
Der Vortrag setzt sich mit den Perspektiven von Jüdinnen:Juden auf Antisemitismus in Deutschland auseinander – ein Thema, das trotz seiner Relevanz lange Zeit kaum beachtet wurde. Auf Grundlage eines wissenssoziologischen Zugangs wurden problemzentrierte Interviews sowie öffentliche Stellungnahmen ausgewertet. Antisemitismus wird dabei als stetige Verunsicherung des Alltags erlebt, die nie vollständig ausgeschlossen werden kann und von der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft häufig nur unzureichend verstanden wird. Vor diesem Hintergrund fordern Jüdinnen:Juden eine bewusste Auseinandersetzung mit Antisemitismus sowie Anerkennung im Alltag ein.
Der Vortrag gibt einen Einblick in das junge Feld der subjektorientierten Antisemitismusforschung. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Rolle die Konfrontation mit Antisemitismus in der alltäglichen Lebenswelt von Jüdinnen:Juden spielt:
Es zeigt sich bereits im Vorfeld konkreter Konfrontationen, dass die Antizipation antisemitischer Situationen nur begrenzt möglich, sodass Antisemitismus zumindest unterschwellig zu einem ständigen Alltagsbegleiter wird. Kommt es zur Konfrontation, werden Alltagsroutinen unterbrochen, da Antisemitismus als akutes Handlungsproblem Aufmerksamkeit erzwingt. Im weiteren Verlauf kann zudem die eigene Handlungsfähigkeit an Grenzen stoßen oder gar verloren gehen. Unter dem Gesichtspunkt normativer Erwartungshaltungen betrachtet, erleben Jüdinnen:Juden hierbei, dass ihr Alltag von vielfältigen Missachtungserfahrungen durch nicht-jüdische Interaktionspartner:innen durchzogen ist. Dies betrifft sowohl die Anerkennung als gleichwertige Menschen und Rechtssubjekte als auch kollektive jüdische Identitäten. Betont wird zudem die Anerkennung individueller Ich-Identitäten, bei denen Jüdisch-Sein ein wichtiger Teil des Selbst sein kann, ohne darauf festgeschrieben oder reduziert zu werden.
Zum Buch: Antisemitismus in Alltag und Öffentlichkeit – Das Erleben und Ausdeuten von Antisemitismus unter Jüdinnen und Juden in Deutschland, Baden-Baden: Nomos Verlag 2025. Link
Niklas Herrberg ist seit November 2025 Postdoc am Institut für Kulturwissenschaften der ÖAW und forscht aktuell zu Antisemitismus in der österreichischen Gegenwartgesellschaft | zur persönlichen Website
Datum und Uhrzeit:
8. April 2026
13:30 - 15:00 Uhr
Ort:
Alte Burse
Sonnenfelsgasse 19,
10 10 Wien
Kontakt:
Mag. Caroline Hofer
caroline.hofer(at)oeaw.ac.at
