Mission, Vision & Forschungsfragen

Das Budget für Treibhausgase (THG), das benötigt wird, um die Ziele des Rahmenübereinkommens der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (UNFCCC)  erreichen, schrumpft rasch, was die dringende Notwendigkeit einer THG-Reduzierung unterstreicht. Der Energiesektor, einer der Hauptverursacher von Emissionen, muss aktiv einen tiefgreifenden Wandel hin zur Defossilisierung vollziehen. Diese "Energiewende" stellt eine vielschichtige interdisziplinäre Herausforderung von erheblicher Komplexität dar. Es ist weithin anerkannt, dass die Energiesysteme eine große Trägheit aufweisen und ihre Umstellung mehrere Jahrzehnte dauern wird. Während diese Tatsache weitgehend unbestritten ist, gibt es anhaltende Debatten über mögliche negative Folgen für die biologische Vielfalt, den Wasser- und Nahrungskreislauf sowie über die Auswirkungen auf die sozialen und wirtschaftlichen Systeme.

Vision

Der Übergang zu einer nachhaltig und kohlenstoffneutral betriebenen Zivilisation erfordert die rasche Defossilisierung unserer Energiesysteme. Derzeit behindern disziplinäre Kontroversen und begrenzte politische Visionen die notwendigen Maßnahmen. Die Unabhängigkeit der DEE und deren interdisziplinäres Netzwerk sollen eine zentrale Rolle beim Abbau dieser Hindernisse und bei der Beschleunigung des Wandels spielen.

Leitbild

Das Erreichen von Netto-Null-Treibhausgasemissionen durch die Defossilisierung unserer Energiesysteme erfordert den koordinierten Einsatz aller verfügbaren technologischen und gesellschaftsbezogenen Ansätze und Ressourcen, die sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageaspekte einbeziehen. Dies erfordert einen breit angelegten gesellschaftlichen Konsensbildungsprozess, um spezifische Lösungen und Umsetzungsmaßnahmen zu ermitteln, die sich alle auf sachliche und wissenschaftlich fundierte Informationen stützen.

Die Aufgabe der DEE ist es, umsetzbare Vorschläge für eine sozial gerechte, technologisch solide und wirtschaftlich nachhaltige Umsetzung der Defossilisierung zu formulieren. Diese Vorschläge werden auf gründlich geprüften Erkenntnissen beruhen und, wenn nötig, durch finanzielle Zusammenarbeit mit Partnern in Pilotprojekten getestet. Die konkreten Lösungen können auch als Blaupausen für private Investoren und politische Entscheidungsträger dienen, um die Energiewende voranzutreiben.

Die DEE arbeitet frei von ideologischen oder kommerziellen Interessen und stützt sich ausschließlich auf Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse, die von der wissenschaftlichen Gemeinschaft überprüft wurden. Ihr Ziel ist es, Best-Practice-Standards für Problemlösungsansätze zu ermitteln und ein wissenschaftlich fundiertes Referenzsystem zu schaffen.

Zu diesem Zweck wird die DEE:

  • Die Förderung und Erleichterung eines systematischen, kontinuierlichen und wissenschaftlich fundierten interdisziplinären Diskurses über die verschiedenen Möglichkeiten der Defossilisierung der europäischen Energieversorgung vorantreiben.
  • Fehlinformationen und Veröffentlichung von kritischen Berichten über Studien, die nicht den allgemein anerkannten wissenschaftlichen Standards entsprechen, bekämpfen.
  • Lösungen zu erarbeiten, die in Zusammenarbeit mit einer internationalen Gemeinschaft von  Wissenschaftlern, Unternehmern, Forschungseinrichtungen, Branchenführern, Finanziers und politischen Entscheidungsträgern  erarbeitet wurden, in Form von leicht verständlichen Kurzdarstellungen der Öffentlichkeit zur Diskussion zu stellen.

Wir arbeiten in einem hochdynamischen Forschungsbereich, der durch unterschiedliches Tempo des Wissens-Fortschritts gekennzeichnet ist. Zu Beginn der Arbeit der Kommission werden ihre Prioritäten evaluiert, um zu prüfen, ob sie dem aktuellen Stand der Forschung entsprechen, und um die geplanten Maßnahmen anzupassen.

Forschungsfragen

  1. Erhebung der Verbrauchernachfrage, des Energiesparpotenzials und der Optionen für nicht-fossile Energie aus transnationalen Quellen, basierend auf dem "Avoid-Shift-Improve" -Ansatz. Neben technischen und ökonomischen Grenzen der heimischen Versorgung mit erneuerbaren Energien bestimmen Fragen der gesellschaftlichen Akzeptanz und ökologische Grenzen (z.B. im Kontext der Biodiversität) das Potenzial für den nachhaltigen Ausbau erneuerbarer Energien in Österreich und Europa. Diese Randbedingungen werden insbesondere in Bezug auf Fragen der nationalen und internationalen Gerechtigkeit analysiert. Neben grünem Wasserstoff werden auch andere mögliche kohlenstoffneutrale Energieträger wie grünes Methan, Ammoniak und Methanol/Ethanol oder der Einsatz von "blauen" Technologien evaluiert.
  2. Systemische Betrachtung der Defossilisierung und Kohlenstoffneutralität des gesamten Energiesystems einschließlich der technisch-ökonomischen und verhaltensbasierten Herausforderungen, insbesondere die Bestimmung der Rolle und des Umfangs von elektrischer Energie einschließlich Speicherung und synthetischer Energieträger (Synfuels) im europäischen/österreichischen Energiesystem.
  3. Prüfung des Potenzials für transnationale Wertschöpfungsketten für aus CO2 gewonnene Synfuels in Zusammenarbeit mit Regionen, die über bedeutende Kapazitäten im Bereich der erneuerbaren Energien verfügen. Synfuels können in der bestehenden Infrastruktur über weite Strecken transportiert und in der Infrastruktur für flüssige und gasförmige Energieträger gelagert, verteilt und genutzt werden. Synfuels erfordern den Aufbau innovativer, transnationaler (und widerstandsfähiger) Kooperationen und Wertschöpfungsketten, die darauf abzielen, gegenseitige Abhängigkeiten zu minimieren. Gleichzeitig gilt es, die sich in diesem Zusammenhang ergebenden geopolitischen Abhängigkeiten zu berücksichtigen.
  4. Durchführung einer Analyse der Chancen und Risiken der Energiewende im österreichischen Wirtschaftssystem. Österreich ist in verschiedenen Bereichen erheblichen Risiken und Herausforderungen ausgesetzt, insbesondere in den international hart umkämpften Hard-to-Abate-Industrien (HTA) wie Petrochemie, Chemie, Kunststoff, Stahl und mineralische Baustoffe sowie im Bereich der Abfallwirtschaft. Österreich kann aber auch die exponierten Industrien und Wirtschaftsbereiche durch proaktive Strategien auf nationaler und europäischer Ebene nachhaltig erhalten und in einigen Bereichen Technologieführerschaft erreichen. Es ist davon auszugehen, dass ein zukünftiges Energiesystem einen sektorübergreifenden, systematisch organisierten und internationalisierten Kohlenstoff- und Rohstoffkreislauf als wesentlichen Bestandteil umfassen wird.
  5. Charakterisierung der technischen und wirtschaftlichen Eigenschaften und der Verfügbarkeit von Energieträgern sowie deren Potenzial für den Import nach Österreich und Europa. Dazu gehört auch die Zusammenstellung von Literatur zur Bewertung der sozialen und ökologischen Auswirkungen und Risiken, die mit erneuerbaren Energieformen und -quellen verbunden sind.
  6. Abschätzung der sozioökonomischen Verteilungswirkungen verschiedener Energiewende-Szenarien innerhalb Österreichs sowie zwischen potenziellen Import- und Exportländern.
  7. Klassifizierung von Szenarien zur Erreichung der Klimaneutralität in Österreich, basierend auf Annahmen über die heimische Produktion, Importe von nicht-fossilen Energieträgern und die Entwicklung des Endenergieverbrauchs (in Zusammenarbeit mit dem Austrian Panel on Climate Change, APCC, 2. Austrian Assessment Report on Climate Change, AAR2).
  8. Analyse der Auswirkungen der Energiegewinnung und -umwandlung auf die einheimische Bevölkerung und Erforschung der Beziehung zwischen internationalen Kapitalströmen und Phänomenen wie Green Land Grabbing unter Berücksichtigung der Entstehung neuer geopolitischer Abhängigkeiten.