Österreichische Akademie der Wissenschaften http://www.oeaw.ac.at de-at Österreichische Akademie der Wissenschaften Fri, 19 Oct 2018 03:00:10 +0100 Fri, 19 Oct 2018 03:00:10 +0100 Typo3 news-8963 Fri, 12 Oct 2018 12:33:12 +0200 „Wir müssen uns selbst befreien“ http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/wir-muessen-uns-selbst-befreien/ Wenn diskriminierte Gruppen um Selbstbestimmung kämpfen, dann geht es um Emanzipation, sagt die Berliner Philosophin Rahel Jaeggi. Sie hält die diesjährige Leibniz Lecture an der ÖAW und erklärt, warum der Begriff in der Gegenwart eine Renaissance verdient hat. „Die Idee einer emanzipativen Transformation von Verhältnissen droht heute, inmitten von Krisen und Regressionstendenzen, unterzugehen“, warnt Rahel Jaeggi. Eine Zeitdiagnose, die nicht unbedingt optimistisch stimmt, geht es doch bei Emanzipation um das Erlangen der Eigenständigkeit diskriminierter Individuen oder Gruppen. Was heute eine Selbstverständlichkeit sein sollte – sich von unterdrückenden Verhältnissen emanzipieren zu können –, ist es nicht.

Wie also kann Emanzipation in der gegenwärtigen Welt dennoch gelingen? Kann man anderen zur Emanzipation verhelfen? Und: Wie kann man der Kritik am Begriff der Emanzipation begegnen? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Leibniz Lecture an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), die von Rahel Jaeggi gehalten wird.

Frau Jaeggi, den Begriff “Emanzipation” kennt man vor allem aus der Frauenbewegung. Für Sie reicht er aber dahinter zurück?

Rahel Jaeggi: Ja, historisch gesehen kennt man ihn vor allem aus der jüdischen Emanzipation im Zeitalter der Aufklärung, der bürgerlichen Emanzipation. Und natürlich: Emanzipation als Akt der Freilassung der Sklaven und Unfreien. Genereller ausgedrückt: Immer da, wo diskriminierte Gruppen ihre Eigenständigkeit erlangen und für individuelle wie kollektive Selbstbestimmung kämpfen, geht es um Emanzipation. Der Begriff hat aber in seiner Geschichte einige Änderungen und eine beträchtliche Ausweitung erfahren: Der Prozess der Emanzipation ist von einem, der asymmetrisch gewährt wird, zu einem geworden, den die Betreffenden selbst erstreiten. Heute verstehen wir unter Emanzipation nicht mehr einen einmaligen rechtlichen Akt, sondern einen langwierigen sozialen Prozess.

Kürzlich haben Sie in Berlin eine Konferenz zum Thema „Emanzipation“ organisiert. Inwiefern ist dieser Begriff geeignet, um über die aktuellen politischen Verhältnisse zu sprechen?

Jaeggi: Emanzipation ist heute ein untertheoretisierter Begriff. Das war der Ausgangspunkt unserer Tagung. Die Idee einer emanzipativen Transformation von Verhältnissen droht heute, inmitten von Krisen und Regressionstendenzen, unterzugehen. In diesem Sinne sollte Emanzipation heute nicht bloße Reaktion sein, sondern wieder an eine politische Situation anknüpfen, in der die sogenannte soziale Frage von den anderen Fragen nicht getrennt war – es also um eine Transformation von Lebensformen im Ganzen ging.
 

Emanzipation sollte wieder an eine politische Situation anknüpfen, in der die sogenannte soziale Frage von den anderen Fragen nicht getrennt war – es also um eine Transformation von Lebensformen im Ganzen ging.


Ihre Mutter, Eva Jaeggi, ist Psychoanalytikerin, Ihr Vater, Urs Jaeggi, Autor und Soziologe. Beide waren in der 68er Bewegung aktiv. Wann hörten Sie eigentlich als Kind oder junges Mädchen das erste Mal von Emanzipation?

Jaeggi: Vermutlich im Grips-Theater, einem linken Berliner Kindertheater.

War „Emanzipation“ bei Ihnen zuhause auch ein Schlagwort?

Jaeggi: Nein. Aber dass sich im Begriff der Emanzipation der Geist von '68 spiegelt, und zwar genau dort, wo man heute wieder ansetzen müsste, das haben wir auch bei der Konferenz betont.

Wie hat sich der Begriff seit damals verändert?

Jaeggi: Er hatte sich damals oder bis damals verändert. Wie vorher angedeutet, hat er sich immer stärker ausgedehnt und im Zuge der '68er die Bedeutung einer Transformation aller Lebensverhältnisse angenommen. Seit damals ist er dann Schritt für Schritt auch theoretisch unter Beschuss geraten, zum Beispiel wenn man im Geiste Foucaults kritisiert, die Emanzipationsidee suggeriere, dass da irgendwo unter den Verdeckungen durch Herrschaftsverhältnisse ein unbeschadetes Potenzial läge, das nur auf irgendeine Weise befreit und losgelassen werden müsse. Auf solche Kritiken muss eine zeitgenössische Rekonstruktion des Emanzipationsbegriffs reagieren – kann sie aber auch, wie ich behaupte.

Wenn in populären Diskursen über Emanzipation gesprochen wird, geht es oft um „die anderen“. Um „Kopftuchfrauen“ oder „Billiglohnarbeiter“, denen man helfen müsse, sich zu emanzipieren. Aber geht das überhaupt, anderen zur Emanzipation zu verhelfen?

Jaeggi: Nein, das ist paternalistisch. Und widerspricht dem Gehalt des Begriffs. Emanzipieren können einen nicht die anderen, das kann man nur selbst. Wir müssen uns selbst befreien: Das ist eine der wesentlichen Transformationen, die der Begriff durchgemacht hat. Hinter der paternalistischen Idee der Emanzipation der anderen stehen oft verdeckte Herrschaftsinteressen, etwa wenn weiße Männer nicht-weiße Frauen emanzipieren.
 

Emanzipieren können einen nicht die anderen, das kann man nur selbst.


Gibt es den vollkommen emanzipierten Menschen?

Jaeggi: Den gibt es nicht. Emanzipation ist eine Frage von Graden und ein fortlaufender Prozess. Keine einmalige Angelegenheit.

Sie sind Universitätsprofessorin. Wenn Sie über den Begriff der „Emanzipation“ nachdenken: Können Sie die eigene politische Haltung von der wissenschaftlichen Arbeit trennen? Und wollen Sie das überhaupt?

Jaeggi: Nein. Das ist ja eines der Privilegien einer solchen Arbeit, dass man hier einen Reflexionsraum findet, in den das, was einen gesellschaftlich und politisch bewegt, in abstrakte, theoriegeleitete, grundbegriffliche Überlegungen eingehen kann. Natürlich selten auf direktem Weg – ein Reflexionsraum ist ja auch dazu da, dass man hier Dinge ohne unmittelbaren Handlungszwang diskutieren kann – aber auf irgendeine Weise eben doch.

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ÖAW Headline Die ÖAW
news-8913 Mon, 08 Oct 2018 10:10:49 +0200 Hedy Lamarrs Sohn besuchte ÖAW-Teleskop http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/hedy-lamarrs-sohn-besuchte-oeaw-teleskop/ Der US-Unternehmer und Schauspieler Anthony Loder besichtigte gemeinsam mit Quantenphysiker Anton Zeilinger das Hedy-Lamarr-Teleskop der ÖAW in Wien. Das Teleskop, das für quantenphysikalische Experimente genutzt wird, ist Loders Mutter, der in Wien geborenen Hollywood-Schauspielerin Hedy Lamarr und ihren Leistungen in der Wissenschaft gewidmet. Anthony Loder (71), der Sohn der berühmten österreichischen Erfinderin und Hollywood-Schauspielerin Hedy Lamarr, war in Wien zu Gast. Anlass war die Verleihung des heuer vergebenen „1. Hedy Lamarr-Award für innovative Frauen in der IT“. Im Rahmen dieses Besuchs besichtigte Loder am 5. Oktober 2018 auch zum ersten Mal das nach seiner Mutter benannte Teleskop am Dach des Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Der Hintergrund: Hedy Lamarr war nicht nur Schauspielerin, sondern legte als Wissenschaftlerin wichtige Grundsteine für die heutige Mobilfunktechnik.

Würdigung der Erfinderin Hedy Lamarr

Beim Besuch des Quantenteleskops, das Hedy Lamarr für ihre Forschungsleistungen gewidmet wurde, war der aus Los Angeles angereiste Loder sichtlich gerührt. Im persönlichen Gespräch erklärte ÖAW-Präsident Anton Zeilinger Loder und dessen Lebensgefährtin die Funktionsweise des Teleskops. Eine an der Außenwand befestigte Plakette erinnert an die 2000 verstorbene und am Wiener Zentralfriedhof bestattete Hollywood-Diva, die etwa an der Seite von Spencer Tracy, Cary Grant und James Stewart gespielt hat.

Die Wahl des Namens für das Teleskop, das für Experimente zur Quantenkommunikation und -verschlüsselung verwendet wird, erfolgte nicht zufällig, denn Hedy Lamarr war eine wissenschaftliche Pionierin. 1940 entwickelte sie gemeinsam mit dem Komponisten George Antheil eine weitgehend störungsfreie Funkfernsteuerung für Torpedos. Im Zweiten Weltkrieg kam die patentierte Erfindung zwar nicht mehr zum Einsatz, dafür spielt das „frequency hopping“ heute in der Mobilfunktechnik (etwa bei Bluetooth- und WLAN-Verbindungen sowie in der GSM-Technik) eine zentrale Rolle. Mit dem Hedy-Lamarr-Teleskop erinnert die ÖAW an diese wissenschaftliche Seite des Hollywoodstars.

Berühmte Mutter
Hedy Lamarrs Sohn, Anthony Loder, wurde am 1. März 1947 geboren. Nach einigen Rollen als Schauspieler in Hollywood und am New Yorker Greenwich Village Theater gründete Loder eine Firma für Kommunikations- und Videoüberwachungssysteme und blieb sein Leben lang Unternehmer. Zugleich wirkte er aber weiter an Film- und Buchproduktionen über seine berühmte Mutter mit.

So wurde der von ihm koproduzierte Film „Calling Hedy Lamarr“ 2004 auf der Wiener „Viennale“ präsentiert. 2012 schrieb er zusammen mit dem deutschen Journalisten Jochen Förster das Buch „Hedy Darling“. In dem Film „Bombshell – The Hedy Lamarr Story“ von 2017 haben er, wie auch sein Bruder James Loder und seine Tochter Lodi Loder einen Auftritt.

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Die ÖAW
news-8864 Wed, 03 Oct 2018 09:56:22 +0200 Forschen an der Zukunft http://www.oeaw.ac.at/veranstaltungen-kommunikation/multimedia/galerien-und-videos/sommerserie-junge-akademie-2018/ Die Sommerserie Young Academics hat neue Mitglieder der Jungen Akademie der ÖAW getroffen und sie gefragt, an welchen Fragen von morgen sie gerade forschen. Die ÖAW news-8831 Fri, 28 Sep 2018 16:17:53 +0200 Krieg ist keine Männersache http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/krieg-ist-keine-maennersache/ Welche Rolle spielen Frauen im Militär? Damit beschäftigt sich die Politikwissenschaftlerin Saskia Stachowitsch. In ihrer Forschung zeigt sie, warum Frauen das Militär gerettet haben und dennoch in der Minderheit sind. Krieg ist Männersache? So einfach ist es heute nicht mehr. Die soziale Wirklichkeit ist längst komplexer, wie die Forschung von Saskia Stachowitsch deutlich macht. Die Politikwissenschaftlerin an der Universität Wien, die heuer in die Junge Akademie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) aufgenommen wurde, beschäftigt sich seit Langem mit Themen wie Krieg und Frieden, Sicherheit und Unsicherheit sowie Militarisierung. „Mit meinem wissenschaftlichen Hintergrund in Politikwissenschaft und Gender Studies weiß ich, dass all diese Bereiche nur verständlich sind, wenn man auch gesellschaftliche und insbesondere geschlechtsspezifische Machtverhältnisse miteinbezieht.“

So erforscht die Wissenschaftlerin etwa, wie Frauen im Militär integriert und vertreten sind, zum Beispiel in den USA, dem Land mit der mächtigsten Armee der Welt. „Mit Ende des Kalten Krieges hat sich hier der militärische Arbeitsmarkt stark gewandelt. Ohne die Beteiligung von Frauen wäre das Militär schlichtweg nicht zu erhalten gewesen“, meint Stachowitsch hinsichtlich der Quantität wie Qualität. Denn: „Das US-Militär brauchte mehr besser ausgebildete Menschen, weil nur noch ein kleiner Teil traditionelle Kampfrollen übernahm. Der Großteil war nun in technischen, logistischen, medizinischen und im IT-Bereich tätig und Frauen wiesen ein durchschnittlich höheres Bildungsniveau auf.“

Frauen noch immer in der Minderheit

Doch auch wenn Frauen für das Militär vor allem nach Ende des Kalten Krieges entscheidend waren, sind sie heute nach wie vor in der Minderheit, betont Stachowitsch. Über die letzten zehn Jahre lag der Frauenanteil über alle Streitkräfte hinweg bei etwa 14 Prozent. Jedoch: „Je nach Teilstreitkraft gibt es starke Unterschiede. In der Air Force sind über 20 Prozent Frauen, im Marine Corps sind es zwischen vier und sechs Prozent. Das hat auch mit der Art der Aufgabe zu tun. Bei den Marines wird etwa vermehrt am Boden gekämpft und es gibt weniger unterstützende Funktionen.“

Mit Ende des Kalten Krieges hat sich hier der militärische Arbeitsmarkt stark gewandelt. Ohne die Beteiligung von Frauen wäre das Militär schlichtweg nicht zu erhalten gewesen.

Aber auch im privaten Militärsektor, der in Sachen Krieg und Sicherheit immer wichtiger wird, spielen Frauen kaum eine Rolle. „Als sich der ‚War on Terror‘ langsam dem Ende zugeneigt hatte, war klar, dass fast die Hälfte der Personen, die von amerikanischer Seite in Afghanistan und dem Irak eingesetzt wurden, keine staatlichen Truppen waren, sondern Angestellte von privaten Sicherheits- und Militärfirmen. Das ist ein großer Trend, der bis jetzt noch nicht vollständig wissenschaftlich aufgearbeitet und analysiert wurde.“

Dass Frauen hier wenig vertreten sind, liegt allerdings nicht daran, dass sie für diese Arbeit weniger geeignet sind. Das erklärten auch Vertreter von Sicherheitsfirmen, so Stachowitsch. „Man bezweifelt nicht, dass Frauen genauso gute oder teilweise sogar bessere Arbeit im Sicherheitsbereich leisten könnten. Als Begründung für ihre Unterrepräsentation wird aber angeführt, dass weibliches Sicherheitspersonal schlechter zu vermarkten sei.“ Denn für die Gesellschaft stünden Sicherheit und Schutz stark mit Männlichkeit in Verbindung. Eine Frau als Bodyguard sei für viele Auftraggeber aus diesem Grund nur in bestimmten Situationen denkbar und wünschenswert, so die Genderforscherin.

Vermännlichung des militärischen Arbeitsmarkts

Aus diesem Grund rekrutieren private Sicherheits- und Militärfirmen Personal auch aus Einheiten wie der Infanterie oder den Special Forces. Bereiche, von denen Frauen bis vor kurzem auch in den USA ausgeschlossen waren. „Private Sicherheitsfirmen müssen bei ihrer Rekrutierung nicht auf Gleichberechtigung achten wie das staatliche Militär. Für sie geht es vielmehr darum, ein gesellschaftlich kompatibles Bild von Sicherheit zu verkaufen“, schlussfolgert die Wissenschaftlerin. Stachowitsch warnt jedoch davor, dass dadurch eine Vermännlichung des militärischen Arbeitsmarktes stattfindet und Frauen von neu geschaffenen Arbeitsplätzen im Sicherheitsbereich ausgeschlossen blieben.

Private Sicherheitsfirmen müssen bei ihrer Rekrutierung nicht auf Gleichberechtigung achten wie das staatliche Militär.

Dass Frauen im Militär und in Sicherheitsfragen besseren Zugang haben sollten, sei laut Stachowitsch aber weniger dadurch zu begründen, dass Frauen in diesen Bereichen besser wären als Männer oder dass es mit mehr Frauen keine Kriege oder weniger Konflikte gäbe. „Ich wehre mich dagegen, dass Frauen immer besser sein müssen, um Zugang zu bestimmten Berufen zu haben. Zudem haben Frauen wie Männer das gleiche kriegerische und aggressive Potenzial, wenngleich sie meist unterschiedlich sozialisiert werden.“

Vielmehr gehe es laut Stachowitsch darum, Frauen wie Männern grundsätzlich gleiche Rechte einzuräumen. Pointiert formuliert: „Gleichstellung haben wir erst erreicht, wenn durchschnittliche Frauen ebenso in gute Positionen kommen, wie auch viele durchschnittliche Männer, die diese wichtigen Rollen einnehmen und unsere Gesellschaft gestalten.“

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Die ÖAW
news-8776 Thu, 27 Sep 2018 10:46:00 +0200 MAKRO MIKRO: NEUER PODCAST DER ÖAW STARTET http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/makro-mikro-neuer-podcast-der-oeaw-startet/ Wissenschaft an der ÖAW kann man bald auch hören. Der Podcast MAKRO MIKRO widmet sich in Interviews, Features und Reportagen spannenden Forschungsfragen. Wir empfehlen: Reinhören. Den Teaser gibt es schon, in Kürze folgt auch der erste Beitrag: Der neue Internet-Radio-Channel der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) bringt Wissenschaft für die Ohren. Der Podcast MAKRO MIKRO macht spannende Forschungsfragen in Interviews, Features und Reportagen hörbar. Podcasterin Julia Grillmayr fragt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der ÖAW nach Details ihrer Forschung sowie den großen Zusammenhängen. Es geht um Himmelskörper und Quantenteilchen, um aktuelle Lebensweisen und vergangene Epochen, um verschiedene Weltregionen und digitale Räume. Neugierige sind bei MAKRO MIKRO also genau richtig.

Den Auftakt bilden wird ein Podcast zur Jahrestagung deutschsprachiger Wissen(schaft)spodcaster/innen, die heuer erstmals vom 28. bis 30. September an der ÖAW in Wien stattfindet. Was bei „#GanzOhr2018 – Wissenschaft auf die Ohren“ diskutiert wird, kann man dann auf MAKRO MIKRO nachhören. Und wer mit uns in die Weiten des Weltalls abheben möchte, kann sich bereits auf einen Podcast mit Luca Fossati vom Institut für Weltraumforschung der ÖAW freuen, der im Herbst on Air geht.

MAKRO MIKRO kann auf www.oeaw.ac.at/podcast gehört und als Podcast abonniert werden unter: soundcloud.com/makro-mikro

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Die ÖAW
news-8771 Fri, 21 Sep 2018 13:29:59 +0200 Österreich wissenschaftlich auf der Überholspur http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/oesterreich-wissenschaftlich-auf-der-ueberholspur/ Nature Index weist Österreich als eines von sechs Ländern mit der weltweit dynamischsten Entwicklung seines Forschungssystems aus. Zu den Innovationstreibern in der Forschung zählt laut dem renommierten Fachjournal auch die ÖAW. Nature Index publizierte gestern die Ergebnisse einer Studie, die zum Ziel hatte, jene Institutionen und Länder zu identifizieren, die sich wissenschaftlich auf der Überholspur befinden. Erfreulicher Befund: Österreich zählt weltweit zu jenen sechs Ländern, die sowohl absolut als auch relativ die höchste Steigerung ihres Outputs gemäß der Nature Index Methode 2015 bis 2017 aufweisen. Gemäß dieser Erhebung ist Österreich besonders stark im obersten Qualitätssegment naturwissenschaftlicher Publikationen unterwegs. Beim so genannten „Fractional Count (FC)“ haben vor allem die Universität Wien, das Institute of Science and Technology in Klosterneuburg sowie die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) besonders hohe Steigerungen auszuweisen.

„Das ist ein überaus erfreulicher Befund. Wir erhalten mit dieser Nature Index Analyse die objektive Bestätigung, dass sich Österreich als Wissenschaftsstandort ausgesprochen gut entwickelt und seine wissenschaftliche Produktivität – auch in qualitativer Hinsicht – steigt. Das verdanken wir der hervorragenden Arbeit unserer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit ihren Leistungen die Basis für die Zukunftsfähigkeit des Landes legen. Die Politik kann und wird diesen erfreulichen Trend durch die weitere Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Forschung in Österreich maßgeblich unterstützen“, so Wissenschaftsminister Heinz Faßmann zu dem positiven Ergebnis.

Österreich neben China: In Grundlagenforschung zu investieren lohnt

„Grundlagenforschung auf höchstem Niveau und in einer großen Fächervielfalt – dafür steht die Österreichische Akademie der Wissenschaften“, sagt Anton Zeilinger, Präsident der ÖAW, und bekräftigt mit Blick auf die Analyse von Nature: „Wir unterstützen die besten Köpfe in der Wissenschaft und fördern Forschung mit der Bereitschaft zum Risiko. Die Spitzenposition der Akademie im Ranking von Nature zeigt, dass wir damit auf dem richtigen Weg und im internationalen Wettbewerb hervorragend positioniert sind. Dass Österreich in diesem Ranking neben China geführt wird, macht in beeindruckender Weise deutlich, dass sich Mut von Politik und Wissenschaft in Österreich lohnen, wenn in Grundlagenforschung investiert wird.“

Für Thomas Henzinger, Präsident des IST Austria, bringen die nun publizierten Zahlen der Nature Index Erhebung ein besonders erfreuliches Ergebnis. Unter den jungen Forschungsinstituten (jünger als 30 Jahre) wird IST Austria weltweit auf Rang 8 und als einziges Institut außerhalb Asiens in den Top 10 geführt. „Jedes Ranking hat so seine Tücken. Fest steht jedenfalls, dass sich unser Campus in den ersten Jahren seines Bestehens zu einem überaus produktiven Platz für Grundlagenforschung mit allerhöchstem Qualitätsanspruch entwickelt hat. Die Rückmeldung durch Nature Index ist ein Hinweis, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden und unsere ambitionierten Ziele realistisch sind“, so Henzinger.

„Die Universität Wien mit ihrer fachlichen Breite erbringt Spitzenleistungen von den Natur- und Lebenswissenschaften bis hin zu den Geistes- und Sozialwissenschaften,“ so der Rektor der Universität Wien, Heinz Engl. „Die Universität Wien plant im Rahmen ihres aktuellen Entwicklungsplans die Einrichtung von ca. 50 neuen und thematisch innovativen Professuren. Ermöglicht wird dies durch die Unifinanzierung neu. Damit wird ein großer Schritt zur Sicherung der internationalen Konkurrenzfähigkeit in der Forschung, der auch unmittelbare Auswirkungen auf Studium und Lehre hat, gesetzt. Zahlreiche neu berufene ProfessorInnen werden neue fachliche Akzente in Forschung und Studien bringen. Die Qualität des Studienangebots kommt bei den Studierenden dann an, wenn die quantitativen Betreuungsverhältnisse stimmen“, so Engl.

Nature Index: Auswertung von 82 Qualitätsjournalen weltweit

Der Nature Index ist ein mögliches Messinstrument für den Erfolg wissenschaftlicher Einrichtungen. Publikationen, in denen ForscherInnen ihre wissenschaftlichen Ergebnisse in den angesehensten und bekanntesten Fachjournalen präsentieren, zählen dabei als Währung des Erfolges. Der Nature Index basiert auf einer Liste von 82 Qualitätsjournalen unterschiedlicher Fachgebiete aus den Naturwissenschaften. Er summiert die Häufigkeit der Zitierungen der Beiträge von Autor/innen zu Artikeln und setzt dies in Relation zur Anzahl der Beiträge. Es geht daher nicht nur um die Zahl der Beiträge, sondern wie oft diese zitiert werden. Damit können diejenigen Forscher und Forscherinnen sowie deren Institute und Universitäten identifiziert werden, die den größten Impact auf die weltweite Forschungslandschaft haben.

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Die ÖAW
news-7788 Mon, 16 Jul 2018 09:35:00 +0200 Wissen im Netz http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/wissen-im-netz/ Ob historische Karten, altarabische Inschriften oder Glasplattennegative: Der digitale Wandel hat längst die Bibliotheken und Archive erreicht. An der ÖAW laufen gleich mehrere Projekte, um die wertvollen Bestände des Hauses zu digitalisieren und online für jedermann zugänglich zu machen. Formschöne grüne Tischlampen, leise knarzendes Parkett, und große Stapel dicker Bücher. Alte Bibliotheken haben einen ganz besonderen Charme. Die Bibliothek der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im Hauptgebäude in der Wiener Innenstadt bildet hier keine Ausnahme. Doch wer sich das gesammelte Wissen aus Jahrhunderten aneignen will, kann das inzwischen auch immer öfter von zu Hause aus tun – am Computer, Laptop oder Smartphone.

Denn längst hat die Digitalisierung auch Bibliotheken und Archive erreicht. An der ÖAW sorgen gleich mehrere Projekte dafür, die einzigartigen historischen Bestände des Hauses ins Web zu bringen. Was Leser/innen schon heute online finden können und welche Wissensschätze in Zukunft im Internet stehen werden, erzählt Sibylle Wentker, Leiterin von Bibliothek, Archiv und Sammlungen der ÖAW im Interview.

Archiven und Bibliotheken haftet oft ein verstaubtes Image an. Welchem Wandel sind diese Institutionen durch die Digitalisierung ausgesetzt?

Sibylle Wentker: Klassische Bestandsbibliotheken haben heutzutage einen stärkeren Rechtfertigungsdruck, weil Platz immer teurer wird und die Menschen es mehr und mehr gewohnt sind, Informationen ausschließlich aus dem Internet zu beziehen. Die Bibliothek der ÖAW ist eine Forschungsbibliothek, die vor allem Wissenschaftler/innen anzieht. Die Herausforderung ist, den Nutzer/innen online einen Recherchevorteil zu bieten, indem man Informationen, Bilder und Normdaten so verknüpft, dass eine intelligente Suche ermöglicht wird.

 

Die Herausforderung für Bibliotheken ist, den Nutzer/innen online einen Recherchevorteil zu bieten.

 

Ein Schritt in diese Richtung ist das Projekt „Linked Cat+“. Es soll die Wissensproduktion der Akademie bis 1918 digitalisieren. Wie funktioniert das konkret?

Wentker: Dieses Projekt ist jetzt in der Anlaufphase. Aus dem Zeitraum seit der Gründung der damals Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 1847 bis in das erste halbe Jahrhundert bis 1918 haben wir tausende Artikel in gedruckten Sitzungsberichten, in denen wir beobachten können, wie Wissenschaftsgestaltung funktioniert. Die Protokolle der regelmäßigen Sitzungen dieser Gelehrten der Akademie sind dafür eine enorm wichtige Quelle. Die Artikel sollen nun im Zuge des Projekts digitalisiert und mit einem intelligenten Suchsystem versehen werden. Die Nutzer/innen können dann nach gewissen Schlagworten suchen, um Forschungstrends zu recherchieren, aber auch, um mehr über einzelne Gelehrte herauszufinden. Im Gegensatz zu Google Books, wo die Sitzungsberichte ebenfalls zu finden sind, bieten wir mit unserem Projekt eine tiefere Sucharchitektur und eine erhöhte, intelligente Verknüpfung von Daten.

Warum werden nur die Protokolle bis 1918 digitalisiert?

Wentker: Das hat mit den Personen- und Urheberrechten zu tun. Personendaten gehen weit über den Tod eines Menschen hinaus. Wir dürfen zum Beispiel keine Daten von Menschen veröffentlichen, die nicht länger als 50 Jahre tot sind. Aber die Sitzungsprotokolle seit der Gründung bis 1918 umfassen bereits 500.000 Seiten. Wir haben also genug zu tun.

Ein weiteres Digitalisierungsprojekt befasst sich mit sogenannten „Abklatschen“. Welche Wissensschätze werden hier anschaulich gemacht?

Wentker: Das Projekt der Philologin Petra Aigner widmet sich der 3D-Digitalisierung von 700 Abklatschen der Sammlung Eduard Glaser, die wir im Archiv aufbewahren. Das sind altarabische Inschriftenabdrücke, die mittels einer Pappmaschee-Paste vom Stein abgenommen wurden. Das Material ist ähnlich wie ein Eierkarton und sehr empfindlich. Wenn wir die Abklatsche in 3D digitalisieren, bekommen wir ein Reliefbild. Die Community, die sich mit altarabischen Schriften beschäftigt, ist sehr klein und auf der ganzen Welt verstreut. Da wir diese Inschriften online visualisieren, haben die Expert/innen von überall aus einen Zugang zu den Quellen und können diese viel besser lesen und erforschen. 700 Inschriften haben wir bereits aufbereitet. Die zweite Phase des Projekts beschäftigt sich nun mit der 3D-Visualisierung von altsüdarabischen Graffitis.

Das ist nicht das einzige Projekt, das sich mit der Sammlung Glaser beschäftigt. Was steckt hinter „Glaser Open Access“?

Wentker: Hier werden historische Aufnahmen digitalisiert. Es handelt sich dabei um so genannte Glasplattennegative, die Glaser und andere von ihren Expeditionen mitgebracht haben, darunter 3.000 Glasplattenaufnahmen, Fotos aber auch 15 Forschungstagebücher. Diese beinhalten Quellen zur altsüdarabischen Geschichte, die so gesichert und für die Zukunft aufbereitet werden sollen. Denn Glasplattennegative sind extrem empfindlich und zersetzen sich mit der Zeit. Deshalb müssen wir diese Negative zügig einscannen.

 

Im Netz befindet sich bereits ein Kartenportal mit 380 Karten. Dieses kann nach Epochen, nach Ländern oder nach Kontinenten durchsucht werden. Die Karten werden in Hochauflösung zur Verfügung gestellt.

 

Einer der größten Schätze der Bibliothek ist die geografische „Sammlung Woldan“ – wie viele der historischen Karten sind bereits online?

Wentker: Das ist ein anspruchsvolles Langzeitprojekt. Im Netz befindet sich bereits das Kartenportal mit 380 Karten unter sammlung.woldan.oeaw.ac.at. Dieses kann nach Epochen, nach Ländern oder nach Kontinenten durchsucht werden. Die Karten werden in Hochauflösung zur Verfügung gestellt. Unser Ziel ist es, die gesamte Sammlung Woldan zu digitalisieren. Woldan war ein Jurist und hat sein gesamtes Leben damit verbracht, sein Juristengehalt für Karten und Reisewerke auszugeben. Unsere ältesten Stücke gehen bis 1500 zurück. Das sind natürlich ganz große Kostbarkeiten.

Für das Online-Portal hoffen wir auf kartografieinteressierte Expert/innen und begreifen das Angebot als offenen Austausch. Tag für Tag digitalisieren wir neue Karten für die Wissenschaft. Das ist aber auch ein sensationelles Material für alle Menschen, die sich für historische Karten begeistern. Und die sitzen nicht alle um den Dr. Ignaz Seipel-Platz herum. Wir tragen unsere digitalen Angebote damit also in die ganze Welt.

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Die ÖAW
news-7769 Thu, 05 Jul 2018 15:59:16 +0200 WISSENSCHAFT ALS BRÜCKENBAUER http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/wissenschaft-als-brueckenbauer/ Der internationale Austausch in den Wissenschaften hat an der ÖAW eine lange Tradition. Das zeigen bilaterale Abkommen mit mehr als 60 Partnerinstitutionen auf der ganzen Welt. Nun wurde ein neues Memorandum of Understanding mit Iran unterzeichnet. Österreich und Iran verbindet in den Wissenschaften eine lange gemeinsame Geschichte: Bereits der erste Präsident der Akademie der Wissenschaften, der Iranist Josef Freiherr von Hammer-Purgstall (1774–1856), legte im 19. Jahrhundert den Grundstein für die Zusammenarbeit zwischen Forscher/innen der beiden Länder.

Dem weiteren Ausbau dieser wissenschaftlichen Beziehungen dient nun ein neues Memorandum of Understanding zwischen der ÖAW und dem iranischen Institute for Political and International Studies (IPIS), das am 4. Juli 2018 im Rahmen des iranischen Staatsbesuches in Österreich von IPIS-Präsident Seyed Kazem Sajjadpour und Akademiepräsident Anton Zeilinger in der ÖAW unterzeichnet wurde. Die Akademie erweitert damit ihre internationale Zusammenarbeit in der Wissenschaft, die derzeit rund 60 bilaterale Abkommen mit Partnereinrichtungen rund um den Globus umfasst.

Mit dem neuen Abkommen sollen Gastaufenthalte von Wissenschaftler/innen der Akademie im Iran und von iranischen Forscherinnen und Forschern in Österreich verstärkt werden. Zugleich eröffnet es dem Institut für Iranistik der ÖAW Zugang zu bisher verschlossenen Quellen zur gemeinsamen österreichisch-iranischen Geschichte in Bibliotheken und Archiven im Iran. Vorgesehen ist, dass die Ergebnisse der Forschungen in Ausstellungen, Symposien und Workshops Öffentlichkeit und Scientific Community präsentiert werden.

Erste Einblicke in einige Kapitel der gemeinsamen Geschichte beider Länder bietet eine aktuelle Ausstellung in der Aula der ÖAW, die ebenfalls am 4. Juli im Beisein von Irans Außenminister Mohammed Dschawad Sarif und Österreichs Außenministerin Karin Kneissl eröffnet wurde. Sie beleuchtet 160 Jahre des diplomatischen, wissenschaftlichen und kulturellen Austauschs zwischen Österreich und dem Iran. Zu sehen sind noch bis zum 18. Juli 2018 unter anderem Abbildungen ausgewählter Schriftstücke aus Archiven der beiden Länder. Ein Besuch ist zu den Öffnungszeiten der ÖAW (Montag bis Freitag, 8 bis 18 Uhr) kostenlos möglich.

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Die ÖAW
news-7756 Wed, 04 Jul 2018 11:12:54 +0200 Mit Tropfsteinen Monsungeschichte schreiben http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/mit-tropfsteinen-monsungeschichte-schreiben/ Der Monsun beeinflusst das Leben von Millionen Menschen in Asien seit Jahrtausenden. Gefördert vom Innovationsfonds der ÖAW wollen Forscher/innen der Universität Innsbruck nun nachzeichnen, wie sich das Wetterphänomen in der Geschichte verändert hat.  Während man in Österreich spätestens zu den sogenannten „Hundstagen“ unter der sommerlichen Hitze stöhnt, prasselt in Asien der Regen auf die Dächer. Dort ist die Zeit des Sommermonsuns. Seit Jahrtausenden prägt das Wetterphänomen  besonders die Region von Indien über China bis nach Indonesien. Allein auf dem indischen Subkontinent fallen während des Sommermonsuns fast 80 Prozent des gesamten Jahresniederschlages. Die Folge sind regelmäßige Überschwemmungen. Selbst Millionenstädte wie Mumbai oder Kalkutta können unter Wasser stehen.

Umgekehrt: Ist der Sommermonsun verspätet oder bleibt er aus, kann das verheerende Auswirkungen für die Menschen haben. „Hielten diese Trockenphasen etliche Jahre an, so kam es zu Hungersnöten und oft auch zu politischen Umwälzungen“, erklärt der Geologe Christoph Spötl mit Blick auf die Geschichte des Monsuns. Diese historische Dimension des Wetterphänomens ist es auch, die Spötl und sein Team an der Universität Innsbruck interessiert. Die Forscher/innen analysieren Daten aus Tropfsteinhöhlen, um die Entwicklung des Monsuns über Jahrtausende präziser als bisher nachzeichnen zu können. Gefördert durch den Innovationsfonds der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) soll der Forschung am Ende ein asiatisches „Monsun-Archiv“ zur Verfügung stehen.

Worum geht es in Ihrem Forschungsprojekt „Das Asiatische Monsun-Archiv“?

Christoph Spötl: Asien ist die weltweit größte geschlossene Landmasse und auch das höchste Gebirge und das größte Hochplateau finden sich dort. Diese Parameter sind wichtig, um zu verstehen, warum es in Asien das Phänomen des Monsuns gibt, und dies in einer besonders starken Ausprägung. Aus der langen Geschichte, zum Beispiel der chinesischen und indischen Kulturen, weiß man, dass sich Klima und Wetter auf das Wohlhergehen der Menschen ausgewirkt haben. Blieb der Monsunregen aus, hatte das verheerende Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Hielten diese Trockenphasen etliche Jahre an, so kam es zu Hungersnöten und oft auch zu politischen Umwälzungen. Es ist diese historische Dimension des Phänomens Monsun, die wir uns ansehen. Statt mit analogen Urkunden, die sich in einem alten Kloster finden, arbeiten wir mit geologischen Archiven in Höhlen, die nicht hunderte Jahre, sondern hunderttausende Jahre zurückgehen.

Warum muss man sich in Tropfsteinhöhlen begeben, um etwas über das Wetter zu erfahren?

Spötl: Anhand von Tropfsteinen konnte mit unserer Beteiligung vor zwei Jahren in einem „Nature“-Artikel gezeigt werden, wie stark und auf welchen Zeitskalen sich der asiatische Monsun in den vergangenen 640.000 Jahren verändert hat. Diese Klimakurve ist eine der längsten und die zeitlich genauste weltweit. Als Indikator der Intensität des Monsuns vergangener Zeiten wird traditionell die Sauerstoff-Isotopenzusammensetzung des Tropfsteinmaterials herangezogen. Allerdings ist nach wie vor unklar, wie dieser geochemische Parameter in meteorologische Werte umgesetzt werden kann. Genau hier setzt unser Forschungsprojekt an: Wir wollen versuchen, diesen derzeit nur qualitativen Parameter schrittweise zu quantifizieren und so die einmalige asiatische Klimazeitreihe unter anderem auch für globale Klimarechenmodelle besser nutzbar machen zu können.

 

 

Wie gehen Sie bei Ihrer Untersuchung vor?

Spötl: Wir versuchen den Tropfsteinen mit drei verschiedenen Methoden genauere Informationen über die Vergangenheit zu entlocken: Zum einen werden wir Spuren des ehemaligen Regens, der als kleinste Tröpfchen in den Kristallen der Tropfsteine eingeschlossen ist, extrahieren und analysieren. Diese Technologie haben wir vor zehn Jahren an der Universität Innsbruck aufgebaut und werden diese nun weiter optimieren. Zum anderen werden wir mit Kolleg/innen der Universität in Bergen in Norwegen die Temperatur bestimmen, bei der Tropfsteine gewachsen sind. Und schließlich planen wir in Kollaboration mit chinesischen Wissenschaftler/innen der Universität in Xian erstmalig eine Methode anzuwenden, die es erlauben sollte, die Luftfeuchtigkeit der Vergangenheit zu rekonstruieren. 

Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung mit dem Quartär. Warum steht dieser Abschnitt der Erdgeschichte im Zentrum?

Spötl: Obwohl dieser jüngste Abschnitt der Erdgeschichte – die letzten 2,6 Millionen Jahre – verschwindend kurz ist im Vergleich zu weiter zurückliegenden Epochen, ist er ohne Zweifel einer der interessantesten, befindet sich die Erde doch seit Beginn des Quartärs in einer Achterbahn des Klimas mit langen Glazialzeiten und dazwischenliegenden, wesentlich kürzeren und wärmeren Interglazialen. Die Tropfsteine sind für die Paläoklimaforschung deswegen so wichtig, weil sie gerade in Trockengebieten empfindlich auf Niederschlagsänderungen reagieren, beziehungsweise diese aufzeichnen. Kein anderes Klimarchiv am Festland reicht so weit in die Vergangenheit zurück, wie das der Tropfsteine in Höhlen und kann auf diesen Zeitskalen so präzise Altersinformationen liefern.

Und was erzählen uns die steinernen Zeugen über den Monsun?

Spötl: Das Bild, das die Untersuchungen der Tropfsteine zeigen, ist jenes langfristiger Änderungen der Monsunintensität auf Zeitskalen von Jahrzehntausenden, die eng an die Glazial-Interglazial-Rhythmik höherer Breiten aber auch zum Beispiel der Alpen gekoppelt ist. Gerade aber während kühlerer Phasen und am Übergang zu Warmzeiten zeigen die Daten ein anderes Muster des Monsuns: Die Regenfälle waren starken, kurzfristigen Schwankungen unterworfen und diese Änderungen passierten teilweise innerhalb nur weniger Jahre.

Zum Abschluss eine allgemeine Frage an Sie als Geologen: Was können wir von den Geowissenschaften über die Entwicklung des Erdklimas lernen?  

Spötl: Die Geowissenschaften dokumentieren die langfristigen Änderungsmuster des Erdklimas. Geologinnen und Geologen können mit immer feineren Methoden zum Beispiel nachweisen, dass über Jahrmillionen der Gehalt an Kohlendioxid in der Atmosphäre mit dem der mittleren Temperatur schwankte. Der Blick in die Vergangenheit, etwa zum Supertreibhaus des Eozäns vor rund 55 Millionen Jahren, kann somit ein durchaus ernstzunehmendes Szenario der Klimazukunft der Erde bieten.

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Die ÖAW
news-7735 Mon, 02 Jul 2018 17:03:00 +0200 Mit Wissenschaft in den Sommer http://www.oeaw.ac.at/veranstaltungen-kommunikation/multimedia/galerien-und-videos/wissenschaft-im-sommer/ Damit es auch in den Sommerferien nie langweilig wird: Die ÖAW bietet für kleine und große Wissenschaftsfans ein abwechslungsreiches Programm – von Archäologie und Geschichte über Molekularbiologie bis zu den Weiten des Weltalls.  

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Die ÖAW
news-7664 Tue, 19 Jun 2018 11:00:32 +0200 Europas Sicht auf Flüchtlinge http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/europas-sicht-auf-fluechtlinge/ Ob Flüchtlinge als Opfer oder Bedrohung wahrgenommen werden, wirkt sich stark auf gesellschaftliche Debatten aus. Die deutsche Migrationsexpertin Heidrun Friese untersucht, wie diese sprachlichen Bilder entstehen – und welche Konsequenzen sie haben. Am „World Refugee Day“ war sie bei einer Konferenz der ÖAW zu Gast. Bilder machen Leute. Wie die Macht der sprachlichen Bilder gesellschaftliche Debatten prägt, wird in der aktuellen Diskussion über Flüchtlinge, die Schutz in Europa suchen, mehr als deutlich. Längst ist die „Willkommenskultur“, in der geflüchtete Menschen vor allem als hilfsbedürftige Opfer betrachtet wurden, einem populistischen Diskurs gewichen, in dem sie zu einer Bedrohung oder gar zu Feinden erklärt werden. Was zwischen diesen beiden Polen auf der Strecke bleibt, ist die Tatsache, „dass die Menschen, die zu uns kommen, einfach ganz normale Menschen sind“, sagt die deutsche Migrationsexpertin Heidrun Friese. 

Friese hat sich mit Imaginationen des „Fremden“ befasst, also mit der Frage wer wie über Geflüchtete spricht und welche Auswirkungen das auf das gesellschaftspolitische Klima hat. Mit ihren Feldforschungen auf Lampedusa und in Tunesien hat sie zudem hinter diese Imaginationen geblickt, um herauszufinden, wer die Menschen sind, die die gefährliche Flucht nach Europa wagen.

Zum „World Refugee Day“ am 20. Juni 2018 war Friese an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zu Gast. Dort sprach sie bei der Konferenz „Die lange Dauer der Flucht“, die von mehreren sozialwissenschaftlichen Instituten der Akademie organisiert wurde und aktuelle Erkenntnisse zu Flucht, Migration und Integration in den Blick nahm.

Sie forschen zu Flucht und Migration. Dabei stehen soziale Imaginationen im Zentrum. Was ist damit gemeint?

Heidrun Friese: Es geht darum, wie wir die Anderen, also diejenigen, die vor unseren Grenzen stehen, sehen und wie die soziale Imagination sie überhaupt erst zu anderen macht. Diese soziale Imagination ist nicht einfach ein Bild, das wir im Kopf haben, sondern sie schafft und rahmt die Wirklichkeit, in der wir leben und bestimmt, was sagbar ist und was nicht. Wir leben in einer medialisierten Gesellschaft, die durch die Ökonomie der Aufmerksamkeit bestimmt ist. Besonders in diesen digitalen Zeiten haben wir einen Overkill an Bildern und deren Konsum. Das hat wiederum Auswirkungen auf unsere soziale Imagination.

Wie wirkt sich dieses „Framing“ aus?

Friese: In den letzten Jahren habe ich mich mit Gastfreundschaft und der Ambivalenz beschäftigt, die den Fremden, den Gast zwischen Freund und Feind verortet. In diesem Kontext habe ich Feldforschung auf Lampedusa und in Tunesien betrieben. Im Grunde gibt es drei Figuren, die unsere Sicht auf „den Fremden“ bestimmen und die auf eine historisch reichhaltige Bilderwelt zurückgreifen.

Wie ist unsere Sicht auf „den Fremden“ beschaffen?

Friese: Einmal gibt es die Figur des Feindes. Diese wird gerne von Populisten und Rassisten verwendet, um Stimmung gegen Migranten zu machen. Hier wird dann „der“ Muslim skizziert, der „unsere Weißen Frauen vergewaltigt“. Er wird als Parasit und Schmarotzer dargestellt, der uns und unsere Kultur überrollt und von dem eine Gefahr ausgeht. Dann gibt es die zweite Figur, nämlich jene des Opfers. Dieses Bild ist vor allem im humanitären und posthumanitären Diskurs zu finden. Dieser Diskurs appelliert, mithilfe von drastischen Bildern von ertrinkenden Bootsflüchtlingen an die Emotionen, das Mitgefühl und möchte die Authentizität des Leidens darstellen. Diese wird dabei gleichzeitig zum Branding für NGOs, die sich dafür einsetzen, diesem Leiden ein Ende zu setzen. Hier geht es um die Hyper-Sichtmachung der Opfer. Das heißt aber gleichzeitig, dass das Opfer immer ein Opfer bleiben muss. Dann gibt es die dritte Figur, die des Helden. Dieses Bild wird häufig von Aktivisten verwendet. Migranten kommen von Außen und mischen unsere Gesellschaft zum Besseren auf.

Man könnte also sagen: Bilder machen Leute.

Friese: Das Interessante und womöglich wenig Überraschende ist, dass die Menschen, die zu uns kommen, einfach ganz normale Menschen sind. Sie sind Ärzte, Bauern, Familienväter, oder Hausfrauen, gebildet oder ungebildet, und natürlich gibt es auch Kriminelle, wie bei uns auch. Aber sie werden mit diesen drei Figuren zu anderen gemacht, „othering“ wird diese Praxis in der Fachsprache genannt. Das sind postkoloniale Imaginationen, mit denen wir immer noch arbeiten und um die sich unser gesamtes diskursives Netz bildet.
 

Diese Menschen leben ja nicht im Mittelalter. Sie möchten aus der Enge, weg von der Unterdrückung und Willkür, weg von Diktaturen. Ihr Wunsch ist es, so zu leben, wie wir Europäer es tun.


Sie haben auch erforscht, warum sich Menschen aus Nordafrika auf den Weg nach Europa machen?

Friese: Genau. Hier muss man sagen: Diese jungen Leute unterscheiden sich nicht von unseren jungen Menschen, ihren Träumen und Wünschen. Da waren Ungebildete dabei, aber auch junge Menschen mit Schulabschluss, die in ihrer Heimat keine Arbeit bekommen. Aber es gab drei Werte, die alle angetrieben haben: Freiheit, Würde und Meinungsvielfalt. Das sind Werte unserer Europäischen Union, weshalb ich die jungen Menschen aus Nordafrika provokant immer als junge Europäer bezeichne. Die sehen sich Videos auf YouTube an, Hören dieselbe Musik, wie unsere Jugendlichen auch und sind kulturell ganz nah an Europa dran – im Gegensatz zu dem gängigen Bild, das immer gezeigt wird. Diese Menschen leben ja nicht im Mittelalter. Sie möchten aus der Enge, weg von der Unterdrückung und Willkür, weg von Diktaturen. Ihr Wunsch ist es, so zu leben, wie wir Europäer es tun. Es geht ja nicht darum, unsere Lebensweisen zu verändern, wie Populisten und Rassisten immer wieder behaupten.

Wie gastfreundlich ist Europa gegenüber Geflüchteten heute?

Friese: Ich war in den 80ern und Ende der 90er auf Lampedusa, als die ersten Bootsflüchtlinge gekommen sind. Und da habe ich zum Konzept der Gastfreundschaft geforscht. Lampedusa lebte ganz lange hauptsächlich von der Fischerei. Und Fischer sind daran gewöhnt, dass man jedem hilft, der auf See in Not gerät. Wenn man ungefragt jeden aufnimmt, egal wo er herkommt oder wo er hinmöchte, dann ist das tatsächlich Gastfreundschaft.
 

Wir haben es mit dem „Paradox“ der Demokratie zu tun, die ja sowohl einschließt, nämlich die Angehörigen der Polis, zugleich aber auch ausschließt – nämlich diejenigen, die der Polis nicht angehören und die dann gerne zu Feinden gemacht werden.


Derzeit ist der politische Liberalismus, der allen Menschen die gleichen Werte und Rechte zuspricht, wieder auf dem Rückzug. Es geht einerseits um den Kampf um unser jüdisch-christliches Erbe, den Humanismus, die Aufklärung und die Menschenrechte. Das soll Europa ja ausmachen. Gleichzeitig haben wir es mit dem „Paradox“ der Demokratie zu tun, die ja sowohl einschließt, nämlich die Angehörigen der Polis, zugleich aber auch ausschließt – nämlich diejenigen, die der Polis nicht angehören und die dann gerne zu Feinden gemacht werden. In der heutigen Zeit geht es also vor allem um eine Frage, die wir beantworten müssen: Wie kann es in einem liberalen Europa möglich sein, manchen Menschen mehr und anderen weniger Würde und Rechte zuzugestehen. An diesem Grundwiderspruch sollten wir arbeiten. Und das besser früher als später. 

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Die ÖAW
news-7623 Fri, 15 Jun 2018 17:53:44 +0200 Wahrscheinlichkeiten: Im Kleinen wie im Großen http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/wahrscheinlichkeiten-im-kleinen-wie-im-grossen/ Der Mathematiker und Fields-Medaillen-Gewinner Martin Hairer erklärte bei einer ÖAW-IST Austria Lecture in Wien, wie man selbst „sinnlosen“ Gleichungen einen Sinn gibt – und er zeigte, wie sich von kleinen Bewegungen auf das große Ganze schließen lässt. Wie wahrscheinlich ist es, dass eine Münze, wenn man sie in die Luft wirft, wieder fängt und auf den Handrücken legt, „Kopf“ anzeigt? Es ist wohl eine der einfachsten Wahrscheinlichkeitsrechnungen, mit der Mathematiker Martin Hairer vom Imperial College London sein Publikum im vollbesetzten Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) langsam an sein Forschungsfeld heranführte. Die Rede ist von den stochastischen partiellen Differentialgleichungen. Ein Gebiet, bei dem sich nicht nur Laien schwer tun, sondern das weltweit auch nur die wenigsten Mathematiker/innen verstehen.

Pollen und Aktienkurse

Während einfache Differentialgleichungen ein Medium beschreiben können, das von Raum und Zeit abhängt, wie etwa die genaue Position eines Planeten zu einer bestimmten Zeit im Sonnensystem, kommt bei stochastischen Gleichungen noch der Zufall hinzu, also die Stochastik. Als Beispiel nannte Hairer Pollen, die in einem Wassertropfen schweben. „Die Pollen wechseln ihre Position vollkommen willkürlich. Niemand kann sagen, wo genau sich eine Polle als nächstes befinden wird.“ Die Wahrscheinlichkeitstheorie gibt aber zumindest einen Hinweis darauf, wie sich die Teilchen bewegen, so Hairer. Diese Erkenntnis geht auf den Botaniker Robert Brown im Jahr 1827 zurück. Um die zufällige Pollenbewegung zu beschreiben, formulierte er die Gleichung der Brownschen Bewegung.

Wie sich zeigt, lässt sich diese aber nicht nur auf die Bewegung von Pollen anwenden, sondern gilt ebenso für die zufälligen Schwankungen von Aktien am Börsenmarkt. „Jeder Kauf oder Verkauf einer Aktie führt den Graphen zufällig ein unmerklich kleines Stück nach oben oder unten.“ Kaufen oder verkaufen aber tausende Menschen Aktien gleichzeitig, führt das zu deutlich merkbaren Marktschwankungen, so Hairer. Sichtbar wird diese Sammlung aus einzelnen Verkäufen und Käufen nicht zuletzt als beliebige Zick-Zack-Kurve auf den Bildschirmen. Das gilt im Übrigen auch für die Bewegung von Pollen. „Egal welche zufälligen Bewegungen man sich hier ansieht, es kommt immer ein solches Bild heraus.“

„Raue“ Mathematik

Im Falle der stochastischen partiellen Differentialgleichung verlässt man allerdings die Welt der klaren Linien und Kurven. Vielmehr wird die Sache mathematisch „rau“, wie es heißt. Ab diesem Zeitpunkt sind die Gleichungen unregelmäßig und eine Lösung ergibt keinen Sinn mehr.

Um es sich besser vorstellen zu können, warf Hairer, der 2014 für seine Arbeiten mit der begehrten Fields-Medaille ausgezeichnet wurde, ein Bild einer Gleichung an die Wand, das zeigte, wie sich verschiedenfarbige Kästchen, ähnlich wie bei einem stark verpixelten Bild, willkürlich und unaufhörlich aneinanderreihen. Selbst aus weiter Entfernung betrachtet ergeben die Kästchen kein klares Bild. Vielmehr sieht die visualisierte Gleichung aus wie Glut, in der hellorange und dunkle Punkte beliebig aufleuchten.

Um solche Gleichungen besser zu verstehen, sucht Hairer in seiner mathematischen Forschung nach Verbindungen zu jenen „einfachen“ Gleichungen, die als Ergebnis eine normalverteilte Kurve ergeben, wie im Falle der Gaußschen Glockenkurve. „Die Idee ist, man sucht sich ein Modell, das fast gleich ist und nimmt einen kleinen Parameter, der es einem erlaubt, das Modell zu optimieren.“

Im konkreten Fall beschreibt die Formel hinter dem „glühenden“ Bild, was passiert, wenn ein Magnet durch Erhitzen seine Magnetisierung verliert. Ab diesem kritischen Punkt beginnt das Magnetfeld zufällig zu schwanken und ändert ununterbrochen die Richtung. Hairer ist es gelungen, diese starken Schwankungen mathematisch mithilfe von stochastischen partiellen Differentialgleichungen zu beschreiben. „Wie sich herausstellt, ist dieser Übergang universell, also immer gleich.“

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Die ÖAW
news-7609 Fri, 15 Jun 2018 10:44:52 +0200 EU-Kommissarin Mariya Gabriel an ÖAW und Uni Wien zu Gast http://www.oeaw.ac.at/veranstaltungen-kommunikation/presse/nachrichten/2018/eu-kommissarin-mariya-gabriel-an-oeaw-und-uni-wien-zu-gast/ Mariya Gabriel ist in der EU-Kommission zuständig für digitale Wirtschaft und Gesellschaft. Am 13. Juni war sie in Vorbereitung des österreichischen EU-Vorsitzes in Wien und besuchte auch Quantenphysiker/innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Wien.  

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Die ÖAW
news-7581 Mon, 11 Jun 2018 11:48:16 +0200 Mikroorganismen: Helden der Immunabwehr http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/mikroorganismen-helden-der-immunabwehr/ Bakterien, Viren, Pilze – wir teilen unseren Körper mit Billionen kleinen, unförmigen Organismen. Die Vorstellung löst bei manchen Schaudern aus. Dabei sind sie lebenswichtig. Warum, erklärte die Immunologin Yasmine Belkaid bei einer Landsteiner Lecture an der ÖAW. „Ich kann Sie beruhigen, sie sind auch nach dem Duschen noch da“, sagte die Immunologin Yasmine Belkaid in ihrem Vortrag im vollbesetzten Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und verweist dabei auf jene zahlreichen Bakterien, Viren und Pilze, die auf unserer Haut leben. Genauer sitzen die Mikroben fest verankert in Haarfollikeln oder Schweiß- und Talgdrüsen – und das ist durchaus zu unserem Vorteil, erzählte die Direktorin des Microbiome Program am National Institute of Allergy and Infectious Diseases der National Institutes of Health in den USA. Denn die Mikroorganismen sind ein wichtiger Teil der Immunabwehr und das Immunsystem kommuniziert ständig mit den Bakterien, Viren und Pilzen, die auch die Schleimhäute in Mund, Nase, Rachen sowie unserem Darm bevölkern.

Mikrobiom bekämpft Eindringlinge

Aktuellen Forschungen zufolge erledigen die Mikroorganismen dabei einen Großteil der Arbeit sogar ohne das Immunsystem. „Dringen etwa Erreger wie schädliche Viren und Bakterien über den Darm, die Haut oder die Schleimhäute in den menschlichen Organismus ein, befinden sie sich dort in einem Wettkampf um Nahrung und Platz mit ihresgleichen. Dabei wird eine Vielzahl der schädlichen Mikroben durch unser Mikrobiom verdrängt, noch bevor das Immunsystem eingreifen muss.“

Zudem können bestimmte „gute“ Mikroben das Immunsystem auf etwaige Schädlinge aufmerksam machen, indem sie Immunzellen gezielt reizen und damit schulen, besser auf Infektionen zu reagieren. „Darüber hinaus haben wir gesehen, wie Bakterien der Gruppe Staphylococcus epidermidis im Falle einer Verletzung auf der Haut mit CD8-T-Immunzellen so kommunizieren, dass diese einen Ring am Rand der Wunde bilden und so helfen, den Schaden zu reparieren“, erklärte die amerikanische Immunologin mit algerischen Wurzeln. Dieses Beispiel zeigt auch, bestimmte Mikroben kommunizieren nur mit bestimmten Immunzellen.

Freundliches Bakterium

Wie diese Kommunikation funktionieren könnte, verdeutlicht ein anderes Experiment mit Corynebakterien. „Das ist ein sehr freundliches Bakterium, das alle Menschen auf der Haut haben.“ Im speziellen Fall nutzt das Bakterium ein einziges Molekül, um die Kommunikation mit einer bestimmten Gruppe von Abwehrzellen (Gamma-delta-T-Zellen) zu steuern, denen man die Fähigkeit zuschreibt, auf Gewebsverletzungen wie etwa durch Infektionen oder UV-Strahlen reagieren zu können. „Weiter gedacht heißt das, man könnte das Immunsystem über dieses eine Molekül gezielt steuern, was uns in der Therapie von manchen Krankheiten helfen kann.“

Die Versuche mit Corynebakterien brachten allerdings auch eine andere Seite der Nützlinge zutage. „Wie bei allen Alliierten, können auch aus guten Mikroben Feinde werden“, sagte Belkaid. „Konkret reicht sehr fetthaltige Ernährung, um die Corynebakterien zu Erregern zu machen.“ Das zeigte der Versuch an Mäusen. Auch Gene können einen solchen Prozess auslösen, so die Immunologin.   

Antibiotikatherapien verbessert

Wie man sich die Kommunikation zwischen Viren, Pilzen, Bakterien und Immunzellen zunutze machen kann, beschäftigt Forscher/innen derzeit weltweit. So hat ein Forschungsteam beispielsweise eine Therapie entwickelt, um negative Folgen von intensiven Antibiotikabehandlungen vorzubeugen. Denn durch Antibiotika werden auch nützliche Mikroben aus dem Darm entfernt, wodurch sich die schädlichen Mikroorganismen ausbreiten und die Darmumgebung dominieren können.  

Die Methode ist einfach: Man entnimmt dem Patienten vor der Therapie Teile seines Mikrobioms aus dem Darm und setzt sie danach wieder ein, schilderte Belkaid. „Dieses erfolgreiche Beispiel zeigt, dass es grundsätzlich möglich ist, Patienten zu behandeln, indem man die Zusammensetzung des Mikrobioms ändert. Diese Erkenntnis hat die Behandlung mancher Infektionskrankheiten wirklich revolutioniert.“

Forschung steckt noch in den Kinderschuhen

Auch im Zusammenhang mit Immuntherapie wird zunehmend erforscht, welches Mikrobiom man nutzen könnte, um die Krebstherapie erfolgreicher zu machen. Wie Versuche an Mäusen zeigen, könnte die Qualität des Mikrobioms im Darm eine Schlüsselrolle dabei spielen. „Das ermöglicht es nun Ärztinnen und Ärzten, diese Komponente miteinzubeziehen, um besser zu verstehen, warum manche Patienten auf die Therapie ansprechen und manche nicht.“

Bei all der Euphorie, weist die Immunologin aber auch darauf hin, dass sich die Forschung rund um das Mikrobiom noch in den Kinderschuhen befindet. „Es gibt Billionen von Mikroorganismen und sie alle sind sehr komplex. Von vielen Mechanismen, Zusammenhängen und Hintergründen haben wir schlichtweg noch keine Ahnung.“

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Die ÖAW
news-7489 Mon, 28 May 2018 10:15:57 +0200 MIT DIAMANTEN KREBS ERKENNEN http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/mit-diamanten-krebs-erkennen/ Die moderne Quantenphysik verspricht in den kommenden Jahren eine Revolution zahlreicher medizinischer Technologien. Der Quantenphysiker Jörg Wrachtrup von der Universität Stuttgart, erklärte bei einer Schrödinger Lecture der ÖAW, wie er Quantensensoren aus Diamanten zur Krankheitsdiagnose entwickelt. Aller Anfang ist schwer. Das macht etwa das Beispiel der Installation des ersten transatlantischen Kupferkabels zwischen Großbritannien und den USA im Jahre 1870 deutlich. Vier Versuche waren nötig, die drei Schiffe kosteten, bis die Verbindung zwischen alter und neuer Welt zustande kam.

Der Quantenphysiker Jörg Wrachtrup verwies am Beginn seiner Schrödinger Lecture am 2. Mai 2018 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) auf die Geschichte der interkontinentalen „Verkabelung“ im Buch „Rausch“ von US-Autor John Griesemer, denn: „Immer, wenn ich Hiobsbotschaften aus dem Labor höre, erinnere ich mich an dieses Buch und denke mir, wenn es das Ziel wert ist, muss ich durchhalten! Denn das Ziel ist meist die Mühe wert“.

Und das ist es sicherlich: Wrachtrup und sein Team an der Universität Stuttgart stellen sehr empfindliche Quantensensoren aus Diamanten her und machen sich dafür die optische Transparenz und außergewöhnliche Härte dieser begehrten Steine zunutze. Die Wissenschaftler/innen wollen diese Sensoren in verschiedenen Quantentechnologien, unter anderem in der medizinischen Diagnostik, wie etwa der Kernspintomographie oder der Magnetenzephalographie, anwenden. „Durch Quantensensoren glauben wir diese Technologien radikal verändern zu können und dramatisch zu vereinfachen“, so Wrachtrup.

Ein Scanner für Biomoleküle

Die Kernspintomographie nutzt eine spezielle Eigenschaft der Atome – ihren Spin. Einfach ausgedrückt kann man sich einen Spin als die Rotation von Atomkernen und Elektronen um ihre eigene Achse vorstellen, die die Teilchen zu winzigen, rotierenden Stabmagneten macht. Jedes Teilchen oszilliert somit mit einer bestimmten Frequenz, die gemessen werden kann.
Die neuartigen Sensoren aus Diamant haben ein Stickstoffatom in das Kohlenstoffgitter eingebaut. Der Stickstoff nimmt den Platz eines Kohlenstoffatoms ein. In der Nachbarschaft bildet sich dann eine Leerstelle, ein Defekt, der ein Elektron bindet. Sein Spin macht dieses Elektron zu einer Art winzigem Stabmagneten. Die Orientierung des Stabmagneten hängt dabei von den magnetischen Einflüssen aus seiner unmittelbaren Umgebung ab und so entsteht ein Sensor.

Entscheidend ist, dass die neuartigen Detektoren eine Auflösung im Nanometerbereich erreichen und so empfindlich sind, dass sie einzelne Moleküle exakt messen und Strukturen von Biomolekülen Stück für Stück entschlüsseln können. Die Detektoren messen nämlich nicht nur den Kernspin von Wasserstoffatomen, wie das bei den gängigen Geräten üblich ist, sondern können das auch bei anderen Atomen. "Wir haben den ersten Quantensensor entwickelt, der die Frequenzen verschiedener Atome mit ausreichender Genauigkeit detektieren und so ein Molekül fast in seine einzelnen Atome zerlegen kann", sagte Jörg Wrachtrup an der ÖAW. Dies kann dabei helfen, Krankheitsursachen zu finden und neue Therapien zu entwickeln.

Frühstadium von Erkrankungen erkennen

Jörg Wrachtrup sieht für seine hochauflösenden Quantensensoren gleich mehrere zukünftige Anwendungsfelder. Einerseits in der Biophysik zur Sichtbarmachung von Zellen ohne Färbemittel oder in der medizinischen Diagnostik, etwa um die Krebstherapie zu optimieren. "Es ist denkbar, dass in Zukunft einzelne Proteine ​​nachgewiesen werden können, die sich im Frühstadium einer Erkrankung deutlich verändert haben und bisher übersehen wurden", meint Wachtrup.

Bei der Kernspintomographie können die Diamanten als empfindliche Sensoren eingesetzt werden und dadurch die Geräte weniger aufwendig, kostengünstiger und sogar tragbar machen. Es muss kein Magnetfeld mehr aufgebaut werden und die Patienten müssen sich nicht mehr in die enge Röhre eines MRT-Geräts, das unangenehm laute Klopfgeräusche erzeugt, legen. Darüber hinaus soll es möglich sein, bisher nicht messbare physikalische Parameter in lebendigen Zellen nachzuweisen, wie etwa Temperatur, den pH-Wert und die Verformung von Zellen – dies ist besonders wichtig für die Erkennung von Krebs.

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Die ÖAW
news-7477 Fri, 25 May 2018 10:32:39 +0200 Bloggen von Ausgrabungen und den Weiten des Alls http://www.oeaw.ac.at/veranstaltungen-kommunikation/multimedia/galerien-und-videos/bloggen-von-ausgrabungen-und-den-weiten-des-alls/ Forscher/innen der ÖAW bloggen auf derstandard.at. Sie geben in mittlerweile vier Blogs Einblicke in ihre Arbeit zum kulturellen Erbe der Vergangenheit, zu den gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart und den Innovationen von morgen.  

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Die ÖAW
news-7471 Fri, 25 May 2018 09:10:44 +0200 Begeisterungsfähigkeit und Neugier http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/begeisterungsfaehigkeit-und-neugier/ Das ist, was Forschung vorantreibt - Bei ihrer Feierlichen Sitzung ging es in der Akademie um den Kern der Wissenschaft, die Meilensteine des vergangenen Jahres und um die Geschichte der Menschheit. Warum sind Sie alle hier?“ Diese Frage stellte Anton Zeilinger, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), ins Zentrum der Feierlichen Sitzung 2018 im bis auf den letzten Platz besetzten Festsaal im Hauptgebäude der ÖAW in der Wiener Innenstadt. Die Feierliche Sitzung, die heuer am 18. Mai stattfand, ist traditionell der Höhepunkt im Akademiejahr. Und allein das wäre schon Grund genug für die Anwesenden, so zahlreich zu erscheinen. Doch es ging an diesem Abend um mehr. Es ging um eine Gemeinsamkeit, die alle Festgäste eint – und die den Wissenschaften ihre Innovationskraft und Weltoffenheit verleiht.

„Wir alle haben eine außergewöhnliche Begeisterungsfähigkeit und Neugier“, beantwortete Zeilinger seine eingangs gestellte Frage – und zwar nicht in seinen eigenen Worten sondern mit diesem und einem weiteren Zitat bekannter Wissenschaftler/innen: „Was uns motiviert, uns zu neuen Ufern vorzuwagen, ist auch die Zuversicht, dass Menschen, denen wir nie persönlich begegnen werden, irgendwann in Zukunft von unseren heutigen Fragestellungen, Überlegungen und Experimenten profitieren werden.“ Mit Blick auf die ÖAW zeigte Zeilinger sich überzeugt: „Ich meine, dass dies auch eine Motivation unserer Akademie im vergangen Jahr war.“

Wir alle haben eine außergewöhnliche Begeisterungsfähigkeit und Neugier.

Und ja, der Rückblick zeigt deutlich: Neues zu erkennen und neue Wege zu beschreiten, ist der Akademie auch im Jahr 2017 gelungen. Ein Beispiel dafür aus der Forschung ist das weltweit erste interkontinentale Quanten-Videotelefonat zwischen Wien und Peking. Aber auch in anderen Bereichen wie der verstärkten Förderung der Digital Humanities oder in der nationalen und europäischen Politik- und Gesellschaftsberatung konnte die ÖAW Akzente setzen. Mit der Ausschreibung einer Preisfrage zur gesellschaftlichen Relevanz von Forschung wurde zudem zum Jahreswechsel eine alte Akademietradition neu interpretiert und belebt, wie Zeilinger betonte.

Leistungsstarker Forschungsträger

Diese Aktivitäten und Initiativen der Akademie beurteilte in seinen Grußworten auch Wissenschaftsminister Heinz Faßmann, der als wirkliches Mitglied der ÖAW seit Langem verbunden ist, als äußerst positiv. Er blicke gerne und nicht ohne „eine gewisse Sentimentalität“ auf seine Zeit an der ÖAW zurück. Zugleich betonte er, dass sich Österreichs größte Einrichtung für außeruniversitäre Grundlagenforschung seit seinen Anfängen als wissenschaftlicher Mitarbeiter stark modernisiert hat: „Die Akademie ist heute nicht mehr mit jener vergleichbar, die ich als junger Wissenschaftler erlebte“, sagte Faßmann. „Die Akademie ist heute ein leistungsstarker Forschungsträger und wird hervorragend geführt.“  

Die Akademie ist heute ein leistungsstarker Forschungsträger.

Dem konnte Bundespräsident Alexander Van der Bellen, der zugleich Schirmherr der Akademie ist, nur zustimmen. Auch er kam auf Meilensteine des vergangenen Jahres zu sprechen, und hob dabei insbesondere den Beginn der Sanierungsarbeiten am zukünftigen „Campus Akademie“ rund um das Hauptgebäude der ÖAW hervor: „Unterschätzen Sie nicht, welche Bedeutung das hat“, sagte das Staatsoberhaupt. „Nicht nur für die Akademie, sondern auch städtebaulich und soziologisch ist der Campus für ganz Wien von großer Wichtigkeit: Wissenschaft wird nicht irgendwo am Stadtrand betrieben, sondern hier im Zentrum.“

Vom Zentrum Wiens ist es nicht weit zum Reich der Mitte – und zwar buchstäblich: Van der Bellen erinnerte ebenfalls an das Videotelefonat vom Herbst 2017, bei dem dank Quantenverschlüsselung ÖAW-Präsident Anton Zeilinger in Wien und sein Amtskollege Chunli Bai von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking abhörsicher miteinander sprechen konnten. Erfolgreiche wissenschaftliche Kooperationen wie diese seien wichtige Türöffner, so der Bundespräsident. Als Beispiel dafür berichtete Van der Bellen vom freundschaftlichen und großzügigen Empfang der österreichischen Delegation beim Staatsbesuch in China vor wenigen Wochen. „Wir wurden für ein vergleichsweise kleines Land sehr ernst genommen. Und das ist unter anderem auch auf die Österreichische Akademie der Wissenschaften zurückzuführen.“

Wissenschaft wird nicht irgendwo am Stadtrand betrieben, sondern hier im Zentrum.

Doch noch einmal zurück zur Frage: Warum sind Sie alle hier? Ein Grund dafür mag auch in den hochkarätigen Festredner/innen liegen, die alljährlich die Feierliche Sitzung mit einem wissenschaftlichen Vortrag bereichern. Diesmal war es der schwedische Biologe Svante Pääbo, der als Vordenker der Paläogenetik Einblicke in seine Forschungen gab. Ihm war es nicht nur – und zwar bereits als Doktorand in den 1980er Jahren – gelungen, erstmals die DNA einer Mumie zu klonen. Er gehörte auch zu den Entdecker/innen einer neben dem Homo Sapiens und den Neandertalern dritten Gattung der Population Homo: den Denisova-Menschen.

Bei seinem Vortrag entführte der Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig die Festgäste in die Evolutionsgeschichte der Menschheit. Er erzählte, wie sein Team durch die Sequenzierung des Neandertaler-Genoms nachweisen konnte, dass das Genom der Neandertaler stärker mit dem Genom von Europäern und Asiaten übereinstimmt als mit dem Genom von Afrikanern. Kurz: Ein wenig vom Neandertaler steckt in vielen von uns.

Auch Pääbo fragte die Festgäste nach dem „Warum“. Er wollte wissen: „Warum interessieren wir uns so brennend für den Neandertaler?“ Seine Antwort: Da der Neandertaler der nächste Verwandte zum heute lebenden Menschen ist, stellt ein genetischer Vergleich nicht nur eine wertvolle Informationsquelle dar, um herauszufinden, welche genetischen Veränderungen in der Evolutionsgeschichte zum modernen Menschen geführt haben. Der Vergleich zeigt auch, welche Gene vom Neandertaler noch heute Teil von uns sind und mitverantwortlich für bestimmte Umweltanpassungen aber auch Erkrankungen, wie Diabetes.

Nächste Generation

Für die vielleicht ergreifendste Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ rief Anton Zeilinger einen anderen, nicht weniger außergewöhnlichen Abend im Festsaal der ÖAW in Erinnerung: Im März 2018 wurde hier der Film „Exile and Excellence. The Class of ‘38“ erstmals öffentlich gezeigt. Darin erzählen herausragende Wissenschaftler/innen, wie Eric Kandel, Martin Karplus, Ruth Klüger oder Walter Kohn nicht nur von ihrer Verfolgung in Österreich zur Zeit des Nationalsozialismus, sondern auch davon, wie ihre Lebenswege nach der Flucht in der Wissenschaft weiter verliefen.

Was uns motiviert, uns zu neuen Ufern vorzuwagen, ist auch die Zuversicht, dass Menschen irgendwann in Zukunft von unseren heutigen Fragestellungen, Überlegungen und Experimenten profitieren werden.

Der Film macht somit nicht nur die Schicksale dieser verfolgten Menschen sichtbar, sondern auch ihre nie nachlassende Begeisterung für die Wissenschaft – die nicht zuletzt zum Ausdruck kommt in den Zitaten, die Zeilinger an den Anfang seiner Rede gestellt hatte. Sie stammen aus Interviews mit den Wissenschaftler/innen, die für „Exile and Excellence“ geführt wurden.

Die Begeisterungsfähigkeit, Neugier und Offenheit dieser Menschen, die die Welt der Wissenschaft nachhaltig geprägt haben, gelte es an die nächste Generation weiterzugeben, so der ÖAW-Präsident. Er dankte in diesem Sinne allen im Festsaal versammelten Gästen dafür, die Akademie – heute und in Zukunft – bei dieser wichtigen Aufgabe zu unterstützen.

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Die ÖAW
news-7458 Tue, 22 May 2018 17:41:21 +0200 Neue Ideen sind stets willkommen http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/neue-ideen-sind-stets-willkommen/ Mit der Übergabe ihrer Dekrete wurden 29 neu gewählte Mitglieder feierlich in die ÖAW aufgenommen. Führende Wissenschaftler/innen aus sieben Ländern und mit unterschiedlichen Forschungsgebieten, wie Medizintechnik, Völkerrecht, Quantenphysik, Technikfolgen-Abschätzung, Human-Robot Interaction, Biomathematik oder Zeitgeschichte, wurden am 18. Mai 2018 feierlich als neue Mitglieder in die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) aufgenommen.

International und vielfältig

„Unser oberstes Kriterium bei der Auswahl war die wissenschaftlichen Exzellenz“, sagte ÖAW-Vizepräsident Michael Alram in seiner Begrüßungsrede vor den neuen Mitgliedern. „Ein Kriterium, das Sie alle nachweislich in hohem Maße erfüllen.“ 

Auch die hohe Internationalität und Fächervielfalt wurde von Alram betont, der sich überzeugt zeigte, dass dadurch der Disziplinen übergreifende Dialog und der Austausch über die Grenzen von Ländern hinweg weiter befördert werden. „Ihre Ideen, Ihre Initiativen werden uns stets willkommen sein“, ermutigte Alram die „Neuen“ aktiv an der Gestaltung der Akademie mitzuwirken und sie durch innovative Ideen zu bereichern.

Einmal im Jahr nimmt die ÖAW neue Mitglieder in ihren Reihen auf. Maßgeblich für die Wahl sind die erbrachte wissenschaftliche Leistung und das wissenschaftliche Ansehen der Wissenschaftler/innen. Auch die Ausgewogenheit der Fachrichtungen und die Steigerung des Frauenanteils werden berücksichtigt. Bei der diesjährigen Wahlsitzung am 20. April 2018 wurden 16 herausragende Forscherinnen und 13 exzellente Forscher in die Akademie aufgenommen. Zahlreiche von ihnen waren auch bei der feierlichen Verleihung der Aufnahmedekrete zugegen.

Wissenschaftliche Ideenschmiede

Die Mitglieder der ÖAW verstehen sich als interdisziplinäre Gemeinschaft im Dienst von Wissenschaft und Gesellschaft. Aufgrund ihrer multidisziplinären, überinstitutionellen und internationalen Zusammensetzung haben die Mitglieder der ÖAW einen breiten Überblick über die nationalen und internationalen Entwicklungen an Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Ihre Expertise macht sie zugleich zu einer wissenschaftlichen Ideenschmiede. Damit tragen sie entscheidend zur Erfüllung der gesetzlichen Aufgabe der ÖAW bei, „die Wissenschaft in jeder Hinsicht zu fördern“.

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Die ÖAW
news-4317 Fri, 18 May 2018 15:00:00 +0200 Vom kulturellen Erbe bis in den fernen Weltraum https://www.oeaw.ac.at/fileadmin/NEWS/2018/PDF/o__aw_jahresbericht_17_web.pdf Der neue ÖAW-Jahresbericht präsentiert die wichtigsten Ereignisse des Akademiejahres 2017 Die ÖAW news-7348 Wed, 09 May 2018 09:36:45 +0200 Am Limit der Zeit http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/am-limit-der-zeit/ In Wien konnten 2001 erstmals Attosekunden-Lichtblitze erzeugt werden. Das war die kürzeste je gemessene Zeitspanne. Ferenc Krausz, dem dieser Durchbruch gelungen ist, erklärte bei einer Schrödinger Lecture an der ÖAW, wie die neue Technologie eines Tages für die Medizin eingesetzt werden könnte. Ein Gebiet der Quantenoptik befasst sich damit, ultrakurze Laserpulse zu messen und zu erzeugen. Und somit ultraschnelle Bewegungen von Elektronen beobachten zu können. Je kürzer ein Lichtstrahl, umso genauere Einblicke erhält man in Vorgänge im atomaren Bereich. Dem Wittgenstein-Preisträger Ferencz Kraucz gelang es 2001 mit seiner Forschungsgruppe an der TU Wien erstmals einen Lichtpuls von weniger als einer Femtosekunde Dauer zu erzeugen. Dieser Durchbruch markierte den Beginn der sogenannten Attosekundenphysik. Seine neuesten Forschungsergebnisse und mögliche Anwendungsmöglichkeiten für die Medizin präsentierte der heutige Direktor am Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching kürzlich bei einer Schrödinger Lecture an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Imaginäre Raumstation im All

Um die Leistungsfähigkeit seiner Instrumente zu veranschaulichen, katapultierte Krausz zunächst die Zuhörer auf eine imaginäre Raumstation ins All. „Wir versuchen uns nun vorzustellen, dass wir auf dieser Weltraumstation ein Teleskop haben, mit dem wir zunächst die italienische Halbinsel beobachten können. Mit zunehmender Vergrößerung können wir immer feinere Strukturen erkennen und sehen etwa San Marco, wo wir versuchen einen Regentropfen zu vergrößern. Dafür würde man das größte Teleskop der Welt benötigen – dieses ist beinah so groß wie eine ägyptische Pyramide und wird gerade in Chile gebaut. Mit diesem könnte man Regentropfen aus 1000 km Entfernung sichtbar machen“, erklärte Krausz dem Publikum.

Wie ist es nun bei uns auf der Erde auf atomarer Ebene möglich, die kleinsten Details mit vergleichbarer Präzision sichtbar zu machen? Dafür ist eine „Dehnung der Zeit“ nötig. Mit einer Zeitvergrößerung von 103 können wir etwa die Flügelbewegung von Fliegen beobachten, mit 1011 ist es möglich in die atomare Welt vorzustoßen und die Rotation von Elektronen sichtbar zu machen. Bei 1015 können Elektronen verlangsamt und mit unseren Augen verfolgt werden.

0,000000000000000001 Sekunden

Zur Erinnerung: Elektronen sind negativ geladene Teilchen und werden von der positiven Ladung des Kerns angezogen. Die Aufgabe von Elektronen ist es, Atome zu binden, um die Bausteine der Materie und Lebewesen zu bilden. Vorhersagen lässt sich nur die Wahrscheinlichkeit der Lage der Elektronen, die durch eine Wolke repräsentiert wird. Die Bewegung der Elektronen manifestiert sich in der Verformung der Wolke und wird durch die Schrödingergleichung beschrieben, welche die Zeitentwicklung eines quantenmechanischen Zustands darstellt. Doch die Gleichung ist nur für wenige Systeme anwendbar.

Krausz ist deswegen überzeugt: „Wir müssen vereinfachte Modelle aus dieser Gleichung entwickeln. Wie ist es möglich die Lage von Elektronen zu erfassen?“ Seine Lösung: „Um schnelle Bewegungen sichtbar zu machen, müssen diese in Momentbildern festgehalten und aus diesen die Bewegung in Zeitlupe wiedergegeben werden.“

Anders als bei der Zeitdehnung geht es nun also um eine massive „Verkürzung der Zeit“. Die Verschlusszeit einer Kamera muss so kurz sein, dass sich das Objekt während des Abblitzens kaum bewegt. Um solche Attosekunden-Bewegungen sichtbar zu machen, sind Attosekunden-Blitze notwendig – und diese zur erzeugen, ist Krausz und seinem Team gelungen. Unglaublich schnell vergehende 10-18 Sekunden dauern diese.

Anwendung in der Medizin

Geht es nach Krausz, sollen solche Lichtblitze zukünftig auch in der Krebsbehandlung eingesetzt werden. Wie das funktionieren könnte, erklärte er an der ÖAW: „Eine Blutprobe kann mit einer ultrakurzen, infraroten Laserwelle, bestrahlt werden, was die Moleküle in Schwingung bringt und sie dann kohärente Strahlung aussenden lässt. Bei 1000-facher Vergrößerung wird dies sichtbar. Dieses Signal liefert wiederum Informationen über die Schwingungen der Moleküle, die sehr spezifisch sind und so können kleinste Veränderungen in der Probe erkannt werden.“

Für die Behandlung von Krebs würde dies einen bedeutenden Vorteil bringen. Denn so könnten tägliche Bluttests durchgeführt und die Reaktion der Tumore auf die Therapie bestimmt werden. Dadurch könnte man die Behandlung an das aktuelle Krankheitsstadium anpassen – ein entscheidender Schritt in Richtung personalisierter Krebstherapie.

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Die ÖAW
news-7339 Mon, 07 May 2018 13:55:16 +0200 Direkte Demokratie: Das Volk muss entscheiden http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/direkte-demokratie-das-volk-muss-entscheiden/ Der Ruf nach mehr direkter Demokratie wird immer lauter. In Zeiten des Rechtspopulismus ist sie aber nicht unumstritten. Mit welchen Gefahren ist direkte Demokratie heute verbunden? Welche Chancen bietet sie andererseits? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion an der ÖAW, bei der das Thema direkte Demokratie aus Sicht der Wissenschaft beleuchtet wurde. Sollen Bürgerinnen und Bürger direkt über Gesetze entscheiden dürfen? Sollen sie also aus eigener Initiative Gesetzesvorlagen im Parlament einbringen oder direkt über Gesetze abstimmen können? Geht es nach einer Expertenrunde, die das Thema „Direkte Demokratie“ aus schweizerischer und österreichischer Sicht bei einer Podiumsdiskussion am 19. März 2018 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) diskutierte, spricht durchaus einiges für die Ausweitung direktdemokratischer Rechte. Doch wie so oft, steckt auch hier der Teufel im Detail, wie bei dem Gespräch von Staatsrechtlern und Politikwissenschaftlern deutlich wurde.

Wenn die Mehrheit über die Minderheit bestimmt

Da ist zunächst die Problematik von Mehrheitsentscheidungen über Minderheiten: Wie lässt sich etwa verhindern, dass Minderheiten vom Stimmvolk in ihren Rechten eingeschränkt werden? Geht es nach dem Staats- und Verwaltungsrechtler Franz Merli von der Universität Wien braucht es daher einen Sicherheitsmechanismus, oder wie er sagte, einen „Puffer“ zwischen der Entscheidung des Volkes und der Umsetzung: „Es kann nicht sein, dass ein Gesetz sofort in Kraft tritt.“ Nach einer Gesetzesinitiative und der Entscheidung des Volkes müsse zunächst der Verfassungsgerichtshof tätig werden und das Gesetz auf seine Verfassungsmäßigkeit hin überprüfen. Gerade im Falle von Minderheitenrechten sei dies aber „nicht ausreichend“, wie Merli anmerkte. Er schlug daher ein Abstimmungsverbot für bestimmte Themen vor.

Sein Kollege Ewald Wiederin von der Universität Wien sah eine solche Maßnahme nicht als notwendig an, da dieses Themenverbot bereits durch die garantierten Grundrechte indirekt besteht. Doch er ist sich mit Franz Merli einig, dass eine Kontrolle – etwa durch die Gerichte oder eine parlamentarische Körperschaft – notwendig sei. Davon riet der Schweizer Politikwissenschaftler Adrian Vatter von der Universität Bern allerdings dringend ab: „Wenn sie einen ganzen Abstimmungsprozess durchgeführt haben, die Menschen informiert sind und an die Urne gehen, könnte es frustrierend sein, wenn der Entscheid dann einfach aufgehoben wird. Es könnte dann zu Konflikten zwischen den Menschen, die sich als Souverän verstehen, und den Verfassungsrichtern kommen.“

Wichtiges Instrument Referendum

Mehr Einigkeit unter den Podiumsgästen gab es bei der Frage, ob einem direktdemokratischen Volksentscheid eine umfangreiche Diskussion darüber vorangehen muss. Zoltán Pállinger von der Andrássy Universität Budapest wies darauf hin, dass eine solche Diskussion ermögliche, „dass Konflikte zwischen den Eliten und dem Volk vorab ausgehandelt werden“. Der Politikwissenschaftler zeigte sich auch überzeugt, dass bereits das bloße Wissen um eine mögliche Abstimmung die Art und Weise verändere, wie Gesetze gemacht werden.

Hier spielt vor allem das Instrument des Referendums eine große Rolle, bei dem die Bevölkerung gegen einen Gesetzesentwurf des Parlaments stimmen kann. „Gut funktionierende direkte Demokratie erzwingt nicht viele Vetoabstimmungen, sondern löst einen Lernprozess bei Eliten aus.“  Das zeige auch die Erfahrung aus der Schweiz. Geht es nach dem Schweizer Verfassungsjuristen Andreas Auer von den Universitäten Zürich und Genf, ist das Referendum aus diesem Grund das wichtigste Element in einer direkten Demokratie, das mehr Beachtung finden sollte. Mit Blick auf die Schweiz bekräftigte er: „Das hat die politischen Verhältnisse stärker beeinflusst, als die Volksinitiative.“

Information, Propaganda und Geld

Für Diskussionsstoff sorgte auch die Frage, ob die Bevölkerung in der Lage sei, über komplizierte Fragen abzustimmen. Diesem Zweifel hielt Adrian Vatter Zahlen aus Schweizer Studien entgegen, wonach drei Viertel des Stimmvolkes gut Bescheid wissen und die eigene Entscheidung durchaus argumentieren können. Auch Bedenken hinsichtlich der Käuflichkeit von Stimmen versuchte der Wissenschaftler zu differenzieren. „Propagandaeffekte sind dann sichtbar, wenn das Thema abstrakt, wenig vertraut und nicht stark umstritten ist. Insgesamt kommt die Forschung aber zu dem Schluss, dass Geld bei Volksabstimmungen eine relativ geringe Rolle spielt. Wenn es knapp ausgeht, kann es allerdings den Unterschied ausmachen.“

Geld sehr hingegen sehr wohl eine Rolle, sei, so Vatter, wenn die Hürden für eine Volksinitiative zu hoch sind, sodass auch kleinere Bürgerzusammenschlüssen Schwierigkeiten bekommen, Volksinitiativen durchzuführen und Themen weiter zur Abstimmung zu bringen. „Ist die Hürde zu hoch, sind es nur noch finanzkräftige Organisationen, die die Möglichkeit haben, diese Unterschriften in kurzer Zeit zusammenzubringen und dann auch die Abstimmungskämpfe zu finanzieren.“

Das Volk muss über direkte Demokratie entscheiden

Die Hürden des Schweizer Modells mit 100.000 Unterschriften sind für Wiederin allerdings zu niedrig. „Man sollte die Hürde aber auch nicht wie im Regierungsprogramm vorgesehen bei 900.000 ansetzen. Dann wird direkte Demokratie nie Teil der Alltagskultur. Es muss etwas dazwischen sein.“

Letztlich müsse aber auch darüber das Volk entscheiden, erklärte ÖAW-Mitglied Wiederin. So hielt der Verfassungsjurist fest, dass direkte Demokratie nichts ist, was das Parlament verordnen könnte. „Gesetzgebung am Parlament vorbei ist als Gesamtänderung der Bundesverfassung zwingend einer Volksabstimmung zu unterziehen, sodass wir uns dann als Stimmvolk einfach entscheiden werden müssen.“

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Die ÖAW
news-7272 Tue, 24 Apr 2018 15:30:56 +0200 „Unterschätzen immer noch, wie kompliziert wir sind“ http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/unterschaetzen-immer-noch-wie-kompliziert-wir-sind/ Wenn man verstehen will, wie Leben funktioniert, muss man verstehen, wie Zellen sich teilen. Der britische Nobelpreisträger Sir Paul Nurse hat mit seiner Forschung viel zu einem besseren Verständnis der Zellteilung beigetragen. Doch auch wenn die Forschung laufend Fortschritte mache, blieben noch viele Fragen zu den Grundlagen des Lebens offen, erklärte Nurse an der ÖAW. Nobelpreisträger sind nicht jeden Tag in Wien zu Gast. Dementsprechend groß war der Andrang, als Sir Paul Nurse am 13. April bei einer Hans Tuppy Lecture von Österreichischer Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Universität Wien im Festsaal der Akademie sprach. Dort entführte der Molekularbiologe das Publikum unter dem Titel „How CDKs Control the Cell Cycle“ in die Welt der Zellteilung und erinnerte mit einer kleinen Portion britischen Humors daran, warum dieses Thema jeden angeht: Denn am Beginn unseres Daseins sind wir alle nur eine einzige Zelle.

Fast Philosophie statt Biologie studiert

Der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin, mit dem Nurse im Jahr 2001 für seine Forschungen zum Zellzyklus gemeinsam mit zwei weiteren Wissenschaftlern ausgezeichnet wurde, war ihm sicherlich nicht in die Wiege gelegt worden. Er wuchs in keinem akademischen Umfeld auf und lebte bei seinen Großeltern. Dennoch gelang es ihm, an der Universität in Birmingham ein Biologiestudium zu beginnen. Wie viele Studierende, empfand auch er die Durchführung von Experimenten als langwierig und langweilig, sodass er sogar überlegte etwas anderes, wie Philosophie, zu studieren. Zum Glück tat er das nicht.

Denn heute zielt Nurse in seiner Arbeit am Londoner Francis-Crick-Institut, einer der größten molekularbiologischen Forschungseinrichtungen Europas, mit Erfolg darauf ab ein besseres Verständnis von den zellulären Netzwerken zu gewinnen, die den Zellzyklus, die Zellform und das Zellwachstum regulieren. Diese zellulären Kontrollen sind grundlegend für das Wachstum, die Entwicklung und die Reproduktion aller lebenden Organismen. Sie sind auch relevant für das Verständnis von Krankheiten, insbesondere von Krebs.

Komplizierter als ein Plan der Londoner U-Bahn

Gemeinsam mit seinem Team ist es Nurse gelungen, die Funktionsweise von Protein-Enzymkomplexen – sogenannten CDKs (Cyclin Dependent Kinases) – am Modellorganismus eines Hefepilzes, zu erklären. Diese steuern die verschiedenen Phasen während des Zellzyklus – und sind höchst komplex.

Nurse verdeutlichte das dem Publikum an der ÖAW, indem er ein Bild dieser Netzwerke mit einem Plan der weitverzweigten Londoner U-Bahn verglich. Die komplizierten zellulären Netzwerke im Labor zu beobachten sei nicht nur äußerst herausfordernd, sondern manchmal auch ein wenig frustrierend: Denn je mehr Wissen über den Zellzyklus bekannt werde, desto mehr gehe das Gesamtverständnis verloren. Daher setzten Nurse und sein Team in ihrer Forschung beim Problem der Komplexität an, um die Vorgänge der Zellteilung besser verständlich zu machen.

Protein-Komplex Cdc13-Cdc2 steuert Zellzyklus

Die Forscher/innen entwarfen eine Versuchsanordnung für Experimente, mit denen sie zeigen konnten, dass es ein sogenannter Cdc13-Cdc2-Komplex ist, der in Abwesenheit der anderen Cycline den Zellzyklus steuern kann. Offenbar sind also qualitativ verschiedene CDK-Komplexe für die Zellzyklusprogression weder während der Mitose noch während der Meiose unbedingt erforderlich. Ein einzelner CDK-Komplex reicht aus, um beide Zellzyklusprogramme anzutreiben.

Mit dieser neuen Erkenntnis ist Paul Nurse einer Antwort auf die Frage, wie Leben eigentlich funktioniert ein weiteres, entscheidendes Stück näher gekommen. Erklärt ist damit aber natürlich noch lange nicht alles. Wie Nurse in einem Interview am Rande seines Vortrags betonte, sei die Zellteilung ein immens komplizierter Vorgang. „Das ist der Grund, warum die medizinische Behandlung von Krankheiten so schwierig ist. Ich glaube, wir unterschätzen immer noch, wie kompliziert wir eigentlich sind.“ Langweilig wird Nurse also auch in Zukunft nicht werden. Es bleibt noch viel zu erforschen.

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news-6963 Mon, 16 Apr 2018 00:00:00 +0200 Wissenschaft als Magnet http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/wissenschaft-als-magnet/ Besucheransturm an ÖAW-Stationen bei der Langen Nacht der Forschung. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zieht eine erfreuliche Bilanz zur Langen Nacht der Forschung 2018: Tausende Menschen nutzten am 13. April die Gelegenheit, die Forschung an der ÖAW aus nächster Nähe zu erleben. An vier Standorten in ganz Österreich konnten Wissenschaftsfans in spannende Forschungsfelder, von der Archäologie über Molekularbiologie bis hin zur Weltraumforschung, eintauchen. Allein auf dem Forschungspfad des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung in der Wiener Innenstadt, bei dem auch Institute der ÖAW ihre Forschungen präsentierten, konnten 30.000 begeisterte Besucher/innen begrüßt werden.

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news-6941 Thu, 22 Mar 2018 14:28:00 +0100 Die letzten Zeugen http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/die-letzten-zeugen/ Als Kinder und Jugendliche mussten sie vor den Nazis aus Österreich fliehen. Heute zählen sie zu den bedeutendsten Wissenschaftler/innen der Welt. Eric Kandel, Ruth Klüger, Martin Karplus und dreizehn weitere Forscher/innen erzählten im Film „Exile & Excellence“ an der ÖAW, wie Flucht und Vertreibung ihr Leben geprägt hat. „Bist du ein Jud?“, fragte ein junger Offizier der Sturmabteilung den damals Fünfzehnjährigen Egon Schwarz auf einer Straße in Wien in den Tagen nach dem „Anschluss“ im März 1938. „Ich sagte, ‚ja‘ und er meinte, ich solle mitkommen ins Hauptquartier“, erinnert sich der spätere Harvard-Professor und Experte für österreichische Literatur. Schwarz kam nicht mit. Er wehrte sich, als der SA-Offizier an ihm zerrte, bis dieser schließlich von ihm abließ. „Fragen Sie mich nicht, was mich mit fünfzehn Jahren damals dazu befähigt hat, der Uniform Widerstand zu leisten.“
 
Egon Schwarz ist einer von fünfzehn weiteren herausragenden Wissenschaftler/innen, die im Film „Exile & Excellence. The Class of `38“ von ihren Erlebnissen in Österreich zur Zeit des Nationalsozialismus, ihrer Flucht und ihren Lebenswegen danach erzählen. Am 13. März 2018 wurde der vom österreichisch-britischen Filmemacher Frederick Baker gestaltete Film erstmals vor großem Publikum im Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gezeigt.

In eindrücklichen und berührenden Interviews vermittelt der Film achtzig Jahre nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland die Perspektiven der von Flucht und Vertreibung betroffenen Forscher/innen und ist damit zugleich ein Zeitdokument für das kollektive Gedächtnis des Landes. ÖAW-Präsident Anton Zeilinger erinnerte sich anlässlich der Premiere, wie ihn Erzählungen von Überlebenden des Holocaust seit seiner Jugend beschäftigt haben. „Es ist klar, dass künftige Generationen nicht mehr die Gelegenheit dazu haben werden, mit diesen Personen in Kontakt zu kommen.“ Aus diesem Gedanken entstand schließlich die Idee zum Film „Exile & Excellence“, erklärte der Quantenphysiker.
 
„Reiner Zufall, dem ich mein Leben verdanke“

Zu der „Klasse von 1938“ zählen neben Egon Schwarz auch der Nobelpreisträger und Neurowissenschaftler Eric Kandel, der als Neunjähriger mit seiner Familie in die USA floh, oder der renommierte Psychologe Walter Mischel, der bei seiner Flucht acht Jahre alt war. Auch die Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger erzählt ihre Lebensgeschichte im Film. Sie wurde als Kind in verschiedene Konzentrationslager deportiert. „Es ist der reine Zufall, dem ich mein Leben verdanke. Jener Zufall, der innerhalb von 15 oder 30 Minuten stattgefunden hat, in denen ich, obwohl ich viel zu jung war, ausgewählt wurde, um von einem Vernichtungs- in ein Zwangsarbeitslager zu kommen“, berichtet die Wissenschaftlerin.
 
Nach Ende des Krieges, erzählt Klüger weiter, schrieb sie sich ohne Schulbildung am City College in New York ein, wie viele zu dieser Zeit. „Da war praktisch eine Überschwemmung von Studenten, die aus Europa gekommen waren. Die Zeugnisse konnte man am College nicht lesen, und so haben sie gesagt: Wer es nach zwei Semestern nicht schafft, wird rausgeschmissen.“ Alle strengten sich an und niemand musste gehen, erinnert sich die Germanistin, die 2015 die Ehrendoktorwürde der Universität Wien erhielt.
 
Wie in einem Mosaik verwebt der Film, der unter der wissenschaftlichen Leitung der ÖAW-Historiker/innen Heidemarie Uhl und Johannes Feichtinger entstand, die Geschichten von Ruth Klüger oder Egon Schwarz unmittelbar mit den Erinnerungen weiterer herausragender Forscher/innen, die ihre wissenschaftlichen Karrieren in den USA, Großbritannien oder Israel verwirklichten. Unter ihnen auch die Molekularbiologin Hanna Engelberg-Kulka, der Kardiologe Eugene Braunwald sowie die Sozialpsychologin Lotte Bailyn und der Nobelpreisträger Martin Karplus, der seit 2015 Ehrenmitglied der ÖAW ist.
 
Österreich bleibt Heimat

Obwohl die Wissenschaftler/innen aus Österreich vertrieben und von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, bleibt für viele Österreich ihre „Heimat“, wie der Englisch sprechende Braunwald es mit einem deutschen Wort ausdrückt. „Es ist sehr seltsam. Das fühle ich nicht, wenn ich nach Boston komme“, erklärt der Harvard-Professor, der im Alter von neun Jahren floh und den Großteil seines Lebens in den USA verbracht hat. Der Sozialpsychologe Herbert Kelman meint wiederum: „Österreich ist ein Teil von mir, warum soll ich das weggeben. Es gehört ja mir.“
 
Manche der exzellenten Denker/innen blicken in dem Film ungeachtet ihrer furchtbaren Erfahrungen auch positiv auf ihr Schicksal zurück, wie etwa der Persönlichkeitspsychologe Walter Mischel. „Ich bin nicht wirklich dankbar für 1938, aber ich bin dankbar für jene vielen Dinge, die ein gutes und interessantes Leben möglich gemacht haben.“ Und Egon Schwarz ergänzt: „Hier in Österreich wäre ich nichts Besonderes geworden.“ Dennoch – auch daran erinnern die Interviewten – handle es sich bei den Personen in diesem Film um jenen kleinsten Teil von Menschen, die es angesichts geschafft haben. „Wir sprechen hier nicht über die große Mehrheit, die unterwegs getötet wurde oder verhungerte. Nur sieben Prozent überlebten die Flucht und von diesen sehen wir nur auf jene wenigen, die Exzellenz erreicht haben“, verdeutlicht der Hochdruckphysiker und Wissenschaftshistoriker Gerald Holton, der als 16-jähriger mit einem Kindertransport über England in die USA kam.
 
Am Ende lautet die Botschaft des Films daher eindeutig: „Nie wieder!“. Ein Appell, den der Sozialpsychologe Kelman wie folgt interpretiert: „Viele verstehen den Satz in dem Sinne, dass Juden es nie wieder zulassen dürfen, dass ihnen so etwas wiederfährt. Ich meine, nie wieder kann das irgendeinem Menschen angetan werden.“

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Die ÖAW
news-6854 Thu, 08 Mar 2018 11:08:57 +0100 Die erste Frau in der Reihe der Mitglieder http://www.oeaw.ac.at/mitglieder-kommissionen/kommissionen/geschichte-der-oesterreichischen-akademie-der-wissenschaften/ Lise Meitner wurde 1948 in die ÖAW aufgenommen. Sie hatte eine bewegte Lebensgeschichte und Karriere in der „Männerdomäne Physik“.  

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news-6812 Fri, 02 Mar 2018 15:11:34 +0100 Die „vergessene“ Revolution von 1848 http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/die-vergessene-revolution-von-1848/ Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Redefreiheit – die Revolution von 1848 forderte vieles, was heute selbstverständlich scheint. Was sich vor 170 Jahren bei der ersten bürgerlich-demokratischen Revolution des Landes abspielte und warum sie im Gedächtnis Österreich kaum präsent ist, erklärt ÖAW-Mitglied und Historikerin Brigitte Mazohl. Der Platz war gefüllt mit Menschen, Fahnen wurden geschwungen, Rufe nach Pressefreiheit erklangen. So in etwa kann man sich die Tage um den 12. März 1848 am heutigen Dr. Ignaz Seipel-Platz in der Wiener Innenstadt vorstellen, glaubt man zeitgenössischen Stichen. Damals verfassten in der Aula der Universität – dem heutigen Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften – Studierende und liberale Professoren eine Petition für mehr Freiheit. Revolution lag in der Luft.

170 Jahre später sollte sich der Festsaal ein weiteres Mal füllen, um an diese entscheidenden Momente zu erinnern. Unter dem Titel „Was kommt heran mit kühnem Gange“ fanden am 12. März Lesungen, musikalische Beiträge und ein Vortrag des 1848-Experten Wolfgang Häusler an der ÖAW statt. Organisiert wurde die Gedenkveranstaltung von den beiden Historiker/innen und ÖAW-Mitgliedern Brigitte Mazohl und Ernst Bruckmüller. Im Interview erzählte Brigitte Mazohl, warum die Erinnerung an das Revolutionsjahr 1848 auch heute noch wichtig ist.

Das Hauptgebäude der ÖAW in Wien war 1848 Teil der Universität. Was genau spielte sich dort in den Revolutionstagen vor 170 Jahren ab?

Brigitte Mazohl: Das heutige Hauptgebäude der Akademie war seit seiner feierlichen Eröffnung im Jahr 1756 durch Maria Theresia auch das zentrale Gebäude der Universität, einschließlich der „Neuen Aula“, dem heutigen Festsaal der ÖAW. Hier trafen sich am 12. März 1848, einem Sonntag, zahlreiche Studierende und sympathisierende Professoren, um eine Petition an den Kaiser zu richten. Es gab ein ziemliches Durcheinander, weil man sich so rasch nicht auf einen Text einigen konnte. Die Petition sollte am nächsten Tag den niederösterreichischen Ständen vorgelegt werden. Dabei kam es in der Herrengasse zu den ersten Schüssen – angeordnet vom Militärkommandanten Erzherzog Albrecht.
 

Die Forderungen der Studenten zielten auf eine parlamentarische Verfassung ab und auf mehr „bürgerliche“ Freiheiten – Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Redefreiheit.


In der Petition forderten die Studierenden nicht nur soziale Reformen, sondern auch eine Universitätsreform.

Mazohl: Die wichtigsten Forderungen der Studenten zielten auf eine parlamentarische Verfassung ab und auf mehr „bürgerliche“ Freiheiten – Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Redefreiheit. Was die Universität betrifft, wurde Lehr- und Lernfreiheit gefordert. Dass die reichlich „verschulte“ – wie man heute sagen würde – Universität reformiert werden müsse, wusste man in der Studienhofkommission, das war die Vorgängerinstitution des späteren Unterrichtsministeriums, sowieso seit Jahrzehnten.

Und was änderte sich nach 1848 an der Universität?

Mazohl: Die Revolution wurde zwar – in der dritten Revolutionswelle im Oktober – blutig niedergeschlagen, doch für die Universitäten wurden die wichtigsten Forderungen umgesetzt. In der Ära des nachrevolutionären Reform-Ministers Leo Thun-Hohenstein erlebten sie einen ungeheuren Aufschwung.

Damals zogen Studierende und Lehrende neben Arbeitern aus der Vorstadt durch die Straßen. Denken Sie, so etwas wäre heute noch möglich?

Mazohl: Es waren damals die Arbeiter, die sich den Studenten angeschlossen haben, nicht umgekehrt. „Arbeiter“ im damaligen Sinne gibt es ja heute kaum noch, und die Solidarität mit studentischen Anliegen hält sich in der heutigen Gesellschaft meiner Ansicht nach in Grenzen. Das Interesse an der Wissenschaft, an den Universitäten und deren akademischen Institutionen, und daher auch an Studierenden, ist in Österreich ja bekanntermaßen wenig ausgeprägt.

Und die Studierenden selbst?

Mazohl: Die sind heute vor allem für ihre eigenen studentischen Interessen zu mobilisieren. Ich denke da mit Freude und zugleich mit Wehmut an die Demonstrationen gegen das Universitätsgesetz von 2002, dem sich ja auch Professor/innen angeschlossen hatten. Genützt haben sie nichts. Die organisatorische Umgestaltung der Universität im neoliberalen betriebswirtschaftlichen Sinn wurde damals politisch gewollt, was das Ende der „alten“ Universität einleitete.

Lässt sich die Situation von damals überhaupt mit heute vergleichen?

Mazohl: In vieler Hinsicht waren es andere Zeiten. Allein, was die Zahl der Studierenden - damals ja nur Männer – betrifft: Diese bewegte sich noch Ende des 19. Jahrhunderts um knappe drei Prozent eines Jahrgangs. Die Macht von „Thron und Altar“ war weitgehend ungebrochen, die soziale Gliederung zwischen „unten“ und „oben“ noch wenig durchlässig – allerdings boten Studium und Bildung gute Möglichkeiten für sozialen Aufstieg. Es ist ähnlich wie mit der Zeit vor 1968 – die heute junge Generation kann sich kaum mehr vorstellen, wogegen und wofür „wir“ (ich studierte in den Jahren zwischen 1966 und 1971) damals kämpfen mussten!
 

In Österreich ist das Gedenken an die damals so entscheidenden Freiheitsforderungen kaum Gegenstand des zeitgenössischen politischen Diskurses.


Sind die Ereignisse von 1848 Ihrer Meinung nach präsent genug im historischen Gedächtnis Österreichs?

Mazohl: Nein. In anderen europäischen Staaten wurde zum Beispiel im Jahr 1998 vielfach des 150. Jubiläums von 1848 gedacht. In Österreich hingegen ist das Gedenken an die damals so entscheidenden Freiheitsforderungen kaum Gegenstand des zeitgenössischen politischen Diskurses. 1998 hing das wohl damit zusammen, dass die damals noch „großen“ Parteien sich nicht mit 1848 identifizieren konnten. Die „linke“ Revolution galt als „gescheitert“, die „rechte“ Seite wollte sie gar nicht erst zur Kenntnis nehmen und das „dritte Lager“ hatte sich im Jahrhundert danach bis zur Unkenntlichkeit von den liberalen Ursprungsideen entfernt. Heuer wird das 170. Jubiläum der Revolution 1848 vom Gedenken an den „Anschluss“ 1938 überlagert.

Was könnten wir denn heute von 1848 lernen?

Mazohl: Auf der Seite der Machthabenden: dass es allemal zur Eskalation von Konflikten kommt, wenn Gewalt eingesetzt wird – die Märztage wären ohne Schießbefehl völlig anders verlaufen. Auf der Seite der Studierenden: wie wichtig es ist, sich politisch zu engagieren und die Bedeutung der eigenen Forderungen auch in die breitere Öffentlichkeit zu tragen. Und Verantwortung für gesellschaftliche Entwicklungen insgesamt zu übernehmen und dabei nicht nur die eigene „akademische“ Welt im Auge zu haben.

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Die ÖAW
news-6801 Fri, 02 Mar 2018 10:38:34 +0100 ÖAW trauert um Helmut Rumpler http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/oeaw-trauert-um-helmut-rumpler/ Mit dem wirklichen ÖAW-Mitglied verstarb am 10. Februar 2018 einer der führenden Historiker Österreichs. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften trauert um Helmut Rumpler. Als wirkliches Mitglied und langjähriger Obmann der Kommission für die Geschichte der Habsburgermonarchie der ÖAW trug der bedeutende Historiker mit vielfältigen wissenschaftlichen Arbeiten und Publikationen maßgeblich dazu bei, dass die an der Akademie betriebene Geschichtsforschung zum langen 19. Jahrhundert und zu Mitteleuropa einen hohen internationalen Ruf erlangen konnte. Nun ist Rumpler am 10. Februar im Alter von 82 Jahren verstorben.

Regionale und nationale Geschichte im europäischen Kontext

Der 1935 geborene Wiener habilitierte sich 1973 in seiner Geburtsstadt für Neuere Geschichte und wurde 1975 auf einen Lehrstuhl an die Universität Klagenfurt berufen. Dort widmete er sich als Professor für Neuere und Österreichische Geschichte zwei zentralen Themen der Kärntner Landesgeschichte: dem Kampf um Kärntens Grenzen 1918/20 und dem deutsch-slowenischen Nationalitätenkonflikt. In seinem Hauptwerk „Eine Chance für Mitteleuropa“ beleuchtete er das Aufkommen der neuen deutschen, polnischen, italienischen, ungarischen, tschechischen und südslawischen Nationalismen im Kaisertum Österreich, das 1848 in eine „Revolution der Völker“ mündete.

Helmut Rumpler war zugleich ein ausgezeichneter Netzwerker und eine integrierende Kraft, der führende Historiker/innen aus Ungarn, der Tschechoslowakei, Serbien, Deutschland und Italien für internationale Kooperationen zur Erforschung der gemeinsamen aber auch konfliktgeladenen mitteleuropäischen Geschichte zusammengebracht hat.

Für seine Verdienste um die Wissenschaften wurde Rumpler mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. Darunter das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse, der Kardinal-Innitzer-Würdigungspreis für Geisteswissenschaften, der Österreichische Staatspreis für Gesellschaftswissenschaften sowie die Goldene Ehrenmedaille der Landeshauptstadt Klagenfurt für wissenschaftliche Verdienste. Die Slowenische Akademie der Wissenschaften und Künste wählte ihn 1993 zu ihrem Mitglied und würdigte damit seine Erforschung des deutsch-slowenischen Nationalitätenkonflikts in Innerösterreich von 1848 bis 1955.

Forschen über die Grenzen des Eisernen Vorhangs hinweg

Korrespondierendes Mitglied der ÖAW wurde Helmut Rumpler im Jahr 1990, wirkliches Mitglied bereits fünf Jahre später. An der ÖAW fungierte er unter anderem als Obmann der Kommission für die Geschichte der Habsburgermonarchie, die später Teil des neu gegründeten Instituts für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der ÖAW wurde. Als deren Obmann zeichnete er unter anderem für die Herausgabe der neuen Bände des umfangreichen Handbuchwerkes „Die Habsburgermonarchie 1848-1918“ verantwortlich, für das er zahlreiche, renommierte Historiker/innen im In- und Ausland gewinnen konnte. Auch die ÖAW-Editionsreihe „Protokolle des Österreichischen Ministerrates 1848-1867“ hat Helmut Rumpler von den frühen Anfängen bis zu den letzten Bänden mit großem wissenschaftlichen und organisatorischen Einsatz begleitet. Unter seiner Leitung avancierten ferner die „Protokolle des gemeinsamen Ministarrates der österreich-ungarischen Monarchie 1867-1918“ zu einem der umfangreichsten bilateralen Forschungsprojekte in den Geisteswissenschaften. Zwei Jahrzehnte lang arbeiteten die Forscher/innen gemeinsam daran  - sogar über den Eisernen Vorhang hinweg.

Der Tod Helmut Rumplers ist für die Akademie ein schmerzlicher Verlust. Sein Engagement, seine Erfahrung, sein Fachwissen und nicht zuletzt seine große Kollegialität werden stets in Erinnerung bleiben.

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news-6538 Fri, 26 Jan 2018 16:44:34 +0100 Menschenverachtendes Gedankengut darf keinen Platz haben http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/menschenverachtendes-gedankengut-darf-keinen-platz-haben/ Die ÖAW ist erschüttert über antisemitische und rassistische Texte in Burschenschafts-Liederbuch. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist schockiert über die Menschen verachtenden, die Opfer der Shoah verhöhnenden Texte im Liederbuch der pennalen Burschenschaft „Germania“. Die ÖAW verurteilt dieses zutiefst verabscheuungswürdige Machwerk, dem nicht zuletzt Jugendliche ausgesetzt waren, auf das Schärfste. Als Wissenschaftsakademie steht die ÖAW für Menschenwürde, kritisches Denken und Wahrheitssuche.

Gerade im Jahr 2018, in dem Österreich „100 Jahre Republik“ feiert, ist ein kritischer und reflektierter Umgang auch mit den dunklen Kapiteln unserer Geschichte und ihren Auswüchsen notwendig. Die ÖAW sieht es als ihren zentralen Auftrag, mit ihrer Forschung und Wissensvermittlung einen Beitrag zum Wohle jedes Menschen und einer demokratischen Gesellschaft zu leisten. Die Wissenschaft ist gefordert und verpflichtet, gegenüber Antisemitismus und Rassismus in jeglicher Form klar und eindeutig Stellung zu beziehen: Der nationalsozialistische Massenmord darf niemals verherrlicht werden, nicht in Büchern, nicht in Köpfen.

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Die ÖAW
news-6471 Fri, 26 Jan 2018 12:20:00 +0100 Neue Dokumentation über „Einsteins Wien“ an ÖAW gezeigt http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/neue-dokumentation-ueber-einsteins-wien-an-oeaw-gezeigt/ Am 25. Jänner fand an der ÖAW die exklusive Voraufführung der Dokumentation „Einsteins Wien“ statt. Der Mathematiker Karl Sigmund von der Universität Wien widmet sich darin den Wiener Weggefährten von Albert Einstein. Ausgestrahlt wurde der Film am 30. Jänner um 21.05 Uhr auf ORF III. Der Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) war bis auf den letzten Platz besetzt als der filmische Einblick in „Einsteins Wien“ erstmals über die Leinwand flimmerte. Die ÖAW und die Universität Wien hatten gemeinsam zu einer exklusiven Preview der neuen Dokumentation von Mathematiker und ÖAW-Mitglied Karl Sigmund eingeladen – und knapp 400 Filmenthusiasten waren gekommen, um zu erfahren, was es mit Einstein und der Donaumetropole auf sich hatte. Nach einer Einführung in die Physik Einsteins und ihre Bedeutung für unser heutiges Wissen vom Universum durch ÖAW-Hochenergiephysiker Jochen Schieck, hieß es: Film ab!

Einstein besuchte Wien zwar nur selten, aber seine Verbindungen zu Wienerinnen und Wienern waren dennoch eng, wie der Film deutlich machte. Das beginnt bereits mit Einsteins geistigem Ziehvater, dem Physiker und Philosophen Ernst Mach, der Newtons Begriff des absoluten Raumes in Frage stellte. Ein weiterer Protagonist in der Dokumentation ist der Sozialdemokrat Friedrich Adler, der anfangs so etwas wie Einsteins Doppelgänger war, dann aber zugunsten Einsteins auf eine Züricher Professur verzichtete, nach Wien zurückkehrte und 1916 den österreichischen Ministerpräsidenten Graf Stürgkh erschoss. Einstein, inzwischen weltbekannt, setzte sich sofort für seinen Freund ein und verfasste ein Gnadengesuch an den Kaiser. Zwanzig Jahre später, also 1936, wurde Einsteins "Evangelist", der Philosoph Moritz Schlick (und Gründer des so genannten "Wiener Kreises"), auf der Stiege der Universität Wien von einem ehemaligen Studenten (und Einstein-Gegner) erschossen.

Von Gödel über Meitner bis Schrödinger

Darüber hinaus hatte Einstein natürlich auch mit Physikerinnen und Physikern wie Erwin Schrödinger, Wolfgang Pauli, Lise Meitner und Hans Thirring enge Verbindungen. Im letzten Jahrzehnt von Einsteins Leben war es Kurt Gödel, einst das jüngste und stillste Mitglied des Wiener Kreises, der für Einstein in Princeton zum engsten Freund und geistigem Ziehsohn wurde. Gödel, von Einstein als "größter Logiker seit Aristoteles" bezeichnet, entdeckte Lösungen der Relativitätstheorie, die im Prinzip eine Zeitreise in die Vergangenheit erlauben: So ein Zeitreisender, schreibt Gödel, kann auf sein jüngeres Selbst treffen "und diesem etwas antun". 

Filmische Einstein-Tour durch das nächtliche Wien

Durch die Handlung der Dokumentation führt der Astronom Franz Kerschbaum vom Institut für Astrophysik der Universität Wien, der auch unter den Gästen der Preview war. Seine Einstein-Tour durch das nächtliche Wien beginnt im Film beim Ringelspiel im Prater, wo sie auch wieder endet. Dazwischen sind an diversen Schauplätzen in Wien – wie etwa der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, dem Vorwärts-Haus oder der Universität Wien – Wissenschaftler/innen wie der Physiker Peter Aichelburg, die Kulturwissenschafterin Michaela Maier, der Mathematiker Karl Sigmund oder Pulitzer-Preisträger Douglas R. Hofstadter in Interviews zu sehen.

Wissenschaftliche Triumphe, Wahnsinn und Fanatismus, eine Flucht um die Erde und zwei Mordfälle – davon erzählte „Einsteins Wien“ am Abend im Festsaal den zahlreichen Zuseher/innen. Neben diesen Geschichten zieht sich aber natürlich auch ein physikalisches Thema als roter Faden durch den Film: das Wechselspiel von Trägheits- und Fliehkräften einerseits und von rotierenden Massen andererseits – ein zentrales Motiv von Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie, ausgehend von Machs Analyse des Newtonschen Eimerversuchs (der Einstein zum "Machschen Prinzip" führte), bis hin zu Gödels "rotierenden Universen" (die das "Machsche Prinzip" wieder in Frage stellen). Physik, Geschichte und Abenteuer also, die das Publikum begeisterten. Der Applaus am Ende des Films war mindestens so lang wie der Abspann.

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Die ÖAW
news-6530 Thu, 25 Jan 2018 17:01:10 +0100 ÖAW ERFREUT ÜBER WIEDERAUFNAHME DER GRABUNGEN IN EPHESOS http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/oeaw-erfreut-ueber-wiederaufnahme-der-grabungen-in-ephesos/ ÖAW-Präsident Zeilinger: „Von der Erforschung des Weltkulturerbes Ephesos profitieren nicht nur die Wissenschaften, sondern alle Menschen.“ Wie der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu und die österreichische Außenministerin Karin Kneissl bei einer gemeinsamen Pressekonferenz am 25. Jänner 2018 bekannt gaben, können österreichische Archäolog/innen ihre Grabungstätigkeit in der antiken Stadt Ephesos an der türkischen Westküste wieder aufnehmen. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW), dessen Österreichisches Archäologisches Institut (ÖAI) die Grabungen in Ephesos leitet, zeigt sich äußerst erfreut über diese positive Entwicklung.  

„Die Türkei und Österreich blicken auf eine lange und sehr erfolgreiche archäologische Zusammenarbeit in Ephesos. Ich freue mich, dass dieser für beide Seiten fruchtbare internationale wissenschaftliche Austausch nun weitergeführt wird, und die Archäologinnen und Archäologen der ÖAW ihre exzellente Forschungsarbeit in Ephesos gemeinsam mit den türkischen Kolleginnen und Kollegen fortsetzen können. Ephesos ist eines der wissenschaftlichen Flaggschiffe Österreichs im Ausland. Von der Erforschung dieses Weltkulturerbes profitieren nicht nur die Wissenschaften, sondern alle Menschen“, sagt ÖAW-Präsident Anton Zeilinger und ergänzt: „Ich bedanke mich ausdrücklich bei Außenminister Cavusoglu und Außenministerin Kneissl für ihren Einsatz für die Wissenschaft und das gemeinsame kulturelle Erbe.“

Archäolog/innen aus Österreich hatten ihre Grabungs-, Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten in Ephesos im September 2016 einstellen müssen. Grund waren diplomatische Spannungen zwischen der Türkei und Österreich. Bis dahin wurden die archäologischen Arbeiten seit rund 120 Jahren – mit einzelnen Unterbrechungen – vom ÖAI geleitet, das seit 2016 Teil der ÖAW ist. Alljährlich waren um die 250 Wissenschaftler/innen aus bis zu 20 Ländern an Grabungen beteiligt. Ephesos, das auch ein beliebtes touristisches Reiseziel ist, wurde 2015 von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

Das ÖAI hatte bereits im Dezember 2017, wie in jedem Jahr, den Antrag auf Erteilung der Grabungsgenehmigung bei den zuständigen türkischen Behörden eingereicht. Nun hofft man auf eine baldige Wiederaufnahme der Arbeiten. Üblicherweise beginnt die Grabungssaison im Frühjahr.

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