Die Habsburgermonarchie war in vielfältiger Weise mit dem „Orient“ verflochten – einem Konstrukt, das zahlreiche Länder und Kulturen in Europa und im „Osten“ adressierte: Einerseits gestaltete sich diese Beziehung durch die jahrhundertlange Nachbarschaft zum Osmanischen Reich vor dem Hintergrund von Krieg, Koexistenz und Interaktion besonders dicht und vielschichtig. Andererseits stellten sich die Akteur:innen in der Habsburgermonarchie nicht bloß einen Orient vor, der an einer langen gemeinsamen und durchlässigen Grenze begann – vielmehr entdeckten sie bereits lange vor der habsburgischen Okkupation des vormals osmanischen Bosnien-Herzegowina (1878) einen „inneren Orient“ innerhalb des eigenen Staatsgebiets, den Beamte und Reisende, Militärs und Reformer etwa im Banat, in der Bukowina oder in Galizien zu finden meinten.
Die Beschäftigung mit dem Orient macht so auf die fließenden Übergänge zwischen der Innen– und der Außenwelt der Habsburgermonarchie, auf den Transfer von Wissensformen und Verwaltungstechniken sowie auf sozialgeschichtliche Querbezüge aufmerksam. Auf eben diese Vorgänge möchte die gemeinsam von zwei Instituten der ÖAW, dem Institut für die Geschichte der Habsburgermonarchie und des Balkanraums sowie dem Institut für Kulturwissenschaften, organisierte Tagung Der Orient der Habsburgermonarchie das Augenmerk lenken. Damit versteht sich die Tagung als Impulsgeberin für die Forschung, die bisher vor allem Bilderwelten, d. h. die Wahrnehmung des Orients und seine künstlerische Verarbeitung in der habsburgischen Kultur und Gesellschaft in den Mittelpunkt gerückt hat. Die faszinierende Geschichte konkreter Interaktionen von österreichisch(-ungarisch)en Akteuren aus Politik, Diplomatie, Verwaltung, Armee, Wissenschaft und Kunst mit dem „Orient“ und die damit verbundenen Wechselabhängigkeiten und Übertragungsprozesse wurden hingegen viel weniger untersucht. Dieser akteurszentrierte Zugang soll in der zeitlichen longue durée (17.–20. Jahrhundert) nutzbar gemacht werden, um insbesondere die Verflechtungsgeschichte zwischen der Habsburgermonarchie und dem Osmanischen Reich, aber auch mit anderen als „Orient“ etikettierten Ländern und Kulturen sichtbar zu machen. Zugleich wird damit ihre langfristige Prägekraft erschlossen.
