Antisemitismus in der österreichischen Gegenwartsgesellschaft

Antisemitismus ist eine Gefahr, die in der österreichischen Gegenwartsgesellschaft in unterschiedlichen Formen in Erscheinung tritt. Wie die alle zwei Jahre im Auftrag des Parlaments durchgeführte Umfrage „Antisemitismus in Österreich“ zeigt, muss er als gesamtgesellschaftliches Problem verstanden werden, das in allen Teilen der Gesellschaft verankert ist.
In meiner Forschung interpretiere ich diesen Befund aus sozialwissenschaftlicher Perspektive und adressiere sich daraus ergebende Folgefragen, um zu einem umfassenderen Verständnis gegenwärtiger Dynamiken von Antisemitismus in Österreich beizutragen. Dies impliziert erstens eine Kontextualisierung der Umfrageergebnisse im Lichte der bisherigen empirischen Antisemitismusforschung in Österreich. So lassen sich sowohl aktuelle Entwicklungen – insbesondere seit dem 7. Oktober 2023 – als auch Kontinuitäten antisemitischer Einstellungen im postnationalsozialistischen Österreich besser verstehen und forschungsgeschichtlich einordnen. Eng damit verknüpft ist zweitens die genauere Analyse der Manifestationen von Antisemitismus in unterschiedlichen Generationen der österreichischen Bevölkerung. Die Umfrageergebnisse legen nahe, dass insbesondere bezüglich Antisemitismus unter jüngeren Menschen weitergehender Forschungsbedarf besteht. Ich widme mich hier der Exploration politischer Weltzugänge junger Menschen, um die genaue Rolle von antisemitischen Narrativen – auch hinsichtlich der in der Umfrage sichtbaren Verknüpfung zu Autoritarismus – zu rekonstruieren. In diesem Zusammenhang ist drittens relevant, sich der engen Verbindung von religiösem Fundamentalismus, Verschwörungsglaube und antisemitischen Einstellungen zuzuwenden. Gerade die Rolle funktionaler Äquivalenzen – sowohl auf Einstellungs- als auch Diskursebene – bedarf weiterer Untersuchung. Die Umfragestudie evoziert viertens die Frage, welche spezifische Rolle digitaler Kommunikation hierbei zukommt. Es gilt, genauer zu analysieren, wie Antisemitismus in digitalen Interaktionen eskaliert und inwieweit Counter-Speech gegen diese Eskalationsdynamiken wirken kann – eine Frage, die auch über den österreichischen Kontext hinaus für die internationale Antisemitismusforschung von großem Interesse ist.
Projektleiter: Niklas Herrberg
Finanzierung: ÖAW
Dauer: 01.11.2025 – 31.10.2029
