Österreichische Akademie der Wissenschaften http://www.oeaw.ac.at de-at Österreichische Akademie der Wissenschaften Tue, 23 Apr 2019 03:00:12 +0100 Tue, 23 Apr 2019 03:00:12 +0100 Typo3 news-10405 Tue, 30 Apr 2019 17:35:00 +0200 Wir sind die ÖAW https://www.youtube.com/watch?v=12Axz1RJ7jM&index=2&list=PLPpNV2SkU5obgB2nPN4paFGqRyIM5ynVP Einblicke in unsere Forschung in 45 Sekunden auf YouTube Die ÖAW news-11202 Wed, 17 Apr 2019 13:37:24 +0200 Gewinner/innen der ÖAW-Preisfrage stehen fest http://www.oeaw.ac.at/preisfrage/ Über 100 Essays wurden eingereicht. Der mit 12.000 Euro dotierte erste Preis geht an die deutschen Soziolog/innen Julian Hamann, David Kaldewey und Julia Schubert. ÖAW Headline Die ÖAW news-11179 Mon, 15 Apr 2019 09:51:29 +0200 Für eine Zukunft ohne Scheuklappen http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/fuer-eine-zukunft-ohne-scheuklappen/ Wie können die UN-Nachhaltigkeitsziele bis 2030 erreicht werden? Welche Hürden müssen noch bewältigt werden? Und welche Rolle spielen Wissenschaft und Medien dabei? Expert/innen aus aller Welt diskutierten Fortschritte und Handlungsbedarf bei einer Nachhaltigkeitskonferenz an der ÖAW. Der blaue Planet inmitten der Schwärze des Weltalls. Diese berühmte Fotografie der Erde, die sogenannte Blue Marble, wurde 1972 von einer Apollo-Mission geschossen, ging sofort um die Welt und wurde zum Sinnbild der aufkeimenden Umweltbewegung. Sie war auch am Beginn der internationalen Konferenz „Global Sustainable Development Goals in a Mediatized World“ zu sehen, die vom 4. bis 5. April an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien stattfand. Wolfgang Lutz, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Demographie der ÖAW, zeigte das Bild am Anfang seines Vortrags, der in das Thema der Tagung einführte: die „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“, die 17 Nachhaltigkeitsziele, die die Vereinten Nationen 2015 formulierten. Diese „Sustainable Development Goals“, kurz SDGs, lauten etwa „Keine Armut“, „Kein Hunger“, „Hochwertige Bildung“, „Weniger Ungleichheiten“, „Maßnahmen zum Klimaschutz“ oder „Nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion“, wobei hinter diesen allgemeinen Titeln zahlreiche konkretere Unterziele versammelt sind. Sie sollen bis zum Jahr 2030 umgesetzt werden.

Medien fehlen in den Nachhaltigkeitszielen

Die ÖAW-Tagung fokussierte auf einen noch wenig beachteten Aspekt, der aber, so waren sich die Teilnehmer/innen einig, für die erfolgreiche Umsetzung der SDGs zentral sein wird: die Rolle der Medien. „Es ist sehr interessant, dass in den 17 SDGs und auch in den 169 Unterzielen, die Frage der freien und unabhängigen Medien überhaupt keine Rolle spielt“, sagt Verena Winiwarter, Umwelthistorikerin und Professorin für Soziale Ökologie an der Universität für Bodenkultur im Gespräch für den ÖAW-Podcast Makro Mikro. Sie hat die Tagung gemeinsam mit den weiteren ÖAW-Mitgliedern Simone Gingrich, Matthias Karmasin und Wolfgang Lutz gestaltet. „Die Medien haben sich nicht mitgemeint gefühlt“, erklärt sie, was wiederum dazu geführt habe, dass die Nachhaltigkeitsziele in den Medien bisher wenig Platz eingenommen hätten.

Ökologie und Gesellschaft müssen zusammengedacht werden

Um Schwerpunkte deutlich zu machen, wurden die Panels der Konferenz einem oder mehreren der 17 Nachhaltigkeitsziele zugeteilt. Klar war aber auch, dass sich die Ziele nicht getrennt voneinander betrachten lassen, sondern in engem Zusammenhang stehen. Sobald es zum Beispiel um Ökosysteme geht, sind zahlreiche Faktoren zu berücksichtigen, die in vielschichtiger Weise verschränkt sind. So stellte Linxiu Zhang von UNEP-IEMP – dem United Nations Environment Programme – International Ecosystem Management Partnership – einen sogenannten „nexus approach“ vor, bei dem die Verknüpfung der SDGs im Vordergrund steht. Dass ökologische und gesellschaftliche Entwicklungen zusammengedacht werden müssen, hob auch Nyovani Janet Madise vom African Institute for Development Policy in Malawi hervor. Sie sprach über die Weltbevölkerungskonferenz von 1994 in Kairo, wo 179 Regierungen vereinbarten allen Menschen innerhalb von 20 Jahren den Zugang zu Aufklärung und Verhütungsmethoden sowie zur Gesundheitsversorgung rund um Schwangerschaft und Geburt zu ermöglichen. Madise beleuchtete die Situation auf dem afrikanischen Kontinent 25 Jahre nach diesem Abkommen und sprach darüber, wie die UN-Nachhaltigkeitsziele hier weiterhelfen könnten, wie sie auch in einem Interview mit der ÖAW schildert.

Wie man „unbequeme“ Wahrheiten erzählt

Diese komplexen Zusammenhänge und das Faktum, dass es sich oft um „unbequeme Wahrheiten“ handelt, wie Medien- und Kommunikationswissenschaftler Matthias Karmasin von der ÖAW und der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt im Gespräch mit MAKRO MIKRO und im Interview betonte, erschwert die Kommunikation der Nachhaltigkeitsziele. Das gilt nicht nur für die Kommunikation an ein breites Publikum, sondern auch für die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik, wie die Präsentation von Vladimír Šucha, Direktor des Joint Research Center der Europäischen Kommission, deutlich machte. Man müsse die Zyklen und Mechanismen von Forschung und Politikgestaltung besser verstehen und miteinander abgleichen, betonte Šucha, der zudem die „Datenexplosion“, die riesige Menge an Information, die seit den 2010er-Jahren exponentiell ansteigen würde, als Problem ausmacht.

„Wir sind mit Information überflutet“, betonte auch Alison Anderson, Soziologin an der University of Plymouth und der Monash University in Melbourne, in ihrem Vortrag, der sich mit den Bedingungen der aktuellen Medien- und Netzwerk-Gesellschaft auseinandersetzte. Diese Informationsflut führe zu kognitiver Dissonanz und letztendlich dazu, dass wir nur mehr jenen Informationen Aufmerksamkeit widmen, die uns in unseren schon bestehenden Einstellungen und Vorstellungen bestätigen. „Das ist eine echte Herausforderung für die Nachhaltigkeitsziele“, sagte Anderson.

Mit Virtual Reality zu mehr Umweltbewusstsein

Es genügt also nicht, einfach noch mehr Information bereit zu stellen, sondern es müssen neue Wege der Kommunikation von klimarelevanten Fakten gefunden werden. Um die Zukunft gestalten zu können, müssen wir sie uns auch gestalt- und wandelbar vorstellen können. Dies war der zentrale Punkt in der Präsentation von Roy Bendor von der niederländischen Delft University of Technology. Er konzentrierte sich auf interaktive Medien, vor allem Spiele, die sich Virtual- oder Augmented Reality-Technologien bedienen. Genauso wie Anderson, betonte auch Bendor, dass Immersion, also das Eintauchen in Geschichten, Umweltbewusstsein und den dringenden Handlungsbedarf am besten vermitteln können. Es gelte gegen eine „Verarmung der Vorstellungskraft“ zu arbeiten.

Kollektiv über die Zukunft nachzudenken und die Imagination zu trainieren, dies wurde bei der ÖAW-Tagung auch gleich umgesetzt. Der letzte Halbtag der Konferenz bestand nicht aus plenaren Vorträgen, sondern einem Diskussionsformat, das darauf ausgelegt ist, eine große Gruppe ins Gespräch zu bringen. Dieses Format ist Teil des „Futures Literacy“ Modell von Konferenzgast Riel Miller, der für das MOST-Programm der UNESCO tätig ist, sich also mit „Management of Social Transformation“ beschäftigt. Futures Literacy soll ermöglichen, informiert über die Zukunft nachzudenken und das Vorstellungsvermögen einzusetzen.

Befreiung der Zukunft aus der Gegenwart

Derzeit seien wir weder fähig uns eine gute Zukunft vorzustellen, noch seien wir uns der Dramatik der aktuellen Situation bewusst, wie Verena Winiwarter an einem Beispiel verdeutlicht: „Wir haben drei von den neun ‚planetaren Grenzen‘ überschritten. Das ist so, als wenn Sie sagen, meine Niere und meine Leber funktioniert nicht mehr, aber solange mein Magen und meine Lunge in Ordnung sind – warum sollte ich mir da Sorgen machen?“

Um dieser lähmenden Situation entgegenzutreten sei es wichtig, Wissen zur Verfügung zu stellen. Der zweite Schritt sei, neue Perspektiven zu eröffnen ohne die Scheuklappen der Vergangenheit und der Gegenwart. Oder in den Worten Winiwarters: „Die Befreiung der Zukunft aus diesen Scheuklappen ist das, was wir hier versuchen.“

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Die ÖAW
news-11131 Wed, 10 Apr 2019 14:42:00 +0200 ÖAW schreibt Stipendien für Wissenschafts-Journalismus aus http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/oeaw-schreibt-stipendien-fuer-wissenschafts-journalismus-aus/ Die Stipendien sind mit jeweils 4.000 Euro dotiert und laufen 2 Monate. Ziel ist die Stärkung des Wissenschaftsjournalismus in Österreich. Sich mit wissenschaftlichen Themen vertieft journalistisch auseinanderzusetzen, frei von Zeitdruck und Redaktionsalltag. Klingt unmöglich? Ist es aber nicht. Ein neues Förderprogramm der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) mit dem Titel „Stipendium Forschung & Journalismus“ bietet Journalist/innen jetzt die Chance dazu.

Österreichs größte außeruniversitäre Einrichtung für Grundlagenforschung vergibt bis zu vier Stipendien mit einer Laufzeit von zwei Monaten, die mit 4.000 Euro dotiert sind. Ab sofort können Projektvorschläge eingereicht werden. Die Ausschreibung richtet sich an in Österreich tätige Wissenschaftsjournalist/innen, die zu Themen oder Bereichen arbeiten, zu denen an der ÖAW und ihren 28 Instituten mit Standorten in Wien, Graz, Linz, Innsbruck und Leoben geforscht wird. Journalistische Projekte, die sich interdisziplinären Themen widmen, sind ausdrücklich willkommen. Print- und Onlinejournalist/innen können genauso einreichen wie Radio- oder TV-Journalist/innen, wobei insbesondere crossmediale Zugänge gefördert werden. Einsendeschluss für Projektvorschläge ist der 5. Juni 2019.

Die Auswahl der Stipendiat/innen erfolgt durch eine Jury aus Vertreter/innen der ÖAW, vom Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ), Presseclub Concordia sowie den Wissenschaftsredaktionen von APA und Ö1. Die Akademie will mit den Stipendien den Wissenschaftsjournalismus in Österreich stärken als auch die Relevanz von Wissenschaft und Forschung besser im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankern.

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Die ÖAW
news-11043 Mon, 01 Apr 2019 09:51:18 +0200 Unbequeme Wahrheiten „erzählen“ http://www.oeaw.ac.at/veranstaltungen-kommunikation/multimedia/galerien-und-videos/unbequeme-wahrheiten-erzaehlen/ Medien spielen eine entscheidende Rolle bei der Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele. Denn sie sind es, die über Klimawandel, Armut oder Menschenrechtsverletzungen berichten. Doch ebenso wie die Wissenschaft befinden sie sich derzeit in einer Glaubwürdigkeitskrise, sagte Kommunikationsforscher Matthias Karmasin im Rahmen einer Nachhaltigkeits-Konferenz der ÖAW, die vom 4. bis 5. April in Wien stattfand. Nachhaltige Entwicklung ist unbestritten notwendig, leicht zu vermitteln ist sie aber nicht. Geht es dabei doch nicht nur um „Green Jobs“ und mehr Chancengleichheit sondern auch um Verzicht und Umverteilung. „Es handelt sich um eine unangenehme Geschichte, die sich in den medialen Verwertungszyklen nicht gut erzählen lässt“, erklärt Matthias Karmasin. Der Kommunikationsforscher ist Professor an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

In beiden Funktionen gehört er auch zu den Organisator/innen der Konferenz „Global Sustainable Development Goals in a Mediatized World“, die vom 4. bis 5. April an der ÖAW stattfindet und rund 40 Expert/innen zum Thema nachhaltige Entwicklung in Wien versammelt. Dabei wird auch über die Rolle der Medien bei der Umsetzung der insgesamt 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen diskutiert. Denn: In der Gegenwart, so Karmasin im Interview, „wird die Frage, welche Prioritäten Gesellschaften setzen, über medial vermittelte Diskurse entschieden.“

Was können Medien für die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele tun?

Matthias Karmasin: In mediatisierten Gesellschaften wird die Frage, welche Prioritäten Gesellschaften setzen, über medial vermittelte Diskurse entschieden. Medien können ihre Themen gezielt setzen bzw. in einer bestimmten Form über aktuelle Entwicklungen berichten.

Tun sie das auch im Sinne der Nachhaltigkeitsziele?

Karmasin: Ein amerikanischer Medienhistoriker hat dazu gesagt: „Clima sceptisism has grown because of media coverage not in spite of media coverage.“ Er spricht damit an, dass die Tendenz der Medien, zuzuspitzen und zu skandalisieren, dazu beigetragen haben könnte, die Skepsis am Klimawandel zu befördern. Diese Art des Journalismus unterstützt mitunter, dass die Medienkonsumentinnen und konsumenten verdrossen reagieren. Es ist anzunehmen, dass die neuen Medien und Social Media hier einen besseren Dienst erweisen könnten.

Wie steht es um die Glaubwürdigkeit der alten und neuen Medien in diesem Zusammenhang?

Karmasin: Die aktuelle Glaubwürdigkeitskrise umfasst ja nicht nur Medien, sondern alle etablierten Institutionen wie auch die Wissenschaft und Universitäten. Das ist ein Merkmal unserer Zeit. Momentan kann auch breit in Frage gestellt werden, was wissenschaftlich völlig evident ist. Heute müssen wir uns aber mehr denn je fragen, wie wir eine Kommunikation in Gang bringen können, die die richtigen Entscheidungen auf allen Ebenen befördert: Die Makroebene der Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, die die Individuen auf der Mikroebene dabei unterstützen, im Sinne von Nachhaltigkeitszielen zu handeln, also weniger Fleisch zu essen, weniger mit dem Auto zu fahren usw. Auch auf der Mesoebene der Unternehmen müssen wir uns fragen, wie wir eine Sichtweise auf die globale Perspektive befördern können: Es kann nicht mehr länger der Standortwettbewerb im Vordergrund stehen, wenn die Existenz des Planeten in Frage steht.

Inwiefern können neue Medien hierfür bessere Dienste leisten?

Karmasin: Wenn sie richtig genutzt werden, können sie viel in Bewegung bringen. Wir sehen beispielsweise viele lokale Initiativen, umfassende zivilgesellschaftliche Beteiligung und grassroots movements, deren Kommunikation stark von Sozialen Medien vorangetrieben wird. All diese können sehr viel verändern, aber wahrscheinlich wird das nicht reichen.

[Zitatanfang] Die Wahrheit liegt uns heute wissenschaftlich evident vor, sie erlebt aber gleichzeitig eine schwere Krise. Zusätzlich ist die Nachhaltigkeitsgeschichte nicht nur eine, die von grünen Jobchancen und Standortvorteilen handelt, sondern auch von Verzicht und Umverteilung. [Zitatende]

Wenn Menschen ihre Konsumentscheidungen „nachhaltig“ treffen, ruft das sofort die Unternehmenskommunikation auf den Plan. Plötzlich ist alles – glaubt man der Werbung – ökologisch, fair gehandelt und nachhaltig. Glauben Sie, dass solche Kommunikationsstrategien gut bei den Menschen ankommen?

Karmasin: Die Debatte um die CSR-Bewegung ist schnell bei den PR- und Brandingstrategien angekommen. Natürlich gibt es hier auch den Vorwurf des so genannten „greenwashings“, das versucht – manches Mal ohne inhaltliche Deckung – den Konsument/innen ein gutes Gewissen zu verkaufen. Ich glaube aber, dass es gleichermaßen Unternehmen gibt, die sich ernsthaft um Nachhaltigkeit und um eine Änderung der Unternehmensstrategie bemühen, auch wenn das die Produktionskosten steigert. Wie immer gibt es auch hier ein weites Feld. Der Diskurs wird auch hier auf allen drei Ebenen ausgetragen: Auf der Mikroebene können Konsument/innen mit ihren Kaufentscheidungen Einfluss nehmen und die Makroebene kann ordnungspolitische Vorgaben machen, damit die Mesoebene, also die Unternehmen, in entsprechender Weise darauf reagieren.

Sind Konsument/innen in der mediatisierten Welt „mächtiger“?

Karmasin: Ja, die Mediatisierung macht es so leicht wie noch nie, Informationen zu Produkten – beispielsweise über entsprechende Apps – abzurufen und den Unternehmen auch öffentlich Feedback zu geben. Auch Konsumboykotts sind heute schneller ausgerufen und breit aufgezogen als vor den digitalen Kommunikationsmöglichkeiten.

Wenn wir über Kommunikationsstrategien sprechen, sprechen wir heute mehr denn je über Storytelling. Warum ist Ihrer Ansicht nach die Nachhaltigkeits-Geschichte so schwierig zu erzählen und an den Mann und die Frau zu bringen?

Karmasin: Al Gore hat den Begriff der „inconvenient truth“ geprägt. Wir haben es hier mit zwei Schwierigkeiten zu tun: Die Wahrheit liegt uns heute wissenschaftlich evident vor, sie erlebt aber gleichzeitig eine schwere Krise. Zusätzlich ist die Nachhaltigkeitsgeschichte nicht nur eine, die von grünen Jobchancen und Standortvorteilen handelt, sondern auch von Verzicht und Umverteilung. Und wir werden nicht nur individuell verzichten müssen, sondern auch global umverteilen. Es handelt sich um eine unangenehme Geschichte, die sich in den medialen Verwertungszyklen nicht gut erzählen lässt.

[Zitatanfang] Wir müssen gemeinsam die Geschichte von Verantwortung erzählen; von einer Verantwortung, die wir vor allem gegenüber zukünftigen Generationen haben. [Zitatende]

Inwiefern kann die Wissenschaft unterstützen?

Karmasin: Sie muss noch lauter als bisher vermitteln, was wir als wahr im Sinne wissenschaftlicher Evidenz über den Zustand unseres Planeten wissen. Wir müssen gemeinsam die Geschichte von Verantwortung erzählen; von einer Verantwortung, die wir vor allem gegenüber zukünftigen Generationen haben. Dabei müssen wir auch mehr denn je die Welt als Gemeinschaft aller denken: Wenn die „emerging economies“ weiter aufholen und die westliche Welt weiter in dem Maße Ressourcen verbraucht, wird sich das alles sehr bald nicht mehr ausgehen.

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Die ÖAW
news-10974 Wed, 27 Mar 2019 15:05:00 +0100 Wie die Energiewende gelingt http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/wie-die-energiewende-gelingt/ Aktuell deckt erneuerbare Energie aus Wind, Wasser oder Sonne rund 25 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs ab. Geht es nach der Ingenieurswissenschaftlerin Lucy Pao von der University of Colorado sind 100 Prozent möglich. Wie? Das erklärte sie bei der Nachhaltigkeits-Konferenz der ÖAW am 4. April. Wind und Sonne lassen sich nicht steuern. An Regentagen und im Winter scheint kaum Sonne und die Windstärke schwankt von Tag zu Tag sowie von Ort zu Ort – mal ist es stürmisch, mal windstill. Das macht die Stromversorgung mit regenerativen Energiequellen zu einer Herausforderung. „Je mehr Strom diese erneuerbaren Energieträger beisteuern, desto schwieriger wird es, das gesamte Stromnetz stabil zu halten. Deshalb arbeiten Forscher/innen weltweit daran, die Stromversorgung weiterhin zu stabilisieren und effizienter zu gestalten“, erklärt die Ingenieurswissenschaftlerin Lucy Pao von der University of Colorado Boulder. Die wichtigsten Lösungsansätze – und ihre eigene Forschung zu Windparks – stellte sie bei der Konferenz „Global Sustainable Development Goals in a Mediatized World“ vor, die vom 4. bis 5. April an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien stattfand.

Sensoren machen Windparks effizienter

Bei Windparks, so Pao, liegt die Herausforderung darin, Windanlagen so zu steuern, damit sie länger funktionsfähig bleiben und nur jene Strommengen produzieren, die von den Netzbetreibern gezielt angefragt werden. „Früher, als es noch weniger Windräder gab, hat man einfach das Maximum aus den Anlagen herausgeholt. Als immer mehr Anlagen an das Netz angeschlossen wurden, haben Anbieter begonnen, gezielter bestimmte Strommengen anzufragen.“

Über Sensoren in den Turbinen soll einerseits die Windenergie bei jeder Turbine effizienter in Strom umgewandelt werden und andererseits sollen diese helfen, die Stromproduktion bestmöglich unter den einzelnen Windrädern zu verteilen. „Hier müssen wir einen Weg finden, wie wir jede Turbine so kontrollieren, dass sie die richtige Menge Strom bereitstellt. Und dann müssen wir den gesamten Windpark miteinander koordinieren“, erklärt die Ingenieurswissenschaftlerin ihr Forschungsvorhaben. Dabei forscht Pao nicht allein. „Die Windräder eines Windparks gezielt zu steuern und zu koordinieren ist ziemlich schwierig und braucht die Zusammenarbeit von Atmosphärenforscher/innen, Regelungstechniker/innen und Aerodynamikforscher/innen.“

Es wird künftig notwendig sein, den Strom über die Erdkugel zu verteilen und so Defizite und Überschüsse global auszugleichen.

Bei der Solarenergie hat man diese Probleme derzeit noch weniger. Dafür sind die Anteile an der Stromproduktion zu gering, erklärt Pao. Global deckt Energie aus Photovoltaikanlagen nur zwei Prozent des Strombedarfs ab, bei Wind sind es immerhin schon gut fünf Prozent. „Aber auch hier gehen die Anteile stark nach oben, weshalb der Bedarf steigt, die Stromproduktion zu kontrollieren. Die Forschung steht hier aber eher noch am Anfang.“

Stromdefizite und -überschüsse global ausgleichen

Allein die Stromproduktion zu kontrollieren, reicht allerdings nicht, um die Stromversorgung stabil zu halten. Das Problem, dass die Sonne im Winter beispielsweise zu wenig scheint und im Sommer an manchen Tagen zu viel, ist damit noch nicht gelöst. „Es wird künftig notwendig sein, den Strom über die Erdkugel zu verteilen und so Defizite und Überschüsse global auszugleichen.“ Vereinfacht gesagt: In den Sommermonaten zwischen Juni und September könnte dann das Zuviel an Energie in die südliche Erdhalbkugel geliefert werden, im Winter vom Süden in den Norden. Geht es nach der Wissenschaftlerin, ist das bereits in absehbarerer Zukunft möglich. „Es gibt hier große Entwicklungen: Zum einen werden die Kabel immer besser, wodurch sie den Strom effizienter übertragen können. Zum anderen hat sich auch in der Speichertechnologie enorm viel getan.“

Zum einen werden die Kabel immer besser, wodurch sie den Strom effizienter übertragen können. Zum anderen hat sich auch in der Speichertechnologie enorm viel getan.

So versucht man in Nordeuropa bereits, den überschüssigen Strom aus Windenergie von Deutschland und den Niederlanden etwa nach Norwegen zu liefern – ein Land, das seinen Strom zu 95 Prozent mit Wasserkraft deckt. „In diesem Fall hält Norwegen das Wasser beispielsweise in seinen Dämmen gespeichert und bekommt Strom aus seinen Nachbarländern. Lässt der Wind dort wieder nach, exportiert Norwegen den Strom umgekehrt in Form von Wasserkraft.“

Eine andere Möglichkeit ist es, die überschüssige Windenergie dafür zu verwenden, um Wasser in höher gelegene Wasseranlagen zu pumpen. „Lässt der Wind nach, kann das Wasser abgelassen und in Strom umgewandelt werden“, beschreibt Pao zwei einfache Möglichkeiten, Defizite und Überschüsse auszugleichen.

Es ist wichtig, dass die Menschen bewusster mit ihrem Stromkonsum umgehen und künftig Spitzen vermeiden.

Umdenken notwendig: Bewusster Strom verbrauchen

Die Forschung allein wird allerdings das Problem schwankender Stromverfügbarkeit nicht lösen. „Es ist wichtig, dass die Menschen bewusster mit ihrem Stromkonsum umgehen und künftig Spitzen vermeiden“, fordert Pao. „Beispielsweise existieren in den USA manche Kraftwerke nur um den Spitzenstrombedarf zu decken.“ Solche Spitzen werden allerdings nur an wenigen Tagen im Jahr erreicht. „Das heißt, diese Anlagen stehen die meiste Zeit im Jahr still. Hier könnte ein intelligentes System helfen, den eigenen Stromverbrauch zu überwachen. Dann wäscht man seine Wäsche nicht genau dann, wenn der Stromverbrauch besonders hoch ist“, so Pao.

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Die ÖAW
news-10968 Fri, 22 Mar 2019 09:15:42 +0100 Nachhaltigkeit trotz Wirtschaftswachstum? https://www.youtube.com/watch?v=lKfU1ognemA Sozialökologin Simone Gingrich im Video über Umweltschutz und Wohlstand, ein Thema der ÖAW-Nachhaltigkeitskonferenz. Die ÖAW news-10881 Fri, 15 Mar 2019 10:10:58 +0100 Akademievorlesung: Schnelles Rechnen http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/akademievorlesung-schnelles-rechnen/ „In fast allen Geräten steckt in irgendeiner Weise Mathematik“, sagt Martin Grötschel. Am 18. März erklärte der Mathematiker an der ÖAW, wie die Rechenmodelle hinter Smartphones & Co. funktionieren und beschrieb fundamentale mathematische Probleme, die bis heute ungelöst sind. „Schnelles Rechnen“ kann vieles bedeuten. Wer etwa eine Zahl wie 1225 durch fünf teilen möchte, kann dies ganz schnell im Kopf tun: Einfach die Zahl verdoppeln und hinten die Null wegstreichen. Das Ergebnis ist also 245. „Heute sind solche Tricks in der Mathematik irrelevant. Wir beschäftigen uns jedoch intensiv damit, Algorithmen schneller zu machen. Nicht immer gelingt das aber“, erklärt der Mathematiker Martin Grötschel, der auch Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ist, und eine Kurt Gödel-Lecture im Rahmen der neuen „Akademievorlesungen“ am 18. März 2019 im Festsaal der Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hielt. Im Interview spricht er über die Rolle und die Grenzen der Mathematik in der Gegenwart.
 

Sie fordern seit vielen Jahren, die Mathematik muss sich öffnen und hinein ins Leben. Was genau meinen Sie damit, und ist diese Forderung noch aufrecht?

Martin Grötschel: Nun, ich glaube, dass unser heutiger Lebensstil ohne Mathematik nicht realisierbar ist. In fast allen Geräten, die wir benutzen, steckt in irgendeiner Weise Mathematik. Das ist niemandem klar. Selbst so einfach erscheinende Dinge wie der öffentliche Nahverkehr werden heute durch Mathematik gesteuert, ein Handy ist ein reines Mathematikinstrument; die Telefonie, das Internet, moderner Flugverkehr und der schnelle und preiswerte Transport von Gütern würden ohne Mathematik nicht funktionieren. Ich könnte diese Beispiele endlos fortsetzen.

Unser heutiger Lebensstil ist ohne Mathematik nicht realisierbar.

Unbefriedigend ist aber: in der Öffentlichkeit ist das alles nicht sichtbar. Da heißt es nur, „das macht der Computer“, aber in Wahrheit steckt dahinter Mathematik. Ich bemühe mich, den Menschen zu erklären, wie sehr Mathematik unser Leben beeinflusst und dass in diesem Fach wichtige Grundlagenforschung betrieben wird, die konkrete Auswirkungen auf unser tägliches Leben hat.
 


Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Grötschel: Nehmen wir den öffentlichen Nahverkehr in Berlin. Hier fahren täglich über 1.300 Busse umher, in Summe machen sie rund 28.000 Fahrten zwischen zwei Endhaltestellen. Das Optimierungsziel ist, die Busse so einzusetzen, dass so wenige Fahrzeuge wie möglich benötigt werden. Bei dieser Aufgabenstellung kommen Sie schnell auf Optimierungsprobleme mit 100 Millionen Variablen. Das ist eine große Zahl! Sie haben in der Schule vermutlich mit zwei oder drei Variablen gerechnet. Man kann sich vorstellen, dass die Mathematik, die dafür entwickelt wurde, sehr komplex ist. Durch sie hat sich aber letztlich der öffentliche Nahverkehr verbessert und bleibt bezahlbar.

Sie erklären in Ihrem Vortrag „Schnelles Rechnen“ mathematische Prinzipien, die die digitalen Entwicklungen der letzten Jahre maßgeblich vorangetrieben haben. Sie bringen Beispiele aus der kombinatorischen Optimierung, erklären die Graphentheorie und versuchen, mathematische Modellierung zu veranschaulichen. Ist es tatsächlich notwendig, dass alle das verstehen, um sich mit dem Handy von A nach B zu navigieren?

Grötschel: Jeder Interessierte kann die Grundprinzipien der Methodik verstehen, aber natürlich nicht alle Details. Ich möchte durch meine Erklärungen vor allem aber erreichen, dass man den hierbei erbrachten geistigen Leistungen ein wenig Respekt entgegenbringt. Viele Menschen denken, dass Problemlösungen beinahe automatisch erfolgen und erwarten, dass alles schnell und einfach geht. Die Leistung, die dahinter steht, wird nicht gewürdigt und häufig den falschen Leuten zugeordnet. Ich sehe zum Beispiel den momentan großen Hype darum, dass angeblich alles durch Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen erledigt werden kann, sehr nüchtern. Es gibt natürlich Erfolge, aber die Grenzen werden selten genannt. Außerdem haben auch diese Intelligenzen tiefe mathematische Grundlagen. Es ist wichtig zu wissen, wo solche Fortschritte herkommen.

Mathematik hat auch Grenzen. Manches ist gar nicht berechenbar, anderes nur sehr schwer.

Sie brechen also eine Lanze für die oft missachtete Mathematik?

Grötschel: Ja, ich versuche, ein wenig Werbung für Mathematik zu machen und den Menschen ins Bewusstsein zu rufen, wie bedeutend sie nicht nur intellektuell, sondern auch für den Alltag ist.

Der nächste Punkt ist auch, dass man nicht beliebige Forderungen an die Mathematik stellen kann. Man kann nicht davon ausgehen, dass alles immer schneller, besser und größer geht. Ich erläutere in meinem Vortrag, dass manche Dinge extrem schwierig sind und dass Mathematiker/innen und Informatiker/innen nicht selten sehr lange arbeiten müssen, um bei den relevanten Problemen unserer Zeit überhaupt in die Nähe der Lösbarkeit zu kommen. Mathematik hat eben auch Grenzen. Manches ist gar nicht berechenbar, anderes nur sehr schwer. Hier haben oft schon kleine Veränderungen in der Problemstellung große Auswirkungen auf ihre Lösbarkeit.

Wo zum Beispiel?

Grötschel: Betrachten wir zum Beispiel die Fahrzeugnavigation. Es ist sehr einfach, den kürzesten Weg zwischen zwei Orten zu berechnen. Das kennen Sie aus Ihrem Auto. Will man aber auf einer Leiterplatte mit einer automatisierten Bohrmaschine Löcher bohren, stellt sich die Frage, wie die Bohrmaschine über die Leiterplatte fahren soll, um alle notwendigen Bohrungen vorzunehmen und dabei den schnellsten Weg zu finden. Das hört sich ganz einfach an und zwar so, als wäre es nicht viel anders als eine normale Wegnavigation. Es handelt sich aber um eine mathematisch sehr schwer zu lösende Aufgabe.

Was macht es so viel schwerer?

Grötschel: Ich bin nicht in der Lage, jemandem in wenigen Worten zu erklären, warum das so ist. Es ist sogar noch schlimmer: auch Informatiker/innen und Mathematiker/innen verstehen das nicht wirklich. Zur Erklärung wurde die Komplexitätstheorie entwickelt. Sie versucht, die unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade von Problemen abzuschätzen. Das Erklärungsgerüst steht, aber in dieser Theorie sind noch viele Fragen offen. Das Beispiel soll gerade veranschaulichen, dass es keineswegs einfach ist zu beurteilen, ob etwas einfach oder schwierig ist.

Das heißt, man muss „Schnelles Rechnen“ mit einem Augenzwinkern betrachten? Sie zeigen also nicht Rechentricks, mit denen man die mathematischen Aufgaben von heute schneller verstehen lernt?

Grötschel: Ich beginne durchaus mit Rechentricks, diese sind aber mit der Entwicklung von Computern obsolet geworden. Ich werde vielmehr auf die enormen Fortschritte der Algorithmik in der Informatik und Mathematik eingehen, gleichzeitig auch die Grenzen der Entwicklung und des Verstehens aufzeigen. So gibt es beispielsweise Algorithmen, die in der Theorie ein Problem viel schneller lösen können als andere. In der Praxis zeigt sich das aber nicht. Beispiele hierfür gibt es etwa in der linearen und gemischt-ganzzahligen Optimierung.

Das klingt etwas frustrierend.

Grötschel: Ja, es ist sehr unbefriedigend, dass wir das praktische Verhalten von Algorithmen nicht so gut verstehen, wie wir es eigentlich sollten. Klar, Computer sind über die Jahre immer schneller geworden. Dennoch möchte ich aber festhalten, dass in vielen Anwendungsfällen die Geschwindigkeitsfortschritte durch bessere mathematische Algorithmen deutlich größer waren. Das weiß kaum jemand.

Es gibt Algorithmen, die in der Theorie ein Problem viel schneller lösen können als andere. In der Praxis zeigt sich das aber nicht.

Woher kommt Ihrer Meinung nach dieses Missverständnis, dass man zum Beispiel den Fortschritt bei Smartphones eher der Weiterentwicklung der Geräte zuschreibt und etwas weniger der Software?

Grötschel: Das ist schwer zu sagen, vielleicht liegt es daran, dass die Reklame von Computerherstellern über viele Jahre die Hardwareverbesserung in den Vordergrund gestellt hat. Es ist beeindruckend, dass sich über viele Jahre alle 18 Monate die Rechengeschwindigkeit und der Speicherplatz bei gleichbleibendem Preis verdoppelt haben. Man hatte das Gefühl, das gehe immer weiter so, man brauche nur ein paar Jahre zu warten und könne dann alles lösen. Die intellektuellen Leistungen bei der Softwareentwicklung wurden nie auf ähnliche Weise gewürdigt. Es ist Zeit, jetzt einmal auf Algorithmen zu fokussieren und sich auch darüber klar zu werden, was man mit Computern lösen kann und was nicht.

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ÖAW Headline Die ÖAW
news-10862 Wed, 13 Mar 2019 14:07:03 +0100 Nachhaltigkeit für eine wachsende Weltbevölkerung? https://www.youtube.com/watch?v=GDjIqMI4I5s Demograph Wolfgang Lutz im Video über die Zukunft der Bevölkerungsentwicklung, ein Thema der ÖAW-Nachhaltigkeitskonferenz. ÖAW Headline Die ÖAW news-10798 Fri, 08 Mar 2019 09:26:16 +0100 Heimat großer Wissenschaftlerinnen? http://www.oeaw.ac.at/veranstaltungen-kommunikation/multimedia/galerien-und-videos/heimat-grosser-wissenschaftlerinnen/ Frauen sind in der Forschung in Österreich noch immer unterrepräsentiert. Woran liegt das? Und wie lassen sich ihre Zukunftsperspektiven verbessern? Das wurde am Weltfrauentag bei einer Gesamtsitzung der ÖAW diskutiert. Außerdem erzählen vier ÖAW-Wissenschaftler/innen im Video, warum sie Forscherin wurden, und ein Beitrag von Historikerinnen wirft einen Blick in die Frauengeschichte an der ÖAW. ÖAW Headline Die ÖAW news-10688 Tue, 26 Feb 2019 15:56:39 +0100 Ist die Welt noch zu retten? http://www.oeaw.ac.at/veranstaltungen-kommunikation/multimedia/galerien-und-videos/ist-die-welt-noch-zu-retten/ Die UN-Ziele nachhaltiger Entwicklung standen im Zentrum einer internationalen Konferenz der ÖAW. Wie können die 17 von den Vereinten Nationen definierten Nachhaltigkeitsziele erreicht werden - und welche Rolle spielen dabei Wissenschaft und Medien? Die ÖAW news-10508 Wed, 20 Feb 2019 15:10:50 +0100 Nobelpreisträger Kurt Wüthrich in Wien http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/nobelpreistraeger-kurt-wuethrich-in-wien/ Die atomare Struktur von Proteinen in wässriger Lösung zu erkennen brachte Kurt Wüthrich und seinen Kollegen im Jahr 2002 den Nobelpreis für Chemie ein. Am Montag, 4. März 2019, um 18 Uhr ist der Chemiker im Rahmen der 5. Hans Tuppy-Lecture, die gemeinsam von der Universität Wien und der ÖAW ins Leben gerufen wurde, im Großen Festsaal der Universität Wien zu Gast und hält einen Vortrag über dynamische Prozesse in biologischen Makromolekülen. Im Laufe der letzten 50 Jahre brachten Strukturbiologie und strukturelle Genomik Licht in die dreidimensionalen Strukturen der genomischen Proteine. Zu den wichtigsten Methoden gehört NMR, die Kernspin-Tomografie. Mit dieser Methode gelingt es, die atomare Gestalt der Proteine in Lösung – vergleichbar mit den Bedingungen in der lebenden Zelle – zu erkennen. Die Proteine sind dabei nicht starr an einem Ort, sondern unterliegen während der Untersuchung der Brown’schen Molekularbewegung, was Informationen über intra- und intermolekulare Prozesse liefert.

Über diese Prozesse, die mithilfe moderner Bioinformatik simuliert werden können, berichtet Kurt Wüthrich bei einer Hans Tuppy Lecture an der Universität Wien. "Dynamics in Protein Molecules" ist das Thema des an der ETH Zürich und The Scripps Research Institute, La Jolla, CA, USA, aktiven Forschers.

Zwischen der Schweiz und den USA: Kurt Wüthrich


Kurt Wüthrich ist Cecil H. und Ida M. Green Professor für Strukturbiologie am Scripps-Forschungsinstitut in La Jolla, Kalifornien, USA, und Professor für Biophysik an der ETH Zürich in der Schweiz.  Sein Forschungsinteresse gilt der molekularen Strukturbiologie und der strukturellen Genomik. Sein Spezialgebiet ist die kernmagnetische Resonanzspektroskopie (NMR, "nuclear magnetic resonance").  Insbesondere entwickelte er eine Methode zur Ermittlung der dreidimensionalen Struktur von Proteinen und Nukleinsäuren in Lösung mittels NMR-Spektroskopie.  Für seine wissenschaftlichen Arbeiten wurde Kurt Wüthrich mit dem Prix Louis Jeantet de Médecine, dem Kyoto Prize in Advanced Technology, dem Nobelpreis für Chemie und weiteren Preisen und Ehrenpromotionen ausgezeichnet.

Bahnbrechendes aus Biologie und Biochemie: Die Hans Tuppy-Lectures
 

Hans Tuppy hat wie kein anderer die österreichische Wissenschafts- und Forschungslandschaft geprägt: als Wissenschafter, als Rektor der Universität Wien, als Präsident des FWF, als Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), als Wissenschaftsminister und in vielen weiteren Positionen.

Um den österreichischen Biochemiker und seine Leistungen zu ehren, haben die Universität Wien und die ÖAW die Hans Tuppy-Lectures ins Leben gerufen, die einmal pro Semester – alternierend an der Universität und an der Akademie – stattfindet. Im Rahmen der Reihe tragen hervorragende Wissenschaftler/innen vor, die einen bahnbrechenden Beitrag zu Biochemie oder Molekularbiologie geleistet haben.

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Die ÖAW
news-10103 Mon, 07 Jan 2019 15:45:53 +0100 ÖAW-News auf allen Kanälen http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/oeaw-news-auf-allen-kanaelen/ Die Akademie teilt nun auch auf Facebook, Twitter, YouTube und Soundcloud spannende Neuigkeiten aus Forschung, Veranstaltungsangebot, Förderungen und vielem mehr aus der ÖAW. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) baut ihre Präsenz in den Social Media aus: Zusätzlich zu den bestehenden Auftritten auf Twitter, YouTube und Soundcloud wird ab sofort auch Facebook intensiv mit Neuigkeiten aus der Akademie bespielt. So tritt die ÖAW noch unmittelbarer und direkter mit an der Wissenschaft Interessierten in Kontakt.  

Über Neuigkeiten und allgemeine Informationen aus den 28 Forschungsinstituten, zu den Mitgliedern und zu weiteren Aktivitäten der Akademie informiert natürlich auch weiterhin die ÖAW-Website. Regelmäßige Infos über bevorstehende Veranstaltungen, die aktuelle Forschung, Ausschreibungen und Stipendien liefert der ÖAW-Newsletter. Um auch mobil und im Alltag auf dem Laufenden zu bleiben, empfiehlt es sich, darüber hinaus auch einen Blick auf die multimedialen Kanäle der ÖAW zu werfen.

Bereits seit langem aktiv

Als neuesten Kanal bespielt die ÖAW nun auch Facebook. Neben den aktuellen News sind hier auch exklusive Inhalte zu finden, etwa eigens produzierte Videos mit Einblicken in die aktuelle Forschung. Mit Umfragen, Gewinnspielen, Kommentaren und Direktnachrichten gibt es dort zahlreiche Möglichkeiten zur Interaktion und ein vielfältiges Informationsangebot – gerade auch für jüngere Wissenschaftsfans.

Bereits seit 2009 ist die ÖAW auf Twitter präsent, wo sie insbesondere mit Wissenschaftsjournalist/innen und österreichischen wie auch internationalen Forscher/innen bestens vernetzt ist. Dank aktueller Informationen, einem Überblick über die mediale Berichterstattung sowie gezielte Hinweise auf spannende, vertiefende Informationen ist der Twitter-Account für viele Forschungs-Fans die erste Anlaufstelle.

Auch auf YouTube ist die ÖAW schon länger mit Erklär-Videos, Lectures und Diskussionen vertreten. Künftig wird der Fokus hier noch stärker auf kurzen Videos liegen, in denen Forscher/innen das Wesentliche über ihre aktuellen Forschungsarbeiten erklären.

Das gesprochene Wort steht wiederum auf Soundcloud im Vordergrund, wo unser Wissenschaftsblog MAKRO MIKRO Forscher/innen aus den verschiedensten Disziplinen zu Wort kommen lässt. Im jüngsten Beitrag geht es um das Scheitern in der Wissenschaft – ein Thema, über das man ruhig offener reden sollte, wie die Gesprächspartnerinnen meinen.

Die ÖAW freut sich auf Ihren Besuch! Ihr Feedback, auf den sozialen Kanälen oder an public.relations(at)oeaw.ac.at, ist höchst willkommen.

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Die ÖAW
news-10091 Fri, 04 Jan 2019 11:36:22 +0100 Trauer um Mäzen Alfred Bader http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/trauer-um-maezen-alfred-bader/ Der in Wien geborene Chemiker und Philanthrop verstarb im Alter von 94 Jahren in den USA. Der ÖAW war Bader als Förderer von drei Wissenschaftspreisen eng verbunden. "Wir können nichts mitnehmen, also unterstützen wir die Ärmsten und die Allertüchtigsten", sagte der Chemiker und Philanthrop Alfred Bader vor einigen Jahren bei einer Veranstaltung in Wien. Seinen Worten ließ er Taten folgen. Dank seiner großzügigen Unterstützung konnte die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) drei Preise für herausragende wissenschaftliche Leistungen vergeben. Nun ist der Freund und Förderer der Akademie am 23. Dezember 2018 in den USA verstorben.

Flucht aus Wien, Promotion in Harvard

Baders großes Engagement in der Förderung der Wissenschaften in Österreich war nicht selbstverständlich. 1924 in Wien geboren, musste er 1938 vor den Nationalsozialisten fliehen: Als Juden vom Besuch der Schule ausgeschlossen wurden, schickte ihn seine Familie mit einem Kindertransport nach England. Das rettete ihm das Leben, denn große Teile seiner Familie überlebten die Naziherrschaft nicht. Bader führte die Flucht schließlich nach Kanada, wo er Chemie studierte und im Anschluss an seine Promotion an der Harvard University im Jahre 1950 ein großes Chemieunternehmen aufbaute.

"Als ich 1949 das erste Mal wieder nach Wien zurückgekommen bin, hätte ich nie daran gedacht, hier etwas zu stiften. Ich war froh, Wien wieder verlassen zu können", erinnerte sich Bader später an seine ersten Besuche nach dem Zweiten Weltkrieg. Geschäftsreisen führten ihn dennoch immer wieder nach Österreich, wo er auch Freundschaften aufbaute, „und während dieser vielen Jahre hat sich meine Meinung über Österreich geändert.“

Förderer von drei Preisen der ÖAW

So kam es schließlich auch, dass Bader und seine Frau Isabel es der Akademie ermöglichten, ihre älteste Auszeichnung, den Ignaz L. Lieben-Preis, nach einer fast 70-jährigen Pause wieder zu reaktivieren. Die 1862 gestiftete Auszeichnung galt als wichtigster Wissenschaftspreis der Donaumonarchie und musste 1937 wegen der Verfolgung der Stifterfamilie eingestellt werden.

Dank der finanziellen Unterstützung des Ehepaars Bader kann die ÖAW seit 2004 diese traditionsreiche Auszeichnung wieder an junge Wissenschaftler/innen aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn und Österreich für herausragende Arbeiten auf dem Gebiet der Molekularbiologie, Chemie und Physik vergeben. Darüber hinaus stifteten Alfred und Isabel Bader an der ÖAW den Bader-Preis für Kunstgeschichte (2007) und den Bader-Preis für die Geschichte der Naturwissenschaften (2009).

Alfred Bader hatte sich seit seiner Pensionierung 1991 – gemeinsam mit Isabel Bader – als Kunst- und Wissenschaftsmäzen engagiert. Neben den Preisen der ÖAW förderte er weitere Auszeichnungen und Stipendien in Europa und Nordamerika. Zudem stiftete er Lehrstühle und unterstützte insbesondere seine Alma Mater – die kanadische Queen’s University in Kingston – finanziell. Sie hatte ihn nach seiner Emigration als einzige Universität zum Studium zugelassen.

Ehrungen international und in Österreich

Bader erhielt für seine Leistungen als Chemiker und sein herausragendes Engagement als Förderer der Wissenschaften auch selbst zahlreiche Auszeichnungen. Neun Ehrendoktorate internationaler Universitäten wurden ihm verliehen, die Royal Society of Arts ernannte ihn zum Fellow und Queen Elizabeth II. zum Commander of the British Empire. Auch in Österreich wurde Bader geehrt. Die Universität Wien ernannte ihn 1995 zum Ehrenbürger und verlieh ihm 2012 das Ehrendoktorat. Er wurde Ehrenmitglied der Gesellschaft Österreichischer Chemiker und die ÖAW zeichnete ihn 2004 mit ihrer Medaille Bene Merito und 2009 mit ihrem Ehrenring aus.

Die Akademie nimmt Abschied von ihrem engen Freund und großzügigen Mäzen. Sie wird ihm stets ein ehrendes Andenken bewahren.

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Die ÖAW
news-9900 Thu, 27 Dec 2018 12:04:05 +0100 Best of 2018 https://www.oeaw.ac.at/index.php?id=11642 Es war einiges los an der ÖAW im ablaufenden Jahr: Quantentelefonate, Ephesos-Neustart, Merkur-Mission und UNESCO-Erbe. Hier eine kleine Auswahl von dem, das die Akademie 2018 bewegte. Die ÖAW news-9898 Thu, 27 Dec 2018 11:18:46 +0100 Nobelpreisträger, Kaiserjubiläum, Weltrettung https://www.oeaw.ac.at/index.php?id=11641 Wissenschaftsfans können sich auch 2019 auf spannende Veranstaltungen an der ÖAW freuen. Ein paar Highlights des Jahres im Überblick – und zum rot im Kalender Markieren. Die ÖAW news-9746 Tue, 18 Dec 2018 10:11:00 +0100 CRISPR: Gefahr und Nutzen der „Genschere“ http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/crispr-gefahr-und-nutzen-der-genschere/ ÖAW veröffentlicht Stellungnahme zu Berichten über geneditierte Babys in China Wie Medien weltweit in den letzten Wochen berichteten, hat ein chinesischer Forscher verkündet, dass die ersten gentechnisch veränderten Babys zur Welt gekommen seien. Die Embryonen der Zwillinge seien von ihm mit der „Genschere“ CRISPR editiert worden, um sie resistent gegen HIV zu machen.

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat anlässlich dieses Falles nun eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie sich klar von jeglicher Art des Human Enhancement, also der genetischen Optimierung und Verbesserung des Menschen, durch Methoden wie CRISPR distanziert. Die Durchführung von Versuchen an Menschen ohne vorherige Erlaubnis und ethische Begutachtung durch die zuständigen Einrichtungen sowie unter Missachtung sowohl der örtlichen rechtlichen Bestimmungen als auch des internationalen Konsenses der wissenschaftlichen Gemeinschaft sei eindeutig abzulehnen, heißt es darin.

Verantwortungsbewusste Forschung zum Verständnis und zur Weiterentwicklung von Technologien – einschließlich CRISPR – zur Behandlung von genetischen Erkrankungen sei grundsätzlich zu begrüßen. „Innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft besteht jedoch ein breiter Konsens, dass Eingriffe in die Keimbahn des Menschen mit dem Ziel des Human Enhancement völlig inakzeptabel sind“, so die Stellungnahme weiter.

Konkret vertritt die ÖAW in ihrer Stellungnahme, die am vergangenen Freitag von der Gesamtsitzung der Akademiemitglieder verabschiedet wurde, folgende Positionen zu möglichen Anwendungen der CRISPR-Technologie in der biomedizinischen Forschung, wobei in den Life Science-Instituten der Akademie derzeit nur Punkt 1. und 2. zur Anwendung kommen:

  1. CRISPR-Editierung von im Labor gezüchteten Zellen (z.B. genetisches Screening für potenzielle Wirkstofftargets in Zelllinien): Vertretbar und zulässig unter der Voraussetzung, dass geltende Standards für Laborsicherheit und Gentechnik eingehalten werden.
  2. CRISPR-Editierung in Modellorganismen (z.B. Etablierung und Charakterisierung von transgenen Mausmodellen für die Erforschung menschlicher Erkrankungen): Vertretbar und zulässig im Rahmen der strengen Regelungen für Tierversuche in Österreich und Europa.
  3. CRISPR-Editierung für die somatische Gentherapie (z.B. Reparatur erkrankten Gewebes): Vertretbar und zulässig im Rahmen der strengen Regulierung klinischer Studien im Bereich der Gentherapie und nur nach ausführlicher Validierung der Technologie in präklinischen Modellen.
  4. CRISPR-Editierung der Keimbahn als Gentherapie (z.B. Korrektur eines Gendefekts im Rahmen einer künstlichen Befruchtung zur Verhinderung schwerwiegender genetischer Erkrankungen): Aktuell nicht vertretbar, hochgradig unausgereift und in weiten Teilen der Welt rechtswidrig. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass eine streng geregelte und auf schwerwiegende genetische Erkrankungen beschränkte Keimbahn-Editierung im Laufe der nächsten 10 bis 20 Jahre vertretbar und zulässig wird.
  5. CRISPR-Editierung der Keimbahn mit dem Ziel des Human Enhancement (z.B. Veränderung der Gene über den Normalzustand hinaus, um den menschlichen Körper zu verbessern): Niemals vertretbar und höchst unethisch, da dies unvorhersehbare Risiken schafft – nicht nur aufgrund der Gefahr von Nebenwirkungen für den Einzelnen und seine Nachkommen, sondern auch für die Gesellschaft als Ganzes, als einer neuen Quelle für Ungleichheit und Diskriminierung.

Angesichts des nun in China bekannt gewordenen Falles von Human Enhancement sieht die ÖAW die Notwendigkeit einer breiten gesellschaftlichen Debatte über die Chancen und Risiken des Einsatzes der CRISPR-Technologie und mahnt eine verstärkte Information der Bevölkerung über die medizinischen, rechtlichen und ethischen Fragen der Gentechnik ein. Eine öffentliche Diskussion darüber ist dringend erforderlich, um das große Zukunftspotential dieser neuen Technologien positiv für die Gesellschaft, die biomedizinische Grundlagenforschung und die Behandlung von genetischen Erkrankungen zu nutzen.

Die ausführliche Stellungnahme ist auf der Website der ÖAW zu finden unter: Stellungnahme der ÖAW

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Die ÖAW
news-9721 Wed, 12 Dec 2018 14:51:38 +0100 Der Vater aller Pflanzenspermien http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/der-vater-aller-pflanzenspermien/ Eine weitreichende Mutation in Grünalgen, die den Prozess der Spermienbildung perfektionierte, lässt sich durch die gesamte Evolution der Pflanzen verfolgen. Ein internationales Team zusammen mit Pflanzenforschern der ÖAW hat das regulatorische Netzwerk rund um das entscheidende Protein DU01 entwirrt und die Ergebnisse nun in „Nature Communications“ publiziert. Spermien und Eizellen als Brücke zwischen den Generationen sind eine Errungenschaft der Evolution, die sich bis in die Anfänge mehrzelliger Organismen vor vielen hundert Millionen Jahren zurückverfolgen lässt. Diese Errungenschaft setzte neue molekulargenetische Regulationsnetzwerke voraus. Jenes, das den Prozess der Spermienbildung steuert und in einer besonderen Gruppe von Grünalgen, den sogenannten „Armleuchteralgen“ entstanden ist, war so erfolgreich, dass es evolutionär weitergereicht wurde: ausgehend von den Armleuchteralgen kommt es heute in so unterschiedlichen Pflanzen wie Moosen, Farnen, Nadelbäumen oder Blütenpflanzen vor.

Urahn vor 700 Millionen Jahren

Was die molekulargenetischen Besonderheiten dieses Regulationsnetzwerkes zur Bildung von Pflanzenspermien waren und sind, haben Tomokazu Kawashima und Frederic Berger vom GMI – Gregor Mendel Institut für Molekulare Pflanzenbiologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Kooperation mit einem internationalen Team untersucht. Sie fokussierten auf ein Protein namens DU01, das im Urahn aller Landpflanzen vor etwa 700 Millionen Jahren eine entscheidende Funktionserweiterung erfahren hat.

„Die Veränderung an DU01 bewirkte, dass es neue Erbgut-Sequenzen binden und damit mehr Gene als zuvor regulieren konnte. Diese bildeten zusammen ein Netzwerk, das die Spermienentwicklung perfektionierte", erläutern die Forscher. DU01 kontrolliert dieses Netzwerk im Kern noch heute, und wurde damit zum „Vater“ aller Spermien.

Das bedeutet dennoch nicht, dass der evolutionären Anpassungsfähigkeit der Spermien für verschiedene Pflanzengruppen enge Grenzen gesetzt worden wären. Nachfolgend an die von DU01 gesteuerten Schritte konnten sich sehr unterschiedliche, an die jeweiligen Lebensbedingungen optimal angepasste, Spermientypen entwickeln. So sind sie beispielsweise bei Algen und Moosen begeißelt und können sich aus sich heraus bewegen. In Blütenpflanzen hingegen sind sie unbeweglich und werden durch das Wachstum eines Pollenschlauchs zur Eizelle gebracht.

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Die ÖAW
news-9600 Fri, 30 Nov 2018 16:48:00 +0100 Wettbewerb für Wissenschaftscomics http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/wettbewerb-fuer-wissenschaftscomics-1/ Die ÖAW schreibt einen Wettbewerb für Wissenschaftscomics für 8- bis 12-jährige Kids aus. Zu gewinnen gibt es vier Mal 12.000 Euro. Das Alte Rom, die Weiten des Weltalls oder kleinzelliges Leben unter dem Mikroskop – der Fantasie sind beim Wettbewerb „Wissenschaftscomics für Kids“ der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) keine Grenzen gesetzt. Die Ausschreibung richtet sich an Comiczeichnerinnen und Comiczeichner, die ihr zeichnerisches Talent einsetzen wollen, um Kindern im Alter von 8 bis 12 Jahren die Faszination des Forschens zu vermitteln und ihren Entdeckergeist zu wecken. Bis zu vier Preise werden für die besten Comics vergeben. Jeder Preis ist mit 12.000 Euro dotiert.

Spielerisch für Wissenschaft begeistern

„Kinder sind neugierig und wollen die Welt entdecken. Das ist etwas, das sie mit der Wissenschaft gemeinsam haben“, sagt Oliver Jens Schmitt, Präsident der philosophisch-historischen Klasse der ÖAW. „Mit Wissenschaftscomics für Kids wollen wir Kinder spielerisch mit Forschung in Berührung bringen und für Wissenschaft begeistern“, so Schmitt weiter, der Vorsitzender der Preisjury ist, die aus Vertreter/innen der ÖAW und des Stadtschulrats Wien besteht.
 
Die Themen der Comics, die 20 Seiten umfassen sollen, können Zeichner/innen frei aus den Forschungsbereichen der 28 Akademieinstitute wählen, deren Bandbreite von der Archäologie und den Geschichtswissenschaften über Demographie und Sozialanthropologie bis zu Physik und den Life Sciences reicht. Die Comics der Gewinner/innen werden rechtzeitig zum Schulbeginn im Herbst 2019 veröffentlicht und sind ab dann kostenfrei zum Download im Web erhältlich.

Einsendeschluss 15. Februar 2019

Zeichner/innen, die am Wettbewerb teilnehmen wollen, können ab sofort ihre Unterlagen bei der ÖAW einreichen. Für die Teilnahme sind vier gezeichnete Seiten und ein Exposé des geplanten Comics sowie Beispiele aus dem bisherigen Schaffen und ein kurzer Lebenslauf notwendig, die an comics(at)oeaw.ac.at geschickt werden können. Einsendeschluss ist der 15. Februar 2019.

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Die ÖAW
news-9596 Thu, 29 Nov 2018 09:31:14 +0100 Am meisten zitiert http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/am-meisten-zitiert/ Die international am häufigsten zitierten Wissenschaftler/innen 2018 stehen fest. 24 der „Highly Cited Researchers“ forschen an der ÖAW oder sind Mitglieder der Akademie. Zu den international einflussreichsten Köpfen der Wissenschaft zählen auch 24 Forscher/innen, die an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) tätig oder mit ihr als Mitglieder im In- und Ausland eng verbunden sind. Die Zahl ist eine weitere Steigerung gegenüber dem Vorjahr. Das geht aus dem aktuellen Ranking der 2018 weltweit am häufigsten zitierten Forscher/innen hervor, das von Clarivate Analytics herausgegeben wird.

Die jährliche Erhebung untersucht, wie häufig Publikationen einer Forscherin oder eines Forschers aus einem Fachgebiet der Medizin oder der Natur- und Sozialwissenschaften zwischen 2006 und 2016 von Kolleg/innen in deren Veröffentlichungen zitiert wurden. Neben der Anzahl von Publikationen in Fachzeitschriften gilt die Anzahl der Zitationen als ein Maß für die wissenschaftliche Relevanz von Forschungsarbeiten. Um die Arbeit von Wissenschaftler/innen zu würdigen, die starken Einfluss auf mehrere wissenschaftliche Gebiete haben, wurde heuer die neue Rubrik „Cross-Field“ für fachübergreifende Arbeiten eingeführt.

Das Ranking „Highly Cited Researchers“ umfasst aktuell rund 6.000 Wissenschaftler/innen weltweit aus 21 Forschungsgebieten und basiert auf der Zitationsdatenbank „Web of Science“. Aus Österreich sind insgesamt 40 Personen unter den weltweit am meisten zitierten Forscher/innen, dreizehn davon sind mit Mitarbeiter/innen oder Mitglieder der ÖAW.

Highly Cited: Mitglieder und Mitarbeiter/innen der ÖAW im Überblick

  • Markus Aspelmeyer, Physik
    korrespondierendes Mitglied der ÖAW, Universität Wien
  • Emmanuelle Charpentier, Cross-Field
    Mitglied der ÖAW im Ausland, Max Planck Institut für Infektionsbiologie, Deutschland
  • Mark W. Chase, Pflanzen- und Tierbiologie
    Mitglied der ÖAW im Ausland, University of Western Australia, Australien
  • Karlheinz Erb, Cross-Field
    Junge Akademie der ÖAW, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
  • László Erdös, Mathematik
    korrespondierendes Mitglied der ÖAW, IST Austria
  • Ernst Fehr, Wirtschaftswissenschaften
    Mitglied der ÖAW im Ausland, Universität Zürich, Schweiz
  • Jiři Friml, Pflanzen- und Tierbiologie
    Junge Akademie der ÖAW, IST Austria
  • Gnant  Michael, Cross-Field
    korrespondierendes Mitglied der ÖAW, MedUni Wien
  • Rudolf Grimm, Physik
    wirkliches Mitglied der ÖAW, Institut für Quantenoptik und Quanteninformation Innsbruck der ÖAW und Universität Innsbruck
  • Thomas J. R. Hughes, Computer Science
    Mitglied der ÖAW im Ausland, University of Texas, USA
  • Christian Körner, Cross-Field
    Mitglied der ÖAW im Ausland, Universität Basel, Schweiz
  • Ferenc Krausz , Physik
    Mitglied der ÖAW im Ausland, Ludwig-Maximilians-Universität München, Deutschland
  • Georg Kresse, Physik
    Wirkliches Mitglied der ÖAW, Universität Wien
  • Guido Kroemer, Immunologie
    Mitglied der ÖAW im Ausland, Universität Paris Descartes, Frankreich
  • Robert S. Langer, Biologie und Biochemie
    Mitglied der ÖAW im Ausland, Massachusetts Institute of Technology, USA
  • Hans Lassmann, Neurowissenschaften
    wirkliches Mitglied der ÖAW, MedUni Wien
  • Martin A. Nowak, Wirtschaftswissenschaften
    Mitglied der ÖAW im Ausland, Harvard University, USA
  • Peter Palese, Mikrobiologie
    Mitglied der ÖAW im Ausland, Icahn School of Medicine at Mount Sinai, New York, USA
  • Guillaume Queval, Pflanzenbiologie
    GMI – Gregor Mendel Institut für Molekulare Pflanzenbiologie der ÖAW
  • Niyazi Serdar Sariçiftçi, Cross-Field
    korrespondierendes Mitglied der ÖAW, Johannes Kepler Universität Linz
  • Josef Smolen, Klinische Medizin
    wirkliches Mitglied der ÖAW, MedUni Wien
  • Peter F. Stadler, Cross-Field
    Mitglied der ÖAW im Ausland, Universität Leipzig
  • Michael Wagner, Mikrobiologie
    wirkliches Mitglied der ÖAW, Universität Wien
  • Peter Zoller, Physik
    wirkliches Mitglied der ÖAW, Institut für Quantenoptik und Quanteninformation Innsbruck der ÖAW und Universität Innsbruck
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Die ÖAW
news-9405 Tue, 20 Nov 2018 16:17:19 +0100 Frauen nach vorn http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/frauen-nach-vorn/ Exzellenten Forscherinnen eine Plattform geben – darum ging es beim bereits zweiten „ÖAW-Frauen-Vernetzungs-Frühstück". Special Guest war diesmal die ehemalige Frauenministerin Maria Rauch-Kallat. Keine Frage: Bis zur Gleichstellung der Geschlechter ist in der Wissenschaft immer noch ein langer Weg zurückzulegen. Rund 24 Prozent beträgt der Frauenanteil bei den Professuren an österreichischen Universitäten. Und auch an der Akademie ist der Anteil an Frauen unter den Mitgliedern in den letzten Jahren zwar beständig gestiegen, liegt aber dennoch bei den Mitgliedern unter 65 Jahren ungefähr auf dem Niveau der aktiven Professor/innen. Es bleibt also noch viel zu tun.

Aber: es bewegt sich auch etwas. So wurden 2018 insgesamt 16 Forscherinnen aus unterschiedlichsten Disziplinen aufgrund ihrer herausragenden wissenschaftlichen Leistungen und ihres fachlichen Ansehens in die ÖAW aufgenommen, gegenüber 13 Forschern. Auch in den 28 ÖAW-Instituten sind bereits 15 Leitungspositionen – als Direktorinnen oder stellvertretende Direktorinnen – weiblich besetzt. Bei der Nachwuchsförderung haben Frauen schon länger die Nase vorn. Mehr als die Hälfte der Personen, die in ÖAW-Stipendienprogrammen bisher gefördert wurden sind weiblich. Und seit inzwischen elf Jahren gibt es mit „For Women in Science“ ein eigenes Stipendienprogramm für Forscherinnen.

Vernetzung für die Karriere

Beim bereits zweiten „ÖAW-Frauen-Vernetzungsfrühstück“ am 15. November 2018 stand daher die Frage im Zentrum, was über das bislang Erreichte hinaus getan werden kann, um Frauen in der Wissenschaft weiter nach vorne zu bringen. Maria Rauch-Kallat, ehemalige Frauenministerin und Gastrednerin, machte den zahlreich versammelten weiblichen ÖAW-Führungskräften Mut: Traut euch! „Glauben Sie, dass ich das kann?“ Diese Frage habe sie in ihrer politischen Laufbahn und Karriere als Unternehmerin oft von Frauen gehört wenn es um eine verantwortungsvolle Position gegangen sei, sagte Rauch-Kallat. Die Antwort sei jedes Mal die gleiche gewesen: Ja, natürlich kann frau das! Ebenso gelte, sich gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz zu wehren: „Machen Sie den Mund auf“, legte sie allen Frauen ans Herz.

Ganz gleich, ob es um Unterstützung oder um das Auftreten gegen Diskriminierung gehe. Am wichtigsten sei es, als Frauen aktiv zusammenzuhalten und sich untereinander gut zu vernetzen. „Es gibt die Solidarität unter Frauen“, so Rauch-Kallat. Und diese Solidarität zu stärken ist auch das Ziel des Frauen-Vernetzungsfrühstücks an der ÖAW.

Austausch über Fächergrenzen hinweg

Für einen spielerischen Zugang zu einer besseren Vernetzung von Frauen sorgte bei der Veranstaltung im festlichen Johannessaal der ÖAW dann ein „Magic Hat“-Wettbewerb. Per Zufallsziehung wurden Zweier-Teams aus unterschiedlichen Bereichen und Fächern gebildet, die sich über die Veranstaltung hinaus zum Austausch treffen können. Die spannendsten Vernetzungsgeschichten und besten Selfies der Tandems werden dann online veröffentlicht – und sollen damit auch Vorbildwirkung haben für Frauen, die am Anfang ihrer Karriere in der Wissenschaft stehen.

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Die ÖAW
news-9368 Thu, 15 Nov 2018 09:49:49 +0100 Vor hundert Jahren gingen Jahrhunderte zu Ende http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/vor-hundert-jahren-gingen-jahrhunderte-zu-ende/ Das Ende des Ersten Weltkriegs 1918 wurde bei einer großen Konferenz an der ÖAW beleuchtet. Exklusive Interviews mit Historiker/innen und Auszüge aus Konferenzbeträgen gibt es in einer neuen Folge des ÖAW-Podcasts MAKRO MIKRO zum Nachhören. „Der Erste Weltkrieg hat überall in Europa ein Trauma hinterlassen, das psychologisch zu wenig aufgearbeitet wurde“, sagt die Historikerin Brigitte Mazohl und bezieht sich damit auf alltägliche Erinnerungskultur in der Nachkriegszeit, aber auch auf eine geschichtswissenschaftliche Forschungslücke. Um diese und weitere Forschungslücken ging es bei der internationalen Konferenz „Vermessung einer Zeitenschwelle – Die Bedeutung des Jahres 1918 in europäischer und globaler Perspektive“, die Anfang November – zum hundertsten Jahrestag des Endes des „Great War“ – an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien stattfand.

Krieg ohne Ende

Wie vielschichtig das Thema auch heute noch ist, zeigte gleich zu Beginn der Konferenz die Keynote Lecture von John Horne. Der Wissenschaftler vom Trinity College in Dublin stellte die Frage: „When Did the Great War End?“ Seine gewollt provokant formulierte Antwort war: „Gleichzeitig vor und nach 1918“. Denn es gebe, so Horne, durchaus Argumente dafür, dass der Erste Weltkrieg nicht zwischen 1914 und 1918, sondern zwischen 1911 und 1923 stattgefunden hat. So habe die Gewalt auch nach 1918 vor allem in den plötzlich neu entstandenen Nationalstaaten in Osteuropa angehalten. Das bestätigte bei der Konferenz auch sein Historiker-Kollege Rudolf Kucera von der Tschechischen Akademie der Wissenschaften, der über die Tschechoslowakei, Jugoslawien und Polen sprach. Auch Länder, die als Sieger aus dem Krieg hervorgingen, waren nach 1918 alles andere als befriedet, wie Kucera anhand von Fallbeispielen ethnisch motivierter Gewalttaten aufzeigte.

Wendepunkt der Geschichte

Dennoch: Das Jahr 1918 war ein historischer Wendepunkt oder wie es der Osteuropa-Historiker Arnold Suppan ausdrückte: „1918 gibt es einen totalen Bruch.“ Das galt insbesondere für den Übergang der großen Imperien zu den Nationalstaaten. „Wir müssen uns vor Augen halten, dass vor allem in Mittel-, Ost-, und Südost-Europa sowie im Nahen Osten mit 1918 Jahrhunderte zu Ende gegangen sind“, sagt ÖAW-Mitglied Suppan im Interview im Podcast MAKRO MIKRO. Mit dem Untergang des russischen, osmanischen und deutschen Reiches sowie Österreich-Ungarns verlieren auch große Dynastien ihre Macht. „Die sind innerhalb von wenigen Wochen weg. Das bisherige monarchische Prinzip war zu Ende. Es wird vom Prinzip der Volkssouveränität abgelöst“, so der Historiker.

1918 gibt es einen totalen Bruch.

Damit läutete 1918 aber nicht unmittelbar den Siegeszug der Demokratie ein. „Einerseits entstehen neue demokratische Gesellschaften, andererseits erleben wir mit den Faschismen eine neue Welle der Militarisierung“, erklärt Brigitte Mazohl in MAKRO MIKRO  – eine Militarisierung, die schließlich in den Zweiten Weltkrieg mündete.

Vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg

An diesem großen, noch schrecklicheren Bruder kommt man bei einer Konferenz zum Ersten Weltkrieg nicht vorbei. War der erste gar ein Vorbild für den zweiten Krieg? Peter Lieb, Historiker am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam, sieht darüber noch keine Einigkeit in der Geschichtswissenschaft. Umgekehrt lasse sich aber schon feststellen, dass die Kriegsführung der Deutschen im Zweiten Weltkrieg das Bild vom Ersten Weltkrieg und die Rolle Deutschlands darin geprägt habe.

Auch Hew Strachan von der University of St Andrews in Schottland war mit historischen Vergleichen vorsichtig und betonte, dass man die Bilder vom Ersten Weltkrieg hinterfragen müsse, etwa jenes des unvermeidbaren „totalen Krieges“. So zeigte er auf, dass die Annahme, der Krieg sei von Anfang an als Weltkrieg gedacht worden, unzutreffend ist. Es sei vielmehr ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren gewesen, wie die Mobilisierung der Kolonien und die zeitgleich stattfindenden oder drohenden Revolutionen, die lokale Gewalt schließlich zu einem totalen Krieg eskalieren ließen. Auch die Industrialisierung und technische Neuerungen hätten eine Rolle gespielt. „Was aber totalen Krieg eigentlich befeuert“, so Strachan, „ist Politik und Ideologie“.

Untergang und Neuanfang

Was ein solcher „totaler Krieg“ nicht nur für die Soldaten an der Front sondern auch für den Alltag der Menschen außerhalb der unmittelbaren Kriegsschauplätze bedeutete, erläuterte Anatol Schmied-Kowarzik. Der Kollaps des Imperiums Österreich-Ungarn war kein allein militärischer sondern auch ein versorgungstechnischer. Der ÖAW-Historiker präsentierte Statistiken über die Pro-Kopf-Konsumation von Brot und wie diese im Verlauf des Krieges abnimmt und dafür Krankheiten zunehmen. Zugleich sah sich die staatliche Obrigkeit schließlich außerstande die Nahrungsmittelproduktion zu erfassen, da die Bauern aus Not begannen falsche Angaben zu machen. Wirtschaftlich lag die Monarchie am Ende des Kriegs am Boden.

Neue grenzenlose Welten scheinen möglich.

Doch 1918 bedeutete nicht nur Untergang sondern auch Neuanfang. „Neue grenzenlose Welten scheinen möglich“, sagte Ingrid Sharp von der University of Leeds, und zitierte damit Literat/innen, die über den Zeitgeist schrieben sowie Frauenbewegungen, die sich in dieser Zeit formierten und für Emanzipation und Frauenwahlrecht kämpften. „Eine allgemeine Rückkehr zur alten Geschlechterordnung war ausgeschlossen, die Nachkriegszeit war notwendigerweise eine Neuverhandlung der Geschlechterverhältnisse“, so Sharp.

Dass diese „Neuverhandlung“ alles andere als einfach war, betonte Christa Hämmerle von der Universität Wien. Besonders wenig Aufmerksamkeit sei bis jetzt etwa der Kriegsheimkehr von Frauen gewidmet worden. Frauen seien massenhaft als Schreibkräfte, Näherinnen und Köchinnen rekrutiert worden. „Gegen Kriegsende waren noch immer 20.000 von diesen Frauen im Einsatz“, sagte Hämmerle. Aber nach ihrer Demobilisierung wisse man fast nichts mehr über diese Gruppe. Ähnliches gelte für die vielen Kriegskrankenpflegerinnen.

Aufarbeitung eines europäischen Traumas

Ähnlich wie Brigitte Mazohl betonte auch Hämmerle die Traumatisierungen, die nach dem Krieg wenig bis keine Aufarbeitung fanden: „Mit den heimkehrenden Soldaten teilten sich diese Frauen traumatische Kriegserfahrungen, über die man in der Nachkriegszeit wenig sprechen konnte.“ Stattdessen sei eine problematische Erinnerungskultur entstanden, so Mazohl: „Man hat die Soldaten einfach zu Helden erhöht, um sich nicht mit diesem Trauma psychologisch auseinandersetzen zu müssen.“

Der Erste Weltkrieg hat überall in Europa ein Trauma hinterlassen, das psychologisch zu wenig aufgearbeitet wurde.

Einen Beitrag zur Aufarbeitung der Traumata des Ersten Weltkriegs wollte auch die Konferenz „Vermessung einer Zeitenschwelle“ leisten. Den Organisator/innen der ÖAW sei es daher auch besonders wichtig gewesen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Ländern einzuladen, die nach 1918 als Sieger galten, als auch solche, die als Verlierer gesehen wurden. Brigitte Mazohl: „Es ging uns darum, das Ende des Ersten Weltkriegs als gemeinsame europäische Erfahrung aufzuarbeiten und damit die vormaligen Barrieren zwischen den verfeindeten Nationen zu überwinden.“

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Die ÖAW
news-9323 Fri, 09 Nov 2018 14:16:15 +0100 Wissenschaft und Politik im Gespräch http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/wissenschaft-und-politik-im-gespraech/ Erstes Treffen von Spitzenforscher/innen und Nationalratsabgeordneten im Parlament in neuem Dialogformat Wissenschaftliche Erkenntnisse und politische Entscheidungen standen heute im Parlament im Mittelpunkt des ersten Dialogs "Wissenschaft und Politik im Gespräch". Dieser soll künftig regelmäßig stattfinden. "Unser Ziel ist es, der Politik fundiertes, gesichertes Wissen zur Verfügung zu stellen – nicht nur zur Orientierung, sondern auch als Grundlage für die Entscheidungsfindung", sagte Sobotka bei der Eröffnung der Veranstaltung am 9. November 2018 im Wiener Palais Epstein, die er und Anton Zeilinger, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), initiiert hatten.

Acht Wissenschaftler/innen trafen 14 Nationalratsabgeordnete aus allen im Parlament vertretenen Fraktionen zu einem Austausch auf vier wissenschaftlichen Gebieten: Quantenphysik, Life-Sciences, Weltraumforschung und demographischer Wandel bzw. Migration. "Für die politische Gestaltung unserer Zukunft ist unabhängiges, wissenschaftliches Wissen unabdingbar", erklärte Zeilinger. "Die Akademie pflegt daher ganz bewusst den aktiven Dialog mit der Politik. Mit diesen Gesprächen wollen das Vertrauen zwischen Politik und Wissenschaft nachhaltig stärken, und zwar ganz konkret zwischen den handelnden Personen", so der ÖAW-Präsident. Das sei besonders in Zeiten von "Fake News" wichtig.

Die ÖAW ist bereits seit Längerem Partner von Politiker/innen des Parlaments. Spitzenforscher/innen stellen ihre Erkenntnisse etwa im Bereich der Technikfolgenabschätzung zur Verfügung. Sie bringen dort Monitoring-Berichte über relevante wissenschaftliche und technische Entwicklungen ein. "Heute wollen wir einen Schritt weitergehen", betonte Nationalratspräsident Sobotka.

Francesca Ferlaino und Anton Zeilinger zu Quantenphysik

Nach den Einleitungen von Sobotka und Zeilinger zogen sich die Wissenschaftler/innen und Politiker/innen zum Austausch zurück. Zur Quantenphysik standen den Politiker/innen Francesca Ferlaino und Anton Zeilinger zur Verfügung. Ferlaino ist Professorin für Physik an der Universität Innsbruck, Direktorin des Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation Innsbruck der ÖAW und Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW. Zeilinger, Professor an der Universität Wien, ist Senior Scientist am Institut für Quantenoptik und Quanteninformation Wien der ÖAW.

Claudia Jonak und Giulio Superti-Furga zu Life-Sciences

Über Themen aus dem Bereich Life Sciences informierten die Abgeordneten Claudia Jonak und Giulio Superti-Furga. Jonak ist Principal Scientist am Center for Health and Environment des Austrian Institute of Technology (AIT), davor war sie Gruppenleiterin am Gregor-Mendel-Institut für Molekulare Pflanzenbiologie der ÖAW. Superti-Furga ist Gastprofessor an der Medizinischen Universität Wien, wissenschaftlicher Direktor des CeMM - Forschungszentrum für Molekulare Medizin der ÖAW, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des European Research Council (ERC) und wirkliches Mitglied der ÖAW.

Monika Lendl und Wolfgang Baumjohann zur Weltraumforschung

Zur Weltraumforschung informierten Monika Lendl und Wolfgang Baumjohann. Lendl ist Postdoctoral Researcher in der Arbeitsgruppe "Exoplanet Characterization and Observation" am Institut für Weltraumforschung der ÖAW in Graz sowie Kavli Fellow, University of Cambridge. Baumjohann ist Professor an der Universität München und der Technischen Universität Graz, Direktor des Instituts für Weltraumforschung der ÖAW und wirkliches Mitglied der ÖAW.

Alexia Fürnkranz-Prskawetz und Wolfgang Lutz zu demographischer Wandel und Migration

Zum Themenbereich demographischer Wandel und Migration erläuterten Alexia Fürnkranz-Prskawetz und Wolfgang Lutz neueste Erkenntnisse. Fürnkranz-Prskawetz ist Professorin für Mathematische Ökonomie an der Technischen Universität Wien, Direktorin des Instituts für Demographie der ÖAW und wirkliches Mitglied der ÖAW. Lutz ist Professor für angewandte Statistik an der Wirtschaftsuniversität Wien, Professorial Research Fellow an der Oxford Martin School for 21st Century Studies, stellvertretender Direktor des Instituts für Demographie der ÖAW, Gründungsdirektor des "Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital" (WU Wien, IIASA, ÖAW) sowie wirkliches Mitglied der ÖAW.

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Die ÖAW
news-9317 Fri, 09 Nov 2018 09:22:49 +0100 Österreichs Geschichte im Blick https://derstandard.at/r2000075502217/Blog-Geschichte-Oesterreichs Historiker/innen der ÖAW bloggen auf Der Standard – jetzt Mitlesen und Mitdiskutieren ÖAW Headline Die ÖAW news-9227 Mon, 29 Oct 2018 10:19:21 +0100 Der Krieg, der nicht endete http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/der-krieg-der-nicht-endete/ Der Erste Weltkrieg war mit 1918 nicht beendet – seine Folgen reichten viel weiter, sagt der irische Historiker John Horne. Er war bei einer großen Konferenz der ÖAW zu Gast, die das Schicksalsjahr 1918 neu in den Blick nahm. Kein Zweifel: Im November 1918 endete der Erste Weltkrieg. Und doch nicht so ganz. Der Schlusspunkt des beispiellos grausamen Konflikts bedeutete auch das Auseinanderbrechen von politischen Großmächten wie Österreich-Ungarn oder des Osmanischen Reichs. Neue Staaten entstanden, ebenso wie neue Konflikte. Auf dem Trümmerfeld des Ersten Weltkriegs kehrte keine Ruhe ein. Europa vor 100 Jahren war ein Kontinent im Umbruch.

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) nahm das 100-jährige Gedenken an 1918 zum Anlass, dieses Schicksalsjahr neu zu beleuchten. Bei der Konferenz „Vermessung einer Zeitenschwelle. Die Bedeutung des Jahres 1918 in europäischer und globaler Perspektive“ waren vom 3. bis 6. November 2018 rund 50 Redner/innen aus dem In- und Ausland in Wien zu Gast, die die jüngsten Erkenntnisse aus unterschiedlichsten Forschungsfeldern zum Jahr 1918 zur Debatte stellten.

Einer von ihnen ist John Horne. Der Historiker vom Trinity College in Dublin hat mehrere Bücher und hunderte Aufsätze zum Ersten Weltkrieg verfasst. Im Interview erklärt er, warum der Krieg viel weiter reichte, als bis zu seinem Ende im November 2018.

Wir dachten eigentlich zu wissen, wann der Erste Weltkrieg endete. Sie sagen, so einfach ist das nicht. Warum?

John Horne: Schon immer wurde uns beigebracht, dass der Erste Weltkrieg am 11. November 1918 endete. An diesem Tag legten die Hauptmächte ihre Waffen an den verschiedenen Fronten nieder und die Vorbereitungen für die Friedenskonferenz in Paris wurden damit eingeleitet. Obwohl wir dieses offizielle Ende des Krieges kennen, stelle ich noch einmal die Frage: „When did the Great War End?“ Der Erste Weltkrieg fand sein Ende nämlich nicht im November 1918, sondern bereits ein Jahr früher im Osten, mit dem Ausstieg Russlands aus dem Krieg und mit der Revolution der Bolschewiki.

 

Der Erste Weltkrieg reichte viel weiter, als bis zum 11. November 1918, an dem er für beendet erklärt wurde.

 

Später ereigneten sich Unabhängigkeitsbewegungen Irland, in Zentral- und Osteuropa, im Nahen Osten. Das war das Resultat eines größeren Krieges, der in den Jahren 1911 und 1912 mit der italienischen Invasion des osmanischen Libyens und der Balkankriege, 1912 und 1913, begonnen hatte und dessen zeitliches Epizentrum man den Jahren 1914 bis 1918 zurechnen kann. Dieser Krieg hat sich jedoch in verschiedenen Formen bis 1923 gehalten. Neue Konflikte entwickelten sich mit den Nationalstaaten, die aus den Ruinen des russischen, des Habsburger und des Osmanischen Reichs hervorgingen. Internationale Klassenkämpfe, initiiert durch die Bolschewiki gehören ebenfalls zu dieser Reihe neuer Konflikte. Neue Grenzziehungen der arabischen Provinzen des ehemaligen Osmanischen Reichs durch die Briten und die Franzosen trugen ebenso zu schweren Unruhen bei, die bis heute andauern. Der Erste Weltkrieg reichte also viel weiter, als bis zum 11. November 1918, an dem er für beendet erklärt wurde. 

Was waren die langfristigen Folgen des Ersten Weltkriegs für die Geschichte?

Horne: Es gab einen noch brutaleren Zweiten Weltkrieg, den Holocaust und die ideologische und militärische Sackgasse des Kalten Krieges. Nationalstaaten hätten sich wahrscheinlich ohnehin entwickelt, dennoch sind sie direkt mit dem Ersten Weltkrieg verbunden. Die Nation, mit einer gemeinsamen Sprache und – im Vergleich zu Imperien – überschaubaren Gemeinschaft, wurde nach dem Krieg zur bestmöglichen „imaginierten Institution“. Neue Konflikte rund um zurückgedrängte Minderheiten, gegen die Hetze betrieben wurde, entstanden. Durch Nazi-Deutschland und die Sowjetunion erlitt Europa in den 1940er-Jahren eine erschreckende  und katastrophale Simplifizierung von Gesellschaften und Menschengruppen auf national gedachte Staaten. Etwas, das sich im Jugoslawienkrieg in den 1990er Jahren wiederholen sollte. Heute sehen wir neue nationale Konflikte in der Ukraine als auch den Aufstieg eines populistischen Nationalismus in Europa – mit neuen Stereotypen, neuen Sündenböcken und einer neuen Intoleranz gegenüber Minderheiten.

 

Nationalstaaten hätten sich wahrscheinlich ohnehin entwickelt, dennoch sind sie direkt mit dem Ersten Weltkrieg verbunden.

 

Wie hat sich der Blick der Forschung auf 1918 im Laufe der Zeit verändert?

Horne: In Anlehnung an die Historiker Jay Winter und Antoine Prost und ihr Buch „The Great War in History“ könnte man von drei Wellen der Forschung sprechen. Bis in die 1960er-Jahre gab es einen Fokus auf militärische Strategien und die politische und diplomatische Geschichte – also die Frage: wer sind die Siegermächte und warum? Danach rückten soziale Fragen in den Mittelpunkt. Forscher/innen interessierten sich für die industrialisierte Gesellschaft, die Revolutionen und die Geschichte der Frauen zu dieser Zeit. Und seit den 1990er-Jahren hat die Kulturgeschichte neue Paradigmen eingeleitet. Die Frage, ob diese Paradigmen auch heute noch zeitgemäß sind, behandle ich in einem Aufsatz, der in Kürze erscheinen wird.

Was ist das Besondere am kulturgeschichtlichen Zugang zum Ersten Weltkrieg, der in jüngerer Zeit verfolgt wird?

Horne: Die Kulturgeschichte hat sich nicht nur dafür interessiert, wie der Krieg von Künstlern, Intellektuellen, Journalisten und anderen dargestellt wurde, sondern auch welche persönlichen Erfahrungen er mit sich brachte. Schließlich war der Erste Weltkrieg, wenn man so will, das erste Ereignis, das die Massen prägte. Es kamen auch neue Quellen auf, die bislang vernachlässigt wurden, wie zum Beispiel die Literatur der Veteranen des Krieges. Die Frage ist, wie man den kulturhistorischen Ansatz erneuern kann, insbesondere, indem man auch Faktoren wie Macht, Demografie und materielle Ressourcen stärker miteinbezieht.

 

Die ultimative Herausforderung besteht darin, eine Globalgeschichte des Ersten Weltkriegs zu schreiben.

 

Ist zum Ersten Weltkrieg alles gesagt oder gibt es noch Forschungslücken?

Horne: Obwohl der Erste Weltkrieg eingehend erforscht wurde, gibt es nach wie vor ein Forschungsdesiderat: Die ultimative Herausforderung besteht darin, eine Globalgeschichte des Ersten Weltkriegs zu schreiben. Und das führt mich wieder zurück zur Konferenz an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften: Um die Transformationen dieser Kriegsepoche besser zu verstehen, müssen wir letztendlich auch die Zeiträume des Kriegs, abseits seines offiziellen Beginns oder Endes, ausweiten. Nur so können wir die vielen Folgen des Krieges für das nachfolgende Jahrhundert verstehen und erforschen. 

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news-9207 Wed, 24 Oct 2018 11:09:48 +0200 Amsterdam in Wien http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/amsterdam-in-wien/ Am 11. Oktober war die Königlich-Niederländische Akademie der Wissenschaften zu Gast an der ÖAW. Es ging um die Frage, was Akademien zu aktuellen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen voneinander lernen können. Welche ethischen Fragen ergeben sich für Forschung in autoritären Ländern? Wie sollen sich Wissenschaftsakademien im Verhältnis zu Universitäten, Industrie und Gesellschaft positionieren? Und wie kann man die Forschung und ihre Ergebnisse noch stärker von den Hauptstädten ins gesamte Land tragen? Fragen wie diese beschäftigen nicht nur die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW), sondern auch andere Akademien in Europa. Denn trotz regionaler Unterschiede sind sie alle oftmals mit ähnlichen Aufgabenstellungen und Herausforderungen konfrontiert. Für die ÖAW also Grund genug, erstmals einen Joint Academy Day ins Leben zu rufen, der Vertreter/innen einer anderen Akademie in Wien mit Mitgliedern und Wissenschaftler/innen der ÖAW zusammenbringt.

Zum Auftakt am 11. Oktober 2018 war die 1808 gegründete Königlich-Niederländische Akademie der Wissenschaften (Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen, KNAW) zu Gast an der ÖAW. Nach der Begrüßung durch ÖAW-Präsident Anton Zeilinger und Oliver Jens Schmitt, Präsident der philosophisch-historischen Klasse der ÖAW, diskutierten die rund 80 Teilnehmer/innen einen Tag lang und in insgesamt 6 Panels aktuelle Fragen, die sich für Wissenschaftsakademien gegenwärtig stellen.

Wissenstransfer

Zur Sprache kam dabei auch das Thema „Research Impact (Academy – University – Industry – Society)“. Dabei ging es nicht nur um die Frage, wie sich der Wissenstransfer von der Grundlagenforschung zur industriellen Anwendung optimieren lässt, sondern auch darum, wie durch einen verbesserten Wissenstransfer von der Forschung zur Gesellschaft einer immer noch verbreiteten Wissenschaftsskepsis entgegengewirkt werden kann. Gerade Akademien komme hier eine zentrale Rolle zu, waren sich die Vertreter/innen von ÖAW und KNAW einig. Durch die breite und vielfältige Expertise ihrer Mitglieder und Mitarbeiter/innen, seien sie in besonderem Maße in der Lage, sowohl den gesellschaftlichen Wert der Grundlagenforschung zu vermitteln als auch faktenbasiertes Wissen in öffentliche Diskurse einzubringen.

Eine intensivere Zusammenarbeit und ein regelmäßiger Austausch von Wissenschaftsakademien über Ländergrenzen hinweg, wie beim Joint Academy Day, sind dafür essentiell. Die niederländischen und österreichischen Teilnehmer/innen jedenfalls zeigten sich vom Zukunftspotential dieser Initiative überzeugt. Der nächste Joint Academy Day ist daher bereits in Planung und wird im Herbst 2019 an der Akademie in Wien stattfinden.

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Die ÖAW
news-8963 Fri, 12 Oct 2018 12:33:12 +0200 „Wir müssen uns selbst befreien“ http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/wir-muessen-uns-selbst-befreien/ Wenn diskriminierte Gruppen um Selbstbestimmung kämpfen, dann geht es um Emanzipation, sagt die Berliner Philosophin Rahel Jaeggi. Sie hielt die diesjährige Leibniz Lecture an der ÖAW und erklärte, warum der Begriff in der Gegenwart eine Renaissance verdient hat. „Die Idee einer emanzipativen Transformation von Verhältnissen droht heute, inmitten von Krisen und Regressionstendenzen, unterzugehen“, warnte Rahel Jaeggi. Eine Zeitdiagnose, die nicht unbedingt optimistisch stimmt, geht es doch bei Emanzipation um das Erlangen der Eigenständigkeit diskriminierter Individuen oder Gruppen. Was heute eine Selbstverständlichkeit sein sollte – sich von unterdrückenden Verhältnissen emanzipieren zu können –, ist es nicht.

Wie also kann Emanzipation in der gegenwärtigen Welt dennoch gelingen? Kann man anderen zur Emanzipation verhelfen? Und: Wie kann man der Kritik am Begriff der Emanzipation begegnen? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Leibniz Lecture an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), die von Rahel Jaeggi gehalten wird.

Frau Jaeggi, den Begriff “Emanzipation” kennt man vor allem aus der Frauenbewegung. Für Sie reicht er aber dahinter zurück?

Rahel Jaeggi: Ja, historisch gesehen kennt man ihn vor allem aus der jüdischen Emanzipation im Zeitalter der Aufklärung, der bürgerlichen Emanzipation. Und natürlich: Emanzipation als Akt der Freilassung der Sklaven und Unfreien. Genereller ausgedrückt: Immer da, wo diskriminierte Gruppen ihre Eigenständigkeit erlangen und für individuelle wie kollektive Selbstbestimmung kämpfen, geht es um Emanzipation. Der Begriff hat aber in seiner Geschichte einige Änderungen und eine beträchtliche Ausweitung erfahren: Der Prozess der Emanzipation ist von einem, der asymmetrisch gewährt wird, zu einem geworden, den die Betreffenden selbst erstreiten. Heute verstehen wir unter Emanzipation nicht mehr einen einmaligen rechtlichen Akt, sondern einen langwierigen sozialen Prozess.

Kürzlich haben Sie in Berlin eine Konferenz zum Thema „Emanzipation“ organisiert. Inwiefern ist dieser Begriff geeignet, um über die aktuellen politischen Verhältnisse zu sprechen?

Jaeggi: Emanzipation ist heute ein untertheoretisierter Begriff. Das war der Ausgangspunkt unserer Tagung. Die Idee einer emanzipativen Transformation von Verhältnissen droht heute, inmitten von Krisen und Regressionstendenzen, unterzugehen. In diesem Sinne sollte Emanzipation heute nicht bloße Reaktion sein, sondern wieder an eine politische Situation anknüpfen, in der die sogenannte soziale Frage von den anderen Fragen nicht getrennt war – es also um eine Transformation von Lebensformen im Ganzen ging.
 

Emanzipation sollte wieder an eine politische Situation anknüpfen, in der die sogenannte soziale Frage von den anderen Fragen nicht getrennt war – es also um eine Transformation von Lebensformen im Ganzen ging.


Ihre Mutter, Eva Jaeggi, ist Psychoanalytikerin, Ihr Vater, Urs Jaeggi, Autor und Soziologe. Beide waren in der 68er Bewegung aktiv. Wann hörten Sie eigentlich als Kind oder junges Mädchen das erste Mal von Emanzipation?

Jaeggi: Vermutlich im Grips-Theater, einem linken Berliner Kindertheater.

War „Emanzipation“ bei Ihnen zuhause auch ein Schlagwort?

Jaeggi: Nein. Aber dass sich im Begriff der Emanzipation der Geist von '68 spiegelt, und zwar genau dort, wo man heute wieder ansetzen müsste, das haben wir auch bei der Konferenz betont.

Wie hat sich der Begriff seit damals verändert?

Jaeggi: Er hatte sich damals oder bis damals verändert. Wie vorher angedeutet, hat er sich immer stärker ausgedehnt und im Zuge der '68er die Bedeutung einer Transformation aller Lebensverhältnisse angenommen. Seit damals ist er dann Schritt für Schritt auch theoretisch unter Beschuss geraten, zum Beispiel wenn man im Geiste Foucaults kritisiert, die Emanzipationsidee suggeriere, dass da irgendwo unter den Verdeckungen durch Herrschaftsverhältnisse ein unbeschadetes Potenzial läge, das nur auf irgendeine Weise befreit und losgelassen werden müsse. Auf solche Kritiken muss eine zeitgenössische Rekonstruktion des Emanzipationsbegriffs reagieren – kann sie aber auch, wie ich behaupte.

Wenn in populären Diskursen über Emanzipation gesprochen wird, geht es oft um „die anderen“. Um „Kopftuchfrauen“ oder „Billiglohnarbeiter“, denen man helfen müsse, sich zu emanzipieren. Aber geht das überhaupt, anderen zur Emanzipation zu verhelfen?

Jaeggi: Nein, das ist paternalistisch. Und widerspricht dem Gehalt des Begriffs. Emanzipieren können einen nicht die anderen, das kann man nur selbst. Wir müssen uns selbst befreien: Das ist eine der wesentlichen Transformationen, die der Begriff durchgemacht hat. Hinter der paternalistischen Idee der Emanzipation der anderen stehen oft verdeckte Herrschaftsinteressen, etwa wenn weiße Männer nicht-weiße Frauen emanzipieren.
 

Emanzipieren können einen nicht die anderen, das kann man nur selbst.


Gibt es den vollkommen emanzipierten Menschen?

Jaeggi: Den gibt es nicht. Emanzipation ist eine Frage von Graden und ein fortlaufender Prozess. Keine einmalige Angelegenheit.

Sie sind Universitätsprofessorin. Wenn Sie über den Begriff der „Emanzipation“ nachdenken: Können Sie die eigene politische Haltung von der wissenschaftlichen Arbeit trennen? Und wollen Sie das überhaupt?

Jaeggi: Nein. Das ist ja eines der Privilegien einer solchen Arbeit, dass man hier einen Reflexionsraum findet, in den das, was einen gesellschaftlich und politisch bewegt, in abstrakte, theoriegeleitete, grundbegriffliche Überlegungen eingehen kann. Natürlich selten auf direktem Weg – ein Reflexionsraum ist ja auch dazu da, dass man hier Dinge ohne unmittelbaren Handlungszwang diskutieren kann – aber auf irgendeine Weise eben doch.

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news-8913 Mon, 08 Oct 2018 10:10:49 +0200 Hedy Lamarrs Sohn besuchte ÖAW-Teleskop http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/hedy-lamarrs-sohn-besuchte-oeaw-teleskop/ Der US-Unternehmer und Schauspieler Anthony Loder besichtigte gemeinsam mit Quantenphysiker Anton Zeilinger das Hedy-Lamarr-Teleskop der ÖAW in Wien. Das Teleskop, das für quantenphysikalische Experimente genutzt wird, ist Loders Mutter, der in Wien geborenen Hollywood-Schauspielerin Hedy Lamarr und ihren Leistungen in der Wissenschaft gewidmet. Anthony Loder (71), der Sohn der berühmten österreichischen Erfinderin und Hollywood-Schauspielerin Hedy Lamarr, war in Wien zu Gast. Anlass war die Verleihung des heuer vergebenen „1. Hedy Lamarr-Award für innovative Frauen in der IT“. Im Rahmen dieses Besuchs besichtigte Loder am 5. Oktober 2018 auch zum ersten Mal das nach seiner Mutter benannte Teleskop am Dach des Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Der Hintergrund: Hedy Lamarr war nicht nur Schauspielerin, sondern legte als Wissenschaftlerin wichtige Grundsteine für die heutige Mobilfunktechnik.

Würdigung der Erfinderin Hedy Lamarr

Beim Besuch des Quantenteleskops, das Hedy Lamarr für ihre Forschungsleistungen gewidmet wurde, war der aus Los Angeles angereiste Loder sichtlich gerührt. Im persönlichen Gespräch erklärte ÖAW-Präsident Anton Zeilinger Loder und dessen Lebensgefährtin die Funktionsweise des Teleskops. Eine an der Außenwand befestigte Plakette erinnert an die 2000 verstorbene und am Wiener Zentralfriedhof bestattete Hollywood-Diva, die etwa an der Seite von Spencer Tracy, Cary Grant und James Stewart gespielt hat.

Die Wahl des Namens für das Teleskop, das für Experimente zur Quantenkommunikation und -verschlüsselung verwendet wird, erfolgte nicht zufällig, denn Hedy Lamarr war eine wissenschaftliche Pionierin. 1940 entwickelte sie gemeinsam mit dem Komponisten George Antheil eine weitgehend störungsfreie Funkfernsteuerung für Torpedos. Im Zweiten Weltkrieg kam die patentierte Erfindung zwar nicht mehr zum Einsatz, dafür spielt das „frequency hopping“ heute in der Mobilfunktechnik (etwa bei Bluetooth- und WLAN-Verbindungen sowie in der GSM-Technik) eine zentrale Rolle. Mit dem Hedy-Lamarr-Teleskop erinnert die ÖAW an diese wissenschaftliche Seite des Hollywoodstars.

Berühmte Mutter
Hedy Lamarrs Sohn, Anthony Loder, wurde am 1. März 1947 geboren. Nach einigen Rollen als Schauspieler in Hollywood und am New Yorker Greenwich Village Theater gründete Loder eine Firma für Kommunikations- und Videoüberwachungssysteme und blieb sein Leben lang Unternehmer. Zugleich wirkte er aber weiter an Film- und Buchproduktionen über seine berühmte Mutter mit.

So wurde der von ihm koproduzierte Film „Calling Hedy Lamarr“ 2004 auf der Wiener „Viennale“ präsentiert. 2012 schrieb er zusammen mit dem deutschen Journalisten Jochen Förster das Buch „Hedy Darling“. In dem Film „Bombshell – The Hedy Lamarr Story“ von 2017 haben er, wie auch sein Bruder James Loder und seine Tochter Lodi Loder einen Auftritt.

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news-8864 Wed, 03 Oct 2018 09:56:22 +0200 Forschen an der Zukunft http://www.oeaw.ac.at/veranstaltungen-kommunikation/multimedia/galerien-und-videos/sommerserie-junge-akademie-2018/ Die Sommerserie Young Academics hat neue Mitglieder der Jungen Akademie der ÖAW getroffen und sie gefragt, an welchen Fragen von morgen sie gerade forschen. Die ÖAW news-8831 Fri, 28 Sep 2018 16:17:53 +0200 Krieg ist keine Männersache http://www.oeaw.ac.at/oesterreichische-akademie-der-wissenschaften/die-oeaw/article/krieg-ist-keine-maennersache/ Welche Rolle spielen Frauen im Militär? Damit beschäftigt sich die Politikwissenschaftlerin Saskia Stachowitsch. In ihrer Forschung zeigt sie, warum Frauen das Militär gerettet haben und dennoch in der Minderheit sind. Krieg ist Männersache? So einfach ist es heute nicht mehr. Die soziale Wirklichkeit ist längst komplexer, wie die Forschung von Saskia Stachowitsch deutlich macht. Die Politikwissenschaftlerin an der Universität Wien, die heuer in die Junge Akademie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) aufgenommen wurde, beschäftigt sich seit Langem mit Themen wie Krieg und Frieden, Sicherheit und Unsicherheit sowie Militarisierung. „Mit meinem wissenschaftlichen Hintergrund in Politikwissenschaft und Gender Studies weiß ich, dass all diese Bereiche nur verständlich sind, wenn man auch gesellschaftliche und insbesondere geschlechtsspezifische Machtverhältnisse miteinbezieht.“

So erforscht die Wissenschaftlerin etwa, wie Frauen im Militär integriert und vertreten sind, zum Beispiel in den USA, dem Land mit der mächtigsten Armee der Welt. „Mit Ende des Kalten Krieges hat sich hier der militärische Arbeitsmarkt stark gewandelt. Ohne die Beteiligung von Frauen wäre das Militär schlichtweg nicht zu erhalten gewesen“, meint Stachowitsch hinsichtlich der Quantität wie Qualität. Denn: „Das US-Militär brauchte mehr besser ausgebildete Menschen, weil nur noch ein kleiner Teil traditionelle Kampfrollen übernahm. Der Großteil war nun in technischen, logistischen, medizinischen und im IT-Bereich tätig und Frauen wiesen ein durchschnittlich höheres Bildungsniveau auf.“

Frauen noch immer in der Minderheit

Doch auch wenn Frauen für das Militär vor allem nach Ende des Kalten Krieges entscheidend waren, sind sie heute nach wie vor in der Minderheit, betont Stachowitsch. Über die letzten zehn Jahre lag der Frauenanteil über alle Streitkräfte hinweg bei etwa 14 Prozent. Jedoch: „Je nach Teilstreitkraft gibt es starke Unterschiede. In der Air Force sind über 20 Prozent Frauen, im Marine Corps sind es zwischen vier und sechs Prozent. Das hat auch mit der Art der Aufgabe zu tun. Bei den Marines wird etwa vermehrt am Boden gekämpft und es gibt weniger unterstützende Funktionen.“

Mit Ende des Kalten Krieges hat sich hier der militärische Arbeitsmarkt stark gewandelt. Ohne die Beteiligung von Frauen wäre das Militär schlichtweg nicht zu erhalten gewesen.

Aber auch im privaten Militärsektor, der in Sachen Krieg und Sicherheit immer wichtiger wird, spielen Frauen kaum eine Rolle. „Als sich der ‚War on Terror‘ langsam dem Ende zugeneigt hatte, war klar, dass fast die Hälfte der Personen, die von amerikanischer Seite in Afghanistan und dem Irak eingesetzt wurden, keine staatlichen Truppen waren, sondern Angestellte von privaten Sicherheits- und Militärfirmen. Das ist ein großer Trend, der bis jetzt noch nicht vollständig wissenschaftlich aufgearbeitet und analysiert wurde.“

Dass Frauen hier wenig vertreten sind, liegt allerdings nicht daran, dass sie für diese Arbeit weniger geeignet sind. Das erklärten auch Vertreter von Sicherheitsfirmen, so Stachowitsch. „Man bezweifelt nicht, dass Frauen genauso gute oder teilweise sogar bessere Arbeit im Sicherheitsbereich leisten könnten. Als Begründung für ihre Unterrepräsentation wird aber angeführt, dass weibliches Sicherheitspersonal schlechter zu vermarkten sei.“ Denn für die Gesellschaft stünden Sicherheit und Schutz stark mit Männlichkeit in Verbindung. Eine Frau als Bodyguard sei für viele Auftraggeber aus diesem Grund nur in bestimmten Situationen denkbar und wünschenswert, so die Genderforscherin.

Vermännlichung des militärischen Arbeitsmarkts

Aus diesem Grund rekrutieren private Sicherheits- und Militärfirmen Personal auch aus Einheiten wie der Infanterie oder den Special Forces. Bereiche, von denen Frauen bis vor kurzem auch in den USA ausgeschlossen waren. „Private Sicherheitsfirmen müssen bei ihrer Rekrutierung nicht auf Gleichberechtigung achten wie das staatliche Militär. Für sie geht es vielmehr darum, ein gesellschaftlich kompatibles Bild von Sicherheit zu verkaufen“, schlussfolgert die Wissenschaftlerin. Stachowitsch warnt jedoch davor, dass dadurch eine Vermännlichung des militärischen Arbeitsmarktes stattfindet und Frauen von neu geschaffenen Arbeitsplätzen im Sicherheitsbereich ausgeschlossen blieben.

Private Sicherheitsfirmen müssen bei ihrer Rekrutierung nicht auf Gleichberechtigung achten wie das staatliche Militär.

Dass Frauen im Militär und in Sicherheitsfragen besseren Zugang haben sollten, sei laut Stachowitsch aber weniger dadurch zu begründen, dass Frauen in diesen Bereichen besser wären als Männer oder dass es mit mehr Frauen keine Kriege oder weniger Konflikte gäbe. „Ich wehre mich dagegen, dass Frauen immer besser sein müssen, um Zugang zu bestimmten Berufen zu haben. Zudem haben Frauen wie Männer das gleiche kriegerische und aggressive Potenzial, wenngleich sie meist unterschiedlich sozialisiert werden.“

Vielmehr gehe es laut Stachowitsch darum, Frauen wie Männern grundsätzlich gleiche Rechte einzuräumen. Pointiert formuliert: „Gleichstellung haben wir erst erreicht, wenn durchschnittliche Frauen ebenso in gute Positionen kommen, wie auch viele durchschnittliche Männer, die diese wichtigen Rollen einnehmen und unsere Gesellschaft gestalten.“

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