Von Petrus bis Franziskus: Die Geschichte des Papsttums
23.04.2025
Wo liegen die Anfänge des Papsttums?
Das Papsttum leitet seine Sonderstellung in der Kirche davon ab, dass die „Apostelfürsten“ Petrus und Paulus in Rom unter Kaiser Nero um 65 n. Chr. das Martyrium erlitten hätten. Insbesondere Petrus wird als erster Vorsteher der Christengemeinde von Rom in Anspruch genommen; ihn wiederum habe Jesus durch verschiedene in den Evangelien überlieferte Aussagen als „Oberhirte“ der gesamten Kirche eingesetzt. Diese Tradition ist für die Bischöfe von Rom bereits ab dem 2. Jh. n. Chr. nachweisbar.
Ab dem 2. Jh. n. Chr. ist der lateinische Ehrentitel papa (von griechisch páppas, „Vater“) belegt.
Ab dem 2. Jh. n. Chr. ist auch der lateinische Ehrentitel papa (von griechisch páppas, „Vater“) für die Vorsteher von christlichen Gemeinden belegt; ab dem 5. Jh. beanspruchten die Bischöfe von Rom für den Westen des römischen Reichs das alleinige Recht, diesen Titel zu führen.
Wie haben sich das Bild und die Rolle des Papstes im Wandel der Zeit verändert?
Spätestens als das Christentum im 4. Jh. zur besonders geförderten und später einzig anerkannten Religion im römischen Reich wurde, verfügten die Päpste über politischen Einfluss. Als die römischen Kaiser kaum mehr in Rom residierten, verlor die Stadt zwar an Macht und Prestige, aber dafür konnte der Papst nun immer mehr die Rolle eines auch politischen Oberhaupts der Stadt einnehmen. Nach dem Zerfall des weströmischen Reichs im 5. Jh. erkannten die Könige der neuen Reiche von Spanien bis England allmählich auch die geistliche Führung der Bischöfe von Rom an, die durch die Entsendung von Gesandten und Missionaren politischen Einfluss auf diese Staaten nahmen. Einen besonderen Wendepunkt stellte das 8. Jh. dar, als sich die Päpste einerseits aus dem Einflussbereich der oströmischen Kaiser in Konstantinopel lösten und andererseits ein Bündnis mit den Königen des immer mächtigeren Frankenreichs eingingen. Dessen König Pippin übertrug 756 dem Papst auch die weltliche Macht über zuvor durch die Franken eroberte Gebiete in Mittelitalien. Die tatsächliche Herrschaft in diesen Territorien konnten die Päpste erst mit der Zeit durchsetzen, aber daraus entstand der sogenannte Kirchenstaat, der bis zur Einigung Italiens 1870 über mehr als tausend Jahre Bestand hatte (und seinen letzten Rest im eigenständigen Vatikanstaat findet).
Die Päpste wurden zu Regionalfürsten in Italien, die mit anderen Herrschern dort um Macht und Besitzungen stritten.
Damit wurden die Päpste zu Regionalfürsten in Italien, die mit anderen Herrschern dort um Macht und Besitzungen stritten. Dies führte ebenso zur Verwicklung des Papsttums in höchst irdische Konflikte wie die stete Einflussnahme in die Staaten des christlichen Westeuropas. Mit der Reformation im 16. Jh. und der Entstehung protestantischer Landeskirchen wurde diese Einflusssphäre in Europa stark beschnitten; dafür legten aber zur selben Zeit die Kolonialreiche der Spanier, Portugiesen und Franzosen die Basis für die Expansion der römisch-katholischen Kirche nach Amerika, Afrika und Asien. Gewissermaßen schuf erst der Verzicht der Päpste auf die Herrschaft in Rom und sein Umland 1929 die Grundlage für eine stärkere Entflechtung des Amtes von irdischen Territorialansprüchen und die Konzentration auf die Rolle einer geistlich-moralischen Leitfigur innerhalb und außerhalb der Kirche.
Wo liegen die historischen Wurzeln der Papstwahl?
Wie alle Vorsteher christlicher Gemeinden wurden die Bischöfe von Rom in den ersten Jahrhunderten durch den Klerus und das Volk der Stadt gewählt; die Rolle des Volks wurde im Lauf der Zeit jedoch immer mehr zurückgedrängt, auch wenn etwa Mitglieder der stadtrömischen Eliten bis in die Neuzeit eine wichtige Rolle bei der Auswahl der Kandidaten spielen konnten.
Die Rolle des Volks wurde im Lauf der Zeit jedoch immer mehr zurückgedrängt.
Mit dem Papstwahldekret von 1059 wurde die Wahl innerhalb des Klerus allein auf die Kardinäle beschränkt; 1179 legte man die bis heutige gültige Zweidrittelmehrheit und de facto die geheime Wahl durch Stimmzettel fest. Den verpflichtenden Einschluss der Kardinäle im Konklave regelte schließlich Papst Gregor X. im Jahr 1274, um damit die Wahl zu beschleunigen, nachdem er selbst 1271 nach der längsten Sedisvakanz in der Kirchengeschichte erst fast drei Jahre nach dem Tod seines Vorgängers gewählt worden war.
Wie lange kann es dauern, bis ein neuer Papst gefunden ist?
Die Zeit, in der nach dem Tod eines Papstes der Bischofsstuhl von Rom „leer“ bleibt, nennt man seit dem Mittelalter Sedisvakanz (von lateinisch „sedis vacantia“, also „Leersein des Stuhls“). Besonders lange Sedisvakanzen gab es im 13. bis 15. Jahrhundert, als erneut verschiedene Fraktionen innerhalb der Elite der Stadt Rom oder auch europäische Großmächte um den Einfluss auf das Papsttum stritten und Einfluss auf das Wahlgremium nahmen. Die längste Sedisvakanz mit fast drei Jahren Dauer war jene zwischen dem Tod von Papst Clemens V. (29. 11. 1268) und der Wahl von Papst Gregor X. (1. 9. 1271). Heute ist die Verwaltung der Kirche während einer Sedisvakanz genau geregelt, ihre Dauer hängt aber immer noch von der Zeit ab, bis sich die wahlberechtigten Kardinäle auf einen Kandidaten einigen können (zuletzt nach dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. im März 2013 dauerte es bis zur Wahl von Papst Franziskus 13 Tage).
Wurde das Konklave auch schon in früheren Zeiten (massen-)medial verarbeitet?
Es gab für die Papstwahl immer eine breitere Öffentlichkeit in Gestalt der Einwohnerschaft Roms, die durch die stets zahlreichen anwesenden Pilger*innen aus allen Teilen der römisch-katholischen Christenheit erweitert wurde. Für die Vorstellung und Akklamation des neu gewählten Papstes war und ist sogar ein möglichst großes Publikum erwünscht. Die Nachricht über die Neuwahl wurde über Sendschreiben auch in alle Gebiete der westlichen Christenheit verbreitet und war ebenso Inhalt der ersten, ab dem 16. Jh. verbreiteten „Zeitungen“ (etwa in Gestalt der auch aus Rom ab 1568 versandten Fuggerzeitungen).
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Wahl und Vorstellung des neuen Papstes zu Fernsehereignissen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Wahl und Vorstellung des neuen Papstes zu Fernsehereignissen, zuerst 1958 bei der Wahl von Papst Johannes XXIII. und dann 1963 bei jener von Papst Paul VI. Aufnahmen von dieser Wahl wurden auch für den Hollywoodfilm „In den Schuhen des Fischers“ (mit Anthony Quinn, 1968) genutzt, für den wiederum ein Konklave im Studio in den USA nachgestellt wurde (nachdem der Vatikan keine Drehgenehmigung für die Sixtinische Kapelle erteilt hatte). Filmaufnahmen in einem echten Konklave sind natürlich streng untersagt, die teilnehmenden Kardinäle müssen auch ihre Mobiltelefone abgeben.
Was sagt die Geschichte der Gegenpäpste über die Kirche im Mittelalter aus?
Insgesamt zählt die Kirchengeschichte 42 „Gegenpäpste“, also Personen, die gegen einen bereits rechtsgültig gewählten Papst ohne dessen Zustimmung und allgemeine Anerkennung der Kirche Anspruch auf das Papsttum erhoben, aber einen Teil der Kirche und des Klerus hinter sich versammeln konnten. Die ersten Gegenpäpste sind historisch bereits für das 3. Jh. n. Chr. belegt; Hintergrund waren innerkirchliche Streitigkeiten, etwa um den Umgang mit Christen, die während der damaligen Verfolgungen ihrem Glauben abgeschworen hatten. Mit der staatlichen Anerkennung des Christentums im 4. Jh. versuchten römische Kaiser und später andere Herrscher Einfluss auf die Papstwahl zu nehmen, was ebenfalls zur Aufstellung von Gegenpäpsten oder ab dem 5. Jh. sogar zu Doppelwahlen zweier konkurrierende Päpste führte.
Zwischen 1410 und 1415 gab es sogar drei konkurrierende Päpste.
Papst Alexander III., der im Konflikt mit Friedrich I. Barbarossa stand, sah sich während seiner Amtszeit 1159 bis 1181 nicht weniger als vier nacheinander vom Kaiser unterstützten Gegenpäpsten gegenüber. Als besonders fatal erwiesen sich die Mehrfachwahlen aufgrund des Einflusses des Königs von Frankreich und anderer Herrscher zwischen 1378 und 1415/1449, als dadurch die Einheit der gesamten römisch-katholischen Kirche durch das „Große Abendländische Schisma“ gestört wurde; zwischen 1410 und 1415 gab es sogar drei konkurrierende Päpste. Als letzter Gegenpapst der Kirchengeschichte gilt Felix V., der 1449 auf sein Amt verzichtete. Allerdings gibt es seit dem 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965) verschiedene reaktionäre katholische Splittergruppen, die die danach in Rom gewählten Päpste nicht anerkennen oder sogar ihre Anführer als „(Gegen)Päpste“ bezeichnen. Insgesamt zeigt die Geschichte der Gegenpäpste des Mittelalters, wie sehr die Verquickung des Papsttums mit politischer Macht seinem Ansehen und sogar der Einheit der Kirche schaden konnte – im Extremfall wurden diese Konflikte sogar mit physischer Gewalt ausgetragen.
Kam es in der Geschichte auch zu ungewöhnlichen oder gar gewaltvollen Todesfällen von Päpsten?
Die Päpste berufen sich in ihrer Tradition auf den gewaltsamen Tod der Apostel Petrus und Paulus als Märtyrer in Rom unter Kaiser Nero. Auch mehrere Vorsteher der römischen Gemeinde teilten dieses Schicksal während der Verfolgungen der Christen bis zum 4. Jh. Doch auch nach der Anerkennung des Christentums als Staatsreligion schreckten manche Herrscher nicht davor zurück, ihnen unliebsame Kandidaten mit Gewalt vom Papstthron zu entfernen, wie etwas Papst Martin I., der 653 auf Befehl des oströmischen Kaisers Konstans II. nach Konstantinopel verschleppt und dann auf die Krim verbannt wurde, wo er 655 starb.
Manche Herrscher schreckten nicht davor zurück, ihnen unliebsame Kandidaten mit Gewalt vom Papstthron zu entfernen.
Ebenso setzten auch die immer wieder um das Papstamt konkurrierenden römischen Adelsfamilien physische Gewalt ein; der weltgeschichtlich vermutlich wichtigste Anschlag dieser Art war jener auf Papst Leo III. im Jahr 799. Mit Not konnte der Papst seinen Angreifern entkommen und floh zum Frankenkönig Karl, der ihn im Folgejahr nach Rom zurückführte und seine Feinde bestrafte. Leo III. krönte daraufhin Karl „den Großen“ am 25. 12. 800 zum römischen Kaiser. Doch rissen auch danach die Kämpfe um die Papstwürde nicht ab.
AUF EINEN BLICK
Johannes Preiser-Kapeller leitet den Forschungsbereich "Byzanz im Kontext" am Institut für Mittelalterforschung der ÖAW und lehrt Byzantinistik und Globalgeschichte an der Universität Wien. Zu seinen Forschungsgebieten gehören die religiösen, politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Vernetzungen innerhalb der Welt des Mittelalters.

