Österreichische Akademie der Wissenschaften http://www.oeaw.ac.at de-at Österreichische Akademie der Wissenschaften Fri, 14 Dec 2018 12:23:42 +0100 Fri, 14 Dec 2018 12:23:42 +0100 Typo3 news-9721 Wed, 12 Dec 2018 14:51:38 +0100 Der Vater aller Pflanzenspermien http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/der-vater-aller-pflanzenspermien/ Eine weitreichende Mutation in Grünalgen, die den Prozess der Spermienbildung perfektionierte, lässt sich durch die gesamte Evolution der Pflanzen verfolgen. Ein internationales Team zusammen mit Pflanzenforschern der ÖAW hat das regulatorische Netzwerk rund um das entscheidende Protein DU01 entwirrt und die Ergebnisse nun in „Nature Communications“ publiziert. Spermien und Eizellen als Brücke zwischen den Generationen sind eine Errungenschaft der Evolution, die sich bis in die Anfänge mehrzelliger Organismen vor vielen hundert Millionen Jahren zurückverfolgen lässt. Diese Errungenschaft setzte neue molekulargenetische Regulationsnetzwerke voraus. Jenes, das den Prozess der Spermienbildung steuert und in einer besonderen Gruppe von Grünalgen, den sogenannten „Armleuchteralgen“ entstanden ist, war so erfolgreich, dass es evolutionär weitergereicht wurde: ausgehend von den Armleuchteralgen kommt es heute in so unterschiedlichen Pflanzen wie Moosen, Farnen, Nadelbäumen oder Blütenpflanzen vor.

Urahn vor 700 Millionen Jahren

Was die molekulargenetischen Besonderheiten dieses Regulationsnetzwerkes zur Bildung von Pflanzenspermien waren und sind, haben Tomokazu Kawashima und Frederic Berger vom GMI – Gregor Mendel Institut für Molekulare Pflanzenbiologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Kooperation mit einem internationalen Team untersucht. Sie fokussierten auf ein Protein namens DU01, das im Urahn aller Landpflanzen vor etwa 700 Millionen Jahren eine entscheidende Funktionserweiterung erfahren hat.

„Die Veränderung an DU01 bewirkte, dass es neue Erbgut-Sequenzen binden und damit mehr Gene als zuvor regulieren konnte. Diese bildeten zusammen ein Netzwerk, das die Spermienentwicklung perfektionierte", erläutern die Forscher. DU01 kontrolliert dieses Netzwerk im Kern noch heute, und wurde damit zum „Vater“ aller Spermien.

Das bedeutet dennoch nicht, dass der evolutionären Anpassungsfähigkeit der Spermien für verschiedene Pflanzengruppen enge Grenzen gesetzt worden wären. Nachfolgend an die von DU01 gesteuerten Schritte konnten sich sehr unterschiedliche, an die jeweiligen Lebensbedingungen optimal angepasste, Spermientypen entwickeln. So sind sie beispielsweise bei Algen und Moosen begeißelt und können sich aus sich heraus bewegen. In Blütenpflanzen hingegen sind sie unbeweglich und werden durch das Wachstum eines Pollenschlauchs zur Eizelle gebracht.

]]>
Die ÖAW
news-9600 Fri, 30 Nov 2018 16:48:00 +0100 Wettbewerb für Wissenschaftscomics http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/wettbewerb-fuer-wissenschaftscomics-1/ Die ÖAW schreibt einen Wettbewerb für Wissenschaftscomics für 8- bis 12-jährige Kids aus. Zu gewinnen gibt es vier Mal 12.000 Euro. Das Alte Rom, die Weiten des Weltalls oder kleinzelliges Leben unter dem Mikroskop – der Fantasie sind beim Wettbewerb „Wissenschaftscomics für Kids“ der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) keine Grenzen gesetzt. Die Ausschreibung richtet sich an Comiczeichnerinnen und Comiczeichner, die ihr zeichnerisches Talent einsetzen wollen, um Kindern im Alter von 8 bis 12 Jahren die Faszination des Forschens zu vermitteln und ihren Entdeckergeist zu wecken. Bis zu vier Preise werden für die besten Comics vergeben. Jeder Preis ist mit 12.000 Euro dotiert.

Spielerisch für Wissenschaft begeistern

„Kinder sind neugierig und wollen die Welt entdecken. Das ist etwas, das sie mit der Wissenschaft gemeinsam haben“, sagt Oliver Jens Schmitt, Präsident der philosophisch-historischen Klasse der ÖAW. „Mit Wissenschaftscomics für Kids wollen wir Kinder spielerisch mit Forschung in Berührung bringen und für Wissenschaft begeistern“, so Schmitt weiter, der Vorsitzender der Preisjury ist, die aus Vertreter/innen der ÖAW und des Stadtschulrats Wien besteht.
 
Die Themen der Comics, die 20 Seiten umfassen sollen, können Zeichner/innen frei aus den Forschungsbereichen der 28 Akademieinstitute wählen, deren Bandbreite von der Archäologie und den Geschichtswissenschaften über Demographie und Sozialanthropologie bis zu Physik und den Life Sciences reicht. Die Comics der Gewinner/innen werden rechtzeitig zum Schulbeginn im Herbst 2019 veröffentlicht und sind ab dann kostenfrei zum Download im Web erhältlich.

Einsendeschluss 15. Februar 2019

Zeichner/innen, die am Wettbewerb teilnehmen wollen, können ab sofort ihre Unterlagen bei der ÖAW einreichen. Für die Teilnahme sind vier gezeichnete Seiten und ein Exposé des geplanten Comics sowie Beispiele aus dem bisherigen Schaffen und ein kurzer Lebenslauf notwendig, die an comics(at)oeaw.ac.at geschickt werden können. Einsendeschluss ist der 15. Februar 2019.

]]>
Die ÖAW
news-9596 Thu, 29 Nov 2018 09:31:14 +0100 Am meisten zitiert http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/am-meisten-zitiert/ Die international am häufigsten zitierten Wissenschaftler/innen 2018 stehen fest. 24 der „Highly Cited Researchers“ forschen an der ÖAW oder sind Mitglieder der Akademie. Zu den international einflussreichsten Köpfen der Wissenschaft zählen auch 24 Forscher/innen, die an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) tätig oder mit ihr als Mitglieder im In- und Ausland eng verbunden sind. Die Zahl ist eine weitere Steigerung gegenüber dem Vorjahr. Das geht aus dem aktuellen Ranking der 2018 weltweit am häufigsten zitierten Forscher/innen hervor, das von Clarivate Analytics herausgegeben wird.

Die jährliche Erhebung untersucht, wie häufig Publikationen einer Forscherin oder eines Forschers aus einem Fachgebiet der Medizin oder der Natur- und Sozialwissenschaften zwischen 2006 und 2016 von Kolleg/innen in deren Veröffentlichungen zitiert wurden. Neben der Anzahl von Publikationen in Fachzeitschriften gilt die Anzahl der Zitationen als ein Maß für die wissenschaftliche Relevanz von Forschungsarbeiten. Um die Arbeit von Wissenschaftler/innen zu würdigen, die starken Einfluss auf mehrere wissenschaftliche Gebiete haben, wurde heuer die neue Rubrik „Cross-Field“ für fachübergreifende Arbeiten eingeführt.

Das Ranking „Highly Cited Researchers“ umfasst aktuell rund 6.000 Wissenschaftler/innen weltweit aus 21 Forschungsgebieten und basiert auf der Zitationsdatenbank „Web of Science“. Aus Österreich sind insgesamt 40 Personen unter den weltweit am meisten zitierten Forscher/innen, dreizehn davon sind mit Mitarbeiter/innen oder Mitglieder der ÖAW.

Highly Cited: Mitglieder und Mitarbeiter/innen der ÖAW im Überblick

  • Markus Aspelmeyer, Physik
    korrespondierendes Mitglied der ÖAW, Universität Wien
  • Emmanuelle Charpentier, Cross-Field
    Mitglied der ÖAW im Ausland, Max Planck Institut für Infektionsbiologie, Deutschland
  • Mark W. Chase, Pflanzen- und Tierbiologie
    Mitglied der ÖAW im Ausland, University of Western Australia, Australien
  • Karlheinz Erb, Cross-Field
    Junge Akademie der ÖAW, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
  • László Erdös, Mathematik
    korrespondierendes Mitglied der ÖAW, IST Austria
  • Ernst Fehr, Wirtschaftswissenschaften
    Mitglied der ÖAW im Ausland, Universität Zürich, Schweiz
  • Jiři Friml, Pflanzen- und Tierbiologie
    Junge Akademie der ÖAW, IST Austria
  • Gnant  Michael, Cross-Field
    korrespondierendes Mitglied der ÖAW, MedUni Wien
  • Rudolf Grimm, Physik
    wirkliches Mitglied der ÖAW, Institut für Quantenoptik und Quanteninformation Innsbruck der ÖAW und Universität Innsbruck
  • Thomas J. R. Hughes, Computer Science
    Mitglied der ÖAW im Ausland, University of Texas, USA
  • Christian Körner, Cross-Field
    Mitglied der ÖAW im Ausland, Universität Basel, Schweiz
  • Ferenc Krausz , Physik
    Mitglied der ÖAW im Ausland, Ludwig-Maximilians-Universität München, Deutschland
  • Georg Kresse, Physik
    Wirkliches Mitglied der ÖAW, Universität Wien
  • Guido Kroemer, Immunologie
    Mitglied der ÖAW im Ausland, Universität Paris Descartes, Frankreich
  • Robert S. Langer, Biologie und Biochemie
    Mitglied der ÖAW im Ausland, Massachusetts Institute of Technology, USA
  • Hans Lassmann, Neurowissenschaften
    wirkliches Mitglied der ÖAW, MedUni Wien
  • Martin A. Nowak, Wirtschaftswissenschaften
    Mitglied der ÖAW im Ausland, Harvard University, USA
  • Peter Palese, Mikrobiologie
    Mitglied der ÖAW im Ausland, Icahn School of Medicine at Mount Sinai, New York, USA
  • Guillaume Queval, Pflanzenbiologie
    GMI – Gregor Mendel Institut für Molekulare Pflanzenbiologie der ÖAW
  • Niyazi Serdar Sariçiftçi, Cross-Field
    korrespondierendes Mitglied der ÖAW, Johannes Kepler Universität Linz
  • Josef Smolen, Klinische Medizin
    wirkliches Mitglied der ÖAW, MedUni Wien
  • Peter F. Stadler, Cross-Field
    Mitglied der ÖAW im Ausland, Universität Leipzig
  • Michael Wagner, Mikrobiologie
    wirkliches Mitglied der ÖAW, Universität Wien
  • Peter Zoller, Physik
    wirkliches Mitglied der ÖAW, Institut für Quantenoptik und Quanteninformation Innsbruck der ÖAW und Universität Innsbruck
]]>
Die ÖAW
news-9405 Tue, 20 Nov 2018 16:17:19 +0100 Frauen nach vorn http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/frauen-nach-vorn/ Exzellenten Forscherinnen eine Plattform geben – darum ging es beim bereits zweiten „ÖAW-Frauen-Vernetzungs-Frühstück". Special Guest war diesmal die ehemalige Frauenministerin Maria Rauch-Kallat. Keine Frage: Bis zur Gleichstellung der Geschlechter ist in der Wissenschaft immer noch ein langer Weg zurückzulegen. Rund 24 Prozent beträgt der Frauenanteil bei den Professuren an österreichischen Universitäten. Und auch an der Akademie ist der Anteil an Frauen unter den Mitgliedern in den letzten Jahren zwar beständig gestiegen, liegt aber dennoch bei den Mitgliedern unter 65 Jahren ungefähr auf dem Niveau der aktiven Professor/innen. Es bleibt also noch viel zu tun.

Aber: es bewegt sich auch etwas. So wurden 2018 insgesamt 16 Forscherinnen aus unterschiedlichsten Disziplinen aufgrund ihrer herausragenden wissenschaftlichen Leistungen und ihres fachlichen Ansehens in die ÖAW aufgenommen, gegenüber 13 Forschern. Auch in den 28 ÖAW-Instituten sind bereits 15 Leitungspositionen – als Direktorinnen oder stellvertretende Direktorinnen – weiblich besetzt. Bei der Nachwuchsförderung haben Frauen schon länger die Nase vorn. Mehr als die Hälfte der Personen, die in ÖAW-Stipendienprogrammen bisher gefördert wurden sind weiblich. Und seit inzwischen elf Jahren gibt es mit „For Women in Science“ ein eigenes Stipendienprogramm für Forscherinnen.

Vernetzung für die Karriere

Beim bereits zweiten „ÖAW-Frauen-Vernetzungsfrühstück“ am 15. November 2018 stand daher die Frage im Zentrum, was über das bislang Erreichte hinaus getan werden kann, um Frauen in der Wissenschaft weiter nach vorne zu bringen. Maria Rauch-Kallat, ehemalige Frauenministerin und Gastrednerin, machte den zahlreich versammelten weiblichen ÖAW-Führungskräften Mut: Traut euch! „Glauben Sie, dass ich das kann?“ Diese Frage habe sie in ihrer politischen Laufbahn und Karriere als Unternehmerin oft von Frauen gehört wenn es um eine verantwortungsvolle Position gegangen sei, sagte Rauch-Kallat. Die Antwort sei jedes Mal die gleiche gewesen: Ja, natürlich kann frau das! Ebenso gelte, sich gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz zu wehren: „Machen Sie den Mund auf“, legte sie allen Frauen ans Herz.

Ganz gleich, ob es um Unterstützung oder um das Auftreten gegen Diskriminierung gehe. Am wichtigsten sei es, als Frauen aktiv zusammenzuhalten und sich untereinander gut zu vernetzen. „Es gibt die Solidarität unter Frauen“, so Rauch-Kallat. Und diese Solidarität zu stärken ist auch das Ziel des Frauen-Vernetzungsfrühstücks an der ÖAW.

Austausch über Fächergrenzen hinweg

Für einen spielerischen Zugang zu einer besseren Vernetzung von Frauen sorgte bei der Veranstaltung im festlichen Johannessaal der ÖAW dann ein „Magic Hat“-Wettbewerb. Per Zufallsziehung wurden Zweier-Teams aus unterschiedlichen Bereichen und Fächern gebildet, die sich über die Veranstaltung hinaus zum Austausch treffen können. Die spannendsten Vernetzungsgeschichten und besten Selfies der Tandems werden dann online veröffentlicht – und sollen damit auch Vorbildwirkung haben für Frauen, die am Anfang ihrer Karriere in der Wissenschaft stehen.

]]>
Die ÖAW
news-9368 Thu, 15 Nov 2018 09:49:49 +0100 Vor hundert Jahren gingen Jahrhunderte zu Ende http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/vor-hundert-jahren-gingen-jahrhunderte-zu-ende/ Das Ende des Ersten Weltkriegs 1918 wurde bei einer großen Konferenz an der ÖAW beleuchtet. Exklusive Interviews mit Historiker/innen und Auszüge aus Konferenzbeträgen gibt es in einer neuen Folge des ÖAW-Podcasts MAKRO MIKRO zum Nachhören. „Der Erste Weltkrieg hat überall in Europa ein Trauma hinterlassen, das psychologisch zu wenig aufgearbeitet wurde“, sagt die Historikerin Brigitte Mazohl und bezieht sich damit auf alltägliche Erinnerungskultur in der Nachkriegszeit, aber auch auf eine geschichtswissenschaftliche Forschungslücke. Um diese und weitere Forschungslücken ging es bei der internationalen Konferenz „Vermessung einer Zeitenschwelle – Die Bedeutung des Jahres 1918 in europäischer und globaler Perspektive“, die Anfang November – zum hundertsten Jahrestag des Endes des „Great War“ – an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien stattfand.

Krieg ohne Ende

Wie vielschichtig das Thema auch heute noch ist, zeigte gleich zu Beginn der Konferenz die Keynote Lecture von John Horne. Der Wissenschaftler vom Trinity College in Dublin stellte die Frage: „When Did the Great War End?“ Seine gewollt provokant formulierte Antwort war: „Gleichzeitig vor und nach 1918“. Denn es gebe, so Horne, durchaus Argumente dafür, dass der Erste Weltkrieg nicht zwischen 1914 und 1918, sondern zwischen 1911 und 1923 stattgefunden hat. So habe die Gewalt auch nach 1918 vor allem in den plötzlich neu entstandenen Nationalstaaten in Osteuropa angehalten. Das bestätigte bei der Konferenz auch sein Historiker-Kollege Rudolf Kucera von der Tschechischen Akademie der Wissenschaften, der über die Tschechoslowakei, Jugoslawien und Polen sprach. Auch Länder, die als Sieger aus dem Krieg hervorgingen, waren nach 1918 alles andere als befriedet, wie Kucera anhand von Fallbeispielen ethnisch motivierter Gewalttaten aufzeigte.

Wendepunkt der Geschichte

Dennoch: Das Jahr 1918 war ein historischer Wendepunkt oder wie es der Osteuropa-Historiker Arnold Suppan ausdrückte: „1918 gibt es einen totalen Bruch.“ Das galt insbesondere für den Übergang der großen Imperien zu den Nationalstaaten. „Wir müssen uns vor Augen halten, dass vor allem in Mittel-, Ost-, und Südost-Europa sowie im Nahen Osten mit 1918 Jahrhunderte zu Ende gegangen sind“, sagt ÖAW-Mitglied Suppan im Interview im Podcast MAKRO MIKRO. Mit dem Untergang des russischen, osmanischen und deutschen Reiches sowie Österreich-Ungarns verlieren auch große Dynastien ihre Macht. „Die sind innerhalb von wenigen Wochen weg. Das bisherige monarchische Prinzip war zu Ende. Es wird vom Prinzip der Volkssouveränität abgelöst“, so der Historiker.

1918 gibt es einen totalen Bruch.

Damit läutete 1918 aber nicht unmittelbar den Siegeszug der Demokratie ein. „Einerseits entstehen neue demokratische Gesellschaften, andererseits erleben wir mit den Faschismen eine neue Welle der Militarisierung“, erklärt Brigitte Mazohl in MAKRO MIKRO  – eine Militarisierung, die schließlich in den Zweiten Weltkrieg mündete.

Vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg

An diesem großen, noch schrecklicheren Bruder kommt man bei einer Konferenz zum Ersten Weltkrieg nicht vorbei. War der erste gar ein Vorbild für den zweiten Krieg? Peter Lieb, Historiker am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam, sieht darüber noch keine Einigkeit in der Geschichtswissenschaft. Umgekehrt lasse sich aber schon feststellen, dass die Kriegsführung der Deutschen im Zweiten Weltkrieg das Bild vom Ersten Weltkrieg und die Rolle Deutschlands darin geprägt habe.

Auch Hew Strachan von der University of St Andrews in Schottland war mit historischen Vergleichen vorsichtig und betonte, dass man die Bilder vom Ersten Weltkrieg hinterfragen müsse, etwa jenes des unvermeidbaren „totalen Krieges“. So zeigte er auf, dass die Annahme, der Krieg sei von Anfang an als Weltkrieg gedacht worden, unzutreffend ist. Es sei vielmehr ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren gewesen, wie die Mobilisierung der Kolonien und die zeitgleich stattfindenden oder drohenden Revolutionen, die lokale Gewalt schließlich zu einem totalen Krieg eskalieren ließen. Auch die Industrialisierung und technische Neuerungen hätten eine Rolle gespielt. „Was aber totalen Krieg eigentlich befeuert“, so Strachan, „ist Politik und Ideologie“.

Untergang und Neuanfang

Was ein solcher „totaler Krieg“ nicht nur für die Soldaten an der Front sondern auch für den Alltag der Menschen außerhalb der unmittelbaren Kriegsschauplätze bedeutete, erläuterte Anatol Schmied-Kowarzik. Der Kollaps des Imperiums Österreich-Ungarn war kein allein militärischer sondern auch ein versorgungstechnischer. Der ÖAW-Historiker präsentierte Statistiken über die Pro-Kopf-Konsumation von Brot und wie diese im Verlauf des Krieges abnimmt und dafür Krankheiten zunehmen. Zugleich sah sich die staatliche Obrigkeit schließlich außerstande die Nahrungsmittelproduktion zu erfassen, da die Bauern aus Not begannen falsche Angaben zu machen. Wirtschaftlich lag die Monarchie am Ende des Kriegs am Boden.

Neue grenzenlose Welten scheinen möglich.

Doch 1918 bedeutete nicht nur Untergang sondern auch Neuanfang. „Neue grenzenlose Welten scheinen möglich“, sagte Ingrid Sharp von der University of Leeds, und zitierte damit Literat/innen, die über den Zeitgeist schrieben sowie Frauenbewegungen, die sich in dieser Zeit formierten und für Emanzipation und Frauenwahlrecht kämpften. „Eine allgemeine Rückkehr zur alten Geschlechterordnung war ausgeschlossen, die Nachkriegszeit war notwendigerweise eine Neuverhandlung der Geschlechterverhältnisse“, so Sharp.

Dass diese „Neuverhandlung“ alles andere als einfach war, betonte Christa Hämmerle von der Universität Wien. Besonders wenig Aufmerksamkeit sei bis jetzt etwa der Kriegsheimkehr von Frauen gewidmet worden. Frauen seien massenhaft als Schreibkräfte, Näherinnen und Köchinnen rekrutiert worden. „Gegen Kriegsende waren noch immer 20.000 von diesen Frauen im Einsatz“, sagte Hämmerle. Aber nach ihrer Demobilisierung wisse man fast nichts mehr über diese Gruppe. Ähnliches gelte für die vielen Kriegskrankenpflegerinnen.

Aufarbeitung eines europäischen Traumas

Ähnlich wie Brigitte Mazohl betonte auch Hämmerle die Traumatisierungen, die nach dem Krieg wenig bis keine Aufarbeitung fanden: „Mit den heimkehrenden Soldaten teilten sich diese Frauen traumatische Kriegserfahrungen, über die man in der Nachkriegszeit wenig sprechen konnte.“ Stattdessen sei eine problematische Erinnerungskultur entstanden, so Mazohl: „Man hat die Soldaten einfach zu Helden erhöht, um sich nicht mit diesem Trauma psychologisch auseinandersetzen zu müssen.“

Der Erste Weltkrieg hat überall in Europa ein Trauma hinterlassen, das psychologisch zu wenig aufgearbeitet wurde.

Einen Beitrag zur Aufarbeitung der Traumata des Ersten Weltkriegs wollte auch die Konferenz „Vermessung einer Zeitenschwelle“ leisten. Den Organisator/innen der ÖAW sei es daher auch besonders wichtig gewesen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Ländern einzuladen, die nach 1918 als Sieger galten, als auch solche, die als Verlierer gesehen wurden. Brigitte Mazohl: „Es ging uns darum, das Ende des Ersten Weltkriegs als gemeinsame europäische Erfahrung aufzuarbeiten und damit die vormaligen Barrieren zwischen den verfeindeten Nationen zu überwinden.“

]]>
Die ÖAW
news-9323 Fri, 09 Nov 2018 14:16:15 +0100 Wissenschaft und Politik im Gespräch http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/wissenschaft-und-politik-im-gespraech/ Erstes Treffen von Spitzenforscher/innen und Nationalratsabgeordneten im Parlament in neuem Dialogformat Wissenschaftliche Erkenntnisse und politische Entscheidungen standen heute im Parlament im Mittelpunkt des ersten Dialogs "Wissenschaft und Politik im Gespräch". Dieser soll künftig regelmäßig stattfinden. "Unser Ziel ist es, der Politik fundiertes, gesichertes Wissen zur Verfügung zu stellen – nicht nur zur Orientierung, sondern auch als Grundlage für die Entscheidungsfindung", sagte Sobotka bei der Eröffnung der Veranstaltung am 9. November 2018 im Wiener Palais Epstein, die er und Anton Zeilinger, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), initiiert hatten.

Acht Wissenschaftler/innen trafen 14 Nationalratsabgeordnete aus allen im Parlament vertretenen Fraktionen zu einem Austausch auf vier wissenschaftlichen Gebieten: Quantenphysik, Life-Sciences, Weltraumforschung und demographischer Wandel bzw. Migration. "Für die politische Gestaltung unserer Zukunft ist unabhängiges, wissenschaftliches Wissen unabdingbar", erklärte Zeilinger. "Die Akademie pflegt daher ganz bewusst den aktiven Dialog mit der Politik. Mit diesen Gesprächen wollen das Vertrauen zwischen Politik und Wissenschaft nachhaltig stärken, und zwar ganz konkret zwischen den handelnden Personen", so der ÖAW-Präsident. Das sei besonders in Zeiten von "Fake News" wichtig.

Die ÖAW ist bereits seit Längerem Partner von Politiker/innen des Parlaments. Spitzenforscher/innen stellen ihre Erkenntnisse etwa im Bereich der Technikfolgenabschätzung zur Verfügung. Sie bringen dort Monitoring-Berichte über relevante wissenschaftliche und technische Entwicklungen ein. "Heute wollen wir einen Schritt weitergehen", betonte Nationalratspräsident Sobotka.

Francesca Ferlaino und Anton Zeilinger zu Quantenphysik

Nach den Einleitungen von Sobotka und Zeilinger zogen sich die Wissenschaftler/innen und Politiker/innen zum Austausch zurück. Zur Quantenphysik standen den Politiker/innen Francesca Ferlaino und Anton Zeilinger zur Verfügung. Ferlaino ist Professorin für Physik an der Universität Innsbruck, Direktorin des Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation Innsbruck der ÖAW und Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW. Zeilinger, Professor an der Universität Wien, ist Senior Scientist am Institut für Quantenoptik und Quanteninformation Wien der ÖAW.

Claudia Jonak und Giulio Superti-Furga zu Life-Sciences

Über Themen aus dem Bereich Life Sciences informierten die Abgeordneten Claudia Jonak und Giulio Superti-Furga. Jonak ist Principal Scientist am Center for Health and Environment des Austrian Institute of Technology (AIT), davor war sie Gruppenleiterin am Gregor-Mendel-Institut für Molekulare Pflanzenbiologie der ÖAW. Superti-Furga ist Gastprofessor an der Medizinischen Universität Wien, wissenschaftlicher Direktor des CeMM - Forschungszentrum für Molekulare Medizin der ÖAW, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des European Research Council (ERC) und wirkliches Mitglied der ÖAW.

Monika Lendl und Wolfgang Baumjohann zur Weltraumforschung

Zur Weltraumforschung informierten Monika Lendl und Wolfgang Baumjohann. Lendl ist Postdoctoral Researcher in der Arbeitsgruppe "Exoplanet Characterization and Observation" am Institut für Weltraumforschung der ÖAW in Graz sowie Kavli Fellow, University of Cambridge. Baumjohann ist Professor an der Universität München und der Technischen Universität Graz, Direktor des Instituts für Weltraumforschung der ÖAW und wirkliches Mitglied der ÖAW.

Alexia Fürnkranz-Prskawetz und Wolfgang Lutz zu demographischer Wandel und Migration

Zum Themenbereich demographischer Wandel und Migration erläuterten Alexia Fürnkranz-Prskawetz und Wolfgang Lutz neueste Erkenntnisse. Fürnkranz-Prskawetz ist Professorin für Mathematische Ökonomie an der Technischen Universität Wien, Direktorin des Instituts für Demographie der ÖAW und wirkliches Mitglied der ÖAW. Lutz ist Professor für angewandte Statistik an der Wirtschaftsuniversität Wien, Professorial Research Fellow an der Oxford Martin School for 21st Century Studies, stellvertretender Direktor des Instituts für Demographie der ÖAW, Gründungsdirektor des "Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital" (WU Wien, IIASA, ÖAW) sowie wirkliches Mitglied der ÖAW.

]]>
Die ÖAW
news-9317 Fri, 09 Nov 2018 09:22:49 +0100 Österreichs Geschichte im Blick https://derstandard.at/r2000075502217/Blog-Geschichte-Oesterreichs Historiker/innen der ÖAW bloggen auf Der Standard – jetzt Mitlesen und Mitdiskutieren ÖAW Headline Die ÖAW news-9227 Mon, 29 Oct 2018 10:19:21 +0100 Der Krieg, der nicht endete http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/der-krieg-der-nicht-endete/ Der Erste Weltkrieg war mit 1918 nicht beendet – seine Folgen reichten viel weiter, sagt der irische Historiker John Horne. Er war bei einer großen Konferenz der ÖAW zu Gast, die das Schicksalsjahr 1918 neu in den Blick nahm. Kein Zweifel: Im November 1918 endete der Erste Weltkrieg. Und doch nicht so ganz. Der Schlusspunkt des beispiellos grausamen Konflikts bedeutete auch das Auseinanderbrechen von politischen Großmächten wie Österreich-Ungarn oder des Osmanischen Reichs. Neue Staaten entstanden, ebenso wie neue Konflikte. Auf dem Trümmerfeld des Ersten Weltkriegs kehrte keine Ruhe ein. Europa vor 100 Jahren war ein Kontinent im Umbruch.

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) nahm das 100-jährige Gedenken an 1918 zum Anlass, dieses Schicksalsjahr neu zu beleuchten. Bei der Konferenz „Vermessung einer Zeitenschwelle. Die Bedeutung des Jahres 1918 in europäischer und globaler Perspektive“ waren vom 3. bis 6. November 2018 rund 50 Redner/innen aus dem In- und Ausland in Wien zu Gast, die die jüngsten Erkenntnisse aus unterschiedlichsten Forschungsfeldern zum Jahr 1918 zur Debatte stellten.

Einer von ihnen ist John Horne. Der Historiker vom Trinity College in Dublin hat mehrere Bücher und hunderte Aufsätze zum Ersten Weltkrieg verfasst. Im Interview erklärt er, warum der Krieg viel weiter reichte, als bis zu seinem Ende im November 2018.

Wir dachten eigentlich zu wissen, wann der Erste Weltkrieg endete. Sie sagen, so einfach ist das nicht. Warum?

John Horne: Schon immer wurde uns beigebracht, dass der Erste Weltkrieg am 11. November 1918 endete. An diesem Tag legten die Hauptmächte ihre Waffen an den verschiedenen Fronten nieder und die Vorbereitungen für die Friedenskonferenz in Paris wurden damit eingeleitet. Obwohl wir dieses offizielle Ende des Krieges kennen, stelle ich noch einmal die Frage: „When did the Great War End?“ Der Erste Weltkrieg fand sein Ende nämlich nicht im November 1918, sondern bereits ein Jahr früher im Osten, mit dem Ausstieg Russlands aus dem Krieg und mit der Revolution der Bolschewiki.

 

Der Erste Weltkrieg reichte viel weiter, als bis zum 11. November 1918, an dem er für beendet erklärt wurde.

 

Später ereigneten sich Unabhängigkeitsbewegungen Irland, in Zentral- und Osteuropa, im Nahen Osten. Das war das Resultat eines größeren Krieges, der in den Jahren 1911 und 1912 mit der italienischen Invasion des osmanischen Libyens und der Balkankriege, 1912 und 1913, begonnen hatte und dessen zeitliches Epizentrum man den Jahren 1914 bis 1918 zurechnen kann. Dieser Krieg hat sich jedoch in verschiedenen Formen bis 1923 gehalten. Neue Konflikte entwickelten sich mit den Nationalstaaten, die aus den Ruinen des russischen, des Habsburger und des Osmanischen Reichs hervorgingen. Internationale Klassenkämpfe, initiiert durch die Bolschewiki gehören ebenfalls zu dieser Reihe neuer Konflikte. Neue Grenzziehungen der arabischen Provinzen des ehemaligen Osmanischen Reichs durch die Briten und die Franzosen trugen ebenso zu schweren Unruhen bei, die bis heute andauern. Der Erste Weltkrieg reichte also viel weiter, als bis zum 11. November 1918, an dem er für beendet erklärt wurde. 

Was waren die langfristigen Folgen des Ersten Weltkriegs für die Geschichte?

Horne: Es gab einen noch brutaleren Zweiten Weltkrieg, den Holocaust und die ideologische und militärische Sackgasse des Kalten Krieges. Nationalstaaten hätten sich wahrscheinlich ohnehin entwickelt, dennoch sind sie direkt mit dem Ersten Weltkrieg verbunden. Die Nation, mit einer gemeinsamen Sprache und – im Vergleich zu Imperien – überschaubaren Gemeinschaft, wurde nach dem Krieg zur bestmöglichen „imaginierten Institution“. Neue Konflikte rund um zurückgedrängte Minderheiten, gegen die Hetze betrieben wurde, entstanden. Durch Nazi-Deutschland und die Sowjetunion erlitt Europa in den 1940er-Jahren eine erschreckende  und katastrophale Simplifizierung von Gesellschaften und Menschengruppen auf national gedachte Staaten. Etwas, das sich im Jugoslawienkrieg in den 1990er Jahren wiederholen sollte. Heute sehen wir neue nationale Konflikte in der Ukraine als auch den Aufstieg eines populistischen Nationalismus in Europa – mit neuen Stereotypen, neuen Sündenböcken und einer neuen Intoleranz gegenüber Minderheiten.

 

Nationalstaaten hätten sich wahrscheinlich ohnehin entwickelt, dennoch sind sie direkt mit dem Ersten Weltkrieg verbunden.

 

Wie hat sich der Blick der Forschung auf 1918 im Laufe der Zeit verändert?

Horne: In Anlehnung an die Historiker Jay Winter und Antoine Prost und ihr Buch „The Great War in History“ könnte man von drei Wellen der Forschung sprechen. Bis in die 1960er-Jahre gab es einen Fokus auf militärische Strategien und die politische und diplomatische Geschichte – also die Frage: wer sind die Siegermächte und warum? Danach rückten soziale Fragen in den Mittelpunkt. Forscher/innen interessierten sich für die industrialisierte Gesellschaft, die Revolutionen und die Geschichte der Frauen zu dieser Zeit. Und seit den 1990er-Jahren hat die Kulturgeschichte neue Paradigmen eingeleitet. Die Frage, ob diese Paradigmen auch heute noch zeitgemäß sind, behandle ich in einem Aufsatz, der in Kürze erscheinen wird.

Was ist das Besondere am kulturgeschichtlichen Zugang zum Ersten Weltkrieg, der in jüngerer Zeit verfolgt wird?

Horne: Die Kulturgeschichte hat sich nicht nur dafür interessiert, wie der Krieg von Künstlern, Intellektuellen, Journalisten und anderen dargestellt wurde, sondern auch welche persönlichen Erfahrungen er mit sich brachte. Schließlich war der Erste Weltkrieg, wenn man so will, das erste Ereignis, das die Massen prägte. Es kamen auch neue Quellen auf, die bislang vernachlässigt wurden, wie zum Beispiel die Literatur der Veteranen des Krieges. Die Frage ist, wie man den kulturhistorischen Ansatz erneuern kann, insbesondere, indem man auch Faktoren wie Macht, Demografie und materielle Ressourcen stärker miteinbezieht.

 

Die ultimative Herausforderung besteht darin, eine Globalgeschichte des Ersten Weltkriegs zu schreiben.

 

Ist zum Ersten Weltkrieg alles gesagt oder gibt es noch Forschungslücken?

Horne: Obwohl der Erste Weltkrieg eingehend erforscht wurde, gibt es nach wie vor ein Forschungsdesiderat: Die ultimative Herausforderung besteht darin, eine Globalgeschichte des Ersten Weltkriegs zu schreiben. Und das führt mich wieder zurück zur Konferenz an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften: Um die Transformationen dieser Kriegsepoche besser zu verstehen, müssen wir letztendlich auch die Zeiträume des Kriegs, abseits seines offiziellen Beginns oder Endes, ausweiten. Nur so können wir die vielen Folgen des Krieges für das nachfolgende Jahrhundert verstehen und erforschen. 

]]>
Die ÖAW
news-9207 Wed, 24 Oct 2018 11:09:48 +0200 Amsterdam in Wien http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/amsterdam-in-wien/ Am 11. Oktober war die Königlich-Niederländische Akademie der Wissenschaften zu Gast an der ÖAW. Es ging um die Frage, was Akademien zu aktuellen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen voneinander lernen können. Welche ethischen Fragen ergeben sich für Forschung in autoritären Ländern? Wie sollen sich Wissenschaftsakademien im Verhältnis zu Universitäten, Industrie und Gesellschaft positionieren? Und wie kann man die Forschung und ihre Ergebnisse noch stärker von den Hauptstädten ins gesamte Land tragen? Fragen wie diese beschäftigen nicht nur die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW), sondern auch andere Akademien in Europa. Denn trotz regionaler Unterschiede sind sie alle oftmals mit ähnlichen Aufgabenstellungen und Herausforderungen konfrontiert. Für die ÖAW also Grund genug, erstmals einen Joint Academy Day ins Leben zu rufen, der Vertreter/innen einer anderen Akademie in Wien mit Mitgliedern und Wissenschaftler/innen der ÖAW zusammenbringt.

Zum Auftakt am 11. Oktober 2018 war die 1808 gegründete Königlich-Niederländische Akademie der Wissenschaften (Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen, KNAW) zu Gast an der ÖAW. Nach der Begrüßung durch ÖAW-Präsident Anton Zeilinger und Oliver Jens Schmitt, Präsident der philosophisch-historischen Klasse der ÖAW, diskutierten die rund 80 Teilnehmer/innen einen Tag lang und in insgesamt 6 Panels aktuelle Fragen, die sich für Wissenschaftsakademien gegenwärtig stellen.

Wissenstransfer

Zur Sprache kam dabei auch das Thema „Research Impact (Academy – University – Industry – Society)“. Dabei ging es nicht nur um die Frage, wie sich der Wissenstransfer von der Grundlagenforschung zur industriellen Anwendung optimieren lässt, sondern auch darum, wie durch einen verbesserten Wissenstransfer von der Forschung zur Gesellschaft einer immer noch verbreiteten Wissenschaftsskepsis entgegengewirkt werden kann. Gerade Akademien komme hier eine zentrale Rolle zu, waren sich die Vertreter/innen von ÖAW und KNAW einig. Durch die breite und vielfältige Expertise ihrer Mitglieder und Mitarbeiter/innen, seien sie in besonderem Maße in der Lage, sowohl den gesellschaftlichen Wert der Grundlagenforschung zu vermitteln als auch faktenbasiertes Wissen in öffentliche Diskurse einzubringen.

Eine intensivere Zusammenarbeit und ein regelmäßiger Austausch von Wissenschaftsakademien über Ländergrenzen hinweg, wie beim Joint Academy Day, sind dafür essentiell. Die niederländischen und österreichischen Teilnehmer/innen jedenfalls zeigten sich vom Zukunftspotential dieser Initiative überzeugt. Der nächste Joint Academy Day ist daher bereits in Planung und wird im Herbst 2019 an der Akademie in Wien stattfinden.

]]>
Die ÖAW
news-8963 Fri, 12 Oct 2018 12:33:12 +0200 „Wir müssen uns selbst befreien“ http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/wir-muessen-uns-selbst-befreien/ Wenn diskriminierte Gruppen um Selbstbestimmung kämpfen, dann geht es um Emanzipation, sagt die Berliner Philosophin Rahel Jaeggi. Sie hielt die diesjährige Leibniz Lecture an der ÖAW und erklärte, warum der Begriff in der Gegenwart eine Renaissance verdient hat. „Die Idee einer emanzipativen Transformation von Verhältnissen droht heute, inmitten von Krisen und Regressionstendenzen, unterzugehen“, warnte Rahel Jaeggi. Eine Zeitdiagnose, die nicht unbedingt optimistisch stimmt, geht es doch bei Emanzipation um das Erlangen der Eigenständigkeit diskriminierter Individuen oder Gruppen. Was heute eine Selbstverständlichkeit sein sollte – sich von unterdrückenden Verhältnissen emanzipieren zu können –, ist es nicht.

Wie also kann Emanzipation in der gegenwärtigen Welt dennoch gelingen? Kann man anderen zur Emanzipation verhelfen? Und: Wie kann man der Kritik am Begriff der Emanzipation begegnen? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Leibniz Lecture an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), die von Rahel Jaeggi gehalten wird.

Frau Jaeggi, den Begriff “Emanzipation” kennt man vor allem aus der Frauenbewegung. Für Sie reicht er aber dahinter zurück?

Rahel Jaeggi: Ja, historisch gesehen kennt man ihn vor allem aus der jüdischen Emanzipation im Zeitalter der Aufklärung, der bürgerlichen Emanzipation. Und natürlich: Emanzipation als Akt der Freilassung der Sklaven und Unfreien. Genereller ausgedrückt: Immer da, wo diskriminierte Gruppen ihre Eigenständigkeit erlangen und für individuelle wie kollektive Selbstbestimmung kämpfen, geht es um Emanzipation. Der Begriff hat aber in seiner Geschichte einige Änderungen und eine beträchtliche Ausweitung erfahren: Der Prozess der Emanzipation ist von einem, der asymmetrisch gewährt wird, zu einem geworden, den die Betreffenden selbst erstreiten. Heute verstehen wir unter Emanzipation nicht mehr einen einmaligen rechtlichen Akt, sondern einen langwierigen sozialen Prozess.

Kürzlich haben Sie in Berlin eine Konferenz zum Thema „Emanzipation“ organisiert. Inwiefern ist dieser Begriff geeignet, um über die aktuellen politischen Verhältnisse zu sprechen?

Jaeggi: Emanzipation ist heute ein untertheoretisierter Begriff. Das war der Ausgangspunkt unserer Tagung. Die Idee einer emanzipativen Transformation von Verhältnissen droht heute, inmitten von Krisen und Regressionstendenzen, unterzugehen. In diesem Sinne sollte Emanzipation heute nicht bloße Reaktion sein, sondern wieder an eine politische Situation anknüpfen, in der die sogenannte soziale Frage von den anderen Fragen nicht getrennt war – es also um eine Transformation von Lebensformen im Ganzen ging.
 

Emanzipation sollte wieder an eine politische Situation anknüpfen, in der die sogenannte soziale Frage von den anderen Fragen nicht getrennt war – es also um eine Transformation von Lebensformen im Ganzen ging.


Ihre Mutter, Eva Jaeggi, ist Psychoanalytikerin, Ihr Vater, Urs Jaeggi, Autor und Soziologe. Beide waren in der 68er Bewegung aktiv. Wann hörten Sie eigentlich als Kind oder junges Mädchen das erste Mal von Emanzipation?

Jaeggi: Vermutlich im Grips-Theater, einem linken Berliner Kindertheater.

War „Emanzipation“ bei Ihnen zuhause auch ein Schlagwort?

Jaeggi: Nein. Aber dass sich im Begriff der Emanzipation der Geist von '68 spiegelt, und zwar genau dort, wo man heute wieder ansetzen müsste, das haben wir auch bei der Konferenz betont.

Wie hat sich der Begriff seit damals verändert?

Jaeggi: Er hatte sich damals oder bis damals verändert. Wie vorher angedeutet, hat er sich immer stärker ausgedehnt und im Zuge der '68er die Bedeutung einer Transformation aller Lebensverhältnisse angenommen. Seit damals ist er dann Schritt für Schritt auch theoretisch unter Beschuss geraten, zum Beispiel wenn man im Geiste Foucaults kritisiert, die Emanzipationsidee suggeriere, dass da irgendwo unter den Verdeckungen durch Herrschaftsverhältnisse ein unbeschadetes Potenzial läge, das nur auf irgendeine Weise befreit und losgelassen werden müsse. Auf solche Kritiken muss eine zeitgenössische Rekonstruktion des Emanzipationsbegriffs reagieren – kann sie aber auch, wie ich behaupte.

Wenn in populären Diskursen über Emanzipation gesprochen wird, geht es oft um „die anderen“. Um „Kopftuchfrauen“ oder „Billiglohnarbeiter“, denen man helfen müsse, sich zu emanzipieren. Aber geht das überhaupt, anderen zur Emanzipation zu verhelfen?

Jaeggi: Nein, das ist paternalistisch. Und widerspricht dem Gehalt des Begriffs. Emanzipieren können einen nicht die anderen, das kann man nur selbst. Wir müssen uns selbst befreien: Das ist eine der wesentlichen Transformationen, die der Begriff durchgemacht hat. Hinter der paternalistischen Idee der Emanzipation der anderen stehen oft verdeckte Herrschaftsinteressen, etwa wenn weiße Männer nicht-weiße Frauen emanzipieren.
 

Emanzipieren können einen nicht die anderen, das kann man nur selbst.


Gibt es den vollkommen emanzipierten Menschen?

Jaeggi: Den gibt es nicht. Emanzipation ist eine Frage von Graden und ein fortlaufender Prozess. Keine einmalige Angelegenheit.

Sie sind Universitätsprofessorin. Wenn Sie über den Begriff der „Emanzipation“ nachdenken: Können Sie die eigene politische Haltung von der wissenschaftlichen Arbeit trennen? Und wollen Sie das überhaupt?

Jaeggi: Nein. Das ist ja eines der Privilegien einer solchen Arbeit, dass man hier einen Reflexionsraum findet, in den das, was einen gesellschaftlich und politisch bewegt, in abstrakte, theoriegeleitete, grundbegriffliche Überlegungen eingehen kann. Natürlich selten auf direktem Weg – ein Reflexionsraum ist ja auch dazu da, dass man hier Dinge ohne unmittelbaren Handlungszwang diskutieren kann – aber auf irgendeine Weise eben doch.

]]>
Die ÖAW
news-8913 Mon, 08 Oct 2018 10:10:49 +0200 Hedy Lamarrs Sohn besuchte ÖAW-Teleskop http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/hedy-lamarrs-sohn-besuchte-oeaw-teleskop/ Der US-Unternehmer und Schauspieler Anthony Loder besichtigte gemeinsam mit Quantenphysiker Anton Zeilinger das Hedy-Lamarr-Teleskop der ÖAW in Wien. Das Teleskop, das für quantenphysikalische Experimente genutzt wird, ist Loders Mutter, der in Wien geborenen Hollywood-Schauspielerin Hedy Lamarr und ihren Leistungen in der Wissenschaft gewidmet. Anthony Loder (71), der Sohn der berühmten österreichischen Erfinderin und Hollywood-Schauspielerin Hedy Lamarr, war in Wien zu Gast. Anlass war die Verleihung des heuer vergebenen „1. Hedy Lamarr-Award für innovative Frauen in der IT“. Im Rahmen dieses Besuchs besichtigte Loder am 5. Oktober 2018 auch zum ersten Mal das nach seiner Mutter benannte Teleskop am Dach des Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Der Hintergrund: Hedy Lamarr war nicht nur Schauspielerin, sondern legte als Wissenschaftlerin wichtige Grundsteine für die heutige Mobilfunktechnik.

Würdigung der Erfinderin Hedy Lamarr

Beim Besuch des Quantenteleskops, das Hedy Lamarr für ihre Forschungsleistungen gewidmet wurde, war der aus Los Angeles angereiste Loder sichtlich gerührt. Im persönlichen Gespräch erklärte ÖAW-Präsident Anton Zeilinger Loder und dessen Lebensgefährtin die Funktionsweise des Teleskops. Eine an der Außenwand befestigte Plakette erinnert an die 2000 verstorbene und am Wiener Zentralfriedhof bestattete Hollywood-Diva, die etwa an der Seite von Spencer Tracy, Cary Grant und James Stewart gespielt hat.

Die Wahl des Namens für das Teleskop, das für Experimente zur Quantenkommunikation und -verschlüsselung verwendet wird, erfolgte nicht zufällig, denn Hedy Lamarr war eine wissenschaftliche Pionierin. 1940 entwickelte sie gemeinsam mit dem Komponisten George Antheil eine weitgehend störungsfreie Funkfernsteuerung für Torpedos. Im Zweiten Weltkrieg kam die patentierte Erfindung zwar nicht mehr zum Einsatz, dafür spielt das „frequency hopping“ heute in der Mobilfunktechnik (etwa bei Bluetooth- und WLAN-Verbindungen sowie in der GSM-Technik) eine zentrale Rolle. Mit dem Hedy-Lamarr-Teleskop erinnert die ÖAW an diese wissenschaftliche Seite des Hollywoodstars.

Berühmte Mutter
Hedy Lamarrs Sohn, Anthony Loder, wurde am 1. März 1947 geboren. Nach einigen Rollen als Schauspieler in Hollywood und am New Yorker Greenwich Village Theater gründete Loder eine Firma für Kommunikations- und Videoüberwachungssysteme und blieb sein Leben lang Unternehmer. Zugleich wirkte er aber weiter an Film- und Buchproduktionen über seine berühmte Mutter mit.

So wurde der von ihm koproduzierte Film „Calling Hedy Lamarr“ 2004 auf der Wiener „Viennale“ präsentiert. 2012 schrieb er zusammen mit dem deutschen Journalisten Jochen Förster das Buch „Hedy Darling“. In dem Film „Bombshell – The Hedy Lamarr Story“ von 2017 haben er, wie auch sein Bruder James Loder und seine Tochter Lodi Loder einen Auftritt.

]]>
Die ÖAW
news-8864 Wed, 03 Oct 2018 09:56:22 +0200 Forschen an der Zukunft http://www.oeaw.ac.at/veranstaltungen-kommunikation/multimedia/galerien-und-videos/sommerserie-junge-akademie-2018/ Die Sommerserie Young Academics hat neue Mitglieder der Jungen Akademie der ÖAW getroffen und sie gefragt, an welchen Fragen von morgen sie gerade forschen. Die ÖAW news-8831 Fri, 28 Sep 2018 16:17:53 +0200 Krieg ist keine Männersache http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/krieg-ist-keine-maennersache/ Welche Rolle spielen Frauen im Militär? Damit beschäftigt sich die Politikwissenschaftlerin Saskia Stachowitsch. In ihrer Forschung zeigt sie, warum Frauen das Militär gerettet haben und dennoch in der Minderheit sind. Krieg ist Männersache? So einfach ist es heute nicht mehr. Die soziale Wirklichkeit ist längst komplexer, wie die Forschung von Saskia Stachowitsch deutlich macht. Die Politikwissenschaftlerin an der Universität Wien, die heuer in die Junge Akademie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) aufgenommen wurde, beschäftigt sich seit Langem mit Themen wie Krieg und Frieden, Sicherheit und Unsicherheit sowie Militarisierung. „Mit meinem wissenschaftlichen Hintergrund in Politikwissenschaft und Gender Studies weiß ich, dass all diese Bereiche nur verständlich sind, wenn man auch gesellschaftliche und insbesondere geschlechtsspezifische Machtverhältnisse miteinbezieht.“

So erforscht die Wissenschaftlerin etwa, wie Frauen im Militär integriert und vertreten sind, zum Beispiel in den USA, dem Land mit der mächtigsten Armee der Welt. „Mit Ende des Kalten Krieges hat sich hier der militärische Arbeitsmarkt stark gewandelt. Ohne die Beteiligung von Frauen wäre das Militär schlichtweg nicht zu erhalten gewesen“, meint Stachowitsch hinsichtlich der Quantität wie Qualität. Denn: „Das US-Militär brauchte mehr besser ausgebildete Menschen, weil nur noch ein kleiner Teil traditionelle Kampfrollen übernahm. Der Großteil war nun in technischen, logistischen, medizinischen und im IT-Bereich tätig und Frauen wiesen ein durchschnittlich höheres Bildungsniveau auf.“

Frauen noch immer in der Minderheit

Doch auch wenn Frauen für das Militär vor allem nach Ende des Kalten Krieges entscheidend waren, sind sie heute nach wie vor in der Minderheit, betont Stachowitsch. Über die letzten zehn Jahre lag der Frauenanteil über alle Streitkräfte hinweg bei etwa 14 Prozent. Jedoch: „Je nach Teilstreitkraft gibt es starke Unterschiede. In der Air Force sind über 20 Prozent Frauen, im Marine Corps sind es zwischen vier und sechs Prozent. Das hat auch mit der Art der Aufgabe zu tun. Bei den Marines wird etwa vermehrt am Boden gekämpft und es gibt weniger unterstützende Funktionen.“

Mit Ende des Kalten Krieges hat sich hier der militärische Arbeitsmarkt stark gewandelt. Ohne die Beteiligung von Frauen wäre das Militär schlichtweg nicht zu erhalten gewesen.

Aber auch im privaten Militärsektor, der in Sachen Krieg und Sicherheit immer wichtiger wird, spielen Frauen kaum eine Rolle. „Als sich der ‚War on Terror‘ langsam dem Ende zugeneigt hatte, war klar, dass fast die Hälfte der Personen, die von amerikanischer Seite in Afghanistan und dem Irak eingesetzt wurden, keine staatlichen Truppen waren, sondern Angestellte von privaten Sicherheits- und Militärfirmen. Das ist ein großer Trend, der bis jetzt noch nicht vollständig wissenschaftlich aufgearbeitet und analysiert wurde.“

Dass Frauen hier wenig vertreten sind, liegt allerdings nicht daran, dass sie für diese Arbeit weniger geeignet sind. Das erklärten auch Vertreter von Sicherheitsfirmen, so Stachowitsch. „Man bezweifelt nicht, dass Frauen genauso gute oder teilweise sogar bessere Arbeit im Sicherheitsbereich leisten könnten. Als Begründung für ihre Unterrepräsentation wird aber angeführt, dass weibliches Sicherheitspersonal schlechter zu vermarkten sei.“ Denn für die Gesellschaft stünden Sicherheit und Schutz stark mit Männlichkeit in Verbindung. Eine Frau als Bodyguard sei für viele Auftraggeber aus diesem Grund nur in bestimmten Situationen denkbar und wünschenswert, so die Genderforscherin.

Vermännlichung des militärischen Arbeitsmarkts

Aus diesem Grund rekrutieren private Sicherheits- und Militärfirmen Personal auch aus Einheiten wie der Infanterie oder den Special Forces. Bereiche, von denen Frauen bis vor kurzem auch in den USA ausgeschlossen waren. „Private Sicherheitsfirmen müssen bei ihrer Rekrutierung nicht auf Gleichberechtigung achten wie das staatliche Militär. Für sie geht es vielmehr darum, ein gesellschaftlich kompatibles Bild von Sicherheit zu verkaufen“, schlussfolgert die Wissenschaftlerin. Stachowitsch warnt jedoch davor, dass dadurch eine Vermännlichung des militärischen Arbeitsmarktes stattfindet und Frauen von neu geschaffenen Arbeitsplätzen im Sicherheitsbereich ausgeschlossen blieben.

Private Sicherheitsfirmen müssen bei ihrer Rekrutierung nicht auf Gleichberechtigung achten wie das staatliche Militär.

Dass Frauen im Militär und in Sicherheitsfragen besseren Zugang haben sollten, sei laut Stachowitsch aber weniger dadurch zu begründen, dass Frauen in diesen Bereichen besser wären als Männer oder dass es mit mehr Frauen keine Kriege oder weniger Konflikte gäbe. „Ich wehre mich dagegen, dass Frauen immer besser sein müssen, um Zugang zu bestimmten Berufen zu haben. Zudem haben Frauen wie Männer das gleiche kriegerische und aggressive Potenzial, wenngleich sie meist unterschiedlich sozialisiert werden.“

Vielmehr gehe es laut Stachowitsch darum, Frauen wie Männern grundsätzlich gleiche Rechte einzuräumen. Pointiert formuliert: „Gleichstellung haben wir erst erreicht, wenn durchschnittliche Frauen ebenso in gute Positionen kommen, wie auch viele durchschnittliche Männer, die diese wichtigen Rollen einnehmen und unsere Gesellschaft gestalten.“

]]>
Die ÖAW
news-8776 Thu, 27 Sep 2018 10:46:00 +0200 MAKRO MIKRO: NEUER PODCAST DER ÖAW STARTET http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/makro-mikro-neuer-podcast-der-oeaw-startet/ Wissenschaft an der ÖAW kann man bald auch hören. Der Podcast MAKRO MIKRO widmet sich in Interviews, Features und Reportagen spannenden Forschungsfragen. Wir empfehlen: Reinhören. Den Teaser gibt es schon, in Kürze folgt auch der erste Beitrag: Der neue Internet-Radio-Channel der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) bringt Wissenschaft für die Ohren. Der Podcast MAKRO MIKRO macht spannende Forschungsfragen in Interviews, Features und Reportagen hörbar. Podcasterin Julia Grillmayr fragt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der ÖAW nach Details ihrer Forschung sowie den großen Zusammenhängen. Es geht um Himmelskörper und Quantenteilchen, um aktuelle Lebensweisen und vergangene Epochen, um verschiedene Weltregionen und digitale Räume. Neugierige sind bei MAKRO MIKRO also genau richtig.

Den Auftakt bilden wird ein Podcast zur Jahrestagung deutschsprachiger Wissen(schaft)spodcaster/innen, die heuer erstmals vom 28. bis 30. September an der ÖAW in Wien stattfindet. Was bei „#GanzOhr2018 – Wissenschaft auf die Ohren“ diskutiert wird, kann man dann auf MAKRO MIKRO nachhören. Und wer mit uns in die Weiten des Weltalls abheben möchte, kann sich bereits auf einen Podcast mit Luca Fossati vom Institut für Weltraumforschung der ÖAW freuen, der im Herbst on Air geht.

MAKRO MIKRO kann auf www.oeaw.ac.at/podcast gehört und als Podcast abonniert werden unter: soundcloud.com/makro-mikro

]]>
Die ÖAW
news-8771 Fri, 21 Sep 2018 13:29:59 +0200 Österreich wissenschaftlich auf der Überholspur http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/oesterreich-wissenschaftlich-auf-der-ueberholspur/ Nature Index weist Österreich als eines von sechs Ländern mit der weltweit dynamischsten Entwicklung seines Forschungssystems aus. Zu den Innovationstreibern in der Forschung zählt laut dem renommierten Fachjournal auch die ÖAW. Nature Index publizierte gestern die Ergebnisse einer Studie, die zum Ziel hatte, jene Institutionen und Länder zu identifizieren, die sich wissenschaftlich auf der Überholspur befinden. Erfreulicher Befund: Österreich zählt weltweit zu jenen sechs Ländern, die sowohl absolut als auch relativ die höchste Steigerung ihres Outputs gemäß der Nature Index Methode 2015 bis 2017 aufweisen. Gemäß dieser Erhebung ist Österreich besonders stark im obersten Qualitätssegment naturwissenschaftlicher Publikationen unterwegs. Beim so genannten „Fractional Count (FC)“ haben vor allem die Universität Wien, das Institute of Science and Technology in Klosterneuburg sowie die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) besonders hohe Steigerungen auszuweisen.

„Das ist ein überaus erfreulicher Befund. Wir erhalten mit dieser Nature Index Analyse die objektive Bestätigung, dass sich Österreich als Wissenschaftsstandort ausgesprochen gut entwickelt und seine wissenschaftliche Produktivität – auch in qualitativer Hinsicht – steigt. Das verdanken wir der hervorragenden Arbeit unserer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit ihren Leistungen die Basis für die Zukunftsfähigkeit des Landes legen. Die Politik kann und wird diesen erfreulichen Trend durch die weitere Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Forschung in Österreich maßgeblich unterstützen“, so Wissenschaftsminister Heinz Faßmann zu dem positiven Ergebnis.

Österreich neben China: In Grundlagenforschung zu investieren lohnt

„Grundlagenforschung auf höchstem Niveau und in einer großen Fächervielfalt – dafür steht die Österreichische Akademie der Wissenschaften“, sagt Anton Zeilinger, Präsident der ÖAW, und bekräftigt mit Blick auf die Analyse von Nature: „Wir unterstützen die besten Köpfe in der Wissenschaft und fördern Forschung mit der Bereitschaft zum Risiko. Die Spitzenposition der Akademie im Ranking von Nature zeigt, dass wir damit auf dem richtigen Weg und im internationalen Wettbewerb hervorragend positioniert sind. Dass Österreich in diesem Ranking neben China geführt wird, macht in beeindruckender Weise deutlich, dass sich Mut von Politik und Wissenschaft in Österreich lohnen, wenn in Grundlagenforschung investiert wird.“

Für Thomas Henzinger, Präsident des IST Austria, bringen die nun publizierten Zahlen der Nature Index Erhebung ein besonders erfreuliches Ergebnis. Unter den jungen Forschungsinstituten (jünger als 30 Jahre) wird IST Austria weltweit auf Rang 8 und als einziges Institut außerhalb Asiens in den Top 10 geführt. „Jedes Ranking hat so seine Tücken. Fest steht jedenfalls, dass sich unser Campus in den ersten Jahren seines Bestehens zu einem überaus produktiven Platz für Grundlagenforschung mit allerhöchstem Qualitätsanspruch entwickelt hat. Die Rückmeldung durch Nature Index ist ein Hinweis, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden und unsere ambitionierten Ziele realistisch sind“, so Henzinger.

„Die Universität Wien mit ihrer fachlichen Breite erbringt Spitzenleistungen von den Natur- und Lebenswissenschaften bis hin zu den Geistes- und Sozialwissenschaften,“ so der Rektor der Universität Wien, Heinz Engl. „Die Universität Wien plant im Rahmen ihres aktuellen Entwicklungsplans die Einrichtung von ca. 50 neuen und thematisch innovativen Professuren. Ermöglicht wird dies durch die Unifinanzierung neu. Damit wird ein großer Schritt zur Sicherung der internationalen Konkurrenzfähigkeit in der Forschung, der auch unmittelbare Auswirkungen auf Studium und Lehre hat, gesetzt. Zahlreiche neu berufene ProfessorInnen werden neue fachliche Akzente in Forschung und Studien bringen. Die Qualität des Studienangebots kommt bei den Studierenden dann an, wenn die quantitativen Betreuungsverhältnisse stimmen“, so Engl.

Nature Index: Auswertung von 82 Qualitätsjournalen weltweit

Der Nature Index ist ein mögliches Messinstrument für den Erfolg wissenschaftlicher Einrichtungen. Publikationen, in denen ForscherInnen ihre wissenschaftlichen Ergebnisse in den angesehensten und bekanntesten Fachjournalen präsentieren, zählen dabei als Währung des Erfolges. Der Nature Index basiert auf einer Liste von 82 Qualitätsjournalen unterschiedlicher Fachgebiete aus den Naturwissenschaften. Er summiert die Häufigkeit der Zitierungen der Beiträge von Autor/innen zu Artikeln und setzt dies in Relation zur Anzahl der Beiträge. Es geht daher nicht nur um die Zahl der Beiträge, sondern wie oft diese zitiert werden. Damit können diejenigen Forscher und Forscherinnen sowie deren Institute und Universitäten identifiziert werden, die den größten Impact auf die weltweite Forschungslandschaft haben.

]]>
Die ÖAW
news-7788 Mon, 16 Jul 2018 09:35:00 +0200 Wissen im Netz http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/wissen-im-netz/ Ob historische Karten, altarabische Inschriften oder Glasplattennegative: Der digitale Wandel hat längst die Bibliotheken und Archive erreicht. An der ÖAW laufen gleich mehrere Projekte, um die wertvollen Bestände des Hauses zu digitalisieren und online für jedermann zugänglich zu machen. Formschöne grüne Tischlampen, leise knarzendes Parkett, und große Stapel dicker Bücher. Alte Bibliotheken haben einen ganz besonderen Charme. Die Bibliothek der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im Hauptgebäude in der Wiener Innenstadt bildet hier keine Ausnahme. Doch wer sich das gesammelte Wissen aus Jahrhunderten aneignen will, kann das inzwischen auch immer öfter von zu Hause aus tun – am Computer, Laptop oder Smartphone.

Denn längst hat die Digitalisierung auch Bibliotheken und Archive erreicht. An der ÖAW sorgen gleich mehrere Projekte dafür, die einzigartigen historischen Bestände des Hauses ins Web zu bringen. Was Leser/innen schon heute online finden können und welche Wissensschätze in Zukunft im Internet stehen werden, erzählt Sibylle Wentker, Leiterin von Bibliothek, Archiv und Sammlungen der ÖAW im Interview.

Archiven und Bibliotheken haftet oft ein verstaubtes Image an. Welchem Wandel sind diese Institutionen durch die Digitalisierung ausgesetzt?

Sibylle Wentker: Klassische Bestandsbibliotheken haben heutzutage einen stärkeren Rechtfertigungsdruck, weil Platz immer teurer wird und die Menschen es mehr und mehr gewohnt sind, Informationen ausschließlich aus dem Internet zu beziehen. Die Bibliothek der ÖAW ist eine Forschungsbibliothek, die vor allem Wissenschaftler/innen anzieht. Die Herausforderung ist, den Nutzer/innen online einen Recherchevorteil zu bieten, indem man Informationen, Bilder und Normdaten so verknüpft, dass eine intelligente Suche ermöglicht wird.

 

Die Herausforderung für Bibliotheken ist, den Nutzer/innen online einen Recherchevorteil zu bieten.

 

Ein Schritt in diese Richtung ist das Projekt „Linked Cat+“. Es soll die Wissensproduktion der Akademie bis 1918 digitalisieren. Wie funktioniert das konkret?

Wentker: Dieses Projekt ist jetzt in der Anlaufphase. Aus dem Zeitraum seit der Gründung der damals Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 1847 bis in das erste halbe Jahrhundert bis 1918 haben wir tausende Artikel in gedruckten Sitzungsberichten, in denen wir beobachten können, wie Wissenschaftsgestaltung funktioniert. Die Protokolle der regelmäßigen Sitzungen dieser Gelehrten der Akademie sind dafür eine enorm wichtige Quelle. Die Artikel sollen nun im Zuge des Projekts digitalisiert und mit einem intelligenten Suchsystem versehen werden. Die Nutzer/innen können dann nach gewissen Schlagworten suchen, um Forschungstrends zu recherchieren, aber auch, um mehr über einzelne Gelehrte herauszufinden. Im Gegensatz zu Google Books, wo die Sitzungsberichte ebenfalls zu finden sind, bieten wir mit unserem Projekt eine tiefere Sucharchitektur und eine erhöhte, intelligente Verknüpfung von Daten.

Warum werden nur die Protokolle bis 1918 digitalisiert?

Wentker: Das hat mit den Personen- und Urheberrechten zu tun. Personendaten gehen weit über den Tod eines Menschen hinaus. Wir dürfen zum Beispiel keine Daten von Menschen veröffentlichen, die nicht länger als 50 Jahre tot sind. Aber die Sitzungsprotokolle seit der Gründung bis 1918 umfassen bereits 500.000 Seiten. Wir haben also genug zu tun.

Ein weiteres Digitalisierungsprojekt befasst sich mit sogenannten „Abklatschen“. Welche Wissensschätze werden hier anschaulich gemacht?

Wentker: Das Projekt der Philologin Petra Aigner widmet sich der 3D-Digitalisierung von 700 Abklatschen der Sammlung Eduard Glaser, die wir im Archiv aufbewahren. Das sind altarabische Inschriftenabdrücke, die mittels einer Pappmaschee-Paste vom Stein abgenommen wurden. Das Material ist ähnlich wie ein Eierkarton und sehr empfindlich. Wenn wir die Abklatsche in 3D digitalisieren, bekommen wir ein Reliefbild. Die Community, die sich mit altarabischen Schriften beschäftigt, ist sehr klein und auf der ganzen Welt verstreut. Da wir diese Inschriften online visualisieren, haben die Expert/innen von überall aus einen Zugang zu den Quellen und können diese viel besser lesen und erforschen. 700 Inschriften haben wir bereits aufbereitet. Die zweite Phase des Projekts beschäftigt sich nun mit der 3D-Visualisierung von altsüdarabischen Graffitis.

Das ist nicht das einzige Projekt, das sich mit der Sammlung Glaser beschäftigt. Was steckt hinter „Glaser Open Access“?

Wentker: Hier werden historische Aufnahmen digitalisiert. Es handelt sich dabei um so genannte Glasplattennegative, die Glaser und andere von ihren Expeditionen mitgebracht haben, darunter 3.000 Glasplattenaufnahmen, Fotos aber auch 15 Forschungstagebücher. Diese beinhalten Quellen zur altsüdarabischen Geschichte, die so gesichert und für die Zukunft aufbereitet werden sollen. Denn Glasplattennegative sind extrem empfindlich und zersetzen sich mit der Zeit. Deshalb müssen wir diese Negative zügig einscannen.

 

Im Netz befindet sich bereits ein Kartenportal mit 380 Karten. Dieses kann nach Epochen, nach Ländern oder nach Kontinenten durchsucht werden. Die Karten werden in Hochauflösung zur Verfügung gestellt.

 

Einer der größten Schätze der Bibliothek ist die geografische „Sammlung Woldan“ – wie viele der historischen Karten sind bereits online?

Wentker: Das ist ein anspruchsvolles Langzeitprojekt. Im Netz befindet sich bereits das Kartenportal mit 380 Karten unter sammlung.woldan.oeaw.ac.at. Dieses kann nach Epochen, nach Ländern oder nach Kontinenten durchsucht werden. Die Karten werden in Hochauflösung zur Verfügung gestellt. Unser Ziel ist es, die gesamte Sammlung Woldan zu digitalisieren. Woldan war ein Jurist und hat sein gesamtes Leben damit verbracht, sein Juristengehalt für Karten und Reisewerke auszugeben. Unsere ältesten Stücke gehen bis 1500 zurück. Das sind natürlich ganz große Kostbarkeiten.

Für das Online-Portal hoffen wir auf kartografieinteressierte Expert/innen und begreifen das Angebot als offenen Austausch. Tag für Tag digitalisieren wir neue Karten für die Wissenschaft. Das ist aber auch ein sensationelles Material für alle Menschen, die sich für historische Karten begeistern. Und die sitzen nicht alle um den Dr. Ignaz Seipel-Platz herum. Wir tragen unsere digitalen Angebote damit also in die ganze Welt.

]]>
Die ÖAW
news-7769 Thu, 05 Jul 2018 15:59:16 +0200 WISSENSCHAFT ALS BRÜCKENBAUER http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/wissenschaft-als-brueckenbauer/ Der internationale Austausch in den Wissenschaften hat an der ÖAW eine lange Tradition. Das zeigen bilaterale Abkommen mit mehr als 60 Partnerinstitutionen auf der ganzen Welt. Nun wurde ein neues Memorandum of Understanding mit Iran unterzeichnet. Österreich und Iran verbindet in den Wissenschaften eine lange gemeinsame Geschichte: Bereits der erste Präsident der Akademie der Wissenschaften, der Iranist Josef Freiherr von Hammer-Purgstall (1774–1856), legte im 19. Jahrhundert den Grundstein für die Zusammenarbeit zwischen Forscher/innen der beiden Länder.

Dem weiteren Ausbau dieser wissenschaftlichen Beziehungen dient nun ein neues Memorandum of Understanding zwischen der ÖAW und dem iranischen Institute for Political and International Studies (IPIS), das am 4. Juli 2018 im Rahmen des iranischen Staatsbesuches in Österreich von IPIS-Präsident Seyed Kazem Sajjadpour und Akademiepräsident Anton Zeilinger in der ÖAW unterzeichnet wurde. Die Akademie erweitert damit ihre internationale Zusammenarbeit in der Wissenschaft, die derzeit rund 60 bilaterale Abkommen mit Partnereinrichtungen rund um den Globus umfasst.

Mit dem neuen Abkommen sollen Gastaufenthalte von Wissenschaftler/innen der Akademie im Iran und von iranischen Forscherinnen und Forschern in Österreich verstärkt werden. Zugleich eröffnet es dem Institut für Iranistik der ÖAW Zugang zu bisher verschlossenen Quellen zur gemeinsamen österreichisch-iranischen Geschichte in Bibliotheken und Archiven im Iran. Vorgesehen ist, dass die Ergebnisse der Forschungen in Ausstellungen, Symposien und Workshops Öffentlichkeit und Scientific Community präsentiert werden.

Erste Einblicke in einige Kapitel der gemeinsamen Geschichte beider Länder bietet eine aktuelle Ausstellung in der Aula der ÖAW, die ebenfalls am 4. Juli im Beisein von Irans Außenminister Mohammed Dschawad Sarif und Österreichs Außenministerin Karin Kneissl eröffnet wurde. Sie beleuchtet 160 Jahre des diplomatischen, wissenschaftlichen und kulturellen Austauschs zwischen Österreich und dem Iran. Zu sehen sind noch bis zum 18. Juli 2018 unter anderem Abbildungen ausgewählter Schriftstücke aus Archiven der beiden Länder. Ein Besuch ist zu den Öffnungszeiten der ÖAW (Montag bis Freitag, 8 bis 18 Uhr) kostenlos möglich.

]]>
Die ÖAW
news-7756 Wed, 04 Jul 2018 11:12:54 +0200 Mit Tropfsteinen Monsungeschichte schreiben http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/mit-tropfsteinen-monsungeschichte-schreiben/ Der Monsun beeinflusst das Leben von Millionen Menschen in Asien seit Jahrtausenden. Gefördert vom Innovationsfonds der ÖAW wollen Forscher/innen der Universität Innsbruck nun nachzeichnen, wie sich das Wetterphänomen in der Geschichte verändert hat.  Während man in Österreich spätestens zu den sogenannten „Hundstagen“ unter der sommerlichen Hitze stöhnt, prasselt in Asien der Regen auf die Dächer. Dort ist die Zeit des Sommermonsuns. Seit Jahrtausenden prägt das Wetterphänomen  besonders die Region von Indien über China bis nach Indonesien. Allein auf dem indischen Subkontinent fallen während des Sommermonsuns fast 80 Prozent des gesamten Jahresniederschlages. Die Folge sind regelmäßige Überschwemmungen. Selbst Millionenstädte wie Mumbai oder Kalkutta können unter Wasser stehen.

Umgekehrt: Ist der Sommermonsun verspätet oder bleibt er aus, kann das verheerende Auswirkungen für die Menschen haben. „Hielten diese Trockenphasen etliche Jahre an, so kam es zu Hungersnöten und oft auch zu politischen Umwälzungen“, erklärt der Geologe Christoph Spötl mit Blick auf die Geschichte des Monsuns. Diese historische Dimension des Wetterphänomens ist es auch, die Spötl und sein Team an der Universität Innsbruck interessiert. Die Forscher/innen analysieren Daten aus Tropfsteinhöhlen, um die Entwicklung des Monsuns über Jahrtausende präziser als bisher nachzeichnen zu können. Gefördert durch den Innovationsfonds der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) soll der Forschung am Ende ein asiatisches „Monsun-Archiv“ zur Verfügung stehen.

Worum geht es in Ihrem Forschungsprojekt „Das Asiatische Monsun-Archiv“?

Christoph Spötl: Asien ist die weltweit größte geschlossene Landmasse und auch das höchste Gebirge und das größte Hochplateau finden sich dort. Diese Parameter sind wichtig, um zu verstehen, warum es in Asien das Phänomen des Monsuns gibt, und dies in einer besonders starken Ausprägung. Aus der langen Geschichte, zum Beispiel der chinesischen und indischen Kulturen, weiß man, dass sich Klima und Wetter auf das Wohlhergehen der Menschen ausgewirkt haben. Blieb der Monsunregen aus, hatte das verheerende Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Hielten diese Trockenphasen etliche Jahre an, so kam es zu Hungersnöten und oft auch zu politischen Umwälzungen. Es ist diese historische Dimension des Phänomens Monsun, die wir uns ansehen. Statt mit analogen Urkunden, die sich in einem alten Kloster finden, arbeiten wir mit geologischen Archiven in Höhlen, die nicht hunderte Jahre, sondern hunderttausende Jahre zurückgehen.

Warum muss man sich in Tropfsteinhöhlen begeben, um etwas über das Wetter zu erfahren?

Spötl: Anhand von Tropfsteinen konnte mit unserer Beteiligung vor zwei Jahren in einem „Nature“-Artikel gezeigt werden, wie stark und auf welchen Zeitskalen sich der asiatische Monsun in den vergangenen 640.000 Jahren verändert hat. Diese Klimakurve ist eine der längsten und die zeitlich genauste weltweit. Als Indikator der Intensität des Monsuns vergangener Zeiten wird traditionell die Sauerstoff-Isotopenzusammensetzung des Tropfsteinmaterials herangezogen. Allerdings ist nach wie vor unklar, wie dieser geochemische Parameter in meteorologische Werte umgesetzt werden kann. Genau hier setzt unser Forschungsprojekt an: Wir wollen versuchen, diesen derzeit nur qualitativen Parameter schrittweise zu quantifizieren und so die einmalige asiatische Klimazeitreihe unter anderem auch für globale Klimarechenmodelle besser nutzbar machen zu können.

 

 

Wie gehen Sie bei Ihrer Untersuchung vor?

Spötl: Wir versuchen den Tropfsteinen mit drei verschiedenen Methoden genauere Informationen über die Vergangenheit zu entlocken: Zum einen werden wir Spuren des ehemaligen Regens, der als kleinste Tröpfchen in den Kristallen der Tropfsteine eingeschlossen ist, extrahieren und analysieren. Diese Technologie haben wir vor zehn Jahren an der Universität Innsbruck aufgebaut und werden diese nun weiter optimieren. Zum anderen werden wir mit Kolleg/innen der Universität in Bergen in Norwegen die Temperatur bestimmen, bei der Tropfsteine gewachsen sind. Und schließlich planen wir in Kollaboration mit chinesischen Wissenschaftler/innen der Universität in Xian erstmalig eine Methode anzuwenden, die es erlauben sollte, die Luftfeuchtigkeit der Vergangenheit zu rekonstruieren. 

Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung mit dem Quartär. Warum steht dieser Abschnitt der Erdgeschichte im Zentrum?

Spötl: Obwohl dieser jüngste Abschnitt der Erdgeschichte – die letzten 2,6 Millionen Jahre – verschwindend kurz ist im Vergleich zu weiter zurückliegenden Epochen, ist er ohne Zweifel einer der interessantesten, befindet sich die Erde doch seit Beginn des Quartärs in einer Achterbahn des Klimas mit langen Glazialzeiten und dazwischenliegenden, wesentlich kürzeren und wärmeren Interglazialen. Die Tropfsteine sind für die Paläoklimaforschung deswegen so wichtig, weil sie gerade in Trockengebieten empfindlich auf Niederschlagsänderungen reagieren, beziehungsweise diese aufzeichnen. Kein anderes Klimarchiv am Festland reicht so weit in die Vergangenheit zurück, wie das der Tropfsteine in Höhlen und kann auf diesen Zeitskalen so präzise Altersinformationen liefern.

Und was erzählen uns die steinernen Zeugen über den Monsun?

Spötl: Das Bild, das die Untersuchungen der Tropfsteine zeigen, ist jenes langfristiger Änderungen der Monsunintensität auf Zeitskalen von Jahrzehntausenden, die eng an die Glazial-Interglazial-Rhythmik höherer Breiten aber auch zum Beispiel der Alpen gekoppelt ist. Gerade aber während kühlerer Phasen und am Übergang zu Warmzeiten zeigen die Daten ein anderes Muster des Monsuns: Die Regenfälle waren starken, kurzfristigen Schwankungen unterworfen und diese Änderungen passierten teilweise innerhalb nur weniger Jahre.

Zum Abschluss eine allgemeine Frage an Sie als Geologen: Was können wir von den Geowissenschaften über die Entwicklung des Erdklimas lernen?  

Spötl: Die Geowissenschaften dokumentieren die langfristigen Änderungsmuster des Erdklimas. Geologinnen und Geologen können mit immer feineren Methoden zum Beispiel nachweisen, dass über Jahrmillionen der Gehalt an Kohlendioxid in der Atmosphäre mit dem der mittleren Temperatur schwankte. Der Blick in die Vergangenheit, etwa zum Supertreibhaus des Eozäns vor rund 55 Millionen Jahren, kann somit ein durchaus ernstzunehmendes Szenario der Klimazukunft der Erde bieten.

]]>
Die ÖAW
news-7735 Mon, 02 Jul 2018 17:03:00 +0200 Mit Wissenschaft in den Sommer http://www.oeaw.ac.at/veranstaltungen-kommunikation/multimedia/galerien-und-videos/wissenschaft-im-sommer/ Damit es auch in den Sommerferien nie langweilig wird: Die ÖAW bietet für kleine und große Wissenschaftsfans ein abwechslungsreiches Programm – von Archäologie und Geschichte über Molekularbiologie bis zu den Weiten des Weltalls.  

]]>
Die ÖAW
news-7664 Tue, 19 Jun 2018 11:00:32 +0200 Europas Sicht auf Flüchtlinge http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/europas-sicht-auf-fluechtlinge/ Ob Flüchtlinge als Opfer oder Bedrohung wahrgenommen werden, wirkt sich stark auf gesellschaftliche Debatten aus. Die deutsche Migrationsexpertin Heidrun Friese untersucht, wie diese sprachlichen Bilder entstehen – und welche Konsequenzen sie haben. Am „World Refugee Day“ war sie bei einer Konferenz der ÖAW zu Gast. Bilder machen Leute. Wie die Macht der sprachlichen Bilder gesellschaftliche Debatten prägt, wird in der aktuellen Diskussion über Flüchtlinge, die Schutz in Europa suchen, mehr als deutlich. Längst ist die „Willkommenskultur“, in der geflüchtete Menschen vor allem als hilfsbedürftige Opfer betrachtet wurden, einem populistischen Diskurs gewichen, in dem sie zu einer Bedrohung oder gar zu Feinden erklärt werden. Was zwischen diesen beiden Polen auf der Strecke bleibt, ist die Tatsache, „dass die Menschen, die zu uns kommen, einfach ganz normale Menschen sind“, sagt die deutsche Migrationsexpertin Heidrun Friese. 

Friese hat sich mit Imaginationen des „Fremden“ befasst, also mit der Frage wer wie über Geflüchtete spricht und welche Auswirkungen das auf das gesellschaftspolitische Klima hat. Mit ihren Feldforschungen auf Lampedusa und in Tunesien hat sie zudem hinter diese Imaginationen geblickt, um herauszufinden, wer die Menschen sind, die die gefährliche Flucht nach Europa wagen.

Zum „World Refugee Day“ am 20. Juni 2018 war Friese an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zu Gast. Dort sprach sie bei der Konferenz „Die lange Dauer der Flucht“, die von mehreren sozialwissenschaftlichen Instituten der Akademie organisiert wurde und aktuelle Erkenntnisse zu Flucht, Migration und Integration in den Blick nahm.

Sie forschen zu Flucht und Migration. Dabei stehen soziale Imaginationen im Zentrum. Was ist damit gemeint?

Heidrun Friese: Es geht darum, wie wir die Anderen, also diejenigen, die vor unseren Grenzen stehen, sehen und wie die soziale Imagination sie überhaupt erst zu anderen macht. Diese soziale Imagination ist nicht einfach ein Bild, das wir im Kopf haben, sondern sie schafft und rahmt die Wirklichkeit, in der wir leben und bestimmt, was sagbar ist und was nicht. Wir leben in einer medialisierten Gesellschaft, die durch die Ökonomie der Aufmerksamkeit bestimmt ist. Besonders in diesen digitalen Zeiten haben wir einen Overkill an Bildern und deren Konsum. Das hat wiederum Auswirkungen auf unsere soziale Imagination.

Wie wirkt sich dieses „Framing“ aus?

Friese: In den letzten Jahren habe ich mich mit Gastfreundschaft und der Ambivalenz beschäftigt, die den Fremden, den Gast zwischen Freund und Feind verortet. In diesem Kontext habe ich Feldforschung auf Lampedusa und in Tunesien betrieben. Im Grunde gibt es drei Figuren, die unsere Sicht auf „den Fremden“ bestimmen und die auf eine historisch reichhaltige Bilderwelt zurückgreifen.

Wie ist unsere Sicht auf „den Fremden“ beschaffen?

Friese: Einmal gibt es die Figur des Feindes. Diese wird gerne von Populisten und Rassisten verwendet, um Stimmung gegen Migranten zu machen. Hier wird dann „der“ Muslim skizziert, der „unsere Weißen Frauen vergewaltigt“. Er wird als Parasit und Schmarotzer dargestellt, der uns und unsere Kultur überrollt und von dem eine Gefahr ausgeht. Dann gibt es die zweite Figur, nämlich jene des Opfers. Dieses Bild ist vor allem im humanitären und posthumanitären Diskurs zu finden. Dieser Diskurs appelliert, mithilfe von drastischen Bildern von ertrinkenden Bootsflüchtlingen an die Emotionen, das Mitgefühl und möchte die Authentizität des Leidens darstellen. Diese wird dabei gleichzeitig zum Branding für NGOs, die sich dafür einsetzen, diesem Leiden ein Ende zu setzen. Hier geht es um die Hyper-Sichtmachung der Opfer. Das heißt aber gleichzeitig, dass das Opfer immer ein Opfer bleiben muss. Dann gibt es die dritte Figur, die des Helden. Dieses Bild wird häufig von Aktivisten verwendet. Migranten kommen von Außen und mischen unsere Gesellschaft zum Besseren auf.

Man könnte also sagen: Bilder machen Leute.

Friese: Das Interessante und womöglich wenig Überraschende ist, dass die Menschen, die zu uns kommen, einfach ganz normale Menschen sind. Sie sind Ärzte, Bauern, Familienväter, oder Hausfrauen, gebildet oder ungebildet, und natürlich gibt es auch Kriminelle, wie bei uns auch. Aber sie werden mit diesen drei Figuren zu anderen gemacht, „othering“ wird diese Praxis in der Fachsprache genannt. Das sind postkoloniale Imaginationen, mit denen wir immer noch arbeiten und um die sich unser gesamtes diskursives Netz bildet.
 

Diese Menschen leben ja nicht im Mittelalter. Sie möchten aus der Enge, weg von der Unterdrückung und Willkür, weg von Diktaturen. Ihr Wunsch ist es, so zu leben, wie wir Europäer es tun.


Sie haben auch erforscht, warum sich Menschen aus Nordafrika auf den Weg nach Europa machen?

Friese: Genau. Hier muss man sagen: Diese jungen Leute unterscheiden sich nicht von unseren jungen Menschen, ihren Träumen und Wünschen. Da waren Ungebildete dabei, aber auch junge Menschen mit Schulabschluss, die in ihrer Heimat keine Arbeit bekommen. Aber es gab drei Werte, die alle angetrieben haben: Freiheit, Würde und Meinungsvielfalt. Das sind Werte unserer Europäischen Union, weshalb ich die jungen Menschen aus Nordafrika provokant immer als junge Europäer bezeichne. Die sehen sich Videos auf YouTube an, Hören dieselbe Musik, wie unsere Jugendlichen auch und sind kulturell ganz nah an Europa dran – im Gegensatz zu dem gängigen Bild, das immer gezeigt wird. Diese Menschen leben ja nicht im Mittelalter. Sie möchten aus der Enge, weg von der Unterdrückung und Willkür, weg von Diktaturen. Ihr Wunsch ist es, so zu leben, wie wir Europäer es tun. Es geht ja nicht darum, unsere Lebensweisen zu verändern, wie Populisten und Rassisten immer wieder behaupten.

Wie gastfreundlich ist Europa gegenüber Geflüchteten heute?

Friese: Ich war in den 80ern und Ende der 90er auf Lampedusa, als die ersten Bootsflüchtlinge gekommen sind. Und da habe ich zum Konzept der Gastfreundschaft geforscht. Lampedusa lebte ganz lange hauptsächlich von der Fischerei. Und Fischer sind daran gewöhnt, dass man jedem hilft, der auf See in Not gerät. Wenn man ungefragt jeden aufnimmt, egal wo er herkommt oder wo er hinmöchte, dann ist das tatsächlich Gastfreundschaft.
 

Wir haben es mit dem „Paradox“ der Demokratie zu tun, die ja sowohl einschließt, nämlich die Angehörigen der Polis, zugleich aber auch ausschließt – nämlich diejenigen, die der Polis nicht angehören und die dann gerne zu Feinden gemacht werden.


Derzeit ist der politische Liberalismus, der allen Menschen die gleichen Werte und Rechte zuspricht, wieder auf dem Rückzug. Es geht einerseits um den Kampf um unser jüdisch-christliches Erbe, den Humanismus, die Aufklärung und die Menschenrechte. Das soll Europa ja ausmachen. Gleichzeitig haben wir es mit dem „Paradox“ der Demokratie zu tun, die ja sowohl einschließt, nämlich die Angehörigen der Polis, zugleich aber auch ausschließt – nämlich diejenigen, die der Polis nicht angehören und die dann gerne zu Feinden gemacht werden. In der heutigen Zeit geht es also vor allem um eine Frage, die wir beantworten müssen: Wie kann es in einem liberalen Europa möglich sein, manchen Menschen mehr und anderen weniger Würde und Rechte zuzugestehen. An diesem Grundwiderspruch sollten wir arbeiten. Und das besser früher als später. 

]]>
Die ÖAW
news-7623 Fri, 15 Jun 2018 17:53:44 +0200 Wahrscheinlichkeiten: Im Kleinen wie im Großen http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/wahrscheinlichkeiten-im-kleinen-wie-im-grossen/ Der Mathematiker und Fields-Medaillen-Gewinner Martin Hairer erklärte bei einer ÖAW-IST Austria Lecture in Wien, wie man selbst „sinnlosen“ Gleichungen einen Sinn gibt – und er zeigte, wie sich von kleinen Bewegungen auf das große Ganze schließen lässt. Wie wahrscheinlich ist es, dass eine Münze, wenn man sie in die Luft wirft, wieder fängt und auf den Handrücken legt, „Kopf“ anzeigt? Es ist wohl eine der einfachsten Wahrscheinlichkeitsrechnungen, mit der Mathematiker Martin Hairer vom Imperial College London sein Publikum im vollbesetzten Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) langsam an sein Forschungsfeld heranführte. Die Rede ist von den stochastischen partiellen Differentialgleichungen. Ein Gebiet, bei dem sich nicht nur Laien schwer tun, sondern das weltweit auch nur die wenigsten Mathematiker/innen verstehen.

Pollen und Aktienkurse

Während einfache Differentialgleichungen ein Medium beschreiben können, das von Raum und Zeit abhängt, wie etwa die genaue Position eines Planeten zu einer bestimmten Zeit im Sonnensystem, kommt bei stochastischen Gleichungen noch der Zufall hinzu, also die Stochastik. Als Beispiel nannte Hairer Pollen, die in einem Wassertropfen schweben. „Die Pollen wechseln ihre Position vollkommen willkürlich. Niemand kann sagen, wo genau sich eine Polle als nächstes befinden wird.“ Die Wahrscheinlichkeitstheorie gibt aber zumindest einen Hinweis darauf, wie sich die Teilchen bewegen, so Hairer. Diese Erkenntnis geht auf den Botaniker Robert Brown im Jahr 1827 zurück. Um die zufällige Pollenbewegung zu beschreiben, formulierte er die Gleichung der Brownschen Bewegung.

Wie sich zeigt, lässt sich diese aber nicht nur auf die Bewegung von Pollen anwenden, sondern gilt ebenso für die zufälligen Schwankungen von Aktien am Börsenmarkt. „Jeder Kauf oder Verkauf einer Aktie führt den Graphen zufällig ein unmerklich kleines Stück nach oben oder unten.“ Kaufen oder verkaufen aber tausende Menschen Aktien gleichzeitig, führt das zu deutlich merkbaren Marktschwankungen, so Hairer. Sichtbar wird diese Sammlung aus einzelnen Verkäufen und Käufen nicht zuletzt als beliebige Zick-Zack-Kurve auf den Bildschirmen. Das gilt im Übrigen auch für die Bewegung von Pollen. „Egal welche zufälligen Bewegungen man sich hier ansieht, es kommt immer ein solches Bild heraus.“

„Raue“ Mathematik

Im Falle der stochastischen partiellen Differentialgleichung verlässt man allerdings die Welt der klaren Linien und Kurven. Vielmehr wird die Sache mathematisch „rau“, wie es heißt. Ab diesem Zeitpunkt sind die Gleichungen unregelmäßig und eine Lösung ergibt keinen Sinn mehr.

Um es sich besser vorstellen zu können, warf Hairer, der 2014 für seine Arbeiten mit der begehrten Fields-Medaille ausgezeichnet wurde, ein Bild einer Gleichung an die Wand, das zeigte, wie sich verschiedenfarbige Kästchen, ähnlich wie bei einem stark verpixelten Bild, willkürlich und unaufhörlich aneinanderreihen. Selbst aus weiter Entfernung betrachtet ergeben die Kästchen kein klares Bild. Vielmehr sieht die visualisierte Gleichung aus wie Glut, in der hellorange und dunkle Punkte beliebig aufleuchten.

Um solche Gleichungen besser zu verstehen, sucht Hairer in seiner mathematischen Forschung nach Verbindungen zu jenen „einfachen“ Gleichungen, die als Ergebnis eine normalverteilte Kurve ergeben, wie im Falle der Gaußschen Glockenkurve. „Die Idee ist, man sucht sich ein Modell, das fast gleich ist und nimmt einen kleinen Parameter, der es einem erlaubt, das Modell zu optimieren.“

Im konkreten Fall beschreibt die Formel hinter dem „glühenden“ Bild, was passiert, wenn ein Magnet durch Erhitzen seine Magnetisierung verliert. Ab diesem kritischen Punkt beginnt das Magnetfeld zufällig zu schwanken und ändert ununterbrochen die Richtung. Hairer ist es gelungen, diese starken Schwankungen mathematisch mithilfe von stochastischen partiellen Differentialgleichungen zu beschreiben. „Wie sich herausstellt, ist dieser Übergang universell, also immer gleich.“

]]>
Die ÖAW
news-7609 Fri, 15 Jun 2018 10:44:52 +0200 EU-Kommissarin Mariya Gabriel an ÖAW und Uni Wien zu Gast http://www.oeaw.ac.at/veranstaltungen-kommunikation/presse/nachrichten/2018/eu-kommissarin-mariya-gabriel-an-oeaw-und-uni-wien-zu-gast/ Mariya Gabriel ist in der EU-Kommission zuständig für digitale Wirtschaft und Gesellschaft. Am 13. Juni war sie in Vorbereitung des österreichischen EU-Vorsitzes in Wien und besuchte auch Quantenphysiker/innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Wien.  

]]>
Die ÖAW
news-7581 Mon, 11 Jun 2018 11:48:16 +0200 Mikroorganismen: Helden der Immunabwehr http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/mikroorganismen-helden-der-immunabwehr/ Bakterien, Viren, Pilze – wir teilen unseren Körper mit Billionen kleinen, unförmigen Organismen. Die Vorstellung löst bei manchen Schaudern aus. Dabei sind sie lebenswichtig. Warum, erklärte die Immunologin Yasmine Belkaid bei einer Landsteiner Lecture an der ÖAW. „Ich kann Sie beruhigen, sie sind auch nach dem Duschen noch da“, sagte die Immunologin Yasmine Belkaid in ihrem Vortrag im vollbesetzten Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und verweist dabei auf jene zahlreichen Bakterien, Viren und Pilze, die auf unserer Haut leben. Genauer sitzen die Mikroben fest verankert in Haarfollikeln oder Schweiß- und Talgdrüsen – und das ist durchaus zu unserem Vorteil, erzählte die Direktorin des Microbiome Program am National Institute of Allergy and Infectious Diseases der National Institutes of Health in den USA. Denn die Mikroorganismen sind ein wichtiger Teil der Immunabwehr und das Immunsystem kommuniziert ständig mit den Bakterien, Viren und Pilzen, die auch die Schleimhäute in Mund, Nase, Rachen sowie unserem Darm bevölkern.

Mikrobiom bekämpft Eindringlinge

Aktuellen Forschungen zufolge erledigen die Mikroorganismen dabei einen Großteil der Arbeit sogar ohne das Immunsystem. „Dringen etwa Erreger wie schädliche Viren und Bakterien über den Darm, die Haut oder die Schleimhäute in den menschlichen Organismus ein, befinden sie sich dort in einem Wettkampf um Nahrung und Platz mit ihresgleichen. Dabei wird eine Vielzahl der schädlichen Mikroben durch unser Mikrobiom verdrängt, noch bevor das Immunsystem eingreifen muss.“

Zudem können bestimmte „gute“ Mikroben das Immunsystem auf etwaige Schädlinge aufmerksam machen, indem sie Immunzellen gezielt reizen und damit schulen, besser auf Infektionen zu reagieren. „Darüber hinaus haben wir gesehen, wie Bakterien der Gruppe Staphylococcus epidermidis im Falle einer Verletzung auf der Haut mit CD8-T-Immunzellen so kommunizieren, dass diese einen Ring am Rand der Wunde bilden und so helfen, den Schaden zu reparieren“, erklärte die amerikanische Immunologin mit algerischen Wurzeln. Dieses Beispiel zeigt auch, bestimmte Mikroben kommunizieren nur mit bestimmten Immunzellen.

Freundliches Bakterium

Wie diese Kommunikation funktionieren könnte, verdeutlicht ein anderes Experiment mit Corynebakterien. „Das ist ein sehr freundliches Bakterium, das alle Menschen auf der Haut haben.“ Im speziellen Fall nutzt das Bakterium ein einziges Molekül, um die Kommunikation mit einer bestimmten Gruppe von Abwehrzellen (Gamma-delta-T-Zellen) zu steuern, denen man die Fähigkeit zuschreibt, auf Gewebsverletzungen wie etwa durch Infektionen oder UV-Strahlen reagieren zu können. „Weiter gedacht heißt das, man könnte das Immunsystem über dieses eine Molekül gezielt steuern, was uns in der Therapie von manchen Krankheiten helfen kann.“

Die Versuche mit Corynebakterien brachten allerdings auch eine andere Seite der Nützlinge zutage. „Wie bei allen Alliierten, können auch aus guten Mikroben Feinde werden“, sagte Belkaid. „Konkret reicht sehr fetthaltige Ernährung, um die Corynebakterien zu Erregern zu machen.“ Das zeigte der Versuch an Mäusen. Auch Gene können einen solchen Prozess auslösen, so die Immunologin.   

Antibiotikatherapien verbessert

Wie man sich die Kommunikation zwischen Viren, Pilzen, Bakterien und Immunzellen zunutze machen kann, beschäftigt Forscher/innen derzeit weltweit. So hat ein Forschungsteam beispielsweise eine Therapie entwickelt, um negative Folgen von intensiven Antibiotikabehandlungen vorzubeugen. Denn durch Antibiotika werden auch nützliche Mikroben aus dem Darm entfernt, wodurch sich die schädlichen Mikroorganismen ausbreiten und die Darmumgebung dominieren können.  

Die Methode ist einfach: Man entnimmt dem Patienten vor der Therapie Teile seines Mikrobioms aus dem Darm und setzt sie danach wieder ein, schilderte Belkaid. „Dieses erfolgreiche Beispiel zeigt, dass es grundsätzlich möglich ist, Patienten zu behandeln, indem man die Zusammensetzung des Mikrobioms ändert. Diese Erkenntnis hat die Behandlung mancher Infektionskrankheiten wirklich revolutioniert.“

Forschung steckt noch in den Kinderschuhen

Auch im Zusammenhang mit Immuntherapie wird zunehmend erforscht, welches Mikrobiom man nutzen könnte, um die Krebstherapie erfolgreicher zu machen. Wie Versuche an Mäusen zeigen, könnte die Qualität des Mikrobioms im Darm eine Schlüsselrolle dabei spielen. „Das ermöglicht es nun Ärztinnen und Ärzten, diese Komponente miteinzubeziehen, um besser zu verstehen, warum manche Patienten auf die Therapie ansprechen und manche nicht.“

Bei all der Euphorie, weist die Immunologin aber auch darauf hin, dass sich die Forschung rund um das Mikrobiom noch in den Kinderschuhen befindet. „Es gibt Billionen von Mikroorganismen und sie alle sind sehr komplex. Von vielen Mechanismen, Zusammenhängen und Hintergründen haben wir schlichtweg noch keine Ahnung.“

]]>
Die ÖAW
news-7489 Mon, 28 May 2018 10:15:57 +0200 MIT DIAMANTEN KREBS ERKENNEN http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/mit-diamanten-krebs-erkennen/ Die moderne Quantenphysik verspricht in den kommenden Jahren eine Revolution zahlreicher medizinischer Technologien. Der Quantenphysiker Jörg Wrachtrup von der Universität Stuttgart, erklärte bei einer Schrödinger Lecture der ÖAW, wie er Quantensensoren aus Diamanten zur Krankheitsdiagnose entwickelt. Aller Anfang ist schwer. Das macht etwa das Beispiel der Installation des ersten transatlantischen Kupferkabels zwischen Großbritannien und den USA im Jahre 1870 deutlich. Vier Versuche waren nötig, die drei Schiffe kosteten, bis die Verbindung zwischen alter und neuer Welt zustande kam.

Der Quantenphysiker Jörg Wrachtrup verwies am Beginn seiner Schrödinger Lecture am 2. Mai 2018 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) auf die Geschichte der interkontinentalen „Verkabelung“ im Buch „Rausch“ von US-Autor John Griesemer, denn: „Immer, wenn ich Hiobsbotschaften aus dem Labor höre, erinnere ich mich an dieses Buch und denke mir, wenn es das Ziel wert ist, muss ich durchhalten! Denn das Ziel ist meist die Mühe wert“.

Und das ist es sicherlich: Wrachtrup und sein Team an der Universität Stuttgart stellen sehr empfindliche Quantensensoren aus Diamanten her und machen sich dafür die optische Transparenz und außergewöhnliche Härte dieser begehrten Steine zunutze. Die Wissenschaftler/innen wollen diese Sensoren in verschiedenen Quantentechnologien, unter anderem in der medizinischen Diagnostik, wie etwa der Kernspintomographie oder der Magnetenzephalographie, anwenden. „Durch Quantensensoren glauben wir diese Technologien radikal verändern zu können und dramatisch zu vereinfachen“, so Wrachtrup.

Ein Scanner für Biomoleküle

Die Kernspintomographie nutzt eine spezielle Eigenschaft der Atome – ihren Spin. Einfach ausgedrückt kann man sich einen Spin als die Rotation von Atomkernen und Elektronen um ihre eigene Achse vorstellen, die die Teilchen zu winzigen, rotierenden Stabmagneten macht. Jedes Teilchen oszilliert somit mit einer bestimmten Frequenz, die gemessen werden kann.
Die neuartigen Sensoren aus Diamant haben ein Stickstoffatom in das Kohlenstoffgitter eingebaut. Der Stickstoff nimmt den Platz eines Kohlenstoffatoms ein. In der Nachbarschaft bildet sich dann eine Leerstelle, ein Defekt, der ein Elektron bindet. Sein Spin macht dieses Elektron zu einer Art winzigem Stabmagneten. Die Orientierung des Stabmagneten hängt dabei von den magnetischen Einflüssen aus seiner unmittelbaren Umgebung ab und so entsteht ein Sensor.

Entscheidend ist, dass die neuartigen Detektoren eine Auflösung im Nanometerbereich erreichen und so empfindlich sind, dass sie einzelne Moleküle exakt messen und Strukturen von Biomolekülen Stück für Stück entschlüsseln können. Die Detektoren messen nämlich nicht nur den Kernspin von Wasserstoffatomen, wie das bei den gängigen Geräten üblich ist, sondern können das auch bei anderen Atomen. "Wir haben den ersten Quantensensor entwickelt, der die Frequenzen verschiedener Atome mit ausreichender Genauigkeit detektieren und so ein Molekül fast in seine einzelnen Atome zerlegen kann", sagte Jörg Wrachtrup an der ÖAW. Dies kann dabei helfen, Krankheitsursachen zu finden und neue Therapien zu entwickeln.

Frühstadium von Erkrankungen erkennen

Jörg Wrachtrup sieht für seine hochauflösenden Quantensensoren gleich mehrere zukünftige Anwendungsfelder. Einerseits in der Biophysik zur Sichtbarmachung von Zellen ohne Färbemittel oder in der medizinischen Diagnostik, etwa um die Krebstherapie zu optimieren. "Es ist denkbar, dass in Zukunft einzelne Proteine ​​nachgewiesen werden können, die sich im Frühstadium einer Erkrankung deutlich verändert haben und bisher übersehen wurden", meint Wachtrup.

Bei der Kernspintomographie können die Diamanten als empfindliche Sensoren eingesetzt werden und dadurch die Geräte weniger aufwendig, kostengünstiger und sogar tragbar machen. Es muss kein Magnetfeld mehr aufgebaut werden und die Patienten müssen sich nicht mehr in die enge Röhre eines MRT-Geräts, das unangenehm laute Klopfgeräusche erzeugt, legen. Darüber hinaus soll es möglich sein, bisher nicht messbare physikalische Parameter in lebendigen Zellen nachzuweisen, wie etwa Temperatur, den pH-Wert und die Verformung von Zellen – dies ist besonders wichtig für die Erkennung von Krebs.

]]>
Die ÖAW
news-7477 Fri, 25 May 2018 10:32:39 +0200 Bloggen von Ausgrabungen und den Weiten des Alls http://www.oeaw.ac.at/veranstaltungen-kommunikation/multimedia/galerien-und-videos/bloggen-von-ausgrabungen-und-den-weiten-des-alls/ Forscher/innen der ÖAW bloggen auf derstandard.at. Sie geben in mittlerweile vier Blogs Einblicke in ihre Arbeit zum kulturellen Erbe der Vergangenheit, zu den gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart und den Innovationen von morgen.  

]]>
Die ÖAW
news-7471 Fri, 25 May 2018 09:10:44 +0200 Begeisterungsfähigkeit und Neugier http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/begeisterungsfaehigkeit-und-neugier/ Das ist, was Forschung vorantreibt - Bei ihrer Feierlichen Sitzung ging es in der Akademie um den Kern der Wissenschaft, die Meilensteine des vergangenen Jahres und um die Geschichte der Menschheit. Warum sind Sie alle hier?“ Diese Frage stellte Anton Zeilinger, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), ins Zentrum der Feierlichen Sitzung 2018 im bis auf den letzten Platz besetzten Festsaal im Hauptgebäude der ÖAW in der Wiener Innenstadt. Die Feierliche Sitzung, die heuer am 18. Mai stattfand, ist traditionell der Höhepunkt im Akademiejahr. Und allein das wäre schon Grund genug für die Anwesenden, so zahlreich zu erscheinen. Doch es ging an diesem Abend um mehr. Es ging um eine Gemeinsamkeit, die alle Festgäste eint – und die den Wissenschaften ihre Innovationskraft und Weltoffenheit verleiht.

„Wir alle haben eine außergewöhnliche Begeisterungsfähigkeit und Neugier“, beantwortete Zeilinger seine eingangs gestellte Frage – und zwar nicht in seinen eigenen Worten sondern mit diesem und einem weiteren Zitat bekannter Wissenschaftler/innen: „Was uns motiviert, uns zu neuen Ufern vorzuwagen, ist auch die Zuversicht, dass Menschen, denen wir nie persönlich begegnen werden, irgendwann in Zukunft von unseren heutigen Fragestellungen, Überlegungen und Experimenten profitieren werden.“ Mit Blick auf die ÖAW zeigte Zeilinger sich überzeugt: „Ich meine, dass dies auch eine Motivation unserer Akademie im vergangen Jahr war.“

Wir alle haben eine außergewöhnliche Begeisterungsfähigkeit und Neugier.

Und ja, der Rückblick zeigt deutlich: Neues zu erkennen und neue Wege zu beschreiten, ist der Akademie auch im Jahr 2017 gelungen. Ein Beispiel dafür aus der Forschung ist das weltweit erste interkontinentale Quanten-Videotelefonat zwischen Wien und Peking. Aber auch in anderen Bereichen wie der verstärkten Förderung der Digital Humanities oder in der nationalen und europäischen Politik- und Gesellschaftsberatung konnte die ÖAW Akzente setzen. Mit der Ausschreibung einer Preisfrage zur gesellschaftlichen Relevanz von Forschung wurde zudem zum Jahreswechsel eine alte Akademietradition neu interpretiert und belebt, wie Zeilinger betonte.

Leistungsstarker Forschungsträger

Diese Aktivitäten und Initiativen der Akademie beurteilte in seinen Grußworten auch Wissenschaftsminister Heinz Faßmann, der als wirkliches Mitglied der ÖAW seit Langem verbunden ist, als äußerst positiv. Er blicke gerne und nicht ohne „eine gewisse Sentimentalität“ auf seine Zeit an der ÖAW zurück. Zugleich betonte er, dass sich Österreichs größte Einrichtung für außeruniversitäre Grundlagenforschung seit seinen Anfängen als wissenschaftlicher Mitarbeiter stark modernisiert hat: „Die Akademie ist heute nicht mehr mit jener vergleichbar, die ich als junger Wissenschaftler erlebte“, sagte Faßmann. „Die Akademie ist heute ein leistungsstarker Forschungsträger und wird hervorragend geführt.“  

Die Akademie ist heute ein leistungsstarker Forschungsträger.

Dem konnte Bundespräsident Alexander Van der Bellen, der zugleich Schirmherr der Akademie ist, nur zustimmen. Auch er kam auf Meilensteine des vergangenen Jahres zu sprechen, und hob dabei insbesondere den Beginn der Sanierungsarbeiten am zukünftigen „Campus Akademie“ rund um das Hauptgebäude der ÖAW hervor: „Unterschätzen Sie nicht, welche Bedeutung das hat“, sagte das Staatsoberhaupt. „Nicht nur für die Akademie, sondern auch städtebaulich und soziologisch ist der Campus für ganz Wien von großer Wichtigkeit: Wissenschaft wird nicht irgendwo am Stadtrand betrieben, sondern hier im Zentrum.“

Vom Zentrum Wiens ist es nicht weit zum Reich der Mitte – und zwar buchstäblich: Van der Bellen erinnerte ebenfalls an das Videotelefonat vom Herbst 2017, bei dem dank Quantenverschlüsselung ÖAW-Präsident Anton Zeilinger in Wien und sein Amtskollege Chunli Bai von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking abhörsicher miteinander sprechen konnten. Erfolgreiche wissenschaftliche Kooperationen wie diese seien wichtige Türöffner, so der Bundespräsident. Als Beispiel dafür berichtete Van der Bellen vom freundschaftlichen und großzügigen Empfang der österreichischen Delegation beim Staatsbesuch in China vor wenigen Wochen. „Wir wurden für ein vergleichsweise kleines Land sehr ernst genommen. Und das ist unter anderem auch auf die Österreichische Akademie der Wissenschaften zurückzuführen.“

Wissenschaft wird nicht irgendwo am Stadtrand betrieben, sondern hier im Zentrum.

Doch noch einmal zurück zur Frage: Warum sind Sie alle hier? Ein Grund dafür mag auch in den hochkarätigen Festredner/innen liegen, die alljährlich die Feierliche Sitzung mit einem wissenschaftlichen Vortrag bereichern. Diesmal war es der schwedische Biologe Svante Pääbo, der als Vordenker der Paläogenetik Einblicke in seine Forschungen gab. Ihm war es nicht nur – und zwar bereits als Doktorand in den 1980er Jahren – gelungen, erstmals die DNA einer Mumie zu klonen. Er gehörte auch zu den Entdecker/innen einer neben dem Homo Sapiens und den Neandertalern dritten Gattung der Population Homo: den Denisova-Menschen.

Bei seinem Vortrag entführte der Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig die Festgäste in die Evolutionsgeschichte der Menschheit. Er erzählte, wie sein Team durch die Sequenzierung des Neandertaler-Genoms nachweisen konnte, dass das Genom der Neandertaler stärker mit dem Genom von Europäern und Asiaten übereinstimmt als mit dem Genom von Afrikanern. Kurz: Ein wenig vom Neandertaler steckt in vielen von uns.

Auch Pääbo fragte die Festgäste nach dem „Warum“. Er wollte wissen: „Warum interessieren wir uns so brennend für den Neandertaler?“ Seine Antwort: Da der Neandertaler der nächste Verwandte zum heute lebenden Menschen ist, stellt ein genetischer Vergleich nicht nur eine wertvolle Informationsquelle dar, um herauszufinden, welche genetischen Veränderungen in der Evolutionsgeschichte zum modernen Menschen geführt haben. Der Vergleich zeigt auch, welche Gene vom Neandertaler noch heute Teil von uns sind und mitverantwortlich für bestimmte Umweltanpassungen aber auch Erkrankungen, wie Diabetes.

Nächste Generation

Für die vielleicht ergreifendste Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ rief Anton Zeilinger einen anderen, nicht weniger außergewöhnlichen Abend im Festsaal der ÖAW in Erinnerung: Im März 2018 wurde hier der Film „Exile and Excellence. The Class of ‘38“ erstmals öffentlich gezeigt. Darin erzählen herausragende Wissenschaftler/innen, wie Eric Kandel, Martin Karplus, Ruth Klüger oder Walter Kohn nicht nur von ihrer Verfolgung in Österreich zur Zeit des Nationalsozialismus, sondern auch davon, wie ihre Lebenswege nach der Flucht in der Wissenschaft weiter verliefen.

Was uns motiviert, uns zu neuen Ufern vorzuwagen, ist auch die Zuversicht, dass Menschen irgendwann in Zukunft von unseren heutigen Fragestellungen, Überlegungen und Experimenten profitieren werden.

Der Film macht somit nicht nur die Schicksale dieser verfolgten Menschen sichtbar, sondern auch ihre nie nachlassende Begeisterung für die Wissenschaft – die nicht zuletzt zum Ausdruck kommt in den Zitaten, die Zeilinger an den Anfang seiner Rede gestellt hatte. Sie stammen aus Interviews mit den Wissenschaftler/innen, die für „Exile and Excellence“ geführt wurden.

Die Begeisterungsfähigkeit, Neugier und Offenheit dieser Menschen, die die Welt der Wissenschaft nachhaltig geprägt haben, gelte es an die nächste Generation weiterzugeben, so der ÖAW-Präsident. Er dankte in diesem Sinne allen im Festsaal versammelten Gästen dafür, die Akademie – heute und in Zukunft – bei dieser wichtigen Aufgabe zu unterstützen.

]]>
Die ÖAW
news-7458 Tue, 22 May 2018 17:41:21 +0200 Neue Ideen sind stets willkommen http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/neue-ideen-sind-stets-willkommen/ Mit der Übergabe ihrer Dekrete wurden 29 neu gewählte Mitglieder feierlich in die ÖAW aufgenommen. Führende Wissenschaftler/innen aus sieben Ländern und mit unterschiedlichen Forschungsgebieten, wie Medizintechnik, Völkerrecht, Quantenphysik, Technikfolgen-Abschätzung, Human-Robot Interaction, Biomathematik oder Zeitgeschichte, wurden am 18. Mai 2018 feierlich als neue Mitglieder in die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) aufgenommen.

International und vielfältig

„Unser oberstes Kriterium bei der Auswahl war die wissenschaftlichen Exzellenz“, sagte ÖAW-Vizepräsident Michael Alram in seiner Begrüßungsrede vor den neuen Mitgliedern. „Ein Kriterium, das Sie alle nachweislich in hohem Maße erfüllen.“ 

Auch die hohe Internationalität und Fächervielfalt wurde von Alram betont, der sich überzeugt zeigte, dass dadurch der Disziplinen übergreifende Dialog und der Austausch über die Grenzen von Ländern hinweg weiter befördert werden. „Ihre Ideen, Ihre Initiativen werden uns stets willkommen sein“, ermutigte Alram die „Neuen“ aktiv an der Gestaltung der Akademie mitzuwirken und sie durch innovative Ideen zu bereichern.

Einmal im Jahr nimmt die ÖAW neue Mitglieder in ihren Reihen auf. Maßgeblich für die Wahl sind die erbrachte wissenschaftliche Leistung und das wissenschaftliche Ansehen der Wissenschaftler/innen. Auch die Ausgewogenheit der Fachrichtungen und die Steigerung des Frauenanteils werden berücksichtigt. Bei der diesjährigen Wahlsitzung am 20. April 2018 wurden 16 herausragende Forscherinnen und 13 exzellente Forscher in die Akademie aufgenommen. Zahlreiche von ihnen waren auch bei der feierlichen Verleihung der Aufnahmedekrete zugegen.

Wissenschaftliche Ideenschmiede

Die Mitglieder der ÖAW verstehen sich als interdisziplinäre Gemeinschaft im Dienst von Wissenschaft und Gesellschaft. Aufgrund ihrer multidisziplinären, überinstitutionellen und internationalen Zusammensetzung haben die Mitglieder der ÖAW einen breiten Überblick über die nationalen und internationalen Entwicklungen an Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Ihre Expertise macht sie zugleich zu einer wissenschaftlichen Ideenschmiede. Damit tragen sie entscheidend zur Erfüllung der gesetzlichen Aufgabe der ÖAW bei, „die Wissenschaft in jeder Hinsicht zu fördern“.

]]>
Die ÖAW
news-4317 Fri, 18 May 2018 15:00:00 +0200 Vom kulturellen Erbe bis in den fernen Weltraum https://www.oeaw.ac.at/fileadmin/NEWS/2018/PDF/o__aw_jahresbericht_17_web.pdf Der neue ÖAW-Jahresbericht präsentiert die wichtigsten Ereignisse des Akademiejahres 2017 Die ÖAW news-7348 Wed, 09 May 2018 09:36:45 +0200 Am Limit der Zeit http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/am-limit-der-zeit/ In Wien konnten 2001 erstmals Attosekunden-Lichtblitze erzeugt werden. Das war die kürzeste je gemessene Zeitspanne. Ferenc Krausz, dem dieser Durchbruch gelungen ist, erklärte bei einer Schrödinger Lecture an der ÖAW, wie die neue Technologie eines Tages für die Medizin eingesetzt werden könnte. Ein Gebiet der Quantenoptik befasst sich damit, ultrakurze Laserpulse zu messen und zu erzeugen. Und somit ultraschnelle Bewegungen von Elektronen beobachten zu können. Je kürzer ein Lichtstrahl, umso genauere Einblicke erhält man in Vorgänge im atomaren Bereich. Dem Wittgenstein-Preisträger Ferencz Kraucz gelang es 2001 mit seiner Forschungsgruppe an der TU Wien erstmals einen Lichtpuls von weniger als einer Femtosekunde Dauer zu erzeugen. Dieser Durchbruch markierte den Beginn der sogenannten Attosekundenphysik. Seine neuesten Forschungsergebnisse und mögliche Anwendungsmöglichkeiten für die Medizin präsentierte der heutige Direktor am Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching kürzlich bei einer Schrödinger Lecture an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Imaginäre Raumstation im All

Um die Leistungsfähigkeit seiner Instrumente zu veranschaulichen, katapultierte Krausz zunächst die Zuhörer auf eine imaginäre Raumstation ins All. „Wir versuchen uns nun vorzustellen, dass wir auf dieser Weltraumstation ein Teleskop haben, mit dem wir zunächst die italienische Halbinsel beobachten können. Mit zunehmender Vergrößerung können wir immer feinere Strukturen erkennen und sehen etwa San Marco, wo wir versuchen einen Regentropfen zu vergrößern. Dafür würde man das größte Teleskop der Welt benötigen – dieses ist beinah so groß wie eine ägyptische Pyramide und wird gerade in Chile gebaut. Mit diesem könnte man Regentropfen aus 1000 km Entfernung sichtbar machen“, erklärte Krausz dem Publikum.

Wie ist es nun bei uns auf der Erde auf atomarer Ebene möglich, die kleinsten Details mit vergleichbarer Präzision sichtbar zu machen? Dafür ist eine „Dehnung der Zeit“ nötig. Mit einer Zeitvergrößerung von 103 können wir etwa die Flügelbewegung von Fliegen beobachten, mit 1011 ist es möglich in die atomare Welt vorzustoßen und die Rotation von Elektronen sichtbar zu machen. Bei 1015 können Elektronen verlangsamt und mit unseren Augen verfolgt werden.

0,000000000000000001 Sekunden

Zur Erinnerung: Elektronen sind negativ geladene Teilchen und werden von der positiven Ladung des Kerns angezogen. Die Aufgabe von Elektronen ist es, Atome zu binden, um die Bausteine der Materie und Lebewesen zu bilden. Vorhersagen lässt sich nur die Wahrscheinlichkeit der Lage der Elektronen, die durch eine Wolke repräsentiert wird. Die Bewegung der Elektronen manifestiert sich in der Verformung der Wolke und wird durch die Schrödingergleichung beschrieben, welche die Zeitentwicklung eines quantenmechanischen Zustands darstellt. Doch die Gleichung ist nur für wenige Systeme anwendbar.

Krausz ist deswegen überzeugt: „Wir müssen vereinfachte Modelle aus dieser Gleichung entwickeln. Wie ist es möglich die Lage von Elektronen zu erfassen?“ Seine Lösung: „Um schnelle Bewegungen sichtbar zu machen, müssen diese in Momentbildern festgehalten und aus diesen die Bewegung in Zeitlupe wiedergegeben werden.“

Anders als bei der Zeitdehnung geht es nun also um eine massive „Verkürzung der Zeit“. Die Verschlusszeit einer Kamera muss so kurz sein, dass sich das Objekt während des Abblitzens kaum bewegt. Um solche Attosekunden-Bewegungen sichtbar zu machen, sind Attosekunden-Blitze notwendig – und diese zur erzeugen, ist Krausz und seinem Team gelungen. Unglaublich schnell vergehende 10-18 Sekunden dauern diese.

Anwendung in der Medizin

Geht es nach Krausz, sollen solche Lichtblitze zukünftig auch in der Krebsbehandlung eingesetzt werden. Wie das funktionieren könnte, erklärte er an der ÖAW: „Eine Blutprobe kann mit einer ultrakurzen, infraroten Laserwelle, bestrahlt werden, was die Moleküle in Schwingung bringt und sie dann kohärente Strahlung aussenden lässt. Bei 1000-facher Vergrößerung wird dies sichtbar. Dieses Signal liefert wiederum Informationen über die Schwingungen der Moleküle, die sehr spezifisch sind und so können kleinste Veränderungen in der Probe erkannt werden.“

Für die Behandlung von Krebs würde dies einen bedeutenden Vorteil bringen. Denn so könnten tägliche Bluttests durchgeführt und die Reaktion der Tumore auf die Therapie bestimmt werden. Dadurch könnte man die Behandlung an das aktuelle Krankheitsstadium anpassen – ein entscheidender Schritt in Richtung personalisierter Krebstherapie.

]]>
Die ÖAW
news-7339 Mon, 07 May 2018 13:55:16 +0200 Direkte Demokratie: Das Volk muss entscheiden http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/direkte-demokratie-das-volk-muss-entscheiden/ Der Ruf nach mehr direkter Demokratie wird immer lauter. In Zeiten des Rechtspopulismus ist sie aber nicht unumstritten. Mit welchen Gefahren ist direkte Demokratie heute verbunden? Welche Chancen bietet sie andererseits? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion an der ÖAW, bei der das Thema direkte Demokratie aus Sicht der Wissenschaft beleuchtet wurde. Sollen Bürgerinnen und Bürger direkt über Gesetze entscheiden dürfen? Sollen sie also aus eigener Initiative Gesetzesvorlagen im Parlament einbringen oder direkt über Gesetze abstimmen können? Geht es nach einer Expertenrunde, die das Thema „Direkte Demokratie“ aus schweizerischer und österreichischer Sicht bei einer Podiumsdiskussion am 19. März 2018 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) diskutierte, spricht durchaus einiges für die Ausweitung direktdemokratischer Rechte. Doch wie so oft, steckt auch hier der Teufel im Detail, wie bei dem Gespräch von Staatsrechtlern und Politikwissenschaftlern deutlich wurde.

Wenn die Mehrheit über die Minderheit bestimmt

Da ist zunächst die Problematik von Mehrheitsentscheidungen über Minderheiten: Wie lässt sich etwa verhindern, dass Minderheiten vom Stimmvolk in ihren Rechten eingeschränkt werden? Geht es nach dem Staats- und Verwaltungsrechtler Franz Merli von der Universität Wien braucht es daher einen Sicherheitsmechanismus, oder wie er sagte, einen „Puffer“ zwischen der Entscheidung des Volkes und der Umsetzung: „Es kann nicht sein, dass ein Gesetz sofort in Kraft tritt.“ Nach einer Gesetzesinitiative und der Entscheidung des Volkes müsse zunächst der Verfassungsgerichtshof tätig werden und das Gesetz auf seine Verfassungsmäßigkeit hin überprüfen. Gerade im Falle von Minderheitenrechten sei dies aber „nicht ausreichend“, wie Merli anmerkte. Er schlug daher ein Abstimmungsverbot für bestimmte Themen vor.

Sein Kollege Ewald Wiederin von der Universität Wien sah eine solche Maßnahme nicht als notwendig an, da dieses Themenverbot bereits durch die garantierten Grundrechte indirekt besteht. Doch er ist sich mit Franz Merli einig, dass eine Kontrolle – etwa durch die Gerichte oder eine parlamentarische Körperschaft – notwendig sei. Davon riet der Schweizer Politikwissenschaftler Adrian Vatter von der Universität Bern allerdings dringend ab: „Wenn sie einen ganzen Abstimmungsprozess durchgeführt haben, die Menschen informiert sind und an die Urne gehen, könnte es frustrierend sein, wenn der Entscheid dann einfach aufgehoben wird. Es könnte dann zu Konflikten zwischen den Menschen, die sich als Souverän verstehen, und den Verfassungsrichtern kommen.“

Wichtiges Instrument Referendum

Mehr Einigkeit unter den Podiumsgästen gab es bei der Frage, ob einem direktdemokratischen Volksentscheid eine umfangreiche Diskussion darüber vorangehen muss. Zoltán Pállinger von der Andrássy Universität Budapest wies darauf hin, dass eine solche Diskussion ermögliche, „dass Konflikte zwischen den Eliten und dem Volk vorab ausgehandelt werden“. Der Politikwissenschaftler zeigte sich auch überzeugt, dass bereits das bloße Wissen um eine mögliche Abstimmung die Art und Weise verändere, wie Gesetze gemacht werden.

Hier spielt vor allem das Instrument des Referendums eine große Rolle, bei dem die Bevölkerung gegen einen Gesetzesentwurf des Parlaments stimmen kann. „Gut funktionierende direkte Demokratie erzwingt nicht viele Vetoabstimmungen, sondern löst einen Lernprozess bei Eliten aus.“  Das zeige auch die Erfahrung aus der Schweiz. Geht es nach dem Schweizer Verfassungsjuristen Andreas Auer von den Universitäten Zürich und Genf, ist das Referendum aus diesem Grund das wichtigste Element in einer direkten Demokratie, das mehr Beachtung finden sollte. Mit Blick auf die Schweiz bekräftigte er: „Das hat die politischen Verhältnisse stärker beeinflusst, als die Volksinitiative.“

Information, Propaganda und Geld

Für Diskussionsstoff sorgte auch die Frage, ob die Bevölkerung in der Lage sei, über komplizierte Fragen abzustimmen. Diesem Zweifel hielt Adrian Vatter Zahlen aus Schweizer Studien entgegen, wonach drei Viertel des Stimmvolkes gut Bescheid wissen und die eigene Entscheidung durchaus argumentieren können. Auch Bedenken hinsichtlich der Käuflichkeit von Stimmen versuchte der Wissenschaftler zu differenzieren. „Propagandaeffekte sind dann sichtbar, wenn das Thema abstrakt, wenig vertraut und nicht stark umstritten ist. Insgesamt kommt die Forschung aber zu dem Schluss, dass Geld bei Volksabstimmungen eine relativ geringe Rolle spielt. Wenn es knapp ausgeht, kann es allerdings den Unterschied ausmachen.“

Geld sehr hingegen sehr wohl eine Rolle, sei, so Vatter, wenn die Hürden für eine Volksinitiative zu hoch sind, sodass auch kleinere Bürgerzusammenschlüssen Schwierigkeiten bekommen, Volksinitiativen durchzuführen und Themen weiter zur Abstimmung zu bringen. „Ist die Hürde zu hoch, sind es nur noch finanzkräftige Organisationen, die die Möglichkeit haben, diese Unterschriften in kurzer Zeit zusammenzubringen und dann auch die Abstimmungskämpfe zu finanzieren.“

Das Volk muss über direkte Demokratie entscheiden

Die Hürden des Schweizer Modells mit 100.000 Unterschriften sind für Wiederin allerdings zu niedrig. „Man sollte die Hürde aber auch nicht wie im Regierungsprogramm vorgesehen bei 900.000 ansetzen. Dann wird direkte Demokratie nie Teil der Alltagskultur. Es muss etwas dazwischen sein.“

Letztlich müsse aber auch darüber das Volk entscheiden, erklärte ÖAW-Mitglied Wiederin. So hielt der Verfassungsjurist fest, dass direkte Demokratie nichts ist, was das Parlament verordnen könnte. „Gesetzgebung am Parlament vorbei ist als Gesamtänderung der Bundesverfassung zwingend einer Volksabstimmung zu unterziehen, sodass wir uns dann als Stimmvolk einfach entscheiden werden müssen.“

]]>
Die ÖAW