Zeitpunkt des Interviews, 2023, stand Ghaid Gattas am Beginn ihres Studiums, während Herr Almoussly bereits eine Alterspension bezog. Diese sicherte zwar die Familie ökonomisch ab, verringerte aber die Chance auf Integration in die österreichischen Kunstwelt, welche Herr Almoussly erhofft hatte.
In dieser Passage stellt Ghaid Gattas Mohamad Almoussly eine detaillierte Frage über die Nachwirkungen der erlebten Katastrophen auf seine psychische Gesundheit und danach, ob er die Ereignisse bereits „in der Vergangenheit lassen“ könne. Herr Almoussly erwidert zu allererst, die Interviewerin habe „den Finger auf die Wunde gelegt“. Dann berichtet er davon, wie er in Träumen nach Syrien zurückversetzt wird. Wo die Eindringlichkeit von Ghaid Gattas‘ Fragen an die Grenzen der emotionalen Diskretion rührt, wird deutlich, dass sie auf selbst Erlebtes und Erfahrungen nahestehender Personen zurückgreift.
„Es geht einerseits um Erinnerung, andererseits auch um Genuss.“
Alma Hrustemović beantwortet die Frage von Anes, einem Schüler des ORG Antonkriegergasse, ob sie in Österreich etwas von Bosnien vermisse, mit einigen persönlichen Perspektiven der Sarajevoer Stadtkultur, die beiden vertraut ist. In diesem Teil des Interviews, der auf die eigentliche lebensgeschichtliche Erzählung folgt, bezieht die Interviewte den Interviewer in ein „Wir“ ein und ruft einen gemeinsamen Kulturraum auf.
Das Besondere an diesem Gespräch ist, dass Anes zum Zeitpunkt des Interviews erst anderthalb Jahre in Österreich ist, während Alma Hrustemović als Kind, vor 33 Jahren nach Österreich, gekommen war und sich bei aller Verbundenheit mit Bosnien als vollständig in Österreich verwurzelt sieht. Bei ihr knüpft die Gegenwart an ferne, teils sentimentale Erinnerungen an, während Anes sich noch in einer Phase der Eingewöhnung befindet und sich selbst (noch) davon überzeugen muss, dass es richtig war, hierher zu kommen.
