Am 7. November 1938 verübte ein verzweifelter junger Jude, Herschel Grynszpan, in Paris ein Schussattentat auf den zweiten Legationsrat der deutschen Botschaft, Ernst von Rath. Das Ableben von Rath am 9. November bot Adolf Hitler einen Vorwand, ein schon seit längerem geplantes Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung im Deutschen Reich und im annektierten Österreich und dem Sudetenland zu entfesseln. Laut den Worten von Propagandaminister Josef Goebbels habe der Führer angeordnet, dass antijüdische Ausschreitungen „von der Partei weder vorzubereiten noch zu organisieren seien, soweit sie spontan entstünden, sei ihnen aber auch nicht entgegenzuarbeiten“. Die Reichs- und Gauleiter interpretierten die Rede dahingehend, „dass die Partei nach außen nicht als Urheber der Demonstrationen in Erscheinung treten, sie in Wirklichkeit aber organisieren sollte“. Um etwa 22:30 Uhr erteilten sie ihren Dienststellen telefonisch die Anweisungen zu den antijüdischen Aktionen.

Als die SS-Standarten 89 und 11 am 10. November zwischen vier und sechs Uhr Früh ausrückten, um die Wiener Synagogen und Bethäuser zu zerstören, hatten Parteiformationen – SA, HJ und politische Führer – schon damit begonnen. Einige Synagogen und Bethäuser waren bei der Ankunft der SS bereits völlig zerstört, bei anderen brachte sie die „Arbeit“ ihrer Vorgänger zu Ende. Nach einem Spezialbericht an den Chef des Sicherheitshauptamtes von 10. November 1938 über die „Aktionen gegen israelitische Bethäuser in Wien“ wurden von der Nacht des 9. bis in die Morgenstunden des 10. November insgesamt zweiundvierzig Synagogen und Bethäuser „größtenteils restlos zerstört“, wobei die meisten zuerst mit Handgranaten gesprengt und dann in Brand gesteckt worden waren. Die restlichen der insgesamt 96 jüdischen Gotteshäuser in Wien wurden fast ausnahmslos geplündert und verwüstet. Nur der 1826 erbaute Stadttempel in 1., Seitenstettengasse 4 durfte laut Anweisung von Reichskommissar Bürckel „auf keinen Fall in Brand gesteckt werden“, da das wertvolle Archivmaterial in den daran anschließenden Gebäuden der Israelitischen Kultusgemeinde erhalten bleiben und die angrenzenden Wohnhäuser nicht durch einen Brand gefährdet werden sollten. Daher begnügten sich die Nationalsozialisten mit der Verwüstung des Synagogeninnenraums. Die Zerstörung der Synagogen ging mit einer massiven Verhaftungswelle jüdischer Männer einher, von der auch einige Bewohner Währings betroffen waren.

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Quellen

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