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Antisemitismus und Musik im österreichischen Rundfunk nach 1945

Jour Fixe Kulturwissenschaften mit Elias Berner

22.05.2025

In meinem Vortrag setze ich die öffentliche Tabuisierung und gleichzeitige Nachwirkung des Nationalsozialismus – insbesondere des Antisemitismus – mit dem Einsatz von Musik im öffentlichen Rundfunk in Österreich nach 1945 in Beziehung. Im Mittelpunkt des Vortrags stehen dokumentarische Features, die im Radio oder Fernsehen anlässlich von Jahrestagen zentraler historischer Ereignisse zur Gründung der Zweiten Republik Österreich ausgestrahlt wurden, wie etwa dem Kriegsende 1945 oder der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955. Diese Sendungen entwerfen durch die Darstellung von Geschichte und insbesondere von Krisensituationen das Bild einer spezifischen österreichischen Identität.

Klassische Musik übernimmt in diesen Features vielfältige Funktionen: Sie dient als Übergang zwischen den fragmentierten, heterogenen Materialien, aus denen die Sendungen zusammengesetzt sind, und fungiert gleichzeitig als Verweis auf die Vergangenheit des Landes sowie als Bestätigung seiner kulturellen Errungenschaften. In Sendungen der 1950er-Jahre wird Musik genau dann eingesetzt, wenn die NS-Zeit und der Antisemitismus auf sprachlicher Ebene ausgelassen, also tabuisiert werden.

Ausgehend von dieser Beobachtung stelle ich die Frage, wie sich Funktion und Repertoire der Musik in dokumentarischen Features im Kontext von Republikjubiläen in den 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahren entwickelt haben. Diese Fragen müssen nicht nur vor dem Hintergrund der identitätsstiftenden Funktion des Topos „Musikland Österreich“ gestellt werden (vgl. Kem, Between Musicology and Mythology, 2019; Nußbaumer, Musikstadt Wien, 2007; Szabó-Knotik, Musikland Österreich, 2004; Wagner, Musikland Österreich, 2006 u.a.), der bereits kulturwissenschaftlich untersucht wurde, sondern auch im Zusammenhang mit dem gut dokumentierten „sekundären Antisemitismus“ in Österreich nach 1945, der weiterhin „als gemeinsamer Fundus“ der österreichischen Gesellschaft diente und in die Opfererzählung integriert wurde (vgl. Botz, Österreich und die NS-Vergangenheit, 1987; Grigat und Markl, Österreichische Normalität, 2013; Marin, Antisemitismus ohne Antisemiten, 1979 u.a.).

Die kollektivierende, essentialisierende Funktion lässt sich dabei als impliziter gemeinsamer Nenner sowohl des Musikland-Topos als auch des Antisemitismus in Österreich identifizieren.

Elias Berner ist Musikwissenschaftler und Fellow für Antisemitismusforschung am Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.   

Moderation: Gerald Lamprecht, Koordinator der Arbeitsgruppe Antisemitismusforschung am Institut für Kulturwissenschaften der ÖAW. 

 

Datum und Uhrzeit:
22. Mai 2025
16:30 - 18:00 Uhr

Ort:
Alte Burse
Sonnenfelsgasse 19,
10 10 Wien

Kontakt:
Mag. Caroline Hofer
caroline.hofer(at)oeaw.ac.at