Wien 18., Schopenhauerstraße 49


Die Schule in der Schopenhauerstraße war bis 1938/39 ein Vereinsrealgymnasium für Buben, also eine Privatschule. Im Schuljahr 1937/38 besuchten sie 88 jüdische Schüler (14% aller Schüler). Unmittelbar nach dem „Anschluss“ blieben 15 Schüler der Schule fern. Offenbar wollten ihre Eltern nicht riskieren, dass ihre Söhne auf dem Schulweg angepöbelt wurden. Trotz des gesetzlichen Ausschlusses der jüdischen Schüler erhielten vier Schüler ein Abgangszeugnis und 69 ein Jahreszeugnis. Im Schuljahr 1938/39 gab es keine jüdischen Schüler mehr an der Schule.

Hugo Pepper (1920-2001), späterer Widerstandskämpfer, sozialdemokratischer Volksbildner und Publizist, war bereits zur Zeit des Austrofaschismus politisch aktiv. Die Nationalsozialisten verdächtigten ihn, eine linke Jugendgruppe organisiert zu haben. Das Verfahren gegen ihn wurde 1940 eingestellt. Pepper beschrieb in einem Interview die Reaktion der nichtjüdischen Schüler auf das „Verschwinden“ ihrer jüdischen Kollegen im Schuljahr 1938/39, die zeigt, wie widerspruchslos der Bevölkerung die Entrechtung und den Ausschluss der jüdischen Bevölkerung hinnahm:

Interview Pepper

Interview Pepper

„Die Reaktion der Lehrer war gleich null. Also man hätte meinen können, dass ein paar prononcierte Nazis Bemerkungen machten. Das war aber nicht der Fall. Sonderbarerweise haben sie sich zurückgehalten. Vielleicht weil man darüber kein Gespräch gewünscht hat. [...] Ich habe nachher von den [ jüdischen B.K.] Mitschülern nichts mehr gehört, und musste mich auch hüten, weil ich im Achtunddreißigerjahr schon aufgrund einer Denunziation in ein Hochverratsverfahren verwickelt war. Und ich war unter polizeilicher Beobachtung. [...] Man hat solche Fragen nicht gestellt. Das war ein Tabu. Einfach auf den Verdacht hin, dass man so unangenehm auffallen könnte. [...] Direktor Schmidt hat uns offiziell darüber unterrichtet, dass die jüdischen Mitschüler nunmehr an eigenen jüdischen Lehranstalten weiter unterrichtet würden.“


Das Schicksal etwa der Hälfte der aus dem RG 18 ausgeschlossenen Schüler ist unbekannt. Neun von ihnen wurden wahrscheinlich Opfer der Shoah, 34 meldeten sich nach dem Krieg entweder bei der Schule oder bei der Israelitischen Kultusgemeinde. Zu den ausgeschlossenen jüdischen Schülern gehörte auch Herbert Neuhaus (1923-2016), der als 15jähriger ins Chajesrealgymnasiums wechseln musste. Dort hatte er als Klassenkameraden den späteren Chemienobelpreisträger Walter Kohn, der zuvor das Akademische Gymnasium besucht hatte. Nach Abschluss der Schulpflicht durfte er nicht mehr weiter lernen. Seinem Vater, Dr. Herbert Neuhaus, der das Labor im Rothschildspital leitete, gelang es, Herbert dort einen Arbeitsplatz zu verschaffen. 1943 wurde die Familie Neuhaus nach Theresienstadt deportiert und überlebte.

Am 5. Dezember 1994 wurde an eine Gedenktafel mit den Namen der 88 vertriebenen jüdischen Schüler enthüllt.

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Quellen

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