Zentraleuropäische Perspektiven auf den Gegensatz von Imperium und Nation

Das Spannungsverhältnis von „Nation“ und „Imperium“ wurde für den Habsburgerstaat und sein zentraleuropäisches Erbe immer wieder historisch und kulturwissenschaftlich einschlägig beschrieben. Wie die großen Kolonialmächte scheint die Donaumonarchie prädestiniert, die entsprechenden zwei unterschiedlichen politischen Ordnungsmodelle zu profilieren. Der Nationalstaat beruht dabei auf der Fiktion seiner Homogenität: eine Sprache, ein Volk, ein Territorium, eine Regierung. Heterogenität und fluide Grenzen erscheinen ihm als Unklarheit, die es institutionell zu überwinden gilt. Imperien hingegen sind weiträumige staatliche Gebilde, die von ihrer expansionistischen Vergangenheit zehren. Sie konservieren Unterscheidungen und hierarchische Abstufungen zwischen verschiedenen Völkern, gehen auf die Verschiedenheit ihrer Untertanen mit ihren Herrschaftspraktiken ein. Auf die Fluidität von Grenzen und die Vielfalt in ihnen reagieren sie mit einer Flexibilität ihrer Institutionen.
Die diesjährige Tagung unternimmt es, diese abstrakte, begriffliche Dichotomie von einer Geschichte konkreter Institutionen einerseits und vom Blick auf diese Institutionen seitens der jeweils zeitgenössischen Wissenschaft und Literatur andererseits zu differenzieren: Welche Stellung bezieht eine staatstragende Institution wie der römisch-katholischer Klerus im k.k. Österreich zu Sprachenvielfalt und Heterogenität der Gemeinden? Wie wird der Gegensatz von „Imperium“ und „Nation“ in den frühen, soziologischen Überlegungen z.B. von Max Webers „Mitteleuropamission“ profiliert? Wie ist eine Institution wie die Ehe vom Spannungsverhältnis betroffen, das sich mit dem aufkommenden Nationalismus zu den Vorstellungen des Zusammenlebens im Vielvölker-Staat auftut?
Vor dem Hintergrund eines neuen Nationalismus, der wieder schärfer Partikularinteressen artikuliert, wurde neuerdings die Frage aufgeworfen, ob das Imperium-Konzept auf die europäische Union und Strategien ihrer Verwaltung anzuwenden ist. Die Orientierung der Konferenzbeiträge an Geschichte und der Darstellung zentraler Institutionen in literarischen Werken soll helfen, solche Perspektiven zu konkretisieren und zu erden.
Informationen
Beginn 4. September, 18 Uhr
bis 6. September 12 Uhr
Veranstaltungsort:
Institut für Slawistik | Seminarraum 1
Spitalgasse 2, Hof 3
1090 Wien
