Österreichische Akademie der Wissenschaften http://www.oeaw.ac.at de-at Österreichische Akademie der Wissenschaften Sun, 08 Dec 2019 04:01:08 +0100 Sun, 08 Dec 2019 04:01:08 +0100 Typo3 news-12234 Wed, 18 Sep 2019 12:56:42 +0200 MICIUS-PREIS AN BLATT, ZEILINGER UND ZOLLER ÜBERREICHT http://www.oeaw.ac.at/detail/news/micius-preis-an-blatt-zeilinger-und-zoller-ueberreicht/ Die drei österreichischen Wissenschaftler wurden im chinesischen Hefei mit dem Preis ausgezeichnet, der erstmals für herausragende anwendungsnahe Forschung in der Quantenphysik vergeben wurde. Die chinesische Micius Quantum Foundation hat zum ersten Mal Preise zur Förderung herausragender anwendungsoffener Forschung in der Quantenphysik vergeben. Die Auszeichnungen gingen an Rainer Blatt, Anton Zeilinger und Peter Zoller sowie an neun weitere Physiker, die mit ihren Arbeiten wichtige Grundlagen für neue Anwendungsmöglichkeiten in der Quantenforschung geschaffen haben, wie die Foundation am 26. April bekannt gab. Nun wurden am 18. September die Preise in der chinesischen Stadt Hefei im Rahmen der aktuell laufenden „International Conference on Emerging Quantum Technology“ überreicht.

Rainer Blatt erhält einen Micius-Preis für seine wegweisenden Experimente zu Quantencomputern, Peter Zoller gemeinsam mit Juan Ignacio Cirac für entscheidende theoretische Arbeiten zu Quantenrechnern. Anton Zeilinger wurde zusammen mit seinem ehemaligen Doktoranden Jian-Wei Pan für bahnbrechende Experimente zu sicherer Quantenkommunikation über lange Distanzen ausgezeichnet.

Fünf ÖAW-Mitglieder unter den Preisträgern

Rainer Blatt und Peter Zoller forschen an der ÖAW und der Universität Innsbruck, Anton Zeilinger an der ÖAW und der Universität Wien. Auch Juan Ignacio Cirac und Jian-Wei Pan sind mit Österreich eng verbunden. Cirac, der am Max-Planck-Institut für Quantenoptik tätig ist, ist ebenso wie Pan, der an der Chinesischen Universität der Wissenschaften und Technik forscht, Mitglied der ÖAW im Ausland. Cirac war zudem zuvor Kollege von Zoller an der Universität Innsbruck, Pan Doktorand von Anton Zeilinger an der Universität Wien.

Der Preis ist benannt nach dem chinesischen Philosophen Micius, der im fünften Jahrhundert v. Chr. lebte und entdeckte, dass sich Licht geradlinig ausbreitet. Das Preiskomitee besteht aus Vertretern großer und international renommierter chinesischer Wissenschaftsinstitutionen wie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, der Pekinger Tsinghua-Universität, der Chinesischen Universität der Wissenschaften und Technik oder der Zhejiang-Universität in Hangzhou.

Alle Micius-Preisträger im Überblick

Theoretische Arbeiten zum Quantencomputer:

  • David Deutsch
  • Peter Shor
  • Juan Ignacio Cirac und Peter Zoller

Experimentelle Arbeiten zum Quantencomputer:

  • Rainer Blatt
  • David J. Wineland

Theoretische Arbeiten zur Quantenkommunikation:

  • Stephen Wiesner
  • Charles H. Bennett und Gilles Brassard
  • Artur Ekert

Experimentelle Arbeiten zur Quantenkommunikation:

  • Jian-Wei Pan und Anton Zeilinger

The Micius Quantum Prize

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Die ÖAW
news-12218 Mon, 16 Sep 2019 08:00:00 +0200 Tag des Denkmals an der ÖAW https://www.oeaw.ac.at/veranstaltungen/microsites/2019/tag-des-denkmals-2019/ Vorträge zu Promis aus der Geschichte und kunsthistorische Führungen erwarten Besucher/innen am 29. September. Die ÖAW news-12216 Fri, 13 Sep 2019 13:13:39 +0200 ADIEU PRIVATSPHÄRE? http://www.oeaw.ac.at/detail/news/adieu-privatsphaere/ Datenschutz ist in aller Munde. Unsere Daten gelangen trotzdem in die falschen Hände. Warum ist das so? Was können wir dagegen tun? Stefan Strauß, Wirtschaftsinformatiker an der ÖAW, geht diesen Fragen in seinem neuen Buch nach. „Es steht einiges auf dem Spiel“, mahnt Stefan Strauß. In seinem eben erschienenen Buch „Privacy and Identity in a Networked Society“ befasst sich der Wissenschaftler vom Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) mit einem gefährdeten Gut. „Ich sehe derzeit eine klare Tendenz zu einer immer stärkeren Bedrohung der Privatsphäre“, sagt er. In seiner Publikation betrachtet Strauß dieses sozio-technische Problem aus systemischer Perspektive. Er identifiziert ein zentrales Risiko, das unsere Privatsphäre gefährdet. Und er entwickelt ein Rahmenkonzept für Datenschutzfolgenabschätzung, das helfen kann sie zu schützen.

Unsere Privatsphäre scheint durch die Digitalisierung auf vielerlei Weise gefährdet. Sie identifizieren dabei ein zentrales Grundproblem. Was ist diese „digitale Erkrankung“, wie Sie es nennen?

Stefan Strauß: Ich sehe unkontrollierte sozio-technische Identifizierbarkeit als das primäre Risiko. Denn Bedrohungen der Privatsphäre beginnen immer mit der Verarbeitung von Daten, die Rückschlüsse auf die Identität einer Person zulassen. Das gilt universal und die digitale Transformation der Gesellschaft verschärft das. Jede Nutzung einer Technologie erzeugt weitere Daten. Damit wachsen unsere Identitätsschatten und in Folge die Risiken für die Privatsphäre.

Bedrohungen der Privatsphäre beginnen immer mit der Verarbeitung von Daten, die Rückschlüsse auf die Identität einer Person zulassen.

Was macht eine Erosion der Privatsphäre so gefährlich?  

 

Stefan Strauß: Es steht einiges auf dem Spiel, wenn man Privatsphäre leichtfertig aufgibt. Geht sie verloren, geht über kurz oder lang auch die Demokratie verloren. Der Datenskandal um Facebook und Cambridge Analytica beispielsweise ist keine Kleinigkeit. Das ist auch kein Einzelfall, sondern eher ein Symptom. Zu glauben, die Gesellschaft wird ohne Privatsphäre offener und freier, ist sehr kurzsichtig. Mit zunehmender Digitalisierung entstehen zugleich auch immer stärkere Machtmonopole. Diese Machtmonopole sind letztlich Informationsmonopole, die immer mehr zu Monopolen über digitale Identitäten werden.

Was schlagen Sie also vor?

Stefan Strauß: Aus meiner Sicht braucht die Diskussion um Privatsphäre und Datenschutz mehr Systemdenken. Das bringt einen analytischen Mehrwert, um Privatsphäre und Identitätsinformation sowie ihre Digitalisierung besser zu verstehen. Davon ausgehend habe ich in meinem Buch ein neues Framework für Privacy Impact Assessment (Datenschutzfolgeabschätzung) erarbeitet, das systemisch auf Identifizierbarkeit fokussiert. Dieses Framework trägt dazu bei, Identitätsinformation und Identifikationsprozesse besser zu analysieren und den Schutz der Privatsphäre zu erhöhen. Dabei geht es weniger um rechtliche, sondern vor allem um ethische Aspekte: Nur weil etwas nicht verboten ist, heißt das nicht, dass es ethisch ok ist.

Viele Privacy-Einstellungen, vor allem in sozialen Medien, sind im Grunde nutzlos, weil im Hintergrund sehr viele Daten zu äußerst intransparenten Zwecken verkettet werden können.

Sie kritisieren in Ihrem Buch auch die „Privatisierung der Privatsphäre“. Was verstehen Sie darunter?

Stefan Strauß: Damit meine ich den Trend, die Verantwortung immer mehr auf das Individuum abzuschieben. Wenn es also heißt: Privatsphäre ist wichtig, aber wenn du sie willst, lieber User, dann kümmere dich selber darum. Hier sind deine Privacy-Einstellungen und vorher musst du zustimmen, Daten umfassend weiterzugeben. So funktioniert das einfach nicht. Viele dieser Privacy-Einstellungen, vor allem in sozialen Medien, sind im Grunde nutzlos, weil im Hintergrund sehr viele Daten zu äußerst intransparenten Zwecken verkettet werden können. Das sind Probleme, die man angehen muss. Dazu braucht es mehr Verantwortung seitens Wirtschaft und Politik und wirksamere Schutzmechanismen auf technologischer Ebene. Momentan ist man praktisch jederzeit identifizierbar, sobald man eine digitale Technologie ohne wirksamen Schutz nutzt.

Was hoffen Sie mit Ihrem Buch zu erreichen?

Stefan Strauß: Ich möchte in erster Linie einen Beitrag dazu leisten, das Wissen zu erweitern, was Privatsphäre in der Digitalisierung bedeutet. Wir verstehen bislang einfach nicht hinreichend, wie die Digitalisierung die Verarbeitung von Informationsflüssen verändert. Es braucht ein fundiertes Grundlagenwissen, damit Privatsphäre längerfristig als schützenswertes Gut gestärkt werden kann. Und zwar nicht nur als privates Gut und Individualrecht, sondern vor allem auch als ein öffentliches Gut. Dieses Grundverständnis zu verbessern und damit auch das Schutzniveau wieder auf ein sinnvolles Maß zu bringen, ist eine zentrale Herausforderung der Gesellschaft.

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Die ÖAW
news-12129 Wed, 04 Sep 2019 10:09:00 +0200 START DER ÖAW-STIPENDIEN FÜR WISSENSCHAFTSJOURNALISMUS http://www.oeaw.ac.at/detail/news/start-der-oeaw-stipendien-fuer-wissenschaftsjournalismus/ Die Österreichische Akademie der Wissenschaften fördert vier junge Journalist/innen und ihre Recherchen. Die Themenpalette reicht von der Sinnhaftigkeit von Tierversuchen bis hin zu Puppentheaterdirektoren, die von den Nazis vertrieben wurden. Die ÖAW news-12084 Tue, 03 Sep 2019 11:47:00 +0200 "Aus der Geschichte lernen nur die, die auch lernen wollen" http://www.oeaw.ac.at/detail/news/aus-der-geschichte-lernen-nur-die-die-auch-lernen-wollen/ Am 1. September 1939 hat das Deutsche Reich Polen überfallen. Das markierte den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Eine Diskussion von ÖAW und Parlament beleuchtete zum 80. Jahrestag die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Der polnische Historiker Włodzimierz Borodziej gibt im Interview einen Einblick in die Themen der Gedenkveranstaltung. Die ÖAW news-12123 Mon, 02 Sep 2019 15:12:37 +0200 DREI NEUE ERC STARTING GRANTS FÜR ÖAW-FORSCHER http://www.oeaw.ac.at/detail/news/drei-neue-erc-starting-grants-fuer-oeaw-forscher-1/ Der Molekularbiologe Alejandro Burga, Kulturwissenschaftler Rüstem Ertuğ Altınay und Biochemiker Georg Winter werden mit je einem Starting Grant des Europäischen Forschungsrates ERC ausgezeichnet. Seit Beginn der Vergaben im Jahr 2007 haben Forscher/innen der ÖAW damit insgesamt bereits 50 Preise des ERC eingeworben. In der jüngsten Vergaberunde der Forschungspreise des Europäischen Forschungsrates (European Research Council, ERC) wurden auch drei Wissenschaftler der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) für ihre herausragenden Forschungen ausgezeichnet: Molekularbiologe Alejandro Burga, Kulturwissenschaftler Rüstem Ertuğ Altınay und Biochemiker Georg Winter.

Alejandro Burga: Egoistische Gene

Alejandro Burga vom IMBA – Institut für Molekulare Biotechnologie der ÖAW erforscht mit seinem mit 1,5 Millionen Euro dotierten Starting Grant evolutionäre Mechanismen, die das Erbgut beeinflussen und bei Artenbildung sowie Krankheitsentstehung eine Rolle spielen. In seinem Fokus stehen bestimmte „egoistische“ Gen-Paare, sogenannte Toxin-Antidote Systeme. Fehlt das Antidote, sprich das Gegengift, wird das Toxin aktiv – in diesem Fall ein Protein, das ohne die Aktivität des Gegengifts zu bestimmten Fehlfunktionen im Körper führen kann.

Solche Toxin-Antidote Systeme sind bereits seit Jahrzehnten bei Bakterien bekannt. „Wir konnten derartige Systeme auch im Tierreich bei einigen Arten von karibischen Fadenwürmen nachweisen. Im Zuge meines ERC-Forschungsprojekts wollen wir nun zum einen herausfinden, ob sie auch bei Wirbeltieren vorkommen. Außerdem wollen wir den genauen Mechanismus der Toxin-Antidote Systeme auf einer molekularen Ebene studieren. Die Forschung soll uns helfen, biologische Prozesse wie Artenbildung sowie die beschleunigte Ausbreitung von Genen in Populationen, den sogenannten Gene-Drive, ganzheitlich zu verstehen“, sagt Burga.

Rüstem Ertuğ Altınay: Theater und Identität in der Türkei

Wie hängen Theater und die Herausbildung von Nationalstaaten zusammen? Und werden auf der Bühne auch Identitäten von Minderheiten verhandelt? Rüstem Ertuğ Altınay, dessen Starting Grant mit knapp 1,5 Millionen Euro dotiert ist, wird diese Fragen am Beispiel der Türkei am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW untersuchen.

Das europäisch geprägte Theater begann seinen Siegeszug in der Tanzimat-Ära (1839–1876), die von großen Reformen im Osmanischen Reich geprägt war. Auch in den Jahrzehnten danach wurden wichtige zeitgenössische Fragestellungen in der Türkei im Theatersaal verhandelt: Vom Überleben der Armenier über Fragen von Sexualität und nationaler Identität bis hin zur Rolle der Religion. Altınay nimmt in seinem Projekt die verschiedenen Theatertraditionen – islamische, sephardisch-jüdische oder alevitische – vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart unter die Lupe. „Ich kombiniere klassische Archivarbeit und ethnographische Methoden, um die zentrale Rolle des Theaters bei der Entstehung der „türkischen Nation“ und ihrer Abgrenzung von „Anderen“ zu untersuchen“, erklärt Altınay.

Georg Winter: Neues Medikamentendesign

Georg Winter vom CeMM – Forschungszentrum für Molekulare Medizin der ÖAW will mit seinem mit 1,3 Millionen Euro dotierten Starting Grant eine Lücke in der Behandlung von Krebserkrankungen schließen. Er verfolgt in seinem Projekt „Glue2Degrade“ einen neuen Ansatz des Medikamentendesigns: Bei konventionellen Arzneimitteln versucht man schädliche Proteine mit einem komplementären Wirkstoff zu blockieren. Das funktioniert aber nur zu etwa 20 Prozent.

Winter hingegen will sich das zelleigene Recycling zunutze machen. Krankmachende Proteine sollen nun nicht nur blockiert, sondern gleich vollständig abgebaut werden. Die zentrale Herausforderung dabei ist es, geeignete „molekulare Klebstoffe“ zu identifizieren, die es ermöglichen, die Schadproteine spezifisch zu markieren. Über eine Bindung an sogenannten E3 Ubiquitin Ligasen können sie dann dem zelleigenen Abbau zugeführt werden. Georg Winter: „Wir kombinieren molekularbiologische Hochdurchsatzmethoden mit Chemie und Bioinformatik. Dadurch werden wir einen neuen Ansatz in der Medikamentenentwicklung entwickeln, der es uns erlaubt, krankheitsrelevante Proteine über das körpereigene Proteinabbau-System zu eliminieren.”

50 ERC Grants an ÖAW

Mit den drei neuen Starting Grants erhöht sich die Anzahl der seit 2007 an ÖAW-Forscher/innen insgesamt vergebenen Preise des ERC auf 45 ERC Grants und 5 Proof of Concept Grants. An weiteren 10 ERC Grants war die Akademie maßgeblich beteiligt.

Insgesamt konnte die ÖAW bereits mehr als 80 Millionen Euro an ERC-Förderungen nach Österreich holen. Die Akademie zählt bei der Zuerkennung der europäischen Forschungsförderpreise damit zu den erfolgreichsten Forschungseinrichtungen Österreichs.

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ERC Grant Die ÖAW
news-11970 Fri, 16 Aug 2019 10:00:00 +0200 WISSENSCHAFT FÜR DEN BADESTRAND http://www.oeaw.ac.at/detail/news/wissenschaft-fuer-den-badestrand/ Noch nicht die richtige Urlaubslektüre gefunden? Der Verlag der ÖAW bietet jede Menge Lesestoff aus der Welt der Forschung. Ein paar Tipps für Bücher, die im Reisekoffer nicht fehlen sollten. Die ÖAW news-11979 Mon, 12 Aug 2019 10:13:10 +0200 “KI WIRD ALLE BEREICHE DES LEBENS UMKREMPELN” http://www.oeaw.ac.at/detail/news/ki-wird-alle-bereiche-des-lebens-umkrempeln/ Johannes Brandstetter beschäftigt sich als Hochenergiephysiker schon lange mit großen Datenmengen. Jetzt forscht er im Bereich Machine Learning und unterrichtete im Rahmen der ersten Summer School der ÖAW zu Artificial Intelligence in der Steiermark. Johannes Brandstetter entwickelt und analysiert an der Johannes-Kepler-Universität in Linz Machine-Learning-Algorithmen, die in Zukunft für verschiedenste Anwendungen genutzt werden können. Eigentlich ist der Datenspezialist Hochenergiephysiker, er war unter anderem auch an der Analyse des Higgs-Bosons am Kernforschungszentrum CERN beteiligt. “Nach meinem Doktorat am Institut für Hochenergiephysik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bin ich zu Sepp Hochreiter nach Linz gekommen, um im Bereich Deep Learning zu forschen. Der Bezug zur Physik kommt mir dabei zugute, weil viele Algorithmen im Bereich Deep Learning physikalische Wurzeln haben”, sagt der Forscher.

Summer School der Akademie

Um Algorithmen und maschinelles Lernen ging es heuer auch bei der Summer School der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zu Artificial Intelligence. In der sommerlich grünen Hügellandschaft der Steiermark trafen erstmals Studierende, Post-Docs und Forscher/innen mehrerer Institute der ÖAW sowie weiter Forschungseinrichtungen, die mit großen Datenmengen und KI-Technologien befasst sind, zusammen. Eine Woche lang wurde im August das Wissen über diese Zukunftstechniken gemeinsam vertieft. Einer der Vortragenden: Johannes Brandstetter.

Für KI gibt es großes Potenzial im Gesundheitswesen, etwa bei der Entwicklung von neuen Medikamenten, oder wenn es darum geht, die Entwicklung komplexer Systeme vorherzusagen, wie bei der Klimaforschung.

Die Techniken, auf die sich Brandstetters Team in Linz und auch ihre Kolleg/innen im Ausland spezialisieren, beruhen allesamt auf neuronalen Netzwerken. “Hier gibt es seit etwa fünf bis zehn Jahren einen Boom. Ich arbeite in verschiedenen Projekten, die sich mit einer Reihe von Ansätzen beschäftigen, etwa Reinforcement Learning oder Long Short-Term Memory Erweiterungen, ein Konzept, das ja von Sepp Hochreiter erfunden wurde”, sagt Brandstetter. Die grundlegenden Prinzipien von Deep-Learning-Algorithmen sind seit den 1980er- und 1990er-Jahren bekannt. In den vergangenen Jahren hat sich durch Fortschritte bei Computern und vor allem auch große Investitionen durch Konzerne aus dem Silicon Valley oder China aber nochmals einiges auf dem Gebiet getan.

Kombination von Netzwerken

“Dass wir nur die Früchte der Arbeit von vor 30 Jahren ernten, stimmt nur bedingt. Das Grundkonzept ist schon etwas älter, aber gerade in den vergangenen fünf Jahren wurden hier noch viele neue Ansätze entwickelt, die Deep Learning erst reif für die verschiedensten Bereiche gemacht haben, wie zum Beispiel Attention-Transformer-Netzwerke. Heute steht vor allem das Verständnis des Zusammenspiels verschiedener Arten von neuronalen Netzwerken im Zentrum des Forschungsinteresses. Es geht darum, robustere Netze zu erschaffen, Gelerntes auf andere Netze zu übertragen und verschiedene Architekturen zu verbinden. Man darf nicht vergessen, dass der Forschungseifer zwischenzeitlich stark abgeflaut ist. Wir stehen heute in Wahrheit noch am Anfang”, sagt Brandstetter.

Das mögliche Anwendungspotenzial für Deep-Learning-Algorithmen ist jedenfalls enorm. Bereits heute kommen Menschen in ihrem Alltag mit entsprechenden Systemen in Berührung, etwa wenn sie Sprachassistenten wie Siri oder Alexa benützen. “Das wird in den kommenden Jahren interessant. Künstliche Intelligenz, oder präziser der Subzweig Deep Learning, wird alle Bereiche des Lebens umkrempeln, von der Wirtschaft über die Medizin bis zu anderen Wissenschaften”, sagt Brandstetter.

Die möglichen Vorteile sind so groß, dass die Systeme auf jeden Fall eingesetzt werden, das ist ganz ähnlich wie damals bei der Einführung von Computern.

Die lernfähigen Systeme werden überall zum Einsatz kommen, wo es Muster in großen Datenmengen zu erkennen gilt. “Die Grenzen dieser Technologie liegen in den verfügbaren Daten. Ein Algorithmus kann nicht mehr liefern, als die Daten hergeben. Ich sehe beispielsweise sehr großes Potenzial im Gesundheitswesen, etwa bei der Entwicklung von neuen Medikamenten, oder wenn es darum geht, die Entwicklung komplexer Systeme vorherzusagen, wie bei der Klimaforschung und Wettervorhersagen”, sagt der Datenexperte.

Schattenseite

Die Schattenseite des Deep-Learning sieht Brandstetter auch. “Man ist natürlich exponierter, wenn auch persönliche Daten im industriellen Maßstab ausgewertet werden können, das bietet auch neue Möglichkeiten zur Überwachung von Bürgern. Aber ich sehe doch eher die positiven Aspekte”, sagt Brandstetter. Die Werkzeuge, die für die meisten Anwendungen benötigt werden, sind heute bereits verfügbar. Allerdings muss die Gesellschaft die Deep-Learning-Systeme auch annehmen. Hier gibt es vereinzelt auch Vorurteile gegen maschinelle Analysen.

“Die Systeme haben natürlich ihre Grenzen. Wenn Datensätze zu klein sind oder bei statistischen Ausreißern haben die Algorithmen Probleme. Das liegt teilweise auch am Design. Wenn jemand zwei Soul-Lieder aus den 60er-Jahren hört, bekommt er vielleicht Ähnliches vorgeschlagen, obwohl er nur diese zwei speziellen Nummern mag. Das könnte man für den Einzelnen besser lösen, wenn man noch besseren Zugriff auf seine persönlichen Daten hätte. Das ist ein Für und Wider”, erklärt Brandstetter.

Bei sensiblen Bereichen wie in der medizinischen Diagnostik sollen die Deep-Learning-Systeme ohnehin nur als Unterstützung für Ärzte und Ärtzinnen oder andere Expert/innen dienen. “Das sieht man etwa schon bei der Krebserkennung oder der Überwachung von Patient/innen auf der Intensivstation, wo mit den Algorithmen bereits bessere Ergebnisse erreicht werden, als ohne”, sagt der Physiker. Dass entsprechende Algorithmen breitflächig zum Einsatz kommen werden, steht für Brandstetter außer Frage: “Das wird die Welt verändern. Die möglichen Vorteile sind so groß, dass die Systeme auf jeden Fall eingesetzt werden, das ist ganz ähnlich wie damals bei der Einführung von Computern. Dadurch werden viele Jobs obsolet, andere werden neu entstehen.”

Europa mischt mit

In verschiedenen Bereichen der Wissenschaft kommen Deep-Learning-Systeme schon seit den 90er-Jahren zum Einsatz, etwa am CERN, wo die Datenmengen so groß sind, dass eine Analyse mit anderen Methoden kaum machbar wäre. “Hier werden Algorithmen in Zukunft noch wichtiger, gerade bei der Analyse großer Systeme, etwa in der Festkörperphysik. Deep-Learning-Algorithmen werden in Zukunft auch Durchbrüche in der Forschung bringen”, sagt Brandstetter. Weil die Einsatzmöglichkeiten so vielfältig sind, wird derzeit viel Geld in den Forschungsbereich Machine Learning gepumpt. Das gilt vor allem für die USA und China, wo große Konzerne wie Google, Facebook, IBM, Alibaba oder Tencent sehr tiefe Taschen haben. “In Europa ist in den 1990er-Jahren viel im Bereich Machine Learning passiert. Viele der jüngsten Durchbrüche sind dann aber in Amerika passiert”, sagt Brandstetter.

Daten werden das neue Gold. Das wird auch geopolitisch einige Verwerfungen mit sich bringen.

Einen Rückstand Europas konstatiert der Experte aber nicht. Der alte Kontinent habe viele gute junge Leute, die auf dem Gebiet forschen, und auch die großen Konzerne haben Forschungszentren hier eingerichtet. “Auch in Österreich passiert derzeit einiges, die Unis investieren und auch Firmen wie Audi eröffnen hier Forschungsstandorte für Deep-Learning-Systeme. Für Wissenschaftsinstitutionen kann es derzeit aber schwierig sein, gute Forscher/innen anzuwerben, weil Firmen wie Google natürlich unverhältnismäßig gut zahlen. Wir eröffnen an der Johannes-Kepler-Universität in Linz im Herbst aber jedenfalls einen neuen Studiengang für künstliche Intelligenz”, sagt Brandstetter.

Zudem haben die Internetkonzerne einen weiteren Vorteil: Die enormen Datenberge, die sie in den vergangenen Jahren anhäufen konnten. “Daten werden das neue Gold. Das wird auch geopolitisch einige Verwerfungen mit sich bringen”, sagt Brandstetter. Dass die Menschen irgendwann die Kontrolle über die Systeme verlieren könnten, die sie für die Datenanalyse schaffen, glaubt Brandstetter übrigens nicht: “Die Algorithmen können heute gut aus Daten lernen. Alles andere ist noch sehr weit weg, hier sollte keine Panik gemacht werden.”

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Die ÖAW
news-11881 Thu, 18 Jul 2019 15:40:47 +0200 550 Kids forschten an der ÖAW http://www.oeaw.ac.at/detail/news/550-kids-forschten-an-der-oeaw-2/ Die KinderuniWien machte erstmals einen Tag lang Station an der ÖAW. Über 550 Kinder von 7 bis 12 Jahren tauchten ein in die faszinierende Welt der Wissenschaft. Die ÖAW news-11742 Fri, 28 Jun 2019 15:46:27 +0200 Unteres Murtal als Biosphärenpark anerkannt http://www.oeaw.ac.at/detail/news/unteres-murtal-als-biosphaerenpark-anerkannt/ Das Untere Murtal mit insgesamt 13.000 Hektar Flusslandschaft ist von der UNESCO als Biosphärenpark aufgenommen worden. Die ÖAW hat den Antrag bei der UNESCO eingereicht. Als „Reservate zur Erhaltung der Biodiversität und Artenvielfalt und als Lernraum für nachhaltiges Leben und Wirtschaften für die nächsten Generationen“ bezeichnete Sabine Haag, Präsidentin der Österreichischen UNESCO-Kommission die UNESCO-Biosphärenparks – unter besonderem Schutz stehende und der Forschung dienende Naturräume.

Bisher waren in Österreich das Große Walsertal (seit 2000), der Wienerwald (2005) sowie Lungau und Kärntner Nockberge (2012) als UNESCO-Biosphärenparks anerkannt. Mit der Aufnahme des Unteren Murtals, ist nun der Startschuss für den sich über fünf Länder erstreckenden Raum „Mur-Drau-Donau“, auch „Amazonas Europas“ genannt, gefallen. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) war maßgeblich an der Anerkennung der Region als Biosphärenpark beteiligt.

Nächstes Projekt: Ein Fünf-Länder-Biosphärenpark

Das UNESCO-Programm „Der Mensch und die Biosphäre“ (MAB) wurde 1970 gegründet und war das erste zwischenstaatliche Programm, das der interdisziplinären Erforschung der Mensch-Umwelt-Beziehungen dient. Kern des Programms ist das globale Netzwerk der UNESCO-Biosphärenparks – Modellregionen, die es sich zur Aufgabe machen, Naturschutz, Erhaltung der biologischen Diversität und Regionalentwicklung in Einklang zu bringen.

Die MAB-Nationalkomitee ist an der ÖAW angesiedelt und für alle heimischen Biosphärenparks zuständig. Auch beim Unteren Murtal war die Akademie von Anfang an eingebunden und hat den Antrag schließlich offiziell in Paris eingereicht. In einem nächsten Schritt wollen nun alle Länder des Großraums „Amazonas Europas“ – Österreich, Slowenien, Kroatien, Ungarn und Serbien – einen gemeinsamen Antrag zur Anerkennung als Biosphärenpark an die UNESCO stellen. Auch die ÖAW engagiert sich dafür. Es wäre weltweit der erste Biosphären-Park, der fünf Länder vereint.

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Die ÖAW
news-11687 Wed, 19 Jun 2019 11:49:41 +0200 Flüchtlings-Schicksalen auf der Spur http://www.oeaw.ac.at/detail/news/fluechtlings-schicksalen-auf-der-spur/ Je restriktiver die Flüchtlingspolitik, desto länger und gefährlicher wird der Weg nach Europa – dies ist eine der Lehren, die die Sozialwissenschaftlerin Moa Nyamwathi Lønning aus ihrer Feldforschung mit jungen Afghan/innen gezogen hat. Am 19. Juni, dem Vortrag des World Refugee Day, war sie bei einer ÖAW-Tagung zu Gast. Kaum ein anderes Thema hat die politische Debatte in den letzten Jahren so sehr geprägt wie die sogenannte Flüchtlingskrise 2015. Die Geschichten und Hintergründe der Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa standen dabei aber nur selten im Fokus des Interesses.

Bei Moa Nyamwathi Lønning ist das anders, denn die norwegische Sozialwissenschaftlerin erforscht seit 2012 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus Afghanistan, die sich wegen Krieg und Verfolgung auf den Weg nach Europa machten. Für ihre Doktorarbeit befragte sie 27 Flüchtlinge in Form von wissenschaftlichen Interviews – und teilweise bis zu neun Stunden lang – und sammelte Fototagebücher, schriftliche Tagebucheinträge sowie Zeichnungen, Graffitis und Gedichte. Am 19. Juni, dem Vortag des World Refugee Day, präsentierte sie ihre Erfahrungen und Ergebnisse an einer internationalen Tagung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Frau Lønning, wie haben Sie die interviewten Flüchtlinge ausgewählt?

Moa Nyamwathi Lønning: Von 2012 bis 2015 habe ich Interviews mit jungen Afghanen in Norwegen und Griechenland geführt – sowohl mit anerkannten, als auch mit negativ beurteilten Asylwerbern. Dafür habe ich unter anderem Schulen, Aufnahmezentren und Flüchlingsheime kontaktiert. Meine Feldforschung schließlich fand hauptsächlich in der griechischen Hafenstadt Patra statt, wo Menschen sich in oder unter Trucks verstecken, um auf Fähren nach Italien zu kommen.

Welche Parallelen gibt es zwischen den einzelnen Fluchtgeschichten?

Lønning: Sie alle teilen die Erfahrung einer fragmentierten Flucht nach Europa, während derer sie sehr vulnerabel waren – sowohl was materielle Not wie auch Gesundheit und Sicherheit betrifft. Die meisten haben Gewalt erfahren und waren auf verschiedene Art und Weise eingesperrt – sowohl innerhalb wie auch außerhalb Europas. Dennoch haben sie das beste aus ihrer Situation gemacht und versucht, aktiv weiterzukommen.

In Afghanistan tobt seit 40 Jahren Krieg. Die Familiengeschichte von vielen ist von Migration und Vertreibung über Generationen hinweg geprägt.

Wie konnten Sie das nötige Vertrauen zu den Geflüchteten herstellen?

Lønning: Das war tatsächlich nicht immer einfach, insbesondere bei jenen, die noch unterwegs und deshalb in einer sehr unsicheren Lage waren. Für mich war es wichtig, länger am jeweiligen Ort zu bleiben und den Flüchtlingen die Zeit zu geben, mich kennenzulernen. Es hat nicht immer funktioniert, und letztlich war es außerordentlich wichtig, mich auf die bevorzugten Ausdrucksweisen der Menschen einzulassen. Kreative Materialen wie Fototagebücher sind zu wichtigen Gegenständen meiner Feldforschung geworden, um mehr über die Lebensgeschichte und Flucht zu erfahren.

Was war Ihr Forschungsinteresse? 

Lønning: In Afghanistan tobt seit 40 Jahren Krieg. Die Familiengeschichte von vielen ist von Migration und Vertreibung über Generationen hinweg geprägt. Ich wollte die Erfahrungen der Flucht erforschen, also was es heißt, als junger, unbegleiteter flüchtender Mensch allein nach und in Europa zu reisen. Wesentlich für meine Forschung waren auch Bewältigungsstrategien oder die Rolle der Peergroup – also der Bekanntschaften und Freunde, die man unterwegs findet. In meiner Forschung zeigte sich, dass die Mitreisenden von größter Wichtigkeit waren und dass auch das Alter eine große Rolle spielt: Zum einen kann man sich als junger und kleiner Mensch besser verstecken, zum anderen aber auch schlechter gegen Angriffe wehren.

Die meisten von mir Befragten haben ein Jahr auf der Flucht verbracht, ohne jedwede Sicherheit. Im Laufe dieser Zeit haben sie in der Regel Gewalt erfahren.

Was haben Sie noch herausgefunden?

Lønning: Vor allem, dass die Erfahrungen der Flüchtenden komplex und vielschichtig sind. Flucht ist zunächst einmal eine eine physische Bewegung, die Migration an sich. Darüber hinaus findet aber auch eine legale Bewegung durch den Asylprozess statt, der zum Ergebnis führt, dass manche bleiben können und andere nicht. Und schließlich gibt es auch eine soziale Bewegung in neue Gesellschaften und neue Lebensabschnitte, also auch den Übergang ins Erwachsenenalter.

Was waren und sind die größten Probleme der Flüchtlinge?

Lønning: Die meisten von mir Befragten haben ein Jahr auf der Flucht verbracht, ohne jedwede Sicherheit. Im Laufe dieser Zeit haben sie in der Regel Gewalt erfahren. Für die, die bereits in Norwegen angekommen waren, aber kein Asyl erhalten haben, war die Aussicht auf Abschiebung das Belastendste. Viele haben mir erzählt, dass sie erst nach ihrer Ankunft in Norwegen begonnen haben zu verstehen und zu verarbeiten, was sie alles durchgemacht haben.

Was können wir und die europäischen Gesellschaften daraus lernen?

Lønning: Dass zunehmend restriktive Flüchtlingspolitik und Grenzregimes zu immer längeren, gefährlicheren und schwierigeren Fluchtbewegungen führen. Viele Kinder und Jugendliche begeben sich auf die Flucht, und sie sind dabei meist völlig ungeschützt. Wenn sie dann endlich ankommen, sollten wir sie gut betreuen und von Anfang an in die Gesellschaft aufnehmen. Viele der von mir Befragten haben mir von einzelnen Menschen erzählt, die sich um sie gekümmert haben, und wie wichtig und schön diese Erfahrung für sie war. Es sollte mehr solcher Begegnungen geben.

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Die ÖAW
news-11686 Wed, 19 Jun 2019 11:20:04 +0200 Für einen "europäischen Weg" der Digitalisierung http://www.oeaw.ac.at/detail/news/fuer-einen-europaeischen-weg-der-digitalisierung/ Wissenschaft und Politik sollten ein besseres Bewußtsein für die Chancen und Risiken der rasanten digitalen Entwicklung schaffen. Denn: Wer digitale Kompetenz besitze, für den sei die Digitalisierung auch keine Bedrohung, so das Fazit von Mandatar/innen und Forscher/innen, die sich auf Einladung von Nationalrat und ÖAW zum Dialog trafen. Die ÖAW news-11604 Tue, 11 Jun 2019 17:08:00 +0200 Spannende Forschung für wissbegierige Kids http://www.oeaw.ac.at/kinderuni2019/ Die KinderuniWien macht am 17. Juli erstmals einen Tag lang Station an der ÖAW. Ab 12. Juni können sich Kids von 7 bis 12 Jahren für zwei Vorträge und sechs Workshops anmelden. Die ÖAW news-11487 Mon, 27 May 2019 09:54:57 +0200 Forschen für Europa http://www.oeaw.ac.at/oeaw/presse/nachrichten/forschen-fuer-europa/ Sechs Wissenschaftler/innen der ÖAW haben anlässlich der Europawahlen einen Einblick in ihre europäischen Forschungsprojekte gegeben. Die ÖAW news-11483 Fri, 24 May 2019 01:56:00 +0200 Wenn die Erde Fieber bekommt http://www.oeaw.ac.at/detail/news/wenn-die-erde-fieber-bekommt/ Klimaexperte Hans Joachim Schellnhuber sprach an der ÖAW zur zunehmenden Erderwärmung. Er fordert, dass sich die Menschen den „unbequemen Wahrheiten“ des Klimawandels stellen müssen. Dafür brauche es aber auch eine neue „Erzählung“. „Vor gut zweihundert Jahren, mit Beginn der industriellen Revolution, ist eine Zivilisation entstanden, die – angetrieben durch fossile Energien – ungeheure Vorteile bietet. Doch sie basiert auf der Plünderung von Ressourcen.“ Der deutsche Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, der mit diesen Worten seinen Vortrag im vollbesetzten Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) begann, ist überzeugt: „Das ist kein Normalzustand. Das ist ein Ausnahmezustand.“ Die industrielle Revolution könne und dürfe sich daher in dieser Form nicht fortsetzen, so der Experte. Nur so lasse sich die Erderwärmung begrenzen.

Die „C-Story“ der menschlichen Zivilisation

Seine Sichtweise untermauerte Schellnhuber, der 26 Jahre an der Spitze des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung stand, mit einer animierten Weltkarte. Diese zeigt die von ihm so genannte „C-Story der menschlichen Zivilisation“. Im Zeitraffer der Jahrhunderte färbten sich vor dem dem Publikum Länder und Kontinente gemäß ihrem CO2-Ausstoß immer heller: In der frühen Phase der industriellen Revolution zunächst nur England, dann Länder wie Polen und Deutschland. Um 2005 folgte „die entscheidende Größe, China“, denn „wenn das Barrel Öl nur wenige Euro kostet“, so Schellnhuber, „spielt Entfernung keine Rolle mehr“.

Die einzigen Staaten, die das Pariser Klimaabkommen erfüllen, sind die afrikanischen Länder. Sie sind aber auch diejenigen, die unter der Klimaerwärmung am meisten leiden.

Der afrikanische Kontinent blieb in Schellnhubers Animation bis zum Ende weitgehend dunkel. Im Vergleich zu den Industrienationen seien dessen CO2-Emissionen verschwindend gering. „Die einzigen Staaten, die das Pariser Klimaabkommen erfüllen, sind die afrikanischen Länder. Sie sind aber auch diejenigen, die unter der Klimaerwärmung am meisten leiden“, betonte Schellnhuber.

Bleibt es bei zwei Grad?

Was also tun? Um die Klimaerwärmung besser zu verstehen, so Schellnhuber, könne man denken wie ein Arzt: 1,5 oder zwei Grad Erderwärmung sehen auf den ersten Blick nicht nach viel aus. Doch schon zwei Grad mehr würden aus einem gesunden Körper einen Körper mit Fieber machen. Ähnlich sei es mit der Erde. Nur eine der Folgen: Bei zwei Grad Erwärmung sei zum Beispiel mit dem weltweiten Absterben der Korallenriffe zu rechnen. Korallenriffe sind die größten von Lebewesen geschaffenen Strukturen des Planeten und werden aufgrund ihrer Artenvielfalt oft als „Regenwälder der Meere“ bezeichnet.

Diese jungen Leute sagen: Wir orientieren uns an der Wissenschaft. Das habe ich mir als Wissenschaftler, der seit 30 Jahren vor den Folgen der Erderwärmung warnt, immer gewünscht.

Derzeit sieht Schellnhuber die Gesellschaft allerdings auf einem Pfad, der eine Erderwärmung von mehr als zwei Grad bis 2050 erwarten ließe. Er warnte: „Was wir momentan mit der Erde tun, ist völlig ohne Vorbild was Amplitude und Geschwindigkeit einer Klimaerwärmung angeht.“

Umdenken notwendig

Notwendig sei daher ein Umdenken in allen Bereichen. Die Probleme der Moderne könne man nur durch Kooperation lösen. Quer über alle Fächer, Berufs- und Altersgruppen hinweg müssten die Menschen weltweit zusammenarbeiten und sich den „unbequemen Wahrheiten“ stellen. Damit dies gelingt, sei auch eine neue „Erzählung“ der Moderne notwendig – eine Erzählung, die eine Vision einer lebenswerten und nachhaltigen Zukunft vermittelt.

Eine positive – und unerwartete – Wendung in diese Richtung sieht Schellnhuber etwa in der Jugendbewegung #FridaysForFuture um die schwedische Aktivistin Greta Thunberg. Thunberg habe ihn kürzlich am Institut in Potsdam besucht. „Diese jungen Leute sagen: Wir orientieren uns an der Wissenschaft. Das habe ich mir als Wissenschaftler, der seit 30 Jahren vor den Folgen der Erderwärmung warnt, immer gewünscht.“

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Die ÖAW
news-11131 Fri, 17 May 2019 08:42:00 +0200 ÖAW schreibt Stipendien für Wissenschafts-Journalismus aus http://www.oeaw.ac.at/detail/news/oeaw-schreibt-stipendien-fuer-wissenschafts-journalismus-aus/ Die Stipendien sind mit jeweils 4.000 Euro dotiert und laufen 2 Monate. Ziel ist die Stärkung des Wissenschaftsjournalismus in Österreich. Sich mit wissenschaftlichen Themen vertieft journalistisch auseinanderzusetzen, frei von Zeitdruck und Redaktionsalltag. Klingt unmöglich? Ist es aber nicht. Ein neues Förderprogramm der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) mit dem Titel „Stipendium Forschung & Journalismus“ bietet Journalist/innen jetzt die Chance dazu.

Österreichs größte außeruniversitäre Einrichtung für Grundlagenforschung vergibt bis zu vier Stipendien mit einer Laufzeit von zwei Monaten, die mit 4.000 Euro dotiert sind. Ab sofort können Projektvorschläge eingereicht werden. Die Ausschreibung richtet sich an in Österreich tätige Wissenschaftsjournalist/innen, die zu Themen oder Bereichen arbeiten, zu denen an der ÖAW und ihren 28 Instituten mit Standorten in Wien, Graz, Linz, Innsbruck und Leoben geforscht wird. Journalistische Projekte, die sich interdisziplinären Themen widmen, sind ausdrücklich willkommen. Print- und Onlinejournalist/innen können genauso einreichen wie Radio- oder TV-Journalist/innen, wobei insbesondere crossmediale Zugänge gefördert werden. Einsendeschluss für Projektvorschläge ist der 5. Juni 2019.

Die Auswahl der Stipendiat/innen erfolgt durch eine Jury aus Vertreter/innen der ÖAW, vom Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ), Presseclub Concordia sowie den Wissenschaftsredaktionen von APA und Ö1. Die Akademie will mit den Stipendien den Wissenschaftsjournalismus in Österreich stärken als auch die Relevanz von Wissenschaft und Forschung besser im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankern.

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Die ÖAW
news-11352 Thu, 16 May 2019 13:27:00 +0200 Mit Wahrheiten gegen die Täuschung http://www.oeaw.ac.at/detail/news/mit-wahrheiten-gegen-die-taeuschung/ Lügen, Hass und Manipulation haben im Internet Hochkonjunktur. Die Feierliche Sitzung der ÖAW verdeutlichte, welche Antworten die Forschung darauf hat: Fakten, Exaktheit und solide Wahrheiten. Das Internet, einst größte Hoffnung auf eine globale Meinungsfreiheit, ist inzwischen auch zum Umschlagplatz für Falschheit und Manipulation geworden. Virtuelle Hassreden, Fake News und Social Bots lassen das Netz immer öfter eher als Bedrohung, denn als Perspektive für die offene Gesellschaft erscheinen. „Das Internet erschien als ein virtueller Ort der Verheißung“, erinnerte Festrednerin Magdalena Pöschl bei der diesjährigen Feierlichen Sitzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) am 10. Mai. „Diese hat sich nur nicht erfüllt“, so das ÖAW-Mitglied, Expertin für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Wien, weiter.

Eine Entwicklung, mit der sich die Forschung jedoch keineswegs abzufinden bereit ist. Denn gerade die Durchdringung aller gesellschaftlichen Bereiche durch das Internet macht es umso wichtiger, dass die Wissenschaft ihre Kräfte mobilisiert, um Lügen, Hass und Manipulation im virtuellen Raum entgegenzutreten. Und dafür liefert die Forschung wirksame Antworten, wie bei der Feierlichen Sitzung einmal mehr deutlich wurde.

Gerade Institutionen wie die ÖAW, zeigte sich Alexander Van der Bellen überzeugt, komme im exakten Denken und Argumentieren eine wichtige Vorbildfunktion zu. Die Wissenschaft rief der Bundespräsident und Schirmherr der ÖAW daher auf: „Beharren Sie darauf, dass ein Unterschied besteht zwischen Fake und Fakt.“

Grundlagenforschung sorgt für Fakten statt Fake

Diese Fakten zu finden und zu prüfen, ist eines der Kerngeschäfte der Wissenschaften. Voraussetzung dafür ist eine freie, erkenntnisgeleitete Grundlagenforschung, wie Wissenschaftsminister Heinz Fassmann betonte. Mit der Erkenntnisfindung allein gibt sich die Wissenschaft dabei nicht zufrieden. Vielmehr setzt sie sich auch dafür ein, die neuen Fakten in die Gesellschaft zu tragen. Neben einem umfassenden Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm hat die Akademie, wie ÖAW-Präsident Anton Zeilinger bei der Feierlichen Sitzung berichtete, im vergangenen Jahr beispielsweise ein neues Format mit dem Titel „Wissenschaft und Politik im Gespräch“ etabliert, bei dem sich Forscher/innen und Abgeordnete zum Nationalrat austauschen. Auch Initiativen wie ein neues ÖAW-Stipendium zur Förderung von Wissenschaftsjournalismus sollen dafür sorgen, dass Fakten und wissenschaftlich abgesicherte Wahrheiten in der gesamten öffentlichen Debatte wieder mehr Gewicht bekommen. Denn: „Die Krise um Fake News ist auch eine Krise der Medien“, so Zeilinger.

Das gilt auch für die neuen Medien. Daher intensivierte die ÖAW zuletzt den Dialog auf sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und YouTube. Wie wichtig es gerade hier ist, wissenschaftlich fundierte Tatsachen den virtuellen Falschinformationen und Manipulationen gegenüberzustellen, erläuterte Magdalena Pöschl in Ihrem Vortrag bei der Feierlichen Sitzung –  und im Interview.


„Die Meinungsfreiheit ist in der digitalen Welt gefährlicher und gefährdeter zugleich“

Frau Pöschl, Sie sprachen bei der Feierlichen Sitzung der ÖAW über Meinungsfreiheit in der digitalen Welt. Warum ist dieses Thema wichtig? 

Magdalena Pöschl: Für liberale Demokratien ist die Meinungsfreiheit ein fundamental bedeutsames Recht. Wie jede Freiheit soll auch sie zu unserer Selbstverwirklichung beitragen. Aber mit der Meinungsfreiheit verbinden wir auch Hoffnungen, die weit über das individuelle Wohl hinausgehen; nicht zuletzt liegt sie an der Basis der Demokratie. Das Internet wurde zunächst als großer Erfolg für die Meinungsfreiheit gefeiert. Doch in diesen hochfliegenden Erwartungen wurden wir – im Angesicht von Hass und Lügen im Internet – auf allen Linien enttäuscht. Das ist beunruhigend und lässt manche sogar daran zweifeln, ob wir an der Meinungsfreiheit in dieser Form noch festhalten sollen. Auf diese Zweifel möchte ich in meinem Vortrag antworten.

Wie sieht Meinungsfreiheit heute aus? Und vor welchen Herausforderungen steht sie?

Pöschl: Die Meinungsfreiheit ist in der digitalen Welt einerseits eine Quelle neuer Gefahren, weil Meinungsäußerungen im Internet viel stärker wirken, sodass Hass und Desinformation massive Schäden anrichten können. Andererseits ist die Meinungsfreiheit in der digitalen Welt auch neuen Gefährdungen ausgesetzt: Sie ist keineswegs nur vom Staat – dem klassischen Gegenspieler aller Grundrechte – bedroht, sondern auch und sogar noch mehr von mächtigen Privaten, insbesondere von Internet-Giganten wie Facebook, Google und Twitter. Sie ermöglichen den Menschen zwar, sich unkompliziert auszutauschen; zugleich steuern und beschränken sie aber auch unseren Zugang zu Information und sie sammeln enormes Wissen über uns an. Die Meinungsfreiheit ist also in der digitalen Welt gefährlicher und gefährdeter zugleich. Unsere Herausforderung besteht darin, auf diese Probleme adäquat zu reagieren; das ist in der digitalen Welt komplizierter als in der analogen.

Algorithmen und unechte Accounts wurden lange Zeit unterschätzt. Spätestens seit den US-Wahlen weiß man, welche große Macht soziale Medien wie Twitter haben. Können europäische Gerichte den Algorithmen noch etwas entgegensetzen oder ist das nahezu unmöglich? 

Pöschl: Das kommt darauf an, ob sich die Staaten dazu entschließen, den Einsatz von Algorithmen zu regulieren. Noch geschieht das nicht, jedenfalls nicht mit hartem Recht. Die Internet-Giganten sehen aber – auch unter dem Druck der Öffentlichkeit – allmählich ein, dass hier ein Regulierungsbedarf besteht. Um zu verhindern, dass die Staaten sie regulieren, beginnen die Intermediäre daher sich selbst zu regulieren, zum Beispiel indem sie unechte Twitter-Accounts entfernen oder ihre Algorithmen so gestalten, dass sie Falschnachrichten kennzeichnen oder zurückreihen. Ob diese Anstrengungen genügen, ist eine offene Frage. Wenn sie nicht genügen, sind die Staaten gefordert einzugreifen und Vorschriften zu erlassen. Dann können die Gerichte den Algorithmen auch durchaus etwas entgegensetzen.

Die Verbreitung von Lügen oder Verschwörungstheorien im Netz ist ebenso ein schwieriges Gebiet: Wie beeinflusst diese Verbreitung unsere Meinungsfreiheit? 

Pöschl: Lügen und Verschwörungstheorien im Netz gehören zu den neuen Gefahren, die von der Meinungsfreiheit ausgehen. Die Meinungsfreiheit gibt uns kein Recht, nur mit der „Wahrheit“ konfrontiert zu werden, sie schützt im Gegenteil grundsätzlich jede Äußerung, selbst die Lüge. Allerdings ist dieser Schutz nicht vorbehaltlos. Wenn es triftige Gründe gibt, darf die Lüge auch verboten werden. Solche Verbote bestehen derzeit insbesondere, wenn eine Lüge Persönlichkeitsrechte verletzt, wenn also etwa jemand beleidigt, in seinem Kredit geschädigt oder verleumdet wird. Bei anderen Lügen ist die Rechtsordnung grundsätzlich zurückhaltender. Wenn freilich in großem Stil Desinformation betrieben wird, insbesondere vor Wahlen, kann das die Demokratie nachhaltig beschädigen. Dann erfüllt die Meinungsfreiheit – gerade weil sie zu exzessiv in Anspruch genommen wird – eine ihrer Grundfunktionen nicht mehr.

Was bedeuten all diese Entwicklungen für die Meinungsfreiheit? Müssen wir den Begriff neu definieren?

Pöschl: Die Meinungsfreiheit rechnet mit Problemen. Als die Meinungsfreiheit gewährt wurde, war allen bewusst, dass diese Freiheit auch negativ eingesetzt werden kann. Deshalb schärft uns die Europäische Menschenrechtskonvention auch ein, dass die Ausübung der Meinungsfreiheit „Pflichten und Verantwortung mit sich bringt“, und sie erlaubt den Staaten, die Meinungsfreiheit zu beschränken, wenn es dafür gute Gründe gibt. In der digitalen Welt ist die Meinungsfreiheit zweifellos herausgefordert, aber ihr juristisches Verständnis ist so ausgreift, dass sie diese Herausforderungen bewältigen kann. Wir müssen die Meinungsfreiheit also nicht neu definieren, aber wir müssen noch sorgsamer als bisher abwägen, wie und vor allem mit welchen Instrumenten wir sie begrenzen.

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Die ÖAW
news-11399 Wed, 15 May 2019 18:13:58 +0200 Suche nach der Transistoren-Revolution http://www.oeaw.ac.at/detail/news/suche-nach-der-transistoren-revolution/ Der Transistor hat zwar die Welt revolutioniert und Dinge wie Handy und das Internet ermöglicht, er verbraucht aber zu viel Energie. Die Suche nach Alternativen läuft. Die vielversprechendsten Ansätze stellte der Physiker Eli Yablonovitch am 23. Mai bei einer Akademievorlesung an der ÖAW vor. Jedes Mal, wenn man einen Buchstaben auf der Tastatur drückt, bedient man zugleich unzählige Transistoren. Also jene Schalter, die das Signal verstärken und somit Buchstaben auf dem digitalen Dokument aufscheinen lassen. Dafür braucht es eine Spannung von einem Volt. Das ist für sich nicht viel. „Man muss aber bedenken, dass in einem Computer Milliarden von Transistoren verbaut sind – das summiert sich“, erklärt Eli Yablonovitch.

Der US-amerikanische Physiker stellt sich daher in seiner Forschung die Frage: „Was kommt nach dem Transistor?“. Welche Antworten er bisher gefunden hat, erklärte er bei einer Akademievorlesung am 23. Mai im Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Man hat Transistoren in den letzten Jahrzehnten immer kleiner und auch ein wenig energieeffizienter gemacht. Wäre das nicht weiterhin eine Möglichkeit, um das Energieproblem in den Griff zu bekommen?

Eli Yablonovitch: Nein, hinsichtlich der Miniaturisierung haben wir die Grenzen des Möglichen beinah ausgeschöpft. Im Jahr 2003 konnten die Stromkreise der Transistoren auf ein Volt reduziert werden. Zwanzig Jahre später konnte man die benötigte Spannung nur um ein Zehntel reduzieren. Es gibt einfach kaum noch Luft nach oben. Wir brauchen also eine komplett neue Idee. Dabei reicht es nicht, nur an den Materialien zu schrauben oder irgendwo einen noch besseren Kniff zu finden. Wir benötigen ein neues Konzept.

Gibt es dieses neue Konzept bereits?

Yablonovitch: Es gibt ein paar Ansätze – sie funktionieren alle nicht, ansonsten hätten wir das Problem gelöst. Vielversprechend ist aber der „Quantentunnel-Transistor“, an dem auch ich arbeite. Der Name bezieht sich auf das Prinzip des Tunneleffekts aus der Quantenmechanik von Erwin Schrödinger. Demnach können Teilchen zum Teil eine Barriere überwinden, obwohl sie zu wenig Energie dafür besitzen. Wann und wie sie die Barriere überwinden, sieht man dabei nicht. Es ist, als ob sie diese Barriere einfach untertunneln. Gleichermaßen fließt auch beim Quantentunnel-Transistor der Strom quasi unterirdisch und braucht somit weniger Energie. Ich denke, man könnte damit die Spannung sogar auf zehn Millivolt reduzieren. Dafür müssen wir aber einen wesentlich sensibleren Transistor bauen.

 

Aktuelle Transistoren folgen dem Prinzip von Ludwig Boltzmann. Wir hingegen versuchen, einen Transistor nach den Prinzipien der Quantenmechanik zu bauen.

 

Wie würde ein solcher Transistor aussehen?

Yablonovitch: Er muss dem Original von heute sehr ähnlich sein. Wenn wir zu viele Veränderungen machen, würde es niemand akzeptieren. In der Technologie mag man keine großen Veränderungen. Allein das Herstellen von Computerchips ist weltweit ein 400 Milliarden US-Dollar schweres Geschäft. Es geht also um viel Geld.

 

In der Technologie mag man keine großen Veränderungen. Allein das Herstellen von Computerchips ist weltweit ein 400 Milliarden US-Dollar schweres Geschäft.

 

Der Quantentunnel Transistor ist im Grunde wie ein herkömmlicher Transistor aufgebaut. Ein Draht führt hinein und heraus und dann gibt es noch einen dritten Draht, mit dem man den Strom kontrollieren kann. Abgesehen davon ist es aber natürlich nicht mit einem herkömmlichen Transistor vergleichbar. Er wäre nicht nur wesentlich sensibler, sondern würde über ein anderes physikalisches Prinzip funktionieren. Aktuelle Transistoren folgen dem Prinzip von Ludwig Boltzmann, wonach es eine bestimmte Spannung braucht, um etwas ein- und auszuschalten. Wir hingegen versuchen, einen Transistor nach den Prinzipien der Quantenmechanik zu bauen. Diese Prinzipien wiedersprechen sich zum Teil. Man könnte also sagen, wir versuchen Boltzmanns Prinzipien mit Schrödingers Ideen zu überwinden. 

Das klingt knifflig.

Yablonovitch: Ja, ich wurde für diese Idee auch scharf kritisiert. Man warf mir Überheblichkeit vor, überhaupt daran zu denken, Boltzmanns Prinzipien überwinden zu können.

Angenommen, Sie würden es schaffen, einen Transistor zu bauen, der nur zehn Millivolt benötigt. Wie würde sich das tatsächlich auf den Energieverbrauch auswirken?

Yablonovitch: Zehn Millivolt ist 100 Mal weniger als herkömmliche Transistoren benötigen, um ein- und ausgeschaltet zu werden. Auf den Stromverbrauch umgemünzt würde das bedeuten, dass der neue Transistor 10.000 Mal weniger Energie braucht. Also angenommen eine Suche auf Google benötigt 10.000 Joule Energie, könnten wir denselben Vorgang mit einem Joule bereitstellen. Dabei geht es nicht nur um den Energiebedarf für den eigenen PC, sondern vor allem auch um jenen der Datenzentren – die brauchen viel Energie.

 

Angenommen eine Suche auf Google benötigt 10.000 Joule Energie. Wir könnten denselben Vorgang mit einem Joule bereitstellen.

 

Würde der neue Transistor auch die Funktion eines Smartphones, Laptops usw. verändern?

Yablonovitch: Ja, das würde alle elektronischen Geräte beeinflussen. Es ist dann beispielsweise möglich, kleinere Batterien zu bauen. Diese wiederum stellen die notwendige Energie für zusätzliche, heute noch unvorstellbare Anwendungen bereit.

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Die ÖAW
news-11332 Fri, 10 May 2019 16:18:00 +0200 Das Akademiejahr auf einen Blick http://www.oeaw.ac.at/fileadmin/NEWS/2019/PDF/oeaw_jahresbericht_2018.pdf Der neue Jahresbericht informiert über alle Aktivitäten der ÖAW im Jahr 2018. Jetzt online lesen. Die ÖAW news-11334 Fri, 10 May 2019 09:55:20 +0200 „Eine Welt ohne Bargeld wäre menschenfeindlich“ http://www.oeaw.ac.at/detail/news/eine-welt-ohne-bargeld-waere-menschenfeindlich/ Cécile Morrison leitete lange Jahre das Münzkabinett der Pariser Nationalbibliothek. Im Interview spricht sie über den Wert von Münzen – in der Antike und heute. Am 13. Mai hielt sie einen Vortrag an der ÖAW. Es gibt kaum etwas, das Geld stärker symbolisiert als Münzen. Sie sind wie die Elementarteilchen des Wirtschaftssystems – und zwar bereits seit der Antike. Diesen kleinsten Bausteinen des Geldes hat die französische Numismatikerin Cécile Morrison ein ganzes Forscherinnenleben gewidmet. Die langjährige und inzwischen emeritierte Leiterin des Münzkabinetts der Französischen Nationalbibliothek gilt als eine der herausragenden Expert/innen zu Münzen aus dem byzantinischen Reich. Aktuell arbeitet sie etwa an der Fertigstellung des Katalogs der byzantinischen Münzen des Pariser Münzkabinetts für die Zeit von der Eroberung Konstantinopels 1204 bis zum endgültigen Fall im Jahr 1453.

Am 13. Mai war Morrison, die heuer als Ehrenmitglied in die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) aufgenommen wurde, in Wien zu Gast. Unter dem Titel: „Reich der neuen Mitte“ nahm sie Byzanz aus der Perspektive der Geld- und Wirtschaftsgeschichte in den Blick. Im Interview spricht sie darüber, was Münzen über das historische Alltagsleben verraten und blickt – kritisch – in die Gegenwart, die sich anschickt zu einer „münzlosen“ Gesellschaft zu werden.

Frau Morrison – wie kam es dazu, dass Sie Münzforscherin wurden?

Cécile Morrison: Gelernt habe ich beim Byzantinisten Paul Lemerle, der mein Interesse auf die Numismatik gelenkt hat, weil Münzfoscher/innen damals in Frankreich fehlten. Mir wurde dann die Veröffentlichung der byzantinischen Münzsammlung der Bibliothèque Nationale unter der Führung von Philip Grierson anvertraut, einem herausragenden Münzforscher, der bis zu seinem Tod 2006 mein Mentor und Freund blieb. Von Anfang an war mir klar, wie viel uns Münzen und ihre Verwendungsmuster über Geld- und Wirtschaftsgeschichte verraten können.

Ihr Hauptinteresse gilt byzantinischen Münzen. Konstantinopel, die Hauptstadt von Byzanz, behielt sich lange das Monopol auf Münzprägung vor. War das eine Voraussetzung, für den sagenhaften Aufstieg des Reiches?

Morrison: Der „Solidus“ oder griechisch „Nomisma“, die bekannteste byzantinische Münze, genoss hohes Ansehen und diente auch in den Nachbarländern als Zahlungsmittel. Er war vom frühen 4. Jahrhundert bis 1354 – also rund tausend Jahre lang – im Umlauf. Diese Münze war Sinnbild der Macht des Herrschers dessen Herkunft die Münzinschriften„ek Theou“ (von Gott) oder „en Christo basileus“ (König in Christus) verkündeten. Mit dem Solidus wurden Militär- und Gemeinwesen finanziert, aber auch Frieden von Feinden gekauft.

 

Tatsächlich wurden Münzen geprägt, um Soldaten zu bezahlen. Erst dann sickerten sie in den Geldumlauf ein.

 

Das deutsche Wort „Soldat“ und der englische „Soldier“ leiten sich bis heute vom „Solidus“ her. Warum nannte und nennt man eigentlich Kämpfer nach dieser Münze und was erzählt uns das über den Zusammenhang von Wirtschaft und Krieg?

Morrison: Gute Frage! Tatsächlich wurden Münzen geprägt, um Soldaten zu bezahlen. Erst dann sickerten sie in den Geldumlauf ein. Der Solidus hatte ein langes Leben. Gegen 680 n. Chr. ging er als Zahlungsmittel vom späten Römischen Reich ins karolingische Währungssystem über: Livre-Sou-Denier ist eine Rechenweise, die in Großbritannien bis zur Dezimalisierung 1971 erhalten blieb. Im Französischen war vor kurzem die Bezeichnung „mes sous“ noch immer gleichbedeutend mit „Geld“ und auch sonst hat der Solidus bei uns einen nicht unbedingt glorreichen Nachhall:  „Soudoyer“  heißt bestechen, „soudards“ sind ungehobelte Soldaten und „soldes“ ist der Ausverkauf.

Das Oströmische Reich gilt als eine der stärksten Wirtschaftsmächte der Geschichte. Gibt es etwas, was wir heutigen Europäer vom Staat Byzanz, seinen Waren- und Geldflüssen lernen können?

Morrison: Im 6. Jahrhundert, nach Justinians Rückeroberung Afrikas, das heißt Tunesiens, und Italiens, erstreckte sich das Oströmische Reich von Gibraltar bis nach Alexandria, von der Donau bis zum Euphrat. Seine mehrere hunderttausend Einwohner starken Städte wurden mit Waren der Nachbarregionen aber auch mit weit hergebrachten Gütern – wie Getreide aus Ägypten – versorgt. Ich würde sagen: Das Münzwesen hat dieses Wachstum zwar nicht hervorgebracht, aber Handel und Austausch in dieser Größe überhaupt erst möglich gemacht. Diese Wohlstands-Phase wurde übrigens durch die große Pestepidemie 542, durch Klimaveränderungen und feindliche Invasionen beendet.

Damals gab es Gesetze die Import und Export beschränkten: Waren die förderlich für das Wachstum von Byzanz?

Morrison: Das glaube ich nicht. Der Export von Gold, strategischen Gütern, wie Waffen, oder Luxusgütern, zum Beispiel hochwertige Seide, war zwar verboten, der Import aber in der Regel gestattet. Der Dichter Tzetzes hat im 12. Jahrhundert Konstantinopel als eine Art Turm von Babel beschrieben, in dem Kosmopoliten und Händler aufeinander trafen.

In Europa deutet einiges darauf hin, dass in den nächsten Jahrzehnten Scheine und Münzen als Zahlungsmittel abgeschafft und durch Kredit- und EC-Karten ersetzt werden könnten. Was halten Sie von dieser Aussicht?

Morrison: Ich bin froh, dass ich das nicht mehr erleben werde. Kann sein, dass die bargeldlose Gesellschaft Steuerflüchtlingen eher auf die Spur kommt und einer Schattenwirtschaft vorbeugt – wobei: Bitcoin und ähnliche Modelle werden ihre Schleichwege finden. Vor allem bedeuten Plastikgeld oder virtuelle Währungen aber mehr Macht für den Staat. Und zwar weniger in einem wohlwollenden, demokratischen Sinn.

 

Ein bargeldloser Zahlungsverkehr gibt dem Staat beängstigende Kontrollmöglichkeiten über das Privatleben jedes einzelnen Bürgers.

 

Wie meinen Sie das?

Morrison: Ich glaube, ein bargeldloser Zahlungsverkehr gibt dem Staat beängstigende Kontrollmöglichkeiten über das Privatleben jedes einzelnen Bürgers, dessen Ausgaben er kennt. Die bargeldlose Gesellschaft wird vor allem den Armen schaden, den Alten und denen, die den Anschluss verloren haben. Er wird persönlichen Austausch, Spenden und Geldgeschenke erschweren. Und was wird passieren, wenn Tornados oder Tsunamis einen Stromausfall bewirken oder Hacker in das Netzwerk der Banken eindringen?

Sie plädieren für den Erhalt des Bargeldes...

Morrison: Eine Welt ohne Bargeld wäre kahl, langweilig, menschenfeindlich. Ganz zu schweigen von dem symbolischen Wert, den Münzen für das jeweilige Land besitzen. Und – denken Sie an die armen Münzsammler des 22. Jahrhunderts: Kein neues Material mehr, das sie zusammentragen, bewundern, untersuchen und zum Ausgangspunkt nehmen können, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen!

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Die ÖAW
news-10405 Wed, 08 May 2019 17:35:00 +0200 Wir sind die ÖAW https://www.youtube.com/watch?v=12Axz1RJ7jM&index=2&list=PLPpNV2SkU5obgB2nPN4paFGqRyIM5ynVP Einblicke in unsere Forschung in 45 Sekunden auf YouTube Die ÖAW news-11202 Wed, 17 Apr 2019 13:37:24 +0200 Gewinner/innen der ÖAW-Preisfrage stehen fest http://www.oeaw.ac.at/preisfrage/ Über 100 Essays wurden eingereicht. Der mit 12.000 Euro dotierte erste Preis geht an die deutschen Soziolog/innen Julian Hamann, David Kaldewey und Julia Schubert. Die ÖAW news-11179 Mon, 15 Apr 2019 09:51:29 +0200 Für eine Zukunft ohne Scheuklappen http://www.oeaw.ac.at/detail/news/fuer-eine-zukunft-ohne-scheuklappen/ Wie können die UN-Nachhaltigkeitsziele bis 2030 erreicht werden? Welche Hürden müssen noch bewältigt werden? Und welche Rolle spielen Wissenschaft und Medien dabei? Expert/innen aus aller Welt diskutierten Fortschritte und Handlungsbedarf bei einer Nachhaltigkeitskonferenz an der ÖAW. Der blaue Planet inmitten der Schwärze des Weltalls. Diese berühmte Fotografie der Erde, die sogenannte Blue Marble, wurde 1972 von einer Apollo-Mission geschossen, ging sofort um die Welt und wurde zum Sinnbild der aufkeimenden Umweltbewegung. Sie war auch am Beginn der internationalen Konferenz „Global Sustainable Development Goals in a Mediatized World“ zu sehen, die vom 4. bis 5. April an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien stattfand. Wolfgang Lutz, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Demographie der ÖAW, zeigte das Bild am Anfang seines Vortrags, der in das Thema der Tagung einführte: die „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“, die 17 Nachhaltigkeitsziele, die die Vereinten Nationen 2015 formulierten. Diese „Sustainable Development Goals“, kurz SDGs, lauten etwa „Keine Armut“, „Kein Hunger“, „Hochwertige Bildung“, „Weniger Ungleichheiten“, „Maßnahmen zum Klimaschutz“ oder „Nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion“, wobei hinter diesen allgemeinen Titeln zahlreiche konkretere Unterziele versammelt sind. Sie sollen bis zum Jahr 2030 umgesetzt werden.

Medien fehlen in den Nachhaltigkeitszielen

Die ÖAW-Tagung fokussierte auf einen noch wenig beachteten Aspekt, der aber, so waren sich die Teilnehmer/innen einig, für die erfolgreiche Umsetzung der SDGs zentral sein wird: die Rolle der Medien. „Es ist sehr interessant, dass in den 17 SDGs und auch in den 169 Unterzielen, die Frage der freien und unabhängigen Medien überhaupt keine Rolle spielt“, sagt Verena Winiwarter, Umwelthistorikerin und Professorin für Soziale Ökologie an der Universität für Bodenkultur im Gespräch für den ÖAW-Podcast Makro Mikro. Sie hat die Tagung gemeinsam mit den weiteren ÖAW-Mitgliedern Simone Gingrich, Matthias Karmasin und Wolfgang Lutz gestaltet. „Die Medien haben sich nicht mitgemeint gefühlt“, erklärt sie, was wiederum dazu geführt habe, dass die Nachhaltigkeitsziele in den Medien bisher wenig Platz eingenommen hätten.

Ökologie und Gesellschaft müssen zusammengedacht werden

Um Schwerpunkte deutlich zu machen, wurden die Panels der Konferenz einem oder mehreren der 17 Nachhaltigkeitsziele zugeteilt. Klar war aber auch, dass sich die Ziele nicht getrennt voneinander betrachten lassen, sondern in engem Zusammenhang stehen. Sobald es zum Beispiel um Ökosysteme geht, sind zahlreiche Faktoren zu berücksichtigen, die in vielschichtiger Weise verschränkt sind. So stellte Linxiu Zhang von UNEP-IEMP – dem United Nations Environment Programme – International Ecosystem Management Partnership – einen sogenannten „nexus approach“ vor, bei dem die Verknüpfung der SDGs im Vordergrund steht. Dass ökologische und gesellschaftliche Entwicklungen zusammengedacht werden müssen, hob auch Nyovani Janet Madise vom African Institute for Development Policy in Malawi hervor. Sie sprach über die Weltbevölkerungskonferenz von 1994 in Kairo, wo 179 Regierungen vereinbarten allen Menschen innerhalb von 20 Jahren den Zugang zu Aufklärung und Verhütungsmethoden sowie zur Gesundheitsversorgung rund um Schwangerschaft und Geburt zu ermöglichen. Madise beleuchtete die Situation auf dem afrikanischen Kontinent 25 Jahre nach diesem Abkommen und sprach darüber, wie die UN-Nachhaltigkeitsziele hier weiterhelfen könnten, wie sie auch in einem Interview mit der ÖAW schildert.

Wie man „unbequeme“ Wahrheiten erzählt

Diese komplexen Zusammenhänge und das Faktum, dass es sich oft um „unbequeme Wahrheiten“ handelt, wie Medien- und Kommunikationswissenschaftler Matthias Karmasin von der ÖAW und der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt im Gespräch mit MAKRO MIKRO und im Interview betonte, erschwert die Kommunikation der Nachhaltigkeitsziele. Das gilt nicht nur für die Kommunikation an ein breites Publikum, sondern auch für die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik, wie die Präsentation von Vladimír Šucha, Direktor des Joint Research Center der Europäischen Kommission, deutlich machte. Man müsse die Zyklen und Mechanismen von Forschung und Politikgestaltung besser verstehen und miteinander abgleichen, betonte Šucha, der zudem die „Datenexplosion“, die riesige Menge an Information, die seit den 2010er-Jahren exponentiell ansteigen würde, als Problem ausmacht.

„Wir sind mit Information überflutet“, betonte auch Alison Anderson, Soziologin an der University of Plymouth und der Monash University in Melbourne, in ihrem Vortrag, der sich mit den Bedingungen der aktuellen Medien- und Netzwerk-Gesellschaft auseinandersetzte. Diese Informationsflut führe zu kognitiver Dissonanz und letztendlich dazu, dass wir nur mehr jenen Informationen Aufmerksamkeit widmen, die uns in unseren schon bestehenden Einstellungen und Vorstellungen bestätigen. „Das ist eine echte Herausforderung für die Nachhaltigkeitsziele“, sagte Anderson.

Mit Virtual Reality zu mehr Umweltbewusstsein

Es genügt also nicht, einfach noch mehr Information bereit zu stellen, sondern es müssen neue Wege der Kommunikation von klimarelevanten Fakten gefunden werden. Um die Zukunft gestalten zu können, müssen wir sie uns auch gestalt- und wandelbar vorstellen können. Dies war der zentrale Punkt in der Präsentation von Roy Bendor von der niederländischen Delft University of Technology. Er konzentrierte sich auf interaktive Medien, vor allem Spiele, die sich Virtual- oder Augmented Reality-Technologien bedienen. Genauso wie Anderson, betonte auch Bendor, dass Immersion, also das Eintauchen in Geschichten, Umweltbewusstsein und den dringenden Handlungsbedarf am besten vermitteln können. Es gelte gegen eine „Verarmung der Vorstellungskraft“ zu arbeiten.

Kollektiv über die Zukunft nachzudenken und die Imagination zu trainieren, dies wurde bei der ÖAW-Tagung auch gleich umgesetzt. Der letzte Halbtag der Konferenz bestand nicht aus plenaren Vorträgen, sondern einem Diskussionsformat, das darauf ausgelegt ist, eine große Gruppe ins Gespräch zu bringen. Dieses Format ist Teil des „Futures Literacy“ Modell von Konferenzgast Riel Miller, der für das MOST-Programm der UNESCO tätig ist, sich also mit „Management of Social Transformation“ beschäftigt. Futures Literacy soll ermöglichen, informiert über die Zukunft nachzudenken und das Vorstellungsvermögen einzusetzen.

Befreiung der Zukunft aus der Gegenwart

Derzeit seien wir weder fähig uns eine gute Zukunft vorzustellen, noch seien wir uns der Dramatik der aktuellen Situation bewusst, wie Verena Winiwarter an einem Beispiel verdeutlicht: „Wir haben drei von den neun ‚planetaren Grenzen‘ überschritten. Das ist so, als wenn Sie sagen, meine Niere und meine Leber funktioniert nicht mehr, aber solange mein Magen und meine Lunge in Ordnung sind – warum sollte ich mir da Sorgen machen?“

Um dieser lähmenden Situation entgegenzutreten sei es wichtig, Wissen zur Verfügung zu stellen. Der zweite Schritt sei, neue Perspektiven zu eröffnen ohne die Scheuklappen der Vergangenheit und der Gegenwart. Oder in den Worten Winiwarters: „Die Befreiung der Zukunft aus diesen Scheuklappen ist das, was wir hier versuchen.“

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Die ÖAW
news-11043 Mon, 01 Apr 2019 09:51:18 +0200 Unbequeme Wahrheiten „erzählen“ http://www.oeaw.ac.at/oeaw/presse/nachrichten/unbequeme-wahrheiten-erzaehlen/ Medien spielen eine entscheidende Rolle bei der Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele. Denn sie sind es, die über Klimawandel, Armut oder Menschenrechtsverletzungen berichten. Doch ebenso wie die Wissenschaft befinden sie sich derzeit in einer Glaubwürdigkeitskrise, sagte Kommunikationsforscher Matthias Karmasin im Rahmen einer Nachhaltigkeits-Konferenz der ÖAW, die vom 4. bis 5. April in Wien stattfand. Nachhaltige Entwicklung ist unbestritten notwendig, leicht zu vermitteln ist sie aber nicht. Geht es dabei doch nicht nur um „Green Jobs“ und mehr Chancengleichheit sondern auch um Verzicht und Umverteilung. „Es handelt sich um eine unangenehme Geschichte, die sich in den medialen Verwertungszyklen nicht gut erzählen lässt“, erklärt Matthias Karmasin. Der Kommunikationsforscher ist Professor an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

In beiden Funktionen gehört er auch zu den Organisator/innen der Konferenz „Global Sustainable Development Goals in a Mediatized World“, die vom 4. bis 5. April an der ÖAW stattfindet und rund 40 Expert/innen zum Thema nachhaltige Entwicklung in Wien versammelt. Dabei wird auch über die Rolle der Medien bei der Umsetzung der insgesamt 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen diskutiert. Denn: In der Gegenwart, so Karmasin im Interview, „wird die Frage, welche Prioritäten Gesellschaften setzen, über medial vermittelte Diskurse entschieden.“

Was können Medien für die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele tun?

Matthias Karmasin: In mediatisierten Gesellschaften wird die Frage, welche Prioritäten Gesellschaften setzen, über medial vermittelte Diskurse entschieden. Medien können ihre Themen gezielt setzen bzw. in einer bestimmten Form über aktuelle Entwicklungen berichten.

Tun sie das auch im Sinne der Nachhaltigkeitsziele?

Karmasin: Ein amerikanischer Medienhistoriker hat dazu gesagt: „Clima sceptisism has grown because of media coverage not in spite of media coverage.“ Er spricht damit an, dass die Tendenz der Medien, zuzuspitzen und zu skandalisieren, dazu beigetragen haben könnte, die Skepsis am Klimawandel zu befördern. Diese Art des Journalismus unterstützt mitunter, dass die Medienkonsumentinnen und konsumenten verdrossen reagieren. Es ist anzunehmen, dass die neuen Medien und Social Media hier einen besseren Dienst erweisen könnten.

Wie steht es um die Glaubwürdigkeit der alten und neuen Medien in diesem Zusammenhang?

Karmasin: Die aktuelle Glaubwürdigkeitskrise umfasst ja nicht nur Medien, sondern alle etablierten Institutionen wie auch die Wissenschaft und Universitäten. Das ist ein Merkmal unserer Zeit. Momentan kann auch breit in Frage gestellt werden, was wissenschaftlich völlig evident ist. Heute müssen wir uns aber mehr denn je fragen, wie wir eine Kommunikation in Gang bringen können, die die richtigen Entscheidungen auf allen Ebenen befördert: Die Makroebene der Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, die die Individuen auf der Mikroebene dabei unterstützen, im Sinne von Nachhaltigkeitszielen zu handeln, also weniger Fleisch zu essen, weniger mit dem Auto zu fahren usw. Auch auf der Mesoebene der Unternehmen müssen wir uns fragen, wie wir eine Sichtweise auf die globale Perspektive befördern können: Es kann nicht mehr länger der Standortwettbewerb im Vordergrund stehen, wenn die Existenz des Planeten in Frage steht.

Inwiefern können neue Medien hierfür bessere Dienste leisten?

Karmasin: Wenn sie richtig genutzt werden, können sie viel in Bewegung bringen. Wir sehen beispielsweise viele lokale Initiativen, umfassende zivilgesellschaftliche Beteiligung und grassroots movements, deren Kommunikation stark von Sozialen Medien vorangetrieben wird. All diese können sehr viel verändern, aber wahrscheinlich wird das nicht reichen.

[Zitatanfang] Die Wahrheit liegt uns heute wissenschaftlich evident vor, sie erlebt aber gleichzeitig eine schwere Krise. Zusätzlich ist die Nachhaltigkeitsgeschichte nicht nur eine, die von grünen Jobchancen und Standortvorteilen handelt, sondern auch von Verzicht und Umverteilung. [Zitatende]

Wenn Menschen ihre Konsumentscheidungen „nachhaltig“ treffen, ruft das sofort die Unternehmenskommunikation auf den Plan. Plötzlich ist alles – glaubt man der Werbung – ökologisch, fair gehandelt und nachhaltig. Glauben Sie, dass solche Kommunikationsstrategien gut bei den Menschen ankommen?

Karmasin: Die Debatte um die CSR-Bewegung ist schnell bei den PR- und Brandingstrategien angekommen. Natürlich gibt es hier auch den Vorwurf des so genannten „greenwashings“, das versucht – manches Mal ohne inhaltliche Deckung – den Konsument/innen ein gutes Gewissen zu verkaufen. Ich glaube aber, dass es gleichermaßen Unternehmen gibt, die sich ernsthaft um Nachhaltigkeit und um eine Änderung der Unternehmensstrategie bemühen, auch wenn das die Produktionskosten steigert. Wie immer gibt es auch hier ein weites Feld. Der Diskurs wird auch hier auf allen drei Ebenen ausgetragen: Auf der Mikroebene können Konsument/innen mit ihren Kaufentscheidungen Einfluss nehmen und die Makroebene kann ordnungspolitische Vorgaben machen, damit die Mesoebene, also die Unternehmen, in entsprechender Weise darauf reagieren.

Sind Konsument/innen in der mediatisierten Welt „mächtiger“?

Karmasin: Ja, die Mediatisierung macht es so leicht wie noch nie, Informationen zu Produkten – beispielsweise über entsprechende Apps – abzurufen und den Unternehmen auch öffentlich Feedback zu geben. Auch Konsumboykotts sind heute schneller ausgerufen und breit aufgezogen als vor den digitalen Kommunikationsmöglichkeiten.

Wenn wir über Kommunikationsstrategien sprechen, sprechen wir heute mehr denn je über Storytelling. Warum ist Ihrer Ansicht nach die Nachhaltigkeits-Geschichte so schwierig zu erzählen und an den Mann und die Frau zu bringen?

Karmasin: Al Gore hat den Begriff der „inconvenient truth“ geprägt. Wir haben es hier mit zwei Schwierigkeiten zu tun: Die Wahrheit liegt uns heute wissenschaftlich evident vor, sie erlebt aber gleichzeitig eine schwere Krise. Zusätzlich ist die Nachhaltigkeitsgeschichte nicht nur eine, die von grünen Jobchancen und Standortvorteilen handelt, sondern auch von Verzicht und Umverteilung. Und wir werden nicht nur individuell verzichten müssen, sondern auch global umverteilen. Es handelt sich um eine unangenehme Geschichte, die sich in den medialen Verwertungszyklen nicht gut erzählen lässt.

[Zitatanfang] Wir müssen gemeinsam die Geschichte von Verantwortung erzählen; von einer Verantwortung, die wir vor allem gegenüber zukünftigen Generationen haben. [Zitatende]

Inwiefern kann die Wissenschaft unterstützen?

Karmasin: Sie muss noch lauter als bisher vermitteln, was wir als wahr im Sinne wissenschaftlicher Evidenz über den Zustand unseres Planeten wissen. Wir müssen gemeinsam die Geschichte von Verantwortung erzählen; von einer Verantwortung, die wir vor allem gegenüber zukünftigen Generationen haben. Dabei müssen wir auch mehr denn je die Welt als Gemeinschaft aller denken: Wenn die „emerging economies“ weiter aufholen und die westliche Welt weiter in dem Maße Ressourcen verbraucht, wird sich das alles sehr bald nicht mehr ausgehen.

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news-10974 Wed, 27 Mar 2019 15:05:00 +0100 Wie die Energiewende gelingt http://www.oeaw.ac.at/detail/news/wie-die-energiewende-gelingt/ Aktuell deckt erneuerbare Energie aus Wind, Wasser oder Sonne rund 25 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs ab. Geht es nach der Ingenieurswissenschaftlerin Lucy Pao von der University of Colorado sind 100 Prozent möglich. Wie? Das erklärte sie bei der Nachhaltigkeits-Konferenz der ÖAW am 4. April. Wind und Sonne lassen sich nicht steuern. An Regentagen und im Winter scheint kaum Sonne und die Windstärke schwankt von Tag zu Tag sowie von Ort zu Ort – mal ist es stürmisch, mal windstill. Das macht die Stromversorgung mit regenerativen Energiequellen zu einer Herausforderung. „Je mehr Strom diese erneuerbaren Energieträger beisteuern, desto schwieriger wird es, das gesamte Stromnetz stabil zu halten. Deshalb arbeiten Forscher/innen weltweit daran, die Stromversorgung weiterhin zu stabilisieren und effizienter zu gestalten“, erklärt die Ingenieurswissenschaftlerin Lucy Pao von der University of Colorado Boulder. Die wichtigsten Lösungsansätze – und ihre eigene Forschung zu Windparks – stellte sie bei der Konferenz „Global Sustainable Development Goals in a Mediatized World“ vor, die vom 4. bis 5. April an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien stattfand.

Sensoren machen Windparks effizienter

Bei Windparks, so Pao, liegt die Herausforderung darin, Windanlagen so zu steuern, damit sie länger funktionsfähig bleiben und nur jene Strommengen produzieren, die von den Netzbetreibern gezielt angefragt werden. „Früher, als es noch weniger Windräder gab, hat man einfach das Maximum aus den Anlagen herausgeholt. Als immer mehr Anlagen an das Netz angeschlossen wurden, haben Anbieter begonnen, gezielter bestimmte Strommengen anzufragen.“

Über Sensoren in den Turbinen soll einerseits die Windenergie bei jeder Turbine effizienter in Strom umgewandelt werden und andererseits sollen diese helfen, die Stromproduktion bestmöglich unter den einzelnen Windrädern zu verteilen. „Hier müssen wir einen Weg finden, wie wir jede Turbine so kontrollieren, dass sie die richtige Menge Strom bereitstellt. Und dann müssen wir den gesamten Windpark miteinander koordinieren“, erklärt die Ingenieurswissenschaftlerin ihr Forschungsvorhaben. Dabei forscht Pao nicht allein. „Die Windräder eines Windparks gezielt zu steuern und zu koordinieren ist ziemlich schwierig und braucht die Zusammenarbeit von Atmosphärenforscher/innen, Regelungstechniker/innen und Aerodynamikforscher/innen.“

Es wird künftig notwendig sein, den Strom über die Erdkugel zu verteilen und so Defizite und Überschüsse global auszugleichen.

Bei der Solarenergie hat man diese Probleme derzeit noch weniger. Dafür sind die Anteile an der Stromproduktion zu gering, erklärt Pao. Global deckt Energie aus Photovoltaikanlagen nur zwei Prozent des Strombedarfs ab, bei Wind sind es immerhin schon gut fünf Prozent. „Aber auch hier gehen die Anteile stark nach oben, weshalb der Bedarf steigt, die Stromproduktion zu kontrollieren. Die Forschung steht hier aber eher noch am Anfang.“

Stromdefizite und -überschüsse global ausgleichen

Allein die Stromproduktion zu kontrollieren, reicht allerdings nicht, um die Stromversorgung stabil zu halten. Das Problem, dass die Sonne im Winter beispielsweise zu wenig scheint und im Sommer an manchen Tagen zu viel, ist damit noch nicht gelöst. „Es wird künftig notwendig sein, den Strom über die Erdkugel zu verteilen und so Defizite und Überschüsse global auszugleichen.“ Vereinfacht gesagt: In den Sommermonaten zwischen Juni und September könnte dann das Zuviel an Energie in die südliche Erdhalbkugel geliefert werden, im Winter vom Süden in den Norden. Geht es nach der Wissenschaftlerin, ist das bereits in absehbarerer Zukunft möglich. „Es gibt hier große Entwicklungen: Zum einen werden die Kabel immer besser, wodurch sie den Strom effizienter übertragen können. Zum anderen hat sich auch in der Speichertechnologie enorm viel getan.“

Zum einen werden die Kabel immer besser, wodurch sie den Strom effizienter übertragen können. Zum anderen hat sich auch in der Speichertechnologie enorm viel getan.

So versucht man in Nordeuropa bereits, den überschüssigen Strom aus Windenergie von Deutschland und den Niederlanden etwa nach Norwegen zu liefern – ein Land, das seinen Strom zu 95 Prozent mit Wasserkraft deckt. „In diesem Fall hält Norwegen das Wasser beispielsweise in seinen Dämmen gespeichert und bekommt Strom aus seinen Nachbarländern. Lässt der Wind dort wieder nach, exportiert Norwegen den Strom umgekehrt in Form von Wasserkraft.“

Eine andere Möglichkeit ist es, die überschüssige Windenergie dafür zu verwenden, um Wasser in höher gelegene Wasseranlagen zu pumpen. „Lässt der Wind nach, kann das Wasser abgelassen und in Strom umgewandelt werden“, beschreibt Pao zwei einfache Möglichkeiten, Defizite und Überschüsse auszugleichen.

Es ist wichtig, dass die Menschen bewusster mit ihrem Stromkonsum umgehen und künftig Spitzen vermeiden.

Umdenken notwendig: Bewusster Strom verbrauchen

Die Forschung allein wird allerdings das Problem schwankender Stromverfügbarkeit nicht lösen. „Es ist wichtig, dass die Menschen bewusster mit ihrem Stromkonsum umgehen und künftig Spitzen vermeiden“, fordert Pao. „Beispielsweise existieren in den USA manche Kraftwerke nur um den Spitzenstrombedarf zu decken.“ Solche Spitzen werden allerdings nur an wenigen Tagen im Jahr erreicht. „Das heißt, diese Anlagen stehen die meiste Zeit im Jahr still. Hier könnte ein intelligentes System helfen, den eigenen Stromverbrauch zu überwachen. Dann wäscht man seine Wäsche nicht genau dann, wenn der Stromverbrauch besonders hoch ist“, so Pao.

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Die ÖAW
news-10968 Fri, 22 Mar 2019 09:15:42 +0100 Nachhaltigkeit trotz Wirtschaftswachstum? https://www.youtube.com/watch?v=lKfU1ognemA Sozialökologin Simone Gingrich im Video über Umweltschutz und Wohlstand, ein Thema der ÖAW-Nachhaltigkeitskonferenz. Die ÖAW news-10881 Fri, 15 Mar 2019 10:10:58 +0100 Akademievorlesung: Schnelles Rechnen http://www.oeaw.ac.at/detail/news/akademievorlesung-schnelles-rechnen/ „In fast allen Geräten steckt in irgendeiner Weise Mathematik“, sagt Martin Grötschel. Am 18. März erklärte der Mathematiker an der ÖAW, wie die Rechenmodelle hinter Smartphones & Co. funktionieren und beschrieb fundamentale mathematische Probleme, die bis heute ungelöst sind. „Schnelles Rechnen“ kann vieles bedeuten. Wer etwa eine Zahl wie 1225 durch fünf teilen möchte, kann dies ganz schnell im Kopf tun: Einfach die Zahl verdoppeln und hinten die Null wegstreichen. Das Ergebnis ist also 245. „Heute sind solche Tricks in der Mathematik irrelevant. Wir beschäftigen uns jedoch intensiv damit, Algorithmen schneller zu machen. Nicht immer gelingt das aber“, erklärt der Mathematiker Martin Grötschel, der auch Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ist, und eine Kurt Gödel-Lecture im Rahmen der neuen „Akademievorlesungen“ am 18. März 2019 im Festsaal der Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hielt. Im Interview spricht er über die Rolle und die Grenzen der Mathematik in der Gegenwart.
 

Sie fordern seit vielen Jahren, die Mathematik muss sich öffnen und hinein ins Leben. Was genau meinen Sie damit, und ist diese Forderung noch aufrecht?

Martin Grötschel: Nun, ich glaube, dass unser heutiger Lebensstil ohne Mathematik nicht realisierbar ist. In fast allen Geräten, die wir benutzen, steckt in irgendeiner Weise Mathematik. Das ist niemandem klar. Selbst so einfach erscheinende Dinge wie der öffentliche Nahverkehr werden heute durch Mathematik gesteuert, ein Handy ist ein reines Mathematikinstrument; die Telefonie, das Internet, moderner Flugverkehr und der schnelle und preiswerte Transport von Gütern würden ohne Mathematik nicht funktionieren. Ich könnte diese Beispiele endlos fortsetzen.

Unser heutiger Lebensstil ist ohne Mathematik nicht realisierbar.

Unbefriedigend ist aber: in der Öffentlichkeit ist das alles nicht sichtbar. Da heißt es nur, „das macht der Computer“, aber in Wahrheit steckt dahinter Mathematik. Ich bemühe mich, den Menschen zu erklären, wie sehr Mathematik unser Leben beeinflusst und dass in diesem Fach wichtige Grundlagenforschung betrieben wird, die konkrete Auswirkungen auf unser tägliches Leben hat.
 


Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Grötschel: Nehmen wir den öffentlichen Nahverkehr in Berlin. Hier fahren täglich über 1.300 Busse umher, in Summe machen sie rund 28.000 Fahrten zwischen zwei Endhaltestellen. Das Optimierungsziel ist, die Busse so einzusetzen, dass so wenige Fahrzeuge wie möglich benötigt werden. Bei dieser Aufgabenstellung kommen Sie schnell auf Optimierungsprobleme mit 100 Millionen Variablen. Das ist eine große Zahl! Sie haben in der Schule vermutlich mit zwei oder drei Variablen gerechnet. Man kann sich vorstellen, dass die Mathematik, die dafür entwickelt wurde, sehr komplex ist. Durch sie hat sich aber letztlich der öffentliche Nahverkehr verbessert und bleibt bezahlbar.

Sie erklären in Ihrem Vortrag „Schnelles Rechnen“ mathematische Prinzipien, die die digitalen Entwicklungen der letzten Jahre maßgeblich vorangetrieben haben. Sie bringen Beispiele aus der kombinatorischen Optimierung, erklären die Graphentheorie und versuchen, mathematische Modellierung zu veranschaulichen. Ist es tatsächlich notwendig, dass alle das verstehen, um sich mit dem Handy von A nach B zu navigieren?

Grötschel: Jeder Interessierte kann die Grundprinzipien der Methodik verstehen, aber natürlich nicht alle Details. Ich möchte durch meine Erklärungen vor allem aber erreichen, dass man den hierbei erbrachten geistigen Leistungen ein wenig Respekt entgegenbringt. Viele Menschen denken, dass Problemlösungen beinahe automatisch erfolgen und erwarten, dass alles schnell und einfach geht. Die Leistung, die dahinter steht, wird nicht gewürdigt und häufig den falschen Leuten zugeordnet. Ich sehe zum Beispiel den momentan großen Hype darum, dass angeblich alles durch Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen erledigt werden kann, sehr nüchtern. Es gibt natürlich Erfolge, aber die Grenzen werden selten genannt. Außerdem haben auch diese Intelligenzen tiefe mathematische Grundlagen. Es ist wichtig zu wissen, wo solche Fortschritte herkommen.

Mathematik hat auch Grenzen. Manches ist gar nicht berechenbar, anderes nur sehr schwer.

Sie brechen also eine Lanze für die oft missachtete Mathematik?

Grötschel: Ja, ich versuche, ein wenig Werbung für Mathematik zu machen und den Menschen ins Bewusstsein zu rufen, wie bedeutend sie nicht nur intellektuell, sondern auch für den Alltag ist.

Der nächste Punkt ist auch, dass man nicht beliebige Forderungen an die Mathematik stellen kann. Man kann nicht davon ausgehen, dass alles immer schneller, besser und größer geht. Ich erläutere in meinem Vortrag, dass manche Dinge extrem schwierig sind und dass Mathematiker/innen und Informatiker/innen nicht selten sehr lange arbeiten müssen, um bei den relevanten Problemen unserer Zeit überhaupt in die Nähe der Lösbarkeit zu kommen. Mathematik hat eben auch Grenzen. Manches ist gar nicht berechenbar, anderes nur sehr schwer. Hier haben oft schon kleine Veränderungen in der Problemstellung große Auswirkungen auf ihre Lösbarkeit.

Wo zum Beispiel?

Grötschel: Betrachten wir zum Beispiel die Fahrzeugnavigation. Es ist sehr einfach, den kürzesten Weg zwischen zwei Orten zu berechnen. Das kennen Sie aus Ihrem Auto. Will man aber auf einer Leiterplatte mit einer automatisierten Bohrmaschine Löcher bohren, stellt sich die Frage, wie die Bohrmaschine über die Leiterplatte fahren soll, um alle notwendigen Bohrungen vorzunehmen und dabei den schnellsten Weg zu finden. Das hört sich ganz einfach an und zwar so, als wäre es nicht viel anders als eine normale Wegnavigation. Es handelt sich aber um eine mathematisch sehr schwer zu lösende Aufgabe.

Was macht es so viel schwerer?

Grötschel: Ich bin nicht in der Lage, jemandem in wenigen Worten zu erklären, warum das so ist. Es ist sogar noch schlimmer: auch Informatiker/innen und Mathematiker/innen verstehen das nicht wirklich. Zur Erklärung wurde die Komplexitätstheorie entwickelt. Sie versucht, die unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade von Problemen abzuschätzen. Das Erklärungsgerüst steht, aber in dieser Theorie sind noch viele Fragen offen. Das Beispiel soll gerade veranschaulichen, dass es keineswegs einfach ist zu beurteilen, ob etwas einfach oder schwierig ist.

Das heißt, man muss „Schnelles Rechnen“ mit einem Augenzwinkern betrachten? Sie zeigen also nicht Rechentricks, mit denen man die mathematischen Aufgaben von heute schneller verstehen lernt?

Grötschel: Ich beginne durchaus mit Rechentricks, diese sind aber mit der Entwicklung von Computern obsolet geworden. Ich werde vielmehr auf die enormen Fortschritte der Algorithmik in der Informatik und Mathematik eingehen, gleichzeitig auch die Grenzen der Entwicklung und des Verstehens aufzeigen. So gibt es beispielsweise Algorithmen, die in der Theorie ein Problem viel schneller lösen können als andere. In der Praxis zeigt sich das aber nicht. Beispiele hierfür gibt es etwa in der linearen und gemischt-ganzzahligen Optimierung.

Das klingt etwas frustrierend.

Grötschel: Ja, es ist sehr unbefriedigend, dass wir das praktische Verhalten von Algorithmen nicht so gut verstehen, wie wir es eigentlich sollten. Klar, Computer sind über die Jahre immer schneller geworden. Dennoch möchte ich aber festhalten, dass in vielen Anwendungsfällen die Geschwindigkeitsfortschritte durch bessere mathematische Algorithmen deutlich größer waren. Das weiß kaum jemand.

Es gibt Algorithmen, die in der Theorie ein Problem viel schneller lösen können als andere. In der Praxis zeigt sich das aber nicht.

Woher kommt Ihrer Meinung nach dieses Missverständnis, dass man zum Beispiel den Fortschritt bei Smartphones eher der Weiterentwicklung der Geräte zuschreibt und etwas weniger der Software?

Grötschel: Das ist schwer zu sagen, vielleicht liegt es daran, dass die Reklame von Computerherstellern über viele Jahre die Hardwareverbesserung in den Vordergrund gestellt hat. Es ist beeindruckend, dass sich über viele Jahre alle 18 Monate die Rechengeschwindigkeit und der Speicherplatz bei gleichbleibendem Preis verdoppelt haben. Man hatte das Gefühl, das gehe immer weiter so, man brauche nur ein paar Jahre zu warten und könne dann alles lösen. Die intellektuellen Leistungen bei der Softwareentwicklung wurden nie auf ähnliche Weise gewürdigt. Es ist Zeit, jetzt einmal auf Algorithmen zu fokussieren und sich auch darüber klar zu werden, was man mit Computern lösen kann und was nicht.

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news-10862 Wed, 13 Mar 2019 14:07:03 +0100 Nachhaltigkeit für eine wachsende Weltbevölkerung? https://www.youtube.com/watch?v=GDjIqMI4I5s Demograph Wolfgang Lutz im Video über die Zukunft der Bevölkerungsentwicklung, ein Thema der ÖAW-Nachhaltigkeitskonferenz. Die ÖAW news-10798 Fri, 08 Mar 2019 09:26:16 +0100 Heimat großer Wissenschaftlerinnen? http://www.oeaw.ac.at/oeaw/presse/nachrichten/heimat-grosser-wissenschaftlerinnen/ Frauen sind in der Forschung in Österreich noch immer unterrepräsentiert. Woran liegt das? Und wie lassen sich ihre Zukunftsperspektiven verbessern? Das wurde am Weltfrauentag bei einer Gesamtsitzung der ÖAW diskutiert. Außerdem erzählen vier ÖAW-Wissenschaftler/innen im Video, warum sie Forscherin wurden, und ein Beitrag von Historikerinnen wirft einen Blick in die Frauengeschichte an der ÖAW. Die ÖAW news-10688 Tue, 26 Feb 2019 15:56:39 +0100 Ist die Welt noch zu retten? http://www.oeaw.ac.at/oeaw/presse/nachrichten/ist-die-welt-noch-zu-retten/ Die UN-Ziele nachhaltiger Entwicklung standen im Zentrum einer internationalen Konferenz der ÖAW. Wie können die 17 von den Vereinten Nationen definierten Nachhaltigkeitsziele erreicht werden - und welche Rolle spielen dabei Wissenschaft und Medien? Die ÖAW