
Auf den Tag genau vor einem halben Jahrhundert fand an der Universität Wien die Verleihung des Titels „Ehrensenator“ an „Seine Exzellenz den Herrn Staatspräsidenten Dr. h.c. mult. Léopold Sédar Senghor“ (1906–2001) statt.
Franz Lechleitner war am Dienstag, dem 29. April 1975, für das Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bei der Veranstaltung dabei. Die Aufgabe des langjährigen Cheftechnikers: Die akustische Fixierung des gesamten Festaktes auf zwei Magnettonbändern der Marke Agfa PEM 238. Zur Gewährleistung der bestmöglichen Tonqualität war er frühzeitig im Großen Festsaal der Universität, um sich diskret mit einer Mono-Nagra als Aufnahmegerät und ein passendes Elektretmikrophon nahe der Kanzel und dem Rednerpult zu platzieren (siehe Foto).
Historische Spuren zu diesem (Schall)-Ereignis
Die damit gefertigten Tonaufnahmen wurden im Phonogrammarchiv auf analoge Archivbänder übertragen und dokumentiert. Sie bekamen im Zuge des Archivierungsprozesses die einprägsame Signatur „B 20 000“, was auf eine Idee von Dietrich Schüller zurückzuführen ist, dem Direktor des Phonogrammarchivs zwischen 1972 und 2008. Die Bänder sind Teil einer Serie von akademischen Veranstaltungen zwischen 1971 und 1980 an der Universität Wien, die Mitarbeiter:innen des Archivs akustisch verewigt haben.
Die Recherche im online-Katalog des Phonogrammarchivs bietet einige wichtige Metadaten über das Schallereignis B 20 000.
Weitere Details können dem Protokoll zur Tonaufnahme, das Wilfried Schabus (wissenschaftlicher Mitarbeiter zwischen 1972 und 2008) erstellt hat, sowie einigen beigefügten Dokumenten, etwa dem Programm der Festfolge oder einer Niederschrift der Rede Senghors auf Französisch mit einer provisorischen deutschen Übersetzung, entnommen werden. Bei Letzteren handelt es sich um Unterlagen, welche das Rektorat der Universität Wien dem Phonogrammarchiv zur Verfügung gestellt haben dürfte.
FESTFOLGE
Nach dem Einzug des Akademischen Senates und der Ehrengäste sowie des zu Ehrenden, ertönte die Hymne der Republik Senegal. Rektor Siegfried Korninger hielt die Begrüßungsansprache, Prorektor Günther Winkler die Laudatio. Flankiert vom Prorektor und dem Dekan der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät überreichte Korninger dann die Urkunde an den neuen Ehrensenator.
Nach den musikalischen Darbietungen von „Gaudeamus igitur“ und Mozarts „Jagdquartett“ (KV 458) durch das Streichquartett der Wiener Philharmoniker, hielt Senghor von der Kanzel aus in französischer Sprache seine Festrede. Er begann diese überraschender Weise auf Deutsch:
„Herr Bundespräsident! Erlauben Sie mir bitte, außerhalb des Protokolls dieses Festaktes, Ihnen, Herr Bundespräsident, der Bundesregierung und dem ganzen österreichischen Volke zu dem dreißigjährigen Jubiläum der Wiedererlangung der Freiheit herzlichste Glückwünsche zu entbieten.“
Senghor hatte für seine ca. 30-minütige Ansprache das Thema „Liberté, Indépendance et Tolerance en Afrique noire“ (‚Freiheit, Unabhängigkeit und Toleranz in Schwarzafrika‘) vorbereitet. Er beendete sie mit den folgenden beachtenswerten Sätzen:
„Mein Aufruf zu einer Zusammenarbeit, die über die europäische Wirtschaftsgemeinschaft und Schwarzafrika hinausgehen würde, stammt nicht erst von heute. Ganz Europa und ganz Afrika, ganz Eurafrika – der Begriff stammt von [Leo] Frobenius – sollte sich aufs Neue rund um das Mittelmeer vereinen, um der Welt das Beispiel einer interregionalen Kooperation vor Augen zu führen, weil das die einzige effiziente ist. Und in diesem Eurafrika wäre der Mittlere Osten, mit seinen Arabern, Israelis und Iranern integriert. Was, als unmittelbare Folge, eine endgültige Beilegung des Nahostproblems, das ein Geschwür in der Seite Eurafrikas darstellt, nach sich zöge. Alles spricht für dieses erneuerte Eurafrika, und vor allem unsere materielle und geistige Komplementarität. Aber auch die Tatsache, daß der ‚Mondialismus‘ [die ‚Globalisierung‘] auf allen von den Vereinten Nationen organisierten Weltkonferenzen gescheitert ist, ob es sich nun um die Sitzungen der CNUCED [Conférence des Nations unies sur le commerce et le développement], um die Rohstoffkonferenz, um die Bevölkerungskonferenz oder um die endlose Seerechtskonferenz derselben UNO handelt – geschweige denn um die Pariser Energiekonferenz. Es ist sohin wahr, daß wir beginnen müssen, uns in menschlichen Realitäten zu verwurzeln, um für sie wirksame Lösungen zu finden. So, wie es Kotye Barma, der senegalesische Weise ausdrückte: ‚der Mensch ist die Arznei des Menschen‘. Der Mensch, das will heißen, sein Nachbar. Und, auf der anderen Seite des Mittelmeeres ist der Afrikaner Nachbar des Europäers.“
Am Ende der Ehrung sprach der Rektor Schlussworte, wurde die österreichische Bundeshymne gespielt und erfolgte – als dreizehnter und letzter Punkt der Festfolge – der „Auszug des Akademischen Senates und der Ehrengäste“ musikalisch begleitet vom „Trompetenchor“ der Wiener Staatsoper.
Lehrer, Philologe, Dichter und erster Präsident des unabhängigen Senegal
Ohne weitere Kontextualisierung der Rede Senghors mag sich diese heute wie eine visionäre Mahnung an eine (denk)-mögliche, aber verabsäumte Chance Europas bzw. des „Westens“ oder der EU anhören, die vor dem Hintergrund der realen politischen Entwicklungen in den vergangenen Jahrzehnten diesseits und jenseits des Mittelmeeres und auch angesichts von rezent geführten Debatten um Migration oder die Schwächen der Europäischen Union im globalen Kontext auch 50 Jahre später nachdenklich stimmt.
Senghor war einer der bedeutendsten – und durchaus auch kritisierter – Vertreter der frankophonen Négritude, einer literarisch-philosophisch politischen Strömung, welche für die kulturelle Selbstbehauptung aller Menschen in Afrika eintrat. Davon geprägt war Senghor auch ein dezidierter Befürworter des Konzepts „Eurafrika“, das im Wesentlichen auf der Vorstellung einer Komplementarität und komplexen Verflechtung der beiden Kontinente Afrika und Europa beruht. Ideengeschichtlich wurzelt es im 19. Jahrhundert und dient mitunter bis in die Gegenwart als Rechtfertigung der Fortführung kolonialer Machtstrukturen.
Stefan Jonsson und Peo Hansen untersuchten in ihrem Buch Eurafrica: The Untold History of European Integration and Colonialism die wichtige Rolle der wirtschaftlichen und geopolitischen Ausbeutung Afrikas seit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) im Jahr 1957. Sie argumentieren, dass die Auseinandersetzung dieser Geschichte der Schlüssel zur Klärung der gegenwärtigen Beziehungen zwischen Europa und Afrika ist, die durch Ungleichheit und Migrationskatastrophen geprägt sind.
Senghors Konzept von „Eurafrika“ bleibt ein komplexes und umstrittenes Thema. Den Begriff „Eurafrika“ führte Senghor in seiner Rede übrigens falsch auf den deutschen Ethnologen Leo Frobenius zurück. „Eurafrika“ wurde namentlich zum ersten Mal von der Paneuropa-Union verwendet, die 1922 vom Österreicher Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi gegründet wurde.
Senghors Beziehungen zu Österreich
Senghor pflegte eine enge Beziehung zu Bruno Kreisky, dem einstigen österreichischen Außenminister und späteren sozialdemokratischen Bundeskanzler. Beide Politiker teilten die Vision von internationaler sozialer Gerechtigkeit und Zusammenarbeit, was ihre Freundschaft und politische Zusammenarbeit prägte, die sich u.a. in der Aufnahme von diplomatischen, aber auch militärischen Beziehungen, der Errichtung der österreichischen Botschaft in Dakar im Jahr 1964, Projekten in den Bereichen Bildung, Gesundheit, ländlicher Entwicklung, sowie Kunst und Kultur widerspiegelt. Zu nennen wäre hier beispielhaft eine Ausstellung der Kunstwerke von Friedensreich Hundertwasser im Senegal, der schließlich mit Entwürfen für senegalesische Briefmarken beauftragt wurde.
Senghor war mehrere Male in Österreich. So besuchte er etwa am 18. Juni 1973 in Begleitung des senegalesischen Außenministers und des in Österreich akkreditierten Botschafters auf Einladung des Bürgermeisters Felix Slavik das Wiener Rathaus, wo er sich in das Goldene Buch der Stadt eintrug. Slavik wies in seiner Begrüßungsansprache auf Senghors Bemühungen zur „Verständigung zwischen den Völkern“ und auf seine Bedeutung als Literat hin und überreichte seinem Gast ein Aquarell von der Ringstraße mit dem Parlament und dem Rathaus und eine Lampe der Porzellanmanufaktur Augarten.
Eine besondere Ehre wurde Senghor 1977 mit der Einladung des damaligen Landeshauptmannes von Salzburg Wilfried Haslauer senior zur Eröffnung der Salzburger Festspiele zuteil. In seiner Eröffnungsrede „Österreich als Ausdruck der Weltkultur“ betonte Senghor die besondere (geschichtliche) Rolle Österreichs für den kulturellen Austausch.
1982 erhielt er das Ehrendoktorat der Universität Salzburg, 1983 wurde er als erster Afrikaner Mitglied der Académie française, 1990 wurde im ägyptischen Alexandria eine neu gegründete Universität nach ihm benannt und seit 1996 trägt der Flughafen von Dakar seinen Namen.
HINTER DEN KULISSEN: WALTER PICHL
Senghor war ab 1940 in mehreren deutschen Kriegsgefangenlagern des besetzten Frankreich inhaftiert. Im Frontstammlager 230 in Poitiers kam er in Kontakt mit dem sprachbegabten österreichischen Wachposten der deutschen Wehrmacht Walter Pichl, der damals sein Interesse für afrikanische Sprachen für sich entdeckte.
Pichl soll für Senghor unter Lebensgefahr dessen im Lager verfasste Manuskripte nach Paris geschmuggelt und diese Georges Jean Raymond Pompidou zur sicheren Verwahrung überbracht haben, was eine lebenslange Freundschaft zwischen Senghor und Pichl zur Folge gehabt hat.
Die beiden trafen sich auch 1973 am Rande eines Staatsbesuchs Senghors in Wien wieder. Senghor lud Pichl zu umfangreichen Sprachforschungen in den Senegal ein. Das Phonogrammarchiv bewahrt heute auch Pichls Tonbänder auf.
Aber das ist eine andere Geschichte oder steht sie nur auf der anderen Seite der selben Münze? Pichls Biografie und Nachlass und somit auch die Klärung seiner Beziehung zu Senghor sind derzeit Gegenstand von laufenden Forschungen.
Clemens Gütl
QUELLEN UND SEKUNDÄRLITERATUR
Archiv der Universität Wien: AT-UAW/131.17.3.3; Fotoalbum der Verleihung des Titels „Ehrensenator“ an L. S. Senghor, Universität Wien, 29.4.1975
Archiv der Universität Wien: Senat S 229.2.13; Senghor, Lèopold Sédar, Verleihung des Titels Ehrensenator bzw. Ablehnung der Verleihung des Ehrendoktorates, 1973.04.06–1976.11.10 (Akt)
Bruno-Kreisky-Archiv, Wien: VII.1. Länderboxen Senegal; Mappe „Senghor 1973“: Besuch des Präsidenten Senghor in Österreich, SI und Afrika, Mai 1973; Mappe „Senghor“: Besuch des Staatspräsidenten Senghor in Österreich, 18.–21. Juni 1973; Senghor. Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1977 zum Thema „Österreich als Ausdruck der Weltkultur“; Konvolut: Verleihung des Ehrendoktorates der Universität Salzburg an den Staatspräsidenten a.D. Herrn Dr. Léopold Sédar Senghor (Senegal), Juni 1982
Hansen, Peo / Jonsson, Stefan (2014): Eurafrica: The Untold History of European Integration and Colonialism. London etc.: Bloomsbury
Lechleitner, Franz (27. März 2025): Gespräch mit Clemens Gütl, Phonogrammarchiv der ÖAW
Phonogrammarchiv der ÖAW, Wien: Tonaufnahmen B 20 000, Protokoll zu den Tonaufnahmen und Begleitdokumente
Rathaus-Korrespondenz, Dienstag, 19. Juni 1973, Blatt 1193–1194: „Präsident Senghor im Rathaus“
Rushing, Erin (24. Februar 2017): Online-Blog “A Concealed Reality. Léopold Sédar Senghor’s years in captivity” (Zugriff: 29.03.2025)
Mit herzlichem Dank an Dr. Sonja Malzner (Université du Luxembourg/Université de La Réunion) für die Überprüfung und Korrektur des obigen Transkriptes aus dem Hörbeispiel und Dr. Ulrike Denk (Archiv der Universität Wien) für den wertvollen Hinweis auf das Fotoalbum der akademischen Feier am 29. April 1975 im Nachlass von Günther Winkler.
*Trotz intensiver Bemühungen ist es nicht gelungen, die Fotograf:innen in diesem Album mit Gewissheit festzustellen. Sehr wahrscheinlich stammen zumindest die SW-Fotos von der Firma Foto Vouk, welche in den Jahren 1972 bis 2002 diverse akademische Feiern fotografisch dokumentiert hat. Rechtsnachfolger oder Personen, die über die Farbbilder Auskunft erteilen können, wenden sich bitte direkt an das Archiv der Universität.








