Antisemitismus in der österreichischen Arbeiterbewegung von 1945 bis zur Ära Kreisky
05.06.2025
In der Arbeiterbewegung war Antisemitismus sowohl vor als auch nach der Shoah weit verbreitet, andererseits trat die Arbeiterbewegung aber auch aktiv gegen Antisemitismus auf und propagierte die gleichberechtigte Einbindung von jüdischen Aktivistinnen und Aktivisten. Der Vortrag referiert theoretisch und praktisch auf die Spannung zwischen diesen beiden Realitäten. Der Begriff „Arbeiterbewegung“ ist als organisatorische Struktur zu verstehen, bestehend aus Partei, Gewerkschaft und Vorfeldorganisationen. Für den Forschungszeitraum sind zwei Generationen von Rückkehrenden ebenso relevant wie Kinder von Überlebenden, die in den ersten Nachkriegsjahren geboren wurden. Diese drei Gruppen mussten sich mit diversen Strategien um ihre Integration in die Arbeiterbewegung bemühen und waren in unterschiedlichen Formen mit Antisemitismus konfrontiert. Da Emigrantinnen und Emigranten als potenzielle Konkurrenz betrachtet wurden, erschwerten „Dagebliebene“ – unabhängig von ihrer ideologischen Prägung – häufig die Rückkehr von Exilantinnen und Exilanten. Neben parteiinternen ideologischen Differenzen waren antisemitische Haltungen, vor allem unter Funktionären, weit verbreitet.
Antisemitische Bemerkungen über jüdische Kollegen und Kolleginnen in der Arbeiter-bewegung finden sich in Reden, in Publikationen und Zeitungen. Da viele jüdische Aktivisten und Aktivistinnen ihrer jüdischen Herkunft selbst wenig Beachtung schenkten bzw. diese in der Öffentlichkeit nicht erwähnten, waren antisemitische Bemerkungen oft die einzigen Hinweise auf eine jüdische Herkunft. Die zentralen Forschungsfragen umfassen Themen wie Erfahrung, Identität, Struktur und Agency, die sozial und diskursiv konstruiert werden. Im Zentrum der Analyse stehen die Lebenswirklichkeiten von Mitgliedern der Arbeiterbewegung sowie ihre Beziehung zu Staat und Gesellschaft angesichts des fortbestehenden Antisemitismus. Gleichzeitig gilt es, die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern in patriarchal geprägten Strukturen aufzudecken.
Dieter J. Hecht ist seit 2025 Fellow für Antisemitismusforschung am Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Moderation: Gerald Lamprecht, Koordinator der Arbeitsgruppe Antisemitismusforschung am Institut für Kulturwissenschaften der ÖAW.
Date & Time:
5 June, 2025
4:30 PM to 6:00 PM
Venue:
Alte Burse
Sonnenfelsgasse 19,
10 10 Vienna
Contact:
Mag. Caroline Hofer
caroline.hofer(at)oeaw.ac.at
